Spieglein, Spieglein

Morgens vor meinem Badspiegel: Die Haare sitzen nicht, strubbeln in alle Richtungen. Ein neues Fältchen hat sich ins Gesicht geschlichen. Die Augenringe waren auch schon mal kleiner und der Bauch sowieso. „Guten Morgen, Selbstzweifel!“

Schleicht sich bei dir auch ab und an diese Kritik leise mit vor den Spiegel? Es wäre nicht verwunderlich, neigen Deutsche doch statistisch eher zu Pessimismus und Fehlersuche. Vielleicht begleitet dich der kritische, selbstzweifelnde Blick durch manche Tage: Wirke ich ansprechend für andere? Mache ich das Richtige bei der Arbeit? Begegne ich den Menschen freundlich? Bin ich anziehend für meinen Partner?…

Wenn ich in den Spiegel schaue und sich die Kritik leise danebenstellt, rufe ich mir ab und an Worte aus dem ersten Buch Mose in den Kopf: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Die Worte entstammen Hagars Mund, einer ägyptischen Magd. Sie war vor einem Konflikt  mit ihrer Herrin in die Wüste geflohen und dort ohne scheinbare Perspektive. Vielleicht war ihr Herz gefüllt mit Selbstzweifel und Pessimismus. Als Hagar schließlich eine Wasserquelle findet, fühlt sie sich von Gott gerettet und gesehen. Die Geschichte erzählt von Gottes klarem Blick und Anerkennung für Hagar, seinem Zuspruch. Gott sieht Hagar mit allem, was zu ihr gehört. Gott sieht mit liebenden Augen ohne kritische Fehlersuche – besonders in Wüstenzeiten.

Diese Anerkennung Gottes heißt für mich, dass Gott mich eben nicht auf den ersten Blick aburteilt, wie es die Menschen manchmal tun. Gott sieht mehr als meine Bauchfalten und Augenringe hinter den strubbeligen Haaren, Gott schaut mir ins Herz. Mit seinem liebenden Blick nimmt er mich in die Arme und flüstert mir zu: „Ich sehe dich und du bist genau richtig, so wie du bist!“

Und auch wenn es mir immer wieder schwer fällt, ermutigt mich der liebende Blick Gottes, meine Perspektive zu ändern. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich auch meine funkelnden Augen und ihre verschmitzte Lebenslust, meine bunte Neugier und mein offenes Herz für die Welt. Dann verzieht sich die Kritik vom Spiegel. Und es flüstert leise in mir: „Gute Nacht und auf nimmer Wiedersehen, Selbstzweifel!“

Karfreitag

Leben ist vielschichtig, leicht und fragwürdig, bunt und grau, trist und herzzerreißend, wundervoll, zweifelhaft, wirbelig und zwiebelnd…

Und manchmal fehlen mir in dieser Vielschichtigkeit die Worte.

Deswegen darf ich heute Worte nutzen, die ich für diesen Karfreitag so passend finde. Falk Herrmann ist der Autor, ein Träumer, Freund und Weltschmerzkenner, ein Kollege, Füllerschreiber und Geschichtenerfinder, ein Nachdenker und Gleichwürdigkeitsliebhaber, ein sich-von-Kindern-etwas-sagen-Lasser:

„Ich schaue auf das Kreuz“ (@derdesertboy)

Ich mag es, dem Glauben anderer zu begegnen und rede doch sehr selten von meinem. Nichts gibt mir mehr Verwirrung und Stabilität als mein Glauben.

Was mich stärkt: Ich bin eines Morgens aufgewacht mit drei Jahren. Ich habe vom Tod geträumt und habe das Leben in dieser Welt gesucht. Habe geredet, beobachtet und gefragt.

Freunde sind mir viele Menschen geworden. Ob Atheist, Christ oder wer auch immer. Ich stehe mit meinem inneren Kind vor ihnen und höre ihnen gern zu. Ich mag es, den Glauben anderer zu hören. Ich kann das sehr gut stehen lassen. Ich nehme mir ein Polaroid von ihrem Glaubensbild mit und hänge es in mein Herz.

Was glaube ich?

Gott hat mir an Karfreitag ins Ohr geflüstert: „Weißt du, Falk, du bist ein Mensch. Kümmere dich darum, ganz Mensch zu sein. Und verzweifle nicht in der Welt. Schau, auch ein Gott kann sterben und alle Verbitterung mitnehmen. Es ist sehr gut. Wir sind im Reinen. Erlösung ist mein Job. Übermorgen rette ich dich im Hier, nicht im Dort.“

Ich suche nicht den jenseitigen Himmel, der mir Ruhe schenkt. Ich habe es hier in der Welt, jetzt.

Es ist völlig okay, verzweifelt zu sein und keine Hoffnung zu haben.

Es ist schön, voll Hoffnung zu sein und zu tanzen.

Leben ist so vielseitig, dass jede/r wie ein Legostein ist. Aber nicht jeder passt überall hin. Die Frage ist doch aber, ob ich dort hinpasse, wo ich bin. Vertraue ich? Werde ich angenommen? Wir Menschen haben so viel erfunden. sind hoch technisch. Halten uns für toll. Aber im Sozialen und in Fragen des Glaubens doch eher so paar tausende Jahre zurück. Ich hatte Menschen, die mir meinen Glauben gelassen haben. Dafür bin ich dankbar.

