Vergiss es!

„Das kannst du voll vergessen! Dafür bist du viel zu alt…. zu unerfahren… zu unsportlich… zu dick… zu dünn… zu dumm… zu jung… zu weiblich… zu naiv… zu sehr Weichei… zu blauäugig… dafür bist DU ja nun so gar nicht geeignet. Mach nen Haken dran, vergiss es!“

Diese Stimmen gibt es in meinem Alltag immer mal wieder. Erst diese Woche traf ich jemanden und als wir über eine meiner neuen Ideen ins Gespräch kamen, war da dieses feine Lachen, etwas ungläubig mit einem Hauch „Willst-du-mich-auf-den-Arm-nehmen?“ und diese leise Frage „Wirklich, bist du sicher, dass du da die richtige bist, du bist doch selbst viel zu…?“.

Manchmal rutscht das den Menschen einfach raus, wenn sie etwas hören, was so unerwartet ist. Meistens sind sie selbst so überrascht, von der Idee, die ich schon wieder habe. Meistens meinen sie es nicht als Angriff, vielmehr überlege ich, was sie eigentlich so überrascht von der Idee, meinem Gedanken, meinem neuen Vorhaben. Halbmarathon laufen, Buch schreiben, Weltreise machen, Englisch lernen, was Neues und Herausforderndes tun, mir selbst neu begegnen… Und ich komme zu dem Schluss: ihre Überraschung sagt vielleicht mehr über ihre eigene Blockade aus als über meine Idee. Da gibt es diesen einen Satz, den ich vor vielen Jahren immer wieder in meinem Arbeitsteam gehört habe und der sich mir so fein in meinen Kopf gesetzt hat: „Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.“ Und ich denke an die Geschichte von dem Elefanten aus dem Zoo. Immer wieder. Davon habe ich letztes Jahr auf meinem Blog schon mal erzählt: http://ronjabanu.de/ich-kann-nicht

„Vergiss es, das kannst du eh nicht.“ Eine innere Stimme, die für mich auch einen kleinen guten Nebeneffekt hat: sie lässt mich zögern, lässt mich prüfen, lässt mich abwägen, lässt mich das Risiko ausloten. Und dann kommt eine andere Stimme dazu, die flüstert: „Das kannst du nicht wissen, so lange du es nicht probiert hast.“ Und dann traue ich mich, wage es, schau mal wo ich lande, laufe los. Voller Neugierde mit einem bisschen Spuntis, voller Freude und einem Bauchgrummeln vor Unsicherheit, denn ich weiß ja nie, was bei rum kommt.

Und ja: klar kenne ich auch die Momente, in denen ich dachte, dass ich das locker packe und auf halber Strecke feststellen durfte, dass ich für den Moment dann doch eben wirklich zu untalentiert war. Oder zu unpassend wie der Bär im Bienenstock. Doch eben kein Grund, grundsätzlich den Rüssel in den Dreck zu stecken. 😉

Habt einen feinen Sonntag und traut euch und bringt die anderen zum Staunen und vielleicht hopsen sie dann auch über ihre innere Grenze! (PS: Das Beitragsbild ist nicht aus meiner Feder – nur als kleiner Hinweis, für alle die auf so etwas achten 🙂

Schweinehund…

Ich sitze am Küchentisch. Ein Kräutertee dampft neben mir, Rumo hat sich endlich in seinem Körbchen niedergelassen und kommt ein wenig zur Ruhe. Keine Sorge: er ist nicht der Schweinehund, den ich im Beitragstitel meinte!

Nach dem wohlverdienten Arbeitsfeierabend war ich heute eine Runde im Wald laufen. Noch am Waldrand klatschte mir der Schneeregen ins Gesicht. Eingetaucht in den Wald umhüllte mich schlagartig eine tiefe Stille und ein Geruch von frischem Holz, der mich Aufatmen und Entspannen lässt. Nun ja, ich renne nicht nur zum Abschalten und Kopffreikriegen. Ich habe noch einen anderen kleinen Plan: ein Punkt auf meiner Bucket-List ist es, einen Halbmarathon zu laufen. Immer wieder habe ich deswegen einen Anlauf gewagt, bin losgerannt, ein bisschen planlos vielleicht… Doch ich hatte immer wieder das Gefühl, dass mein innerer Schweinehund und ich in entgegengesetzte Richtungen wollen. Und meistens habe ich mich von ihm breitschlagen lassen und bin „nur“ wandern gegangen oder spazieren oder in Kaffeebohnenschritten um den Wohnblock geschlichen. Doch damit ist nun Schluss! Ich meine mit dem Breitschlagenlassen, nicht mit dem Wandern 😉 Halbmarathon 2023, das ist das neue Ziel! Und damit ich mich nicht drücken kann oder breitschlagen, mache ich es hiermit offiziell… Jetzt könnt ihr mich beim Wort nehmen. Oh weh und oh yeah zeitgleich.

