Blätterfazit

Zu Beginn eines jeden Jahres liegen die 365 oder 366 Seiten blanko vor mir und ich weiß nicht, was am Ende des Jahres alles drauf sein wird, ob sie glatt oder geknüllt sind, bunt, weiß oder schwarz, welche Farbe und Handschrift sie tragen, wer unverhofft reingekritzelt hat und wer mir wundervolle Momente auf meine Blätter geschrieben hat. Ich weiß nicht einmal, ob sie alle gefüllt sein werden… Das was ich am Jahresende, manchmal auch unbewusst, mache, ist, mir die Blätter noch mal zur Hand zu nehmen, sie anzuschauen, sie durchzublättern, zu stoppen, nochmal über manche zu lachen bis mir der Bauch mitkribbelt, über manche zu schmunzeln, über einige den Kopf zu schütteln und mit so manchen auch noch mal zu weinen. Ich lass die Gefühlsbandbreite kommen, mich überfluten, mich erfüllen und dann lasse ich sie wieder ziehen.

Und wie jedes Jahr stelle ich auch am Ende dieses Jahres fest, dass ich kein Fazit ziehen werde und auch kein Fazit ziehen kann. Es würde die Blätter in ihrer Gänze nicht wahrnehmen, es würde manches kleinmachen und manches ersticken, würde manchem zu viel Raum geben und mache Töne zu laut sein. Doch eines fühle ich erneut: Dankbarkeit für all das, was auf meinen Blättern steht, für all das, was ich aus meinen Blättern gemacht habe und vor allem auch für all jene, die meine Blätter mitgestaltet haben, mit Farbe bereichert, mit Vertrauen besprenkelt, mit Liebe umrahmt haben. Ich bin dankbar, am Ende dieses Jahres diese Zeilen schreiben zu können und ich bin gespannt, was das neue Blätterwerk 2022 so bereit halten mag.

So wünsche ich euch einen gesunden und fröhlichen Abschluss des alten Jahres und einen herrlichen Start ins Neue! Passt gut auf euch und eure Blätter auf 😉 !

Vorabend

Heute vor einem Jahr saß ich an genau diesem Rechner und begann mit dem dritten Anlauf meines Buches. Es war auch der Abend des 23. Dezember – heute schnarcht Rumo ebenso neben mir, statt Gin Tonic gibt es Kräutertee, „Der Hobbit“ flimmert dieses Mal statt „Die Gefährten“. Teil I und ich gestehe, ich habe den Beginn heute drei Mal geschaut, weil ich mich damit so gut an Hobbiton erinnern kann. Es ist derselbe Schreibtisch, es sind dieselben Tasten, dieselben Bilder doch eine andere Wand in einer anderen Stadt. Das Gefühl erinnert mich sehr an das vor einem Jahr: es ist die stille Traurigkeit, die rückschauende Dankbarkeit, das melancholische Glück. Diese Mischung ist es, die mich tagsüber fast lähmt und am Abend eine Energie zum Schreiben freisetzt, wie ich sie selten fühle. So sind an den vergangenen Abenden einige neue Texte entstanden, neue Zeilen auf frischen Seiten und ich bin gespannt, wohin sie mich führen.

Dass ich in diesem Jahr nach nur drei Monaten mein fertiges, gedrucktes Buch in Händen halten konnte, lässt mich auch rückblickend noch staunen und dankbar sein für alle, die mich dabei unterstützt haben. Dass es davon dann auch noch eine zweite Auflage hatte geben sollen, macht mich heute noch sprachlos. Und stolz. Doch will ich nicht, einer Jahresbilanz ähnlich, mein Jahr Revue passieren lassen, aufzählen was gelungen ist und was nicht, will nicht äußerlich Fazit ziehen obgleich ich es innerlich tue, will meine Leistung nicht abmessen, nicht vergrößern und nicht schmälern.

Will stattdessen einen Gedanken teilen mit euch.