Ich wachse und suche. Ich mag die Gespräche und das Ringen. Manchmal die Angst der Erkenntnis, dass mein Gegenüber mir etwas schenkt, das mich ins Wanken bringt. Aber wenn all das in Gleichwürdigkeit passiert, kann ich nicht tief fallen.

An Karfreitag stirbt der Gott und nur in der Retropesktive ist es gleich ein Sieg.

Mein Gott stirbt erstmal ohne Auferstehung. Das, was Christus an Haltung in mein Leben gebracht hat, spielt sich hier und heute ab. Mein Glauben verbindet und hält aus.

Auch Karfreitag oder gerade da.

Darf ich mich vorstellen?

Zum heutigen Sonntag mag ich mich sehr gern eines Textes bedienen, den ich nicht selbst verfasst habe, der mich aber an diesem Wochenende sehr berührt hat. Er entstammt der Feder meines Kollegen Henning Olschowky und herzlichen Dank an dieser Stelle, dass ich ihn veröffentlichen darf :-)!

„Darf ich mich vorstellen? Ich bin die Liebe.

Ich bin anders als die meisten Vorstellungen von mir und es ist ganz schön ermüdend, gegen die vielen falschen Bilder anzulieben, die da von mir im Umlauf sind. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach. Ich bin ohne Aufwand überall bei euch, wo ihr nach mir Ausschau haltet.

Ich finde mich in der beeindruckenden Schönheit unberührter Natur ebenso wie im freundlichen Grün des Blumentopfes auf eurer Fensterbank. Ich begegne euch nicht nur im Traumpartner, sondern in jedem Menschen, dem ihr offen und vorurteilsfrei gegenübertretet. Ich bin noch da, wenn ihr alt und grau geworden seid und ein paar Pfunde zu viel über dem Gürtel hängen habt. So etwas kann die Liebe nicht vertreiben. Ich lasse mich in jedem ehrlich ausgesprochenem Lob, in jeder Anerkennung finden, die ihr einem anderen Menschen zollt. Ich bin im Respekt zu finden, den ihr vor jedem Lebewesen habt, ich lächle und winke euch freundlich zu, wenn ihr achtsam mit den Dingen dieser Welt umgeht und sie schont.

Die Liebe ist schonend, denkt daran. Sie verschont den anderen, wenn es möglich ist. Sie gibt Schutz. Sie verschenkt Aufmerksamkeit an solche, die darauf warten.

Ich bin bei euch, wenn ihr genau das tut. Ich bin in jedem Geschenk, das ihr sorgfältig ausgewählt habt, um einem anderen eine Freude zu bereiten, in jedem Lied, das ihr füreinander singt. Die Freude ist meine Zwillingsschwester. Und wir beide bleiben bei euch, auch wenn ihr etwas von euch weggegeben habt. Wir lachen euch aus spontanen Überraschungen entgegen. Wir nicken euch zu, wenn ihr Hilfe leistet und eure Fähigkeiten bereitwillig zur Verfügung stellt.

Wir haben noch einen Bruder, der Ernst heißt. Die Liebe macht ernst: das müsst ihr wissen. Das versprechen sich Liebende, wenn sie sagen: für immer. Der Ernst bleibt im Krankenzimmer, sitzt geduldig mit am Bett, wischt Tränen ab, bringt Blumen mit, erzählt Witze, obwohl ihm zum Heulen zumute ist. Er geht mit bis ans Grab eines geliebten Menschen und begleitet auch die Zeit danach, wenn der eine ohne den anderen weiterleben muss.

Manche suchen ein Leben lang nach der Liebe, aber sie finden mich nicht, weil sie an der falschen Stelle suchen – an Bord des Traumschiffes, auf der Südseeinsel, irgendwo auf Wolke sieben. Dabei bin ich ganz nah.

Ihr seht mich schon morgens im Spiegel, wenn ihr mit dem richtigen Blick hinschaut! Es ist die liebevolle Sicht ins eigene Gesicht, die mich erscheinen lässt. Wenn ihr mich so geweckt habt, gehe ich den ganzen Tag über mit euch. Ihr braucht Nachsicht, wenn ihr die Liebe sehen wollt; seid nicht zu streng mit den Menschen ringsum und mit euch selbst. Ihr braucht aber auch Vorsicht! Fallt nicht auf jedes irreführende Wort herein, das euch Liebe vorgaukelt, wo in Wirklichkeit nur Egoismus zu finden ist. Ihr benötigt Umsicht, um mich an der Seite zu haben.

Wer die Liebe finden will, darf nicht auf die Erde starren oder als Hans-guck-in-die-Luft durchs Leben stolpern.“

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren weiß ich oft nicht, welcher Wochentag ist. Und welches Datum. Zwischen den Jahren fühle ich mich irgendwie ungehalten, schwebend.

Zwischen den Jahren beginnen die Menschen abzurechnen, Bilanz zu ziehen, neue Listen zu schreiben und die Bucketlist 2024 zu erstellen. Zwischen den Jahren entstehen neue Vorsätze und feine Erwartungen, zwischen den Jahren böllern manche zu zeitig sich den eigenen Trübsinn weg. Zwischen den Jahren ist ein wenig „Ausnahmezustand“ – im besten und auch anstrengendsten Sinne.