Seit einer Weile übe ich nun fleißig und meistens lacht der innere Schweinehund über meinen Muskelkater, aber mal schauen, wer von uns beiden als Letztes lacht 😉

Wahrscheinlich kennen das manche von euch, oder? Man selbst gegen den inneren Schweinehund? Vielleicht habt ihr Muse, mir mal davon zu erzählen oder schreiben oder einen Kommentar dazu hierzulassen? Ich würde mich freuen! Schweig, du mieser Schweinehund 😉

Menschenfreund Rumo

Rumo ist nur selten ein Hundefreund. Das hat er erst heute wieder bewiesen: ein anderer Hund kommt ihm auf der Wiese entgegen. Er ist weiß, er ist fröhlich, er ist sauber, er will spielen. Rumo wedelt ihm entgegen. Das andere „Frauchen“ und ich freuen uns, dass die Begegnung so charmant beginnt. Rumo schnuffelt ein bisschen, der andere hüpft aufgeregt um Rumo rum und dann zack: Angriff. Mein Hund tackelt den anderen um, drückt ihn kläffend in den Matsch und macht unverkennbar klar, dass das Spiel vorbei ist. Ich packe Rumo am Kragen, zerre ihn von einem super vollbesudelten Vierbeiner, der trotz Rumos Machtgehabe immer noch Anstalten macht, eine Runde spielen zu wollen. Die andere Hundebesitzerin und ich atmen fast zeitgleich erleichtert auf, nicken uns zu und gehen weiter – jede in eine andere Richtung. Rumo ist definitiv nur zu ausgewählten Hunden ein Hundefreund. Und ich habe auch nach mehr als zehn Jahren mit ihm nicht kapiert, wonach er Freund und Feind unterscheidet…

Was ich aber weiß: Rumo ist ein Menschenfreund. Auf dem Weg zurück nach Hause läuft er immer angeleint. So auch heute. An einer Stelle überquere ich immer mit ihm die Straße, heute zerrte er mich aber ein paar Schritte weiter. Er hatte eine Kiste entdeckt – riesig, voll beladen mit „zu-Verschenken-Sachen“ und neben der Kiste so ein alter Wäschekorb in Retrocharme. Als wir bei der Kiste anhalten und ich neugierig meine Nase in den Trödelsachen versenke, verschwindet Rumo hinter den Dingen und erst da bemerke ich, dass da eine Frau hockt und weint. Rumo hatte sie lange vor mir registriert, peilt auf ihre Beine zu, leckt ihr über die Jeans und setzt sich neben sie. Ganz still, ganz leise, ganz unaufgeregt, als hätte er sich auf einem rohen Ei niedergelassen. Ich schaue die Frau an, dann meinen Hund, lasse das Ende der Leine los und ihn gewähren. Dann hebt die Frau ihren Kopf, greift Rumo ins Fell, beginnt ihn zu streicheln und erst dann sieht sie mir ins Gesicht. Die Tränen fließen ihr über die Wangen, tropfen zu Boden als sie schluchzend erzählt, dass ich die Sachen gern haben könnte. Ihr Vater bräuchte sie nun nicht mehr und sie müsse allein die Wohnung leer räumen. Ich höre ihr zu, während sich Rumo an ihre Beine schmiegt, sie ihn streichelt und dabei langsam aufhört, zu schluchzen. Sie habe auch mal Hunde gehabt, einen Mischling und einen Dobermann, aber die wären beide nur knapp zehn Jahre alt geworden. Es sei immer wieder schmerzhaft für sie, wenn jemand stirbt, den sie liebt und ich weiß nichts zu sagen, weil sie so Recht hat. Also nicke ich und versuche ihr damit wortlos zu signalisieren, dass ich verstehe. Sie schweigt und gräbt weiter ihre Hände in das weiche Fell meiner Schnuffelnase, der ein Menschenfreund und Tröster ist. Nach einer kleinen Weile verabschieden wir uns, nachdem sie mich gebeten hat, den Zeitungsständer mitzunehmen. Ich tue ihr den Gefallen – er steht jetzt in meiner Küche. Und wird mich an die Begegnung mit ihr erinnern und auch daran, dass mein Hund zwar selten Takt seiner Art gegenüber hat, aber eine gute Nase und ein großes Herz für die Traurigen und Trostsuchenden.