Die letzten Tage des Dezembers sind es, die vermutlich die erwartungsbeladensten des ganzen Jahres sind. Der schönste Baum und bitte auch der geradeste, die hellste Lichterkette und der größte Nussknacker, das leckerste Essen, das beste Geschenk und der richtige Stollen. Die Weihnachtspredigt auf den Punkt so wie die Klöße: nicht zu lang und nicht zu fest. Die Mischung soll nicht nur schmecken. An vielen Tischen soll es das Highlight des Jahres sein, der Familienhöhepunkt, der Friedensgipfel. Das sind schöne Wünsche, versteht mich bitte nicht falsch! Mein Baum ist natürlich der Schönste 😉 Doch es geht nicht darum, wieviele Geschenke unter dem Baum liegen und wie groß der Braten ist und wer mehr Glühwein verträgt. Besonders in diesen Tagen, wo es leider wieder einmal darum geht, Gesundheit und Gefährdung, Gemeinschaft und Schutz abzuwägen und viele nicht in Natura mit ihren Herzmenschen unterm Baum sitzen werden, sitzen können. Das kann sich traurig, einsam und ohnmächtig anfühlen – doch dann bitte nicht vergessen: gedanklich seid ihr nicht allein. Und lasst euch überraschen. Und erwartet nicht zu viel von euch. Und auch nicht von den anderen. Weihnachten geht auch mit Nudeln und Tomatensauce 😉

Und so wünsche ich allen, denen die gemeinsam am Tisch sitzen und denen die in Quarantäne netflixen, denen die Dienst leisten und denen die gerade noch am Braten schrauben: habt ein lichterfrohes, wunderbares Weihnachtsfest und denkt aneinander und passt gut auf euch auf! Merry Christmas 😉

Herbstnacht

Still ist es hier – nichts im Vergleich zum nächtlichen Sausen im Leipziger Plagwitz, wie ich es noch vor einigen Wochen vor meinem Fenster hörte. Hier ist es ruhig, leise, ich fühle die Welt schlafen.

So sollte es sein zu schlaftrunkener Stunde wie sie es gerade wieder ist. Der neue Morgen lässt noch auf sich warten. Der alte Abend verabschiedete sich längst. Gefühlt hänge ich zwischen den Tagen in dieser Herbstnacht vor dem Buß-und Bettag. Schwindelmüde und gähnendwach. Ein Zustand, in welchem ich nicht im Bett bleiben und warten kann, bis der Schlaf sich genötigt fühlt, mich wieder ins Traumland zu tragen. Manche Nacht zählte ich innerlich die Minuten, die ich noch schlafen könnte, wenn ich könnte, bis der Wecker klingelte und den neuen Tag einläuten würde. Heute entschloß ich mich direkt, aufzustehen und mich der ruhigen Herbstnacht hinzugeben. Ich trinke Tee, laufe durch meine Wohnung, lasse den Blick aus dem Fenster die Straße entlang schweifen, lausche meinem Atem und dem leisen Knurren meines Magens, fühle meine kribbelnden Finger, die schreiben wollen, setze mich ins Wohnzimmer vor meinen Rechner. Kühl ist es an meinen Füßen, die sich nach Wärme sehnend ins Schaffell graben, welches unter meinem Schreibtisch liegt. Wäre Rumo da, würde er sich noch auf meine Füße legen – welch Schatz! Doch derzeit urlaubt er im Erzgebirge, so bleiben meine Füße unbedeckt.

Dieses Gefühl, das in diesen Herbstnächten durch mich strömt ist mir vertraut. Die Zwiespältigkeit zwischen Schaffenskraft und Erschöpfung, zwischen melancholischer Inspiration und fröhlichem Schreiben, die Ambivalenz zwischen Wachsen und Vergehen – das, was der Herbst für mich ist… Neues und Altes – Platzschaffen und Beengtwerden – Aufbrechen und Ausruhen… All das pulsiert diese Nacht durch meinen Körper. Ich lasse es fließen und wallen, gebe mich der aufbäumenden Kraft hin mit dem Wissen, dass ich am Ende, dann, wenn die Worte einen Platz gefunden haben, in meine Kissen sinken werde und endlich schlafen.

In der Weihnachtspackerei

Ja, bei den Bildern (Fotos: Stefanie Becher) könnte man meinen, nicht in einer Weihnachtsbäckerei wohl aber in einer Weihnachtspackerei zu sein! Da stapeln sich die Kuscheltiere neben den Süßigkeiten, Malblöcke neben Schreibheften und Federmappen, Buntstifte neben Hausschuhen, Schals neben Spielsachen. Ein Traum für jedes Kinderherz!