Zwischen den Jahren ist endlich mein Stollen angeschnitten. Tapfer habe ich bis zum 25. Dezember den Versuchungen widerstanden, umso schöner war der Genuss am ersten Weihnachtstag. Zwischen den Jahren esse ich so viele Orangen, wie das ganze Jahr sonst nicht ;-). Zwischen den Jahren vermisse ich Wintersport und freue mich, dass heute endlich die Vierschanzentournee losgeht 🙂 Zwischen den Jahren sind die Menschen anders, in sich gezogen oder noch mal richtig unterwegs – dieses Jahr fühle ich mich in der Schwebe „zwischen den Jahren“.

Zwischen den Jahren beginne ich aufzuräumen: im Außen und im Innen. All die Dinge, die schon lange rufen, sortiert oder weggeräumt zu werden, scheinen zwischen den Jahren dieses Mal noch lauter zu sein. Altglas, Altpapier, Staubflusen, Bücher sortieren, Unterlagen ausmisten, Emails bearbeiten… Irgendwie sehen ich mich jedes Jahr neu, „aufgeräumt“ in das neue Jahr zu starten und jedes Mal denke ich an das neue Schulheft und die Freude über den Geruch und die jungen Seiten, die sehnsüchtig warten, hübsch beschrieben zu werden. Sonst habe ich tatsächlich zum Jahreswechsel ein neues Schreibbuch begonnen und das alte ad acta gelegt – in diesem Jahr soll es anders sein: ich will das Alte mitnehmen, der Übergang soll fließend sein im Schreiben und in meinen Gedanken. Zwischen den Jahren fallen mir immer sehr die Dinge auf, die im vergangenen Jahr nicht geworden sind, die offenen Sachen, das Misslingen. Dieses Jahr will ich zwischen den Jahren versuchen, all das in den Blick zu nehmen, was gut war, Fröhliches, Glückliches, Leichtes… trotz dieser tiefen Traurigkeit, die es immer noch gibt, denn:

Zwischen den Jahren fehlt Rumo dieses Jahr ganz besonders.

Zwischen den Jahren ist es dieses Mal zäh wie Kaugummi an der Schuhsohle… zu oft, zu leise. Zu oft eine Schwebe. Dieses Mal sehne ich mich besonders nach dem Alltag, der 2024 wieder beginnen kann, dann wirkt das Außen sortierter, denn das Innen ist gerade ganz schön durcheinander.

„Zwischen den Jahren“ ist übrigens eine Redewendung, die es erst seit dem 17. Jahrhundert gibt. Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr waren bis dahin in der Schwebe, denn das alte Jahr endete am 24. Dezember und das neue Jahr begann je nach Ort spätestens am 6. Januar. In manchen mittelalterlichen Frauenklöstern begann das Jahr sogar erst am 25. März. So herrschte feine Verwirrung und es gab in manchen Regionen mehrere Neujahrstage 🙂 Dieses Neujahrswirrwarr beschrieb der Volksmund zutreffend mit „zwischen den Jahren“.

Zwischen den Jahren wünsche ich dir gute Stunden, erbauliche Momente, stärkende Begegnungen! Und freilich: guten Rutsch!

Träumereien

Und, wovon träumst du so?

Die letzten beiden Nächte habe ich zweifach den gleichen Traum gehabt – Anlass für meinen Träumereien-Blogbeitrag…

Ich habe von meinem Bett geträumt und meinem Schlafzimmer – so wie es jetzt ist. Als wäre ich wach und nicht schlafend. (Das weniger Sonderbare für mich ist: ich träume häufig so realistisch, dass ich meist nach dem Aufwachen einen längeren Hallo-wach-Check machen muss. Also war es auch in den letzten Nächten nicht verwunderlich, dass ich mich in meinem Schlafzimmer träumte.) In meinem Traum lag ich auf dem Bett, mit Blick zur offenen Tür – sie steht immer (noch) offen, damit Rumo zu seiner Wasserschale tapsen konnte, wenn er nachts durstig wurde. In genau das passierte: im Traum tapste Rumo aus dem Flur ins Schlafzimmer. Meine süße Hundenase, als wäre er noch immer lebendig – ich sehe sein flauschiges Fell und seine dunkelliebfunkelnden Augen, rieche ihn förmlich. Er setzt sich schwanzwedelnd vor mein Bett, bis ich auf die Decke neben mir klopfe. Das war sein Zeichen, dass er neben mir liegen durfte und er hopst zu mir unter die Decke. Nur etwas ist anders: er ist nicht allein. Ihm folgt ein kleiner tiefbrauner Dackelhund, kurze Haare, wacher Blick und er hopst genauso selbstverständlich wie Rumo zu mir ins Bett. Und in diesem Moment bekomme ich das merkwürdig-creepy-warme Gefühl, dass mich Rumo mit seinem neuen Hundekumpel besucht… und ich wache auf.