Da brauch ich vielleicht einen langen Atem…

19.16 Uhr. Ich stelle meinen Handyalarm auf 19.26 Uhr, damit ich wenigstens zehn Minuten meinen Rüssel über das Dampfbad halte. Ich kenne mich: wenn ich das nicht mache, sind mir zwei Minuten schon wie ne Viertel Stunde und nach 5 Minuten sehne ich mich nach einer Wunderheilung, einer Eisdusche und schimpfe schwitzend auf meine verstopfte Rotznase.

Ja, vielleicht ein überstrapaziertes Thema: in pandemischen Coronazeiten einen Erkältungs-grippaler-Infekt-Blogbeitrag. Nun, wobei noch nicht sicher ist: könnte auch der erste Quarantänekollerblogbeitrag werden, wenn morgen das PCR-Testergebnis kommt. Und genau darum kreisen meine Gedanken, während die Schweißperlen langsam über meine Stirn und Wangen laufen, in das heiße Wasser ploppen und sich schon die nächste Schwitzeperle auf den Weg macht. Während ich das Gefühl habe, dass sich meine Gesichtsporen weeeeeiiiit öffnen, lausche ich dem Ticken meiner Uhr im Flur und versuche krampfhaft nicht an den möglichen Quarantänefall zu denken. Nicht nur, dass ich dann zehn Tage mir selbst ausgesetzt wäre – puh, vielleicht knacke ich meinen Netflixrekord oder schaffe es, mehr als ein Buch zu lesen. Das, was mich am Traurigsten stimmt, ist die Tatsache, dass dann mein Rübchen nicht mehr hier sein kann. Irgendjemand hat sich nämlich überlegt, dass Menschen in Quarantäne nicht mehr vor die Tür dürfen, auch nicht, wenn der Hund fast platzt. Mal abgesehen davon, dass ich es wirklich strittig finde, dass man nicht mal einen Erholungsspaziergang machen darf, wenn man krank ist… an der frischen Luft. Draußen. Da, wo man doch eigentlich gut gesund werden könnte? Und wenn ich keinen PCR-Test gemacht hätte, wäre ich mit meiner Rotznase einfach weiter durch Wald und Flur geschlendert bis sich alle Nebenhöhlen vom Schleim verabschiedet hätten. Doch verantwortungsvoll bin ich – vor allem auch den anderen, die ich anstecken könnte gegenüber – und auch ein wenig pflichtbewusst und so war ich eben heute beim Hausarzt und befinde mich nun in den imaginären Klauen eines Testlabors mit Rattenschwanz Gesundheitsamt…

Naja, manche von euch kennen mich und wissen just auch schon in diesem Moment, dass ich inzwischen Plan B bis D im Kopf habe – vor allem für das Rübchen. So bleiben die Daumen gedrückt, während sich der nächste Schweißtropfen mit einem Plitschplatsch in meine Schwitzeschüssel verabschiedet. Hoffen auf einen negativen Moment! Da brauch ich vielleicht einen langen Atem…

Blätterfazit

Zu Beginn eines jeden Jahres liegen die 365 oder 366 Seiten blanko vor mir und ich weiß nicht, was am Ende des Jahres alles drauf sein wird, ob sie glatt oder geknüllt sind, bunt, weiß oder schwarz, welche Farbe und Handschrift sie tragen, wer unverhofft reingekritzelt hat und wer mir wundervolle Momente auf meine Blätter geschrieben hat. Ich weiß nicht einmal, ob sie alle gefüllt sein werden… Das was ich am Jahresende, manchmal auch unbewusst, mache, ist, mir die Blätter noch mal zur Hand zu nehmen, sie anzuschauen, sie durchzublättern, zu stoppen, nochmal über manche zu lachen bis mir der Bauch mitkribbelt, über manche zu schmunzeln, über einige den Kopf zu schütteln und mit so manchen auch noch mal zu weinen. Ich lass die Gefühlsbandbreite kommen, mich überfluten, mich erfüllen und dann lasse ich sie wieder ziehen.