Du meinst, ein wenig früh mit Geschenkepacken für Weihnachten? Nicht für diese Wichtel, die hier fleißig am Werke sind, denn die Zeit rennt. Die Geschenke sind für Kinderhände und -Herzen gedacht, deren Familien keine Geschenke zum Weihnachtsfest kaufen können. Die Aktion heißt „Weihnachten im Schuhkarton“ und ist die weltweit größte Geschenkaktion seiner Art für Kinder in Not. Seit mehr als 25 Jahren packen jedes Jahr tausende ehrenamtlicher Helfer Weihnachtsgeschenke! Eine einschlägige Internetenzyklopädie erzählt dazu folgendes: „Bis Ende 2006 wurden weltweit rund 50 Millionen Geschenkpakete verschickt. 2013 lag diese Zahl bei 100 Millionen. 2017 kamen die Geschenke aus den USA, Kanada, Großbritannien, dem deutschsprachigen Raum, aus Spanien, Finnland, Japan, Australien und Neuseeland.“ Bis Mitte November heißt es nun: Geschenke packen, kontrollieren, für den Zoll fertigmachen, sammeln, auf Laster verladen und dann geht’s los in verschiedene Himmelsrichtungen zum großen Geschenkeverteilen.

Wer mehr nachlesen mag, ist hier goldrichtig: https://www.die-samariter.org/projekte/weihnachten-im-schuhkarton/

Ich bin begeistert von dem Gedanken, ein bisschen Weihnachten in einem Schuhkarton zu verschenken und nicht ohne Grund gibt es nun diese Bilder und Zeilen auf meinem Blog 😉 Die Wichtel aus dem Erzgebirgskreis, die mir und damit auch dir einen kleinen Einblick in die Geschenkepackerei gewährt haben, brennen für „Weihnachten im Schuhkarton“ und neben vielen Sachspenden lehnen sie freilich auch Geldspenden nicht ab. Also: wer mag und kann, scheue sich nicht, zücke sein Onlineportemonnaie – und keine Sorge: alle Daten und Spendenzweck sind mit dem Wichtel Stefanie Becher abgesprochen. Hier wird nix getrickst 🙂 (Samaritans Purse e.V., Pax-Bank eG, DE12 3706 0193 5544 3322 11 – Kennwort: Weihnachten im Schuhkarton Spendenaufruf Blog Ronjabanu)

Wahlkrampf

Heute stand ich gefühlte Ewigkeiten vor dem Kühlregal des kleinen Konsum um die Ecke. Ich wollte Stracciatella-Joghurt kaufen, so der Plan bevor ich voller Appetit durch die Ladentür trat, doch dann: ausverkauft. Nun sah ich mich also einem irrsinnig riesigen Joghurtangebot gegenüber, das von A wie Ananas über Q wie Quitte bis Z wie Zabaione alles bot, nur eben nicht das, wonach mir gerade gelüstete: Stracciatella. In meinem Kopf ging ich all meine Möglichkeiten durch: a) einen neuen Laden aufsuchen – zu wenig Zeit(.), b) keinen Joghurt kaufen – aber ich wollte doch Joghurt essen(!), c) einen anderen wählen- und wenn mir die Alternative nicht schmeckt(?) Immerhin muss ich doch meine Wahlentscheidung auslöffeln….

Und während ich so die Joghurtbecher anglotzte, in der Hoffnung, dass sich einer doch noch in Stracciatella verwandeln würde, huschten die anderen Kunden an mir vorbei und bekamen von meiner Bredouille wahrscheinlich gar nichts mit. Wäre man gedanklich kühn unterwegs, könnte man die Bundestagswahl dieses Wochenende mit meiner heutigen Konsumkühlregalerfahrung vergleichen: der, der mir so wirklich richtig doll gut schmecken könnte, ist nicht dabei. Zumindest fühle ich mich in diesem Jahr vor der Wahl genauso ohnmächtig wie heute im Konsum und ja, ich gestehe es ganz offen: ich habe noch immer keine Wahlentscheidung getroffen, außer die, dass ich wählen gehen werde. Und innigst hoffe ich, dass ich am Sonntag in meiner Leipziger Wahlkabine nicht so „bredoulliert“ sitze, wie heute vorm Joghurtkühlregal.

Na, wahrscheinlich wollen die neugierigen Nasen unter euch noch wissen, wie ich mich im Konsum entschieden habe? Nur so viel: Joghurt natur + Zucker + Zitrone + Schokostreusel aus der Backabteilung – ja, manchmal bin ich ein Fuchs 😉

Zäsur

Als Zäsuren kennen die Literaten ein Atemholen im Vers, die Geschichtswissenschaftler einen eindeutigen Einschnitt, die Komponisten nutzen das Mittel der Zäsur als markante Veränderung im Stück, Fußballer ziehen eine Halbzeitzäsur im Spiel und die meisten Menschen am sylvestrischen Ende eines Kalenderjahres.