Herzpochend, wie es meistens ist, wenn ich so realistisch träume, wurde ich wach und merkte, wie mir eine Träne über die Wange lief. Ich lag auf dem Rücken, mit dem Blick in den Baldachin über meinem Bett und ich bin tieftraurig, dass Rumo und sein Hundekumpel nicht mehr neben mir liegen. Doch mir gefällt auch der Gedanke, dass Rumo einen Hundekumpel hat – da wo er jetzt rumtobt.

Als ich dann heute nach einem passenden Beitragsbild für diesen Gedanken suchte, fiel mir einer meiner liebsten Künstler R. Magritte ein. Wer schon mal durch meine Wohnung geschnorchelt ist, wird „Die Liebenden“ entdeckt haben – das Original von ihm, mein kleiner Selbstversuch mit Bleistift im Flur. Der belgische Maler hat ein zu meinen Träumereien passendes Bild gemalt „The victory“. Himmel und Meer, Tür und Boden verschwimmen ineinander und ich darf suchen, wo es ein Ende und einen Anfang gibt, wie Traum und Wirklichkeit voneinander abgegrenzt sind. Eigentlich fließt alles ineinander; ein wenig wie mein herzwärmender Gedanke: Rumo hat jetzt einen Hundekumpel. Wie schön. Und er darf gern mit ihm wieder zum Traumbesuch kommen.

1-2-3-4

Ich schlage die Augen auf und schaue auf mein Handy: 5.34 Uhr. Ich hatte gehofft, dass ich mal eine Nacht durch- oder längerschlafen könnte, doch mein innerer Hundewecker tickt noch immer.

Sie liegt neben mir und starrt mich an: „Lass uns einfach liegen bleiben. Wir ziehen die Vorhänge zu, machen uns einen Hobbit-Film an und warten, bis der Tag vorbei ist.“ „Das geht nicht“, antworte ich ihr und schlage die Bettdecke zurück, „ich muss aufstehen.“

Ich lasse meine Beine kurz an der Bettkante baumeln, wie ich es immer getan habe, damit Rumo voller Freude über den neuen Tag meine Füße abschlecken konnte – er war ein Fußfreund! Dann seufze ich leise und stehe auf, wackle in die Küche, schalte den Wasserkocher an und greife zur Kaffeedose. „Ich mag nicht rausgehen“, sagt sie neben mir und versucht mich, wieder ins Bett zu locken. „Du hast doch Urlaub, lass uns einfach wieder hinlegen.“ Sie zieht leicht an mir, doch heute gebe ich ihr nicht nach. „Ich schmiere ein paar Brote für später, packe meinen Rucksack und dann gehe ich los. Du kannst ja hierbleiben, wenn du möchtest.“ Fast vorwurfsvoll setzt sie sich neben meinen Rucksack in den Sessel von Rumo und wartet, bis ich alles eingepackt habe. „Das ist doch sinnlos“, klagt sie. „Er ist doch eh nicht mehr da und diese Seenwanderungen sind doch einfach sinnlos ohne ihn. Das wolltest du doch mit Rumo machen!“ „Ja“, reagiere ich leise, „für mich fühlt es sich auch sinnlos an und zäh und anstrengend und ich mache es trotzdem. Und vermutlich willst du mit?“ Sie nickt und wir beide schlurfen zum Auto.

Sie sitzt immer hinten rechts auf den Decken, die noch nach Rumo riechen und auf denen noch seine Haare heften. Sie starrte aus dem Fenster und sagt keinen Ton mehr. Inzwischen habe ich das Hörbuch angeschaltet und wir fahren durch den Morgen. Siebenundzwanzig Seen hatte ich zum Jahresbeginn 2023 ausgesucht, um die ich mit Rumo wandern wollte. Manche von ihnen gehören dem diesjährigen „run the lake“ an, die anderen sind einfach unbekannt für mich. Sie sind alle mehr oder weniger im Neuseenland um Leipzig verstreut und ich dachte zum Jahresbeginn, dass das eine schöne Challenge für mich und das Rübchen sein könnte. Im Januar hatte ich eine Karte gemalt und an einer meiner Türen gehängt und nach jeder geschafften Wanderung wollte ich den jeweiligen See ausmalen, bis die ganze Karte farbig sein würde. „Wieso machst du das?“, fragt sie leise vom Rücksitz aus. Ich antworte ihr: „Weil ich es durchziehen muss. Ich habe es Rumo versprochen und mir auch.“

Am Montag vor sieben Wochen hatte sie einfach in meiner Küche gesessen. Sie sei jetzt hier und auf meine Frage, wie lange sie bleiben würde, hatte sie mit den Schultern gezuckt und etwas gemurmelt von, so lange, wie es eben dauern würde. „Ich habe kein Zimmer für dich und auch keinen richtigen Platz“, hatte ich ihr damals gesagt, doch das war ihr egal. Sie würde eh alles mit mir teilen, da sei ihr alles andere wumpe.

Am Parkplatz des Seelhausener Sees angekommen, hucke ich meinen Rucksack auf, verschließe das Auto und starte meine Komoot-App. Auch heute würde ich die Runde tracken – das mache ich jedes Mal. Ich sage ihr, dass ich heute im Uhrzeigersinn den See umlaufen möchte – ihr ist es wumpe, meint sie. Ich laufe los, sie schlurft neben mir.