Und wie jedes Jahr stelle ich auch am Ende dieses Jahres fest, dass ich kein Fazit ziehen werde und auch kein Fazit ziehen kann. Es würde die Blätter in ihrer Gänze nicht wahrnehmen, es würde manches kleinmachen und manches ersticken, würde manchem zu viel Raum geben und mache Töne zu laut sein. Doch eines fühle ich erneut: Dankbarkeit für all das, was auf meinen Blättern steht, für all das, was ich aus meinen Blättern gemacht habe und vor allem auch für all jene, die meine Blätter mitgestaltet haben, mit Farbe bereichert, mit Vertrauen besprenkelt, mit Liebe umrahmt haben. Ich bin dankbar, am Ende dieses Jahres diese Zeilen schreiben zu können und ich bin gespannt, was das neue Blätterwerk 2022 so bereit halten mag.

So wünsche ich euch einen gesunden und fröhlichen Abschluss des alten Jahres und einen herrlichen Start ins Neue! Passt gut auf euch und eure Blätter auf 😉 !

Vorabend

Heute vor einem Jahr saß ich an genau diesem Rechner und begann mit dem dritten Anlauf meines Buches. Es war auch der Abend des 23. Dezember – heute schnarcht Rumo ebenso neben mir, statt Gin Tonic gibt es Kräutertee, „Der Hobbit“ flimmert dieses Mal statt „Die Gefährten“. Teil I und ich gestehe, ich habe den Beginn heute drei Mal geschaut, weil ich mich damit so gut an Hobbiton erinnern kann. Es ist derselbe Schreibtisch, es sind dieselben Tasten, dieselben Bilder doch eine andere Wand in einer anderen Stadt. Das Gefühl erinnert mich sehr an das vor einem Jahr: es ist die stille Traurigkeit, die rückschauende Dankbarkeit, das melancholische Glück. Diese Mischung ist es, die mich tagsüber fast lähmt und am Abend eine Energie zum Schreiben freisetzt, wie ich sie selten fühle. So sind an den vergangenen Abenden einige neue Texte entstanden, neue Zeilen auf frischen Seiten und ich bin gespannt, wohin sie mich führen.

Dass ich in diesem Jahr nach nur drei Monaten mein fertiges, gedrucktes Buch in Händen halten konnte, lässt mich auch rückblickend noch staunen und dankbar sein für alle, die mich dabei unterstützt haben. Dass es davon dann auch noch eine zweite Auflage hatte geben sollen, macht mich heute noch sprachlos. Und stolz. Doch will ich nicht, einer Jahresbilanz ähnlich, mein Jahr Revue passieren lassen, aufzählen was gelungen ist und was nicht, will nicht äußerlich Fazit ziehen obgleich ich es innerlich tue, will meine Leistung nicht abmessen, nicht vergrößern und nicht schmälern.

Will stattdessen einen Gedanken teilen mit euch.

Die letzten Tage des Dezembers sind es, die vermutlich die erwartungsbeladensten des ganzen Jahres sind. Der schönste Baum und bitte auch der geradeste, die hellste Lichterkette und der größte Nussknacker, das leckerste Essen, das beste Geschenk und der richtige Stollen. Die Weihnachtspredigt auf den Punkt so wie die Klöße: nicht zu lang und nicht zu fest. Die Mischung soll nicht nur schmecken. An vielen Tischen soll es das Highlight des Jahres sein, der Familienhöhepunkt, der Friedensgipfel. Das sind schöne Wünsche, versteht mich bitte nicht falsch! Mein Baum ist natürlich der Schönste 😉 Doch es geht nicht darum, wieviele Geschenke unter dem Baum liegen und wie groß der Braten ist und wer mehr Glühwein verträgt. Besonders in diesen Tagen, wo es leider wieder einmal darum geht, Gesundheit und Gefährdung, Gemeinschaft und Schutz abzuwägen und viele nicht in Natura mit ihren Herzmenschen unterm Baum sitzen werden, sitzen können. Das kann sich traurig, einsam und ohnmächtig anfühlen – doch dann bitte nicht vergessen: gedanklich seid ihr nicht allein. Und lasst euch überraschen. Und erwartet nicht zu viel von euch. Und auch nicht von den anderen. Weihnachten geht auch mit Nudeln und Tomatensauce 😉