Ich mag Zäsuren als Atemholen, denn das bedeutet: stehenbleiben, anschauen, inne halten, die Brust weit machen, nachdenken, Atem holen und erst dann den nächsten Schritt gehen. Ich verrate euch hiermit: Zäsuren passieren oft in meinem Alltag, denn häufig, wenn ich meinen Papierkalender öffne und das Datum sehe, geschieht in meinem Kopf eine Verbindung zu einem anderen Jahr – eine Erinnerung als Zäsur und dann geschieht genau das für einen Bruchteil eines Moments: ich bleibe stehen in meinem Tag, schaue mir die Erinnerung an, halte inne, denke nach, mache die Brust weit und hole neu Atem und erst dann gehe ich weiter in meinem Tag, trage den neuen Termin in meinen Kalender.

So erging es mir auch diese Woche, denn meine Rückkehr nach Deutschland jährte sich zum ersten Mal. Es war ein größeres Atemholen als sonst, denn starke Erinnerungen durchflossen mich an meine Reise und vor allem auch an die letzten Monate in Deutschland. So vieles ist geschehen und ich staune über all das, was gekommen und gegangen, gelungen und missglückt ist.

… Ich denke an die ersten Wochen in Deutschland letzten Sommer, als ich zwischen den Welten hing, noch nicht in meine Wohnung konnte, zwischen Leipzig und Affalter pendelte, meine Sachen aussortierte und einen Flohmarkt veranstaltete. … Ich denke an die vielen zögerlichen Umarmungen des Wiedersehens im ersten Coronaspätsommer, denke an die vielen Nächte, in denen ich versuchte gemeinsam mit Casey ein neues Visum für mich zu beantragen. … Wie ich meine Wohnung kündigte und Englisch intensiv paukte, meinen C2 Abschluss errang und dachte, ich breche bald wieder auf. … Wie ich mich mit den Ämtern herumschlug und wie ich die vielen Gespräche genoss mit all den lieben Menschen, die ich so lange nicht gesehen hatte. … Wie Deutschland in den nächsten Lockdown und ich in meinen ersten Lockdown hier ging, wie still es wurde, weil man sich nicht mehr einfach so treffen konnte, erinnere mich an den Schnee, der fiel, und daran, dass ich meine Wohnungskündigung zurückzog als klar wurde, dass an eine Ausreise vorerst nicht zu denken war. … Erinnere mich an das Weihnachtsfest in Leipzig, denke an das letzte Telefonat mit Casey kurz nach Weihnachten und an unseren tränenumflossenen Abschied, denke an den dritten Anlauf, mein Buch zu schreiben. … Viele Monate am Rechner, viele Tage vor dem Bildschirm, erinnere mich, wie ich Bilder für das Buch aussuche und mich nach Affalter ummelde, um meine Familie ganz offiziell besuchen zu können. … Ich denke an den Frühling, der spät aber mit herrlicher Wucht kam, an den Zaunbau in meinem Garten und die vielen Bewerbungen, die ich schrieb, um eine neue Arbeit zu finden. … Denke an die Gänseblümchen und die Sonne auf meiner Haut, die ich so lange nicht gefühlt hatte, die langen Spaziergänge mit Rumo, die Vertragsunterzeichnung für meine neue Arbeitsstelle und an den Beginn der berufsbegleitenden Ausbildung zur systemischen Beraterin. … Ich denke an die unzähligen Tierarzttermine mit Rumo, seine OP vor einer Woche, die Nächte ohne richtigen Schlaf. Fühle die Erleichterung, dass es nun bergauf geht mit deinem kleinen, älteren Hundemann. … Ich erinnere mich an die Drucklegung des Buches, denke an die Lesung in Halle, schmunzle gerade, weil ich auch an meine „Lesermails“ denke und an die zahlreichen Wünsche nach der Fortsetzung… Vielleicht, eines Tages 😉 …

Ich mag Zäsuren. Nicht, weil ich melancholisch nach dem Zurückliegenden schaue, sondern weil ich stolz, bereichert, glücklich meine Brust heben kann, Atemholen und den nächsten Schritt gehen, vor allem mit dem tiefen Wissen im Herzen, dass ich reich beschenkt bin durch alles, was da war und gut gerüstet, für alles, was da kommt.

