Gedankenfetzen am Ostersonntag

Erster Gedankenfetzen: In den letzten Tagen haben immer mehr Menschen unsere Situation hier mit dem „Big Brother-Haus“ verglichen. Mir ist das gar nicht eingefallen. Ich erinnere mich dunkel, googel aber trotzdem noch mal und stelle fest: es gab in Deutschland 13 Staffeln mit 9 Moderatoren produziert von EndemolShine Germany – dazu verwandt: Promi Big Brother. Premiere dieser irren Sache war der 28. Februar 2000, wurde erst von RTL 2 ausgestrahlt und eingestampft, von sixx ausgestrahlt und eingestampft, und seit 2020 in der Hand von Sat 1 in Ausstrahlung. Tatsächlich war der 24/7 Irrsinn in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ auch für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Seinen Ursprung hat der Laden 1999 in den Niederlanden und wurde laut Wikipedia in über 70 (!!!) Ländern ausgestrahlt. Wahuuu!

Das Prinzip dieser Sendung: ausgewählte Menschen leben über mehrere Monate gemeinsam in einer „Wohnumgebung“ mit einem von der Produktionsfirma strukturiertem Tagesablauf, welcher durch „Spiele“ und „Wettbewerbe“ aufgelockert werden soll, aber doch vorrangig der Unterhaltung des Publikums dient. Rund um die Uhr gefilmt und ausgestrahlt; ab einem bestimmten Punkt fliegt täglich einer raus. Dem Gewinner winkt ein Preisgeld, welches übrigens in Deutschland unter der Kategorie Einkommen versteuert werden muss. Haha!

Soviel zum Original. Jetzt zu uns im Haus: wir sitzen in diesem Haus fest, zum Glück werden wir nicht gefilmt (zumindest nicht wissentlich 😉 ). Manchmal kreisen Drohnen über uns und erwischen uns auch in ungewollten Momenten. Unsere Produktionsfirma heißt „Council Whangarei and Police NZ“. „Spiele“ und „Beschäftigung“ liefern uns Don und Sam dazu gehören: fröhliches Gummibäumeschneiden, schweißtreibendes Holzhacken, Bauen eines Regenabflusses auf dem 100m langen Weg, Graszerren, Hecke mit einer Minischere schneiden, tägliches Obsteinsammeln, Zapfensammeln und schleppen… Unser Publikum sind die Nachbarn, unter deren strenger Beobachtung wir werkeln und leben, vorrangig sind sie auch unsere Wächter, um sicher zu stellen, dass wir das Gelände nicht verlassen. Sonst fliegen wir raus, nicht einer nach dem anderen, sondern alle auf einmal. Und keiner wird was gewinnen – hey, da müssen wir auch nichts versteuern 🙂 ! Ich gestehe: ich habe vermehrt Momente, in denen ich mir wünschte, dass jemand rausfliegen würde; hab da auch gleich ein paar Kandidaten im Kopf und mache auch keinen Hehl draus, dass sich bestimmt ne Menge Menschen in vielen Momenten wünschen, dass ich als erstes fliege 😉 .

Zweiter Gedankenfetzen: Dieser Tag ist eine große Herausforderung für mich und ich übe mich im Atmen. Das Haus sieht „aus wie Sau“ – zumindest in meiner Welt – hey, weiß jemand von euch, warum man sagt, dass etwas aussieht „wie Sau“???. Haare aller Länge in der Dusche, klebrige und krümelige Reste Essens auf dem Fußboden, dreckiges Geschirr an Ecken in denen man es nicht erwartet, die leeren Bierflaschen stapeln sich, die Tische kleben, die Mülltüten sind rappelvoll… Wer hat eigentlich bei Big Brother geputzt??? Ich übe und atme, zum Einen nicht zu putzen, den anderen nicht hinterher zu räumen und zu putzen und zum Anderen nicht jedem zu erzählen, dass er putzen soll. Und ich habe keinen Putzplan erstellt. Bin ziemlich stolz auf mich. Innerlich zähle ich die Tage runter, bis wir wieder reisen dürfen. Und ich dann nur mit meinem eigenen Dreck unterwegs sein werde. Klingt verrückt: aber darauf freue ich mich sehr! Und es ist einer der Momente, in denen ich mir wünsche, rauszufliegen 😉

Dritter Gedankenfetzen: Es ist viertel nach drei. Ostersonntag. Der Tag ist zäh und tröge für mich. Gestern schon hat sich eine emotional traurige Stimmung in mir breit gemacht, weil es leider nicht funktioniert hat, mit jemandem zu telefonieren – das Netz war zu schlecht, ich hatte nicht mal einen Balken. Ich habe geweint, Kopfschmerzen bekommen und die habe ich immer noch. Ich fühle mich in den letzten Tagen verstärkt einsam im Lockdown inmitten der zehn Menschen; ja, das mag verrückt klingen, sind doch genug Köpfe um mich herum, die „andeuten“, dass ich nicht allein bin, aber immer wieder wird mir der Unterschied zwischen „einsam“ und „allein“ deutlich. Oli Schulz hat es gesungen, da hab ich das erste Mal daran gedacht, jetzt ist es immer wieder in meinem Kopf: „Du bist so lange einsam, bist du lernst, allein zu sein.“ Und auch um dies zu lernen, habe ich mich auf den Weg gemacht, und jetzt hänge ich in einer ungeplanten Konstellation an einem ungeplanten Ort mit unglaublich vielen ungeplanten Gedanken und vor allem lang vergrabenen Gefühlen fest. Und das, was es am anstrengensten für mich macht, ist, dass ich mich mit niemandem austauschen kann, der mich gut genug kennt und mir ein Gegenüber sein kann, dem ich mich nicht ewig erklären muss und der mich einfach drückt, weil er mich lieb hat.

Diese Gemeinschaft ist eben eine Schicksalsgemeinschaft und nicht das Gleiche, als wäre ich mit Herzensmenschen unterwegs. Ich sehe auch, dass diejenigen, die nicht allein unterwegs sind, sondern als Pärchen oder als Freunde, immer mehr Spannungen bekommen, die Stimmungen schwanken, der Alkoholkonsum nimmt zu. Besonders Letzteres ist sehr befremdlich für mich. Für mich fühlt sich das nicht stimmig an, es fühlt sich aufgesetzt und gekünstelt an, es wirkt nicht entspannt, sondern der Alkohol wirkt zu oft, als wäre er Mittel zum Aushalten und Durchstehen. Auch andere Stoffe werden dazu benutzt… Ich für mich habe das Gefühl, dass ich dies am besten packe, wenn ich klar bleibe und bei mir, wenn ich mich abgrenze vom Zuschütten… Es scheint in Neuseeland ein generelles Problem zu sein, der zu stark steigende Alkoholkonsum im Lockdown, denn im TV kommen schon seit Tagen Werbungen für einen kontrollierten Alkoholkonsum. Auch die Geschäfte reglementieren die Menge, die eine Person für einen Haushalt kaufen kann: jeweils zwei Packungen Bier oder Wein. Empfohlener Tageshöchstsatz für Männer sind drei Bier oder Weingläser und für Frauen zwei.

Ich wünsche euch da draußen, wo auch immer ihr seid, ein frohes und behütetes Osterfest! Bleibt gesund und passt gut auf euch!

1 Kommentar

  1. deine Ellis und die Rübe

    Du bist so stark und du schaffst das! Wir haben dich lieb und sind in Gedanken bei dir…

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