„Weißt du noch, wie er immer gleich losgeflitzt ist und es kaum aushalten konnte, alles anzuschnüffeln? Und wie er manchmal, wenn es ihn gerappelt hat, um dich rumgefetzt ist, als hätte ihn der Hafer gestochen? Und wie er ab und an ganz brav neben dir gelaufen ist, um ein Leckerli für das gute Beifußgehen zu erhaschen und dann wieder losgefegt ist, wenn er es bekommen hatte?“, fragt sie mich.

Ja, ich weiß das alles und die Tränen laufen mir über die Wangen, tropfen auf meine Schulter, meinen Hals, laufen und laufen und laufen. Ich beginne innerlich zu zählen: 1-2-3-4, um nicht wahnsinnig zu werden. 1 – Schritt, Schritt, 2 – Schritt, Schritt, 3 – Schritt, Schritt, 4 – Schritt, Schritt, 1 – Schritt, Schritt, 2 – Schritt, Schritt… meine Beine übernehmen den Takt. Zu Zählen habe ich vor einigen Jahren im Kloster gelernt. Die buddhistische Meditation schlug das Zählen vor, um den Kopf frei zu bekommen und die Gedanken ziehen zu lassen. Der Zen-Meister hatte damals das Zählen bis acht und dann von vorn vorgeschlagen; über die Zeit habe ich für mich gemerkt, dass mir das Zählen bis vier hilft. Da komme ich in einen Trott, in dem ich das Tempo halten und die Gedanken manchmal fliegen lassen kann. 1-2-3-4-1-2-3-4-1…

Nach den ersten Kilometern entlang des Asphaltweges, gelangen wir an eine Kreuzung, ich schaue kurz auf meiner App, welchen Weg ich weitergehen mag und sehe, dass wir schon eine Stunde unterwegs sind. Ich wähle den Feldweg und zähle innerlich weiter. „Der Weg hätte Rumo auch gefallen“, sagt sie mir zustimmend und schlurft weiter neben mir mit hängendem Kopf. Sie sieht den See nicht, sie schaut nur auf ihre Füße und die Steine auf dem Weg. Manchmal versuche ich sie und ihre Fragen zu ignorieren, mich nur auf mich zu konzentrieren, doch dann nimmt sie meine Hand und sagt, das gehe so nicht. Manchmal schreie ich sie an, sie solle weg gehen und mich in Ruhe lassen, sie solle zum Auto gehen und dort warten; sie hört sich alle Beschimpfungen an, lässt meine Wut über sich ergehen und dann laufen wir beide weiter und die Tränen kullern uns beiden. „Ich bin doch jetzt da“, flüstert sie mir zu und ich weiß, dass sie recht hat. „Du brauchst einen Platz“, sage ich ihr, „du kannst nicht immer und überall dabei sein. Du brauchst einen Platz, damit wir beide auch mal Pause voneinander haben.“

Seitdem sie am 12. Juni eingezogen ist, habe ich mir ihr gemeinsam nach einem Platz für sie gesucht: im Erzgebirge, am Zwenkauer See, in meiner Wohnung, am Kulkwitzer See, im Büro…. Doch ich habe das Gefühl, wir suchen weiter. Und ich habe keine Ahnung, wie lange das noch dauern wird.

Inzwischen schmerzen meine Füße, die Sonne knallt auf meinen Kopf, der Schweiß läuft über meinen Rücken – 1-2-3-4- und ich entschließe mich, eine Pause zu machen. Wir haben einen kleinen Sandstrand erreicht und ich lasse meine Klamotten in den Sand fallen und springe ins Wasser. Eiskalt umspült es mich, wäscht alles ab und hüllt mich ein. Ich tauche ab, immer und immer wieder, mindestens vier Mal. Ins Wasser geht sie nie mit, sie sitzt immer neben meinem Rucksack und wartet geduldig auf mich – so, wie es Rumo auch oft gemacht hat. Manchmal bleibe ich länger im Wasser, um nicht gleich wieder neben ihr zu hocken, tauche noch vier Mal ab. …

Als ich appetitlos mein Frühstück neben ihr kaue, schauen wir beide auf die Wellen. Es macht uns beide ruhig – ein bisschen wie der Effekt von Lagerfeuer und Glut, in welches ich auch Stunden schauen könnte. In diesen ruhigen Momenten gelingt es uns, ohne Tränen an Rumo zu denken, wir tauschen Geschichten über den Hundemann und sind dankbar über alle Zeit, die wir miteinander hatten. Dann liegt ein dankbar-erinnerndes Lächeln auf meinem Gesicht und ich fühle sein Fell an meinen Beinen.

„Wir werden deswegen auch morgen wieder laufen“, sage ich ihr, „genau für diese Momente, in denen sich die Dankbarkeit zu uns beiden setzt. Verstehst du das? Ihr braucht beide einen Platz – die dankbare Erinnerung und du.“

„Ich verstehe das“, antwortet mir die Trauer und dann stehen wir beide aus dem Sand auf und laufen weiter.

Schwimmhelfer

Wahrscheinlich kennen manche von euch das Lied „Still“ von Jupiter Jones… so still. Ein Lied, an welches ich in den vergangenen Wochen oft gedacht habe, denn es beschreibt ganz gut, wie es nun in meiner Wohnung und oft auch in meinem Leben ist: ganz schön still ohne Rumo.