Und weil es in dieser Woche so passt, noch ein paar Bilder von Rumo und mir:

Ich kann nicht…

„Ich kann nicht. Ich kann es einfach nicht…“ Diesen Satz kennst du vielleicht auch. Ab und an kommt er mir in den Sinn, wenn ich an eine Aufgabe denke, die ich zu bewältigen habe – wie schnell denke ich: ich kann es nicht… Wenn ich an die Fülle der Woche denke und keinen Dunst habe, wie ich das, was ansteht unter einen Hut bekommen soll – ich kann es nicht… Wenn ich mir vorstelle, meinem Gegenüber ehrlich ins Gesicht zu sagen, was ich denke und fühle – ich kann es einfach nicht…

Es gibt ein Buch und in diesem Buch am Anfang eine Geschichte. Und in der Geschichte geht es nicht nur um Elefanten (die per se schon schöne Tiere und gewaltig beeindruckend sind), es geht auch um „Ich kann es einfach nicht“. Und heute mag ich sie mit euch teilen:

Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nichts weiter, als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzeln auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.

Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was hält ihn zurück?

[…] Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden: Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an einen solchen Pflock gekettet ist.

Ich schloss die Augen und stellte mir den wehrlos neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, dass er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt. Ich stellte mir vor, dass er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten… Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt. Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er es nicht kann. Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt.

Und das Schlimme dabei ist, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat. Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.

„Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ heißt das Buch. Jorge Bucay hat es geschrieben. Und im Buch heißt es weiter: „Uns allen geht es ein bisschen wie dem Zirkuselefanten – wir bewegen uns in der Welt, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet. Wir glauben, einen ganzen Haufen Dinge nicht zu können, bloß weil wir sie ein einziges Mal, vor sehr langer Zeit, damals, als wir noch klein waren, ausprobiert haben und gescheiter sind. […] mit dieser Botschaft, der Botschaft, dass wir machtlos sind, sind wir groß geworden, und seitdem haben wir niemals mehr versucht, uns von unserem Pflock loszureißen. Manchmal, wenn wir die Fußfesseln wieder spüren und mit den Ketten klirren, gerät uns der Pflock in den Blick und wir denken: Ich kann nicht, und werde es niemals können. […] Der einzige Weg herauszufinden, ob du etwas kannst oder nicht, ist, es auszuprobieren, und zwar mit vollem Einsatz. Aus ganzem Herzen.“

2. Auflage

Ihr neugierigen Nasen, ihr fröhlichen Leser!

Mit ein wenig stolz gehobener Brust darf ich verraten, dass es eine zweite Auflage des Buches „Zwischen Freude, Angst und Übelkeit“ gibt! Kurz vor dem Wochenende landete die Lieferung im Verlag und heute gehen alle Vorbestellungen an euch in die Post. Ich wünsche euch viel Freude damit!

Als ich im vergangenen Jahr begann, das Buch zu schreiben, habe ich überhaupt nicht damit gerechnet, dass es eine solch schöne Resonanz der Leserschaft und Bücherfreunde gibt. Nun gibt es binnen weniger Monate schon die zweite Auflage und wow, das Gefühl ist unbeschreiblich. … Ich staune fast jeden Tag neu, wie mein Buch die Menschen zum Nachdenken anregt, welche Reaktionen es auslöst… ich habe doch „nur“ aufgeschrieben, was mir durch den Kopf ging. Ein Autoren-Kollege schrieb mir vor ein paar Tagen dazu:

„Ja: es ist nur ein Buch, das du geschrieben hast, und das so zum Nachdenken anregt. Genau: es ist ein Buch! Und es ist ehrlich und schonungslos. Möge es noch ganz viele Leser*innen finden. (Ich weiß, wozu ein Buch in der Lage ist.) Es ist auch ein Teil des Herzens, ein Teil des Lebens, Leben selbst…“

Heute vor einem Jahr…

Ich weiß, dass man solche Sätze gerne zum Jahreswechsel sagt – weißt du noch, heute vor einem Jahr? Dann hält man Rückblick, zieht Bilanz, freut sich am Gelungenen, beweint das Verlorene und ist gespannt auf das Neue.

