May 22nd – Wellington

Zunächst wünsche ich euch nachträglich: Happy Himmelfahrt! Frage mich doch gleich, wie dieses Jahr der Feier-Vater-Tag bei euch so war? In Neuseeland begeht man den Himmelfahrtstag kaum, erst recht nicht im Level 2, in dem fast alle Kirchen noch geschlossen haben. Für mich begann der gestrige Tag mit einem Besuch in der Werkstatt. Nun da alles gut ausgegangen ist, mag ich euch auch davon erzählen. Folgendes war am 20. Mai passiert: auf dem Weg von Cape Palliser nach Lake Waiparawa fiel an einem Berg abwärts kurz vor einer Kurve die Bremse aus. Mein erster Gedanke war: oh weh, ich bin so müde, ich habe die falsche Pedale erwischt! Also trat ich kräftig aufs Gas. Ihr ahnt: das ging nach hinten los. Der Wagen wurde noch schneller. Nun muss man folgendes Wissen: an den Kurven Neuseelands steht immer vorab der Neigungsgrad bzw. Die Winkelangabe der Kurve. Steht da ne große Zahl, dann kann man das relativ gelassen sehen, 65 -85 easy peasy. Nun, vor dieser Kurve, an dem die Bremse nicht mehr mit mir kooperierte, stand eine 45. Scheiße. Ich schaltete die Motorbremse zu, zog die Handbremse und trat noch mal kräftig beherzt auf das richtige Pedal. Und siehe da: endlich tat sich was und der Wagen bremste ab. Gerade noch rechtzeitig. Meine Küche im Auto flog kräftig durcheinander, Kissen und Wärmflaschen taten es gleich, mein Herz setzte gefühlt für ein paar Schläge aus und wurde dann auffallend schnell. Mein Atem ging schlagartig rasant. Tausend Engel hatten mich umgeben und auch dafür gesorgt, dass hinter mir kein Auto kam und auch keines entgegen. … Den Rest der Strecke schlich ich zum Parkplatz, kochte Essen und schrieb euch einen Blogbeitrag über den sehr fröhlichen und glücklichmachenden Teil meines Tages. Diesen Schrecken wollte ich bewusst aussparen, denn ich ahnte, dass zu viele von euch nervös an den Fingernägeln kauen würden bis ich in Wellington bei der Werkstatt ankam… Ich schrieb meinem Autovermieter und er organisierte eine Werkstatt, die nächstgelegene eben in Wellington. Also schlich ich gestern nach zwei Kaffee am Morgen nach Wellington. „Zum Glück“ nur ein Pass und sonst fast eben. Die Werkstatt war fluchs und innerhalb von 3 Stunden war der Schaden behoben. Sie mussten alles austauschen, neben den Bremsbelägen auch die Bremsschläuche, die Handbremse und die Bremsflüssigkeit… und das beste: er bestätigte nochmals: da wurde Murks verbaut, aber jetzt hat die Karre, was sie an Bremsen braucht. So kann ich getrost am Montag auf die Südinsel fahren. Gestern und heute habe ich das Auto vorsichtig „getestet“, läuft und bremst und kann sogar am abschüssigen Berg parken. Yeah!

Zwei andere Dinge mag ich euch heute noch erzählen:

Seit gestern versuche ich, meinen Visa-Status zu erfragen bzw. zu ändern. Die neuesten Nachrichten waren dann nämlich doch, dass Visa trotz Corona nicht einfach so verlängert werden (wie vor ein paar Wochen angekündigt), man muss dies beantragen und sich per Mail bestätigen lassen. Im Zuge dessen habe ich auch überlegt, mein Holiday Visa in ein Work-Visa zu verändern. Sollte ich doch – wie leider derzeit nur absehbar – bis mindestens September hier bleiben müssen, werde ich arbeiten müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. Erntehelferin, Farmhelferin, Supermarkt einräumen oder an einer Kasse im Skigebiet sitzen – die Möglichkeiten sind gerade zahlreich. Um genau zu erfragen, wie in Level 2 und Corona Zeiten so etwas vonstatten gehen kann, habe ich nach erfolgloser Suche im Internet die deutsche Botschaft Wellington angerufen. Ich war der Meinung, dass sie doch wissen sollten, wie so etwas für Deutsche vollzogen wird, aber wahrscheinlich habe ich den zuständigen Telefonisten beim Morgenkaffee gestört, er blaffte auf Deutsch: „Da sind wir nicht zuständig.“ Gut, ich hatte wahrscheinlich auch zu viel erwartet: höflichen und respektvollen Umgang. Ähm, urplötzlich erinnerte ich mich an den Amtston der meisten deutschen Behörden – ein Stück Heimat in Neuseeland. Ohweh. Also gut, dann rufe ich eben die neuseeländischen Behörden an. Erste Wahl: Immigration Center. Und siehe da, eine freundliche fröhliche Stimme fragt mich zuerst, wie es mir geht und dann, wie sie mir helfen kann. Berät mich freundlichst, was ich zu tun habe und bedauert ausdrücklich, dass alle Büros derzeit geschlossen sind und ich mich durch die Onlineformulare der Seite klicken muss. Sie wünscht mir Erfolg und einen schönen Tag. Himmelweiter Unterschied zu dem deutschen Miesepeter vor 10 Minuten! Es beginnt eine Tortur englischer Seiten, die ich nur mit Hilfe Britannys bewältige (wer Britanny ist, erzähle ich euch dann gleich). Am Ende eines wirklich langen Klickweges steht die Aufforderung, eine AA Post- und Photostelle zu besuchen, den Ausweis und die Vorgangsnummer mitzunehmen. Vier Stellen dieser Art gibt es im Raum Wellington und ich wähle diejenige, die zwar am weitesten zu fahren ist (aber hey, da kann ich gleich noch mal die Bremsen testen!) und denke auch, da werden wahrscheinlich nicht so viele Menschen stehen. Pustekuchen =) ! Als ich dort ankomme, ist die Schlange gefühlt einhundert Meter lang. Per sms muss man sich anmelden – klappt mit meiner neuseeländischen Prepaidkarte leider nicht… Ich stelle fest: AA Center erinnert mich an Bürgerbüro Leipzig. Irgendwann kommt eine unglaublich freundliche Mitarbeiterin heraus (gut, ab da hinkt der Vergleich zum Bürgerbüro, niemals würde da jemand rauskommen =) )und fragt jeden, was er möchte. Ich sage ihr, dass ich mich nicht anmelden konnte, aber dringend mich und meinen Pass einer Behörde zeigen soll, um mein Visa zu verändern. Sie zwinkert, winkt mich an der Schlange vorbei und binnen zehn Minuten ist alles erledigt. So heißt es jetzt: 5 Tage warten, dann sollte ich online alles Weitere beantragen können. Drückt mir die Daumen!!! Sollte das schiefgehen, hänge ich ab 15. Juni ohne gültiges Visa fest. Argh, mag gar nicht daran denken. Als „Kopffreikriegen“ bin ich im Anschluss auf einen der Hausberge Wellington geklettert, habe mir den Wind um die Ohren und die schweren Gedanken aus dem Kopf pusten lassen. Immerhin ging so viel Wind, dass alles an mir flatterte und ich mühe hatte, gerade auf der Bergspitze zu stehen 😉 Tolles Erlebnis!

Etwas anderes mag ich euch noch kurz erzählen: die Schutzengel der letzten Tage sind mir auch direkt begegnet. Als ich gestern in Wellington ankam, hatte ich mich mit Mark Whitfield zum Mittagessen verabredet. Er ist der Bischof der lutherischen Kirche Neuseelands und mit dem Ensemble Nobiles bekannt – so kamen wir zueinander. Und mitten im Mittagessen fragt er mich, wie ich gerade so „wohne“. Ich grinse und erzähle ihm von der ersten Nacht im Camper um den Gefrierpunkt. Er schaut mich etwas verwirrt an und bietet mir dann an, bis Montag in seinem Haus mit seiner Familie zu wohnen, in einem richtigen Bett zu schlafen und seine Dusche zu nutzen. Ich bin platt. Eigentlich kennt er mich nicht. Als er sieht, dass ich zögere, lächelt er und sagt, dass er und seine Familie sich freuen würden, mir zu helfen. Und so nehme ich das Angebot sehr gerne an. Unter zwei Aspekten ist dieser Moment für mich besonders: ein Fremder lädt mich zu sich ein, an seinen Tisch, in sein Haus, in seine Familie. Und noch besonderes wird es als ich Folgendes bedenke: in Level 2 darf man nur einer neuen Bubble seine Tür öffnen und er sagt, dass ich diese Bubble sein soll und darf. D.h. im gleichen Atemzug auch: niemand sonst darf in sein Haus kommen.

Ich sage euch: da sind Engel am Werk! Aus tiefstem Herzen kann ich sagen: dem Himmel sei Dank!