Ich erinnere mich, wie seine Marken am Halsband geklappert haben, wenn er sich geschüttelt hat – ich schmunzle bei dem Gedanken, dass sich mal jemand, der Rumo hütete, daran versucht hatte, das Geräusch zu mindern – mit Leder zwischen den Marken und auch mit dem verzweifelten Versuch, beide Marken zusammenzukleben. Ich denke an sein herrliches Gähnen, wenn er sich nach seinem Buz gestreckt hat. Und ich denke daran, wie seine Pfoten über das Laminat tippelten. Wie er bellte, wenn es klingelte oder er nur dachte, dass gleich jemand klingeln würde; wie er hechelte und über den Teppich wirbelte, wenn es Zeit war, Zähne zu putzen oder die Leckerlitüte raschelte.

Ja, es ist jetzt wirklich still hier.

Trauer, Tränen, Verlust und Abschied sind besondere Themen und manches Mal auch Themen, mit denen wir nicht geübt sind, umzugehen. Die eigene Hilflosigkeit und die Sprachlosigkeit lähmen manchmal, das Gespräch über Trauer und Traurigkeiten sind wir nicht gewohnt, oft wird es auch unter den „Tisch gekehrt“ mit den Worten, „es muss doch irgendwie weitergehen“, „warte mal noch zwei Wochen, dann geht es wieder“, „die Zeit heilt“. Vielleicht ist es mühsam, sich mit den unschönen Zeiten des Lebens, mit Verlust und Abschied auseinanderzusetzen, vielleicht ist es unbequem oder konfrontiert uns mit unseren Grenzen wenn jemand weint… und hey, vielleicht heilt der Verlust eben nicht. Die Narbe wird vielleicht kleiner, blasser, vertrauter, doch die Narbe bleibt. Und vielleicht hilft reden, schreiben, das Thema „lauter“ machen in all seiner Stille…

Leider bin ich in den letzten Tagen auch immer wieder mit der Hilflosigkeit und vor allem der sperrigen Unsicherheit anderer konfrontiert und auch darüber möchte ich nicht schweigen. Kein zweiter Hund wird Rumos Verlust überdecken; und ja, ich werde so lange traurig sein, wie es eben dauert, auch wenn es „nur“ ein Hund war in den Augen mancher Menschen; und ja, es ist komisch, wenn ihr mich ohne Rumo trefft, doch ich bin immer noch ich, mein Fellteam fehlt halt… Rumo war für mich Familie, Rumo war mein Hundepartner, mein Seelenversteher, mein Tröster und Wachmacher, mein Runterfahrer, mein „Schwimmhelfer“. M. Schweighöfer beschreibt in seinem Lied „Fliegen“ sehr gut, was Rumo vor allem in den ersten Jahren der Therapie für mich war und letztendlich bis zum Ende auch:

“ Und ich helf‘ dir schwimmen; wenn deine Arme und Beine schwer wie Blei sind, helf‘ ich dir schwimmen. Ich helf‘ dir schwimmen, wenn der Schlamm und Schlick so dick wird, dass du denkst du wirst verrückt, helf‘ ich dir schwimmen. Helf‘ dir schwimmen, und egal wie lang, wie qualvoll, fern ob nah, bin immer da und helf‘ dir schwimmen.“

Seit drei Wochen übe ich alleine schwimmen, übe Hunderunden ohne Rumo zu gehen und trotzdem am See unterzutauchen und abzutauchen, Luft zu holen und in Bewegung zu bleiben. Es fühlt sich fremd an und manchmal so still, dann rede ich mit ihm, als wäre er noch da. Ja, vielleicht bin ich die verrückte Frau aus Markranstädt ;-), ein bisschen Lachen muss ich bei dem Gedanken, doch es hilft gegen die Traurigkeit. Und es schadet niemandem 🙂

Ich wünsche euch Worte und Mut zum Reden, Orte zum Schweigen und Arme zum Fallenlassen, Platz für Tränen und Trost. Und ganz viel Mut, zu üben.

Haltlose Freiheit

Ich danke euch für die vielen mitfühlenden, wunderbaren Worte, für die tiefe Anteilnahme, für das verstehende Schweigen und das offene Mitweinen, ich danke euch für euer Dasein und euer taktvolles Wegbleiben in den vergangenen beiden Wochen. Der Verlust von Rumo schmerzt mich immer noch zutiefst – dieser Hundemann hat nicht nur mein Leben verändert.

Heute schrieb mir ein Freund: „Der Verlust meines Fellfreundes, mit dem ich sehr sehr viele Erinnerungen verbinde, schmerzt mich auch. Ich bin sehr dankbar für den Hundemann, dem ich auch so manches verdanke, insbesondere Entspannung, Pausen, Gelassenheit…“ Rumo war mir auch ein Lehrer, ein Entschleuniger und Immerschmuser, ein Aufheiterer und Ausdemdenkenreißer, ein Menschenfreund und Hundeskeptiker, ein Ballverrückter und Zähneputzenliebhaber, ein Schneegenießer und eine Wasserratte, manchmal quietschfidel und manchmal mitfühlend nachdenklich. Er war ein kleiner Tricksbert, ein fröhlicher Matschgenießer, ein Unschuldsblickkönner und eine treue Seele. Dass er vor vielen Jahren in mein Leben kam, mir im Tierheim entgegentapste, war mein großes Glück. Er strukturierte auf die liebevollste Flauschweise meinen Tag, er riss mich von Schreibtisch hinaus bei Wind und Sonne, bei Regen und Hitze, er riss mich aus meinen trüben Gedanken und gab mir Halt, jeden Tag. Es war damals eine schnelle Idee meiner Therapeutin gewesen und Rumo wurde mir zu einem der wundervollsten Begleiter.