Und so wünsche ich allen, denen die gemeinsam am Tisch sitzen und denen die in Quarantäne netflixen, denen die Dienst leisten und denen die gerade noch am Braten schrauben: habt ein lichterfrohes, wunderbares Weihnachtsfest und denkt aneinander und passt gut auf euch auf! Merry Christmas 😉

Herbstnacht

Still ist es hier – nichts im Vergleich zum nächtlichen Sausen im Leipziger Plagwitz, wie ich es noch vor einigen Wochen vor meinem Fenster hörte. Hier ist es ruhig, leise, ich fühle die Welt schlafen.

So sollte es sein zu schlaftrunkener Stunde wie sie es gerade wieder ist. Der neue Morgen lässt noch auf sich warten. Der alte Abend verabschiedete sich längst. Gefühlt hänge ich zwischen den Tagen in dieser Herbstnacht vor dem Buß-und Bettag. Schwindelmüde und gähnendwach. Ein Zustand, in welchem ich nicht im Bett bleiben und warten kann, bis der Schlaf sich genötigt fühlt, mich wieder ins Traumland zu tragen. Manche Nacht zählte ich innerlich die Minuten, die ich noch schlafen könnte, wenn ich könnte, bis der Wecker klingelte und den neuen Tag einläuten würde. Heute entschloß ich mich direkt, aufzustehen und mich der ruhigen Herbstnacht hinzugeben. Ich trinke Tee, laufe durch meine Wohnung, lasse den Blick aus dem Fenster die Straße entlang schweifen, lausche meinem Atem und dem leisen Knurren meines Magens, fühle meine kribbelnden Finger, die schreiben wollen, setze mich ins Wohnzimmer vor meinen Rechner. Kühl ist es an meinen Füßen, die sich nach Wärme sehnend ins Schaffell graben, welches unter meinem Schreibtisch liegt. Wäre Rumo da, würde er sich noch auf meine Füße legen – welch Schatz! Doch derzeit urlaubt er im Erzgebirge, so bleiben meine Füße unbedeckt.

Dieses Gefühl, das in diesen Herbstnächten durch mich strömt ist mir vertraut. Die Zwiespältigkeit zwischen Schaffenskraft und Erschöpfung, zwischen melancholischer Inspiration und fröhlichem Schreiben, die Ambivalenz zwischen Wachsen und Vergehen – das, was der Herbst für mich ist… Neues und Altes – Platzschaffen und Beengtwerden – Aufbrechen und Ausruhen… All das pulsiert diese Nacht durch meinen Körper. Ich lasse es fließen und wallen, gebe mich der aufbäumenden Kraft hin mit dem Wissen, dass ich am Ende, dann, wenn die Worte einen Platz gefunden haben, in meine Kissen sinken werde und endlich schlafen.

In der Weihnachtspackerei

Ja, bei den Bildern (Fotos: Stefanie Becher) könnte man meinen, nicht in einer Weihnachtsbäckerei wohl aber in einer Weihnachtspackerei zu sein! Da stapeln sich die Kuscheltiere neben den Süßigkeiten, Malblöcke neben Schreibheften und Federmappen, Buntstifte neben Hausschuhen, Schals neben Spielsachen. Ein Traum für jedes Kinderherz!

Du meinst, ein wenig früh mit Geschenkepacken für Weihnachten? Nicht für diese Wichtel, die hier fleißig am Werke sind, denn die Zeit rennt. Die Geschenke sind für Kinderhände und -Herzen gedacht, deren Familien keine Geschenke zum Weihnachtsfest kaufen können. Die Aktion heißt „Weihnachten im Schuhkarton“ und ist die weltweit größte Geschenkaktion seiner Art für Kinder in Not. Seit mehr als 25 Jahren packen jedes Jahr tausende ehrenamtlicher Helfer Weihnachtsgeschenke! Eine einschlägige Internetenzyklopädie erzählt dazu folgendes: „Bis Ende 2006 wurden weltweit rund 50 Millionen Geschenkpakete verschickt. 2013 lag diese Zahl bei 100 Millionen. 2017 kamen die Geschenke aus den USA, Kanada, Großbritannien, dem deutschsprachigen Raum, aus Spanien, Finnland, Japan, Australien und Neuseeland.“ Bis Mitte November heißt es nun: Geschenke packen, kontrollieren, für den Zoll fertigmachen, sammeln, auf Laster verladen und dann geht’s los in verschiedene Himmelsrichtungen zum großen Geschenkeverteilen.