In den letzten Tagen, immer dann, wenn ich mein Buch in Händen halten, denke ich „ach, heute vor einem Jahr…“. Da war ich… Und meistens staune ich über den Weg, der da hinter mir lag und über all das, was noch kommen sollte bis heute. Meist, wenn ich darüber nachdenke, wo ich heute vor einem Jahr war, fühle ich tiefen Dank über die Reise und auch einen Funken Stolz auf das, was ich geschafft habe…

Inzwischen läuft mein Leben in Leipzig wieder fast alltäglich. Seit drei Wochen habe ich eine neue Arbeit und auch die Chance genutzt, eine berufsbegleitende Ausbildung zur Systemischen Beraterin zu beginnen. Im Garten grünt und wächst und blüht es. Rumo ist gesund und munter und wir drehen fröhlich unsere Runden – die Hälfte des Leipziger Neuseenlaufs haben wir schon absolviert. Langsam taut die Lockdownanspannung ab, durch den „Impffortschritt“ ist es fast schon wieder möglich, sich ohne Sorge und Verspannung zu treffen. Und etwas unerwartet, doch auch mit Stolz geschwellter Brust, darf ich verraten, dass die zweite Auflage meines Buches im Druck ist und – so alles klappt – in zwei Wochen im Verlag ankommt. Damit hatte ich nicht wirklich gerechnet, denn eigentlich habe ich doch „nur ein Buch geschrieben“ – doch immer wieder schaffen es unterschiedliche Menschen, mich mit ihren Rückmeldungen zum Buch zu berühren. Ich freue mich, dass diese Seiten, meine Worte und Gedanken, andere in Bewegung versetzen. Wow – das hätte ich vorher niemals gedacht!

Übrigens: heute vor einem Jahr habe ich meinen ersten Tag auf der Südinsel Neuseelands verbracht – im Starkregen und mit undichtem Camper 😉 (Wer es nachlesen mag: https://www.phonus-verlag.de/startseite/47-susann-finsterbusch-zwischen-freude-angst-und-uebelkeit-9783944950112.html )

Ich wünsche euch ein sonniges Pfingstfest und sende euch liebste Grüße mit einem Bild von Rumo und mir am Störmthaler See. Auf bald!

Treulose Tomate

Bei der benannten „treulosen Tomate“ handelt es sich nicht um eine der alten Nachtschattengewächssorten, die ich in meinem Kleingarten anbaue. Vielmehr fühle ich mich wie selbige, weil ich meinen Blog in den letzten Wochen doch recht „stiefmütterlich“ behandelte.

Fakt ist: mein Buch „Zwischen Freude, Angst und Übelkeit“ ist erschienen! Yippiieeiyoo, denn inzwischen haben auch alle Vorbesteller ihre Lieferung erhalten und manch ein Käufer hat mich mit der überraschenden Rückmeldung beglückt, er bzw sie habe das Buch an einem verregneten Wochenende durchgeschmökert. An dieser Stelle darf ich dankenswerter Weise Carola K. zitieren:

„Und zack habe ich Dein Buch heute fertig gelesen. Das hätte ich gar nicht so für mich erwartet, nachdem ich Deinen Reiseblog doch schon mitverfolgt habe. Aber obwohl ich viele Reiseerlebnisse durch den Blog schon kannte, hast du mit der intensiven Beschreibung Deiner persönlichen Situation dem Buch noch eine weitere Ebene hinzugefügt. Mit den verschiedenen Zeit- und Perspektivebenen hast Du Deine Gedanken und Erlebnisse sehr lesenswert verwoben. Es war für mich ein Pageturner mit unterschiedlichen Interessen und Neugierebenen, die mich als Leserin angetrieben haben, in den verschiedenen Phasen Deiner inneren und äußeren Reise zu folgen. Respekt vor Deinem Mut, so viel sehr Persönliches mit der Leserschaft zu teilen.“

Und vielleicht gibt es jetzt jemanden unter euch, der denkt „Ich würde das Buch auch gern lesen! Oder durchblättern! Oder mir ins Regal stellen! Oder verschenken!“, dann scheut euch nicht und schreibt mir direkt eine Email – ich kümmere mich um alles Weitere: susann.finsterbusch@gmail.com. Der Versuch, über unsere Verlagsseite das Buch zu bestellen, scheitert leider derzeit aufgrund technischer Schwierigkeiten der Homepage …

Letzte Woche habe ich dann noch mit meiner Hunderübe, dem flauschigsten Werbemodel aller Zeiten, ein kleines Shooting im Auwald gemacht – Ergebnisse gibt es direkt:

Ich schwöre feierlich ohne Tomatenrot zu werden: der Blog wird von nun an besser gepflegt. Habt eine schöne Woche! Und fühlt euch lieb gegrüßt!

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