Einige Fragen von euch sind offen und auch die sollen neben der Erinnerung an Rumo in diesem Beitrag einen Platz bekommen:

Er hat sich nicht lange gequält… Rumo war schon länger angegriffen durch diesen beschissenen Tumor. Das Wochenende bevor er starb, waren noch ein paar Menschen bei uns daheim und er hat die kleine Geburtstagssause sichtlich genossen, hat Leckerlis abgesahnt und eine Menge Streicheleinheiten eingesammelt. Den Sonntag dieses Wochenendes waren wir am See, er war ein wenig matt – doch es war auch super warm. Und abends ist er ganz happy mit seinem Zähneputzen ins Hundebett gefallen. In der Nacht wurde ich wach, er hatte sich unter den Schrank im Schlafzimmer gelegt und kam nicht mehr heraus… da wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Ich zog ihn behutsam hervor uns legte ihn in seinen Korb… dass es anders ist als sonst und der Weg zum Tierarzt der letzte sein würde, war wenige Stunden später sichtbar. Ich bin noch jetzt dankbar, dass ich das Auto nicht fahren musste, sondern bei Rumo auf der Rückbank sitzen konnte. Und als wir den Parkplatz des Tierarztes erreichten, hatte er seinen letzten Atemzug gemacht… Der Hundemann wurde diese Woche im Tierkrematorium eingeäschert. Sobald seine Asche bei mir ist, werde ich ihm einen guten Platz geben; einen, den er auch geliebt hätte.

Und ja, ich gebe nach und nach Teile seiner Sachen weg – manches werde ich behalten, doch das meiste kann anderen Hunden zugute kommen. Vergangene Woche war ich ihm Tierheim – das war ein merkwürdiger Abschluss, denn vor vielen Jahren holte ich ihn dort ab und nun habe ich einiges von ihm dorthin zurückgebracht. Manches sucht noch ein neues Zuhause, weil das Tierheim nicht alles aus hygienischen Gründen nehmen kann – schreibt mich gern an, wenn ihr was braucht oder jemanden kennt, der etwas nutzen könnte. Und ja, ich gebe die Dinge auch weg, weil kein zweiter Hund kommen wird. Es würde sich nicht richtig anfühlen, es wäre für mich absolut nicht stimmig. Manche schrieben mir, dass es doch leichter sein könnte, doch ich gestehe: es ist ein grauenvoller Gedanke für mich, diesen einzigartigen besonderen Fellfreund zu ersetzen, oder es zu versuchen…

Den Titel dieses Beitrages habe ich nicht ohne Grund gewählt, denn das beschreibt mein derzeitiges Inneres (und damit auch die letzte eurer Fragen, wie es mir geht in den letzten Tagen): ich fühle mich bodenlos, haltlos, merkwürdig frei. Es ist keine dieser Freiheiten, in denen man aufatmet, weil endlich Urlaub ist oder der erfrischende Regen gefallen ist, auch keine dieser Erleichterungen die man nach einem schwierigen Gespräch fühlt oder nach einem geklärten Konflikt oder wenn man endlich alles erledigt hat… es ist für mich gerade ein Gefühl von Freiheit in Ketten, von Haltlosigkeit ohne Ende. Manchmal habe ich den großen Wunsch, mich zuzudröhnen gegen die Traurigkeit, gegen die Haltlosigkeit. Doch kann ich dem kleine Schritte entgegensetzen.

Jeder von euch, der schon einen Verlust erlebte, wird ahnen, wie es sich anfühlt, wird ahnen, dass es noch eine Weile so sein wird, wird ahnen, dass es nie ganz vorbei ist. Doch Rumo wird einen guten Platz haben, in meinen Erinnerungen und meinem Herzen, in meiner Wohnung und irgendwo da draußen und freilich auch in den Erinnerungen von euch. Danke dafür!

Tag 3

Donnerstag mittag. Meine Füße liegen auf dem Schaffell unter meinem Schreibtisch, ich versuche mich auf meinen Bildschirm zu fokussieren und mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Der Notenschluss in den einzelnen Schulen steht an und zumindest müssen bis morgen alle Kopfnoten eingetragen sein… doch immer wieder schweift mein Blick die Wand vor mir entlang über die Bilder, die Erinnerungsstücke und bleiben an den Bildern von Rumo hängen. Der kleine süße Hundemann mit seinen Knopfaugen und seinem großen Herzen schnarcht mir nicht mehr zu Füßen, er liegt auch nicht mehr auf den kühlenden Fliesen des Bades oder in seinem wärmenden Bett… er ist am Montag verstorben.