Wer mehr nachlesen mag, ist hier goldrichtig: https://www.die-samariter.org/projekte/weihnachten-im-schuhkarton/

Ich bin begeistert von dem Gedanken, ein bisschen Weihnachten in einem Schuhkarton zu verschenken und nicht ohne Grund gibt es nun diese Bilder und Zeilen auf meinem Blog 😉 Die Wichtel aus dem Erzgebirgskreis, die mir und damit auch dir einen kleinen Einblick in die Geschenkepackerei gewährt haben, brennen für „Weihnachten im Schuhkarton“ und neben vielen Sachspenden lehnen sie freilich auch Geldspenden nicht ab. Also: wer mag und kann, scheue sich nicht, zücke sein Onlineportemonnaie – und keine Sorge: alle Daten und Spendenzweck sind mit dem Wichtel Stefanie Becher abgesprochen. Hier wird nix getrickst 🙂 (Samaritans Purse e.V., Pax-Bank eG, DE12 3706 0193 5544 3322 11 – Kennwort: Weihnachten im Schuhkarton Spendenaufruf Blog Ronjabanu)

Wahlkrampf

Heute stand ich gefühlte Ewigkeiten vor dem Kühlregal des kleinen Konsum um die Ecke. Ich wollte Stracciatella-Joghurt kaufen, so der Plan bevor ich voller Appetit durch die Ladentür trat, doch dann: ausverkauft. Nun sah ich mich also einem irrsinnig riesigen Joghurtangebot gegenüber, das von A wie Ananas über Q wie Quitte bis Z wie Zabaione alles bot, nur eben nicht das, wonach mir gerade gelüstete: Stracciatella. In meinem Kopf ging ich all meine Möglichkeiten durch: a) einen neuen Laden aufsuchen – zu wenig Zeit(.), b) keinen Joghurt kaufen – aber ich wollte doch Joghurt essen(!), c) einen anderen wählen- und wenn mir die Alternative nicht schmeckt(?) Immerhin muss ich doch meine Wahlentscheidung auslöffeln….

Und während ich so die Joghurtbecher anglotzte, in der Hoffnung, dass sich einer doch noch in Stracciatella verwandeln würde, huschten die anderen Kunden an mir vorbei und bekamen von meiner Bredouille wahrscheinlich gar nichts mit. Wäre man gedanklich kühn unterwegs, könnte man die Bundestagswahl dieses Wochenende mit meiner heutigen Konsumkühlregalerfahrung vergleichen: der, der mir so wirklich richtig doll gut schmecken könnte, ist nicht dabei. Zumindest fühle ich mich in diesem Jahr vor der Wahl genauso ohnmächtig wie heute im Konsum und ja, ich gestehe es ganz offen: ich habe noch immer keine Wahlentscheidung getroffen, außer die, dass ich wählen gehen werde. Und innigst hoffe ich, dass ich am Sonntag in meiner Leipziger Wahlkabine nicht so „bredoulliert“ sitze, wie heute vorm Joghurtkühlregal.

Na, wahrscheinlich wollen die neugierigen Nasen unter euch noch wissen, wie ich mich im Konsum entschieden habe? Nur so viel: Joghurt natur + Zucker + Zitrone + Schokostreusel aus der Backabteilung – ja, manchmal bin ich ein Fuchs 😉

Zäsur

Als Zäsuren kennen die Literaten ein Atemholen im Vers, die Geschichtswissenschaftler einen eindeutigen Einschnitt, die Komponisten nutzen das Mittel der Zäsur als markante Veränderung im Stück, Fußballer ziehen eine Halbzeitzäsur im Spiel und die meisten Menschen am sylvestrischen Ende eines Kalenderjahres.

Ich mag Zäsuren als Atemholen, denn das bedeutet: stehenbleiben, anschauen, inne halten, die Brust weit machen, nachdenken, Atem holen und erst dann den nächsten Schritt gehen. Ich verrate euch hiermit: Zäsuren passieren oft in meinem Alltag, denn häufig, wenn ich meinen Papierkalender öffne und das Datum sehe, geschieht in meinem Kopf eine Verbindung zu einem anderen Jahr – eine Erinnerung als Zäsur und dann geschieht genau das für einen Bruchteil eines Moments: ich bleibe stehen in meinem Tag, schaue mir die Erinnerung an, halte inne, denke nach, mache die Brust weit und hole neu Atem und erst dann gehe ich weiter in meinem Tag, trage den neuen Termin in meinen Kalender.

So erging es mir auch diese Woche, denn meine Rückkehr nach Deutschland jährte sich zum ersten Mal. Es war ein größeres Atemholen als sonst, denn starke Erinnerungen durchflossen mich an meine Reise und vor allem auch an die letzten Monate in Deutschland. So vieles ist geschehen und ich staune über all das, was gekommen und gegangen, gelungen und missglückt ist.

… Ich denke an die ersten Wochen in Deutschland letzten Sommer, als ich zwischen den Welten hing, noch nicht in meine Wohnung konnte, zwischen Leipzig und Affalter pendelte, meine Sachen aussortierte und einen Flohmarkt veranstaltete. … Ich denke an die vielen zögerlichen Umarmungen des Wiedersehens im ersten Coronaspätsommer, denke an die vielen Nächte, in denen ich versuchte gemeinsam mit Casey ein neues Visum für mich zu beantragen. … Wie ich meine Wohnung kündigte und Englisch intensiv paukte, meinen C2 Abschluss errang und dachte, ich breche bald wieder auf. … Wie ich mich mit den Ämtern herumschlug und wie ich die vielen Gespräche genoss mit all den lieben Menschen, die ich so lange nicht gesehen hatte. … Wie Deutschland in den nächsten Lockdown und ich in meinen ersten Lockdown hier ging, wie still es wurde, weil man sich nicht mehr einfach so treffen konnte, erinnere mich an den Schnee, der fiel, und daran, dass ich meine Wohnungskündigung zurückzog als klar wurde, dass an eine Ausreise vorerst nicht zu denken war. … Erinnere mich an das Weihnachtsfest in Leipzig, denke an das letzte Telefonat mit Casey kurz nach Weihnachten und an unseren tränenumflossenen Abschied, denke an den dritten Anlauf, mein Buch zu schreiben. … Viele Monate am Rechner, viele Tage vor dem Bildschirm, erinnere mich, wie ich Bilder für das Buch aussuche und mich nach Affalter ummelde, um meine Familie ganz offiziell besuchen zu können. … Ich denke an den Frühling, der spät aber mit herrlicher Wucht kam, an den Zaunbau in meinem Garten und die vielen Bewerbungen, die ich schrieb, um eine neue Arbeit zu finden. … Denke an die Gänseblümchen und die Sonne auf meiner Haut, die ich so lange nicht gefühlt hatte, die langen Spaziergänge mit Rumo, die Vertragsunterzeichnung für meine neue Arbeitsstelle und an den Beginn der berufsbegleitenden Ausbildung zur systemischen Beraterin. … Ich denke an die unzähligen Tierarzttermine mit Rumo, seine OP vor einer Woche, die Nächte ohne richtigen Schlaf. Fühle die Erleichterung, dass es nun bergauf geht mit deinem kleinen, älteren Hundemann. … Ich erinnere mich an die Drucklegung des Buches, denke an die Lesung in Halle, schmunzle gerade, weil ich auch an meine „Lesermails“ denke und an die zahlreichen Wünsche nach der Fortsetzung… Vielleicht, eines Tages 😉 …

Ich mag Zäsuren. Nicht, weil ich melancholisch nach dem Zurückliegenden schaue, sondern weil ich stolz, bereichert, glücklich meine Brust heben kann, Atemholen und den nächsten Schritt gehen, vor allem mit dem tiefen Wissen im Herzen, dass ich reich beschenkt bin durch alles, was da war und gut gerüstet, für alles, was da kommt.

Und weil es in dieser Woche so passt, noch ein paar Bilder von Rumo und mir:

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