Und damit begann für mich eine neue Zeitrechnung: heute ist Tag 3 ohne Rumo und kaum ein Wort mag den Schmerz über den Verlust fassen. Er war mein Seelenbuddy, mein Tränentröster, mein Alltagserfrischer, mein Gefährte und mein Freund… er war für viele der liebste Hundemann und selbst die Menschen, die Hunde nicht mochten, meinten oft: „Ich kann zwar Hunde nicht leiden, aber Rumo ist anders. Den mag ich!“ Und ja, Rumo war anders und er machte es den Menschen leicht, ihn zu lieben. Er schlich sich mit viel Freude, Begeisterung und Zuneigung in die Herzen und in manches Leben. Und so hinterlässt er nicht nur bei mir eine Lücke…

Er hat es geschafft – die letzten Monate waren für meinen Sir Rumolf ein auf und ab von gesund werden und krank sein. Der Tumor in seinem Darm fraß ihn langsam auf und nahm ihm seine Kraft. Das Tröstliche: das letzte Wochenende hat er in vollen Zügen genossen und am Montag ging es recht schnell. Er hat sich nicht lange quälen müssen. Das war es, was ich mir für ihn gewünscht hatte und dennoch war es ein bodenlos, trostloser Moment. Und der hält noch an… Es wird dauern, bis die Montagsbilder aus meinem Kopf blasser werden und die schönen Bilder von und mit ihm sich den Raum zurückerobern. Und es darf seine Zeit dauern, die es braucht.

Bis dahin wechseln sich Tränen mit Bildergucken ab, ich räume etwas auf, räume ein bisschen weg, versuche allem Äußeren und Inneren einen Platz zu geben… Wer von euch Lesenden auch durch Bilder und Videos von Rumo schnorcheln mag, kann das gern auf meinem Instagram- oder Facebookprofil tun. Für diesen Beitrag gibt es nur ein Bild – eines der letzten von ihm.

Geschichten

Manche von euch wissen schon, dass ich seit geraumer Zeit eine Weiterbildung zur Beraterin mache – nun schwinge ich in den letzten Zügen und dazu gehört es auch, eine Abschlussarbeit zu verfassen. Die Wahl lag zwischen einem großen Fallbericht aus der Arbeit oder einer thematischen Ausführung. Schnell hatte ich mich dazu entschlossen, ein Thema zu bedenken. Es sollte etwas sein, was mit der Beratungsarbeit zu tun hat und ich wollte auch, dass es etwas ist, was mich selbst bewegt. Und so landete ich bei „Geschichten“.

Geschichten sind mir so liebevolle, manchmal auch zumutende Begleiter und ich lande gedanklich immer wieder bei J. Bucay, der sagt: „Geschichten helfen Kindern einzuschlafen und Erwachsenen aufzuwachen.“ … Ich erinnere mich gern an die Wochenenden bei meinen Großeltern, in denen mir Omi verlas oder wir Märchenschallplatten hörten; ich erinnere mich an einen Urlaub in Traunstein mit meiner Familie, in der ich mir frühmorgens während noch alle schliefen mein Pferdebuch selbst vorlas, bis mir ein Milchzahn aus dem Mund fiel; ich denke an meine Studienzeit, in der ich lernte, Geschichten auseinanderzunehmen, zu deuten, anzuwenden, umzudenken, und an die vielen Seminarmorgen mit den FSJlern, in denen ich Geschichten las, um so über Themen ins Gespräch zu kommen und mir wichtige Gedanken zu platzieren. Und freilich dachte ich im Zuge dieser Abschlussarbeit auch an die Geschichten, die mich so sehr geprägt haben, dass sie zu „meinen Geschichten“ wurden… besonders die Frösche in der Milch…

Was das besondere an Geschichten ist? Nun, ich mag euch nicht mit systemischen Ausführungen quälen, doch sind es Geschichten, die die Tür zum Gefühl öffnen. So wie Bilder oder Musik oder Bewegungen. Dann, wenn unser Kopf, der ratternde Verstand, die Hamsterradgedanken und die vielen Fragen uns nicht mehr weiterbringen, dann breiten Geschichten eine andere Welt ins uns aus. Nicht, dass dadurch das Rattern weg wäre, es ist nur für einen Moment leiser, weiter weg, stiller, vielleicht sogar einen Hauch friedlicher. Und manchmal schafft ein Ausflug in die Geschichtenwelt einen Wechsel der Perspektive, der uns sonst auf Verstandesebene höchst wahrscheinlich nicht gelungen wäre.

Daheim bei mir stapeln sich inzwischen Bücher voller Geschichten und erst gestern war ein neues Buch in meinem Briefkasten. Gleich am Abend habe ich es in der Wanne „verschlungen“ und es waren so einige Geschichten, die mich selbst bewegten und mir eine neue Perspektive eröffneten…. aus dem Büchlein wollt ihr eine Geschichte? Könnt ihr gern haben… Sie heißt „erste Hilfe“.

„Ein kleiner Junge kam später nach Hause, als die Mutter erwartet hatte. Als sie nach dem Grund der Verspätung fragte, antwortete das Kind: „Ich habe Julia geholfen. Ihre Puppe ist kaputt gegangen.“ „Hast du geholfen, sie zu reparieren?“, fragte die Mutter. „Nein“, antwortete das Kind. „Ich habe ihr geholfen, zu weinen.“

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