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„Roundabout“

April 2nd – XXX

Den Platz, von welchem ich euch jetzt schreibe, darf ich euch in den kommenden drei Wochen nicht verraten. Warum? Das werdet ihr gleich hören. Nur eines vorab: ich möchte euch sehr gern von diesem irren Tag erzählen, warne euch zugleich jedoch vor: ich habe ne Menge Gin Tonic im Blut, deswegen seht mir nach, wenn es fluffig klingt und Schreibefehler drin sind 😉

04.27 Uhr: ich werde von einem Auto geweckt, welches neben meinem Camper parkt, zwei laut diskutierende Frauen steigen aus, knallen die Tür mindestens einmal zu viel, plaudern und wackeln gemeinsam zu den öffentlichen Toiletten, die ungefähr zwanzig Meter hinter meinem Van sind. Dort stellen sie fröhlich fest, dass sie irgendwas vergessen haben, wackeln zurück zum Auto, knallen die Türen nachdem sie Putzmittel rausgeholt haben. Sie putzen in Megageschwindigkeit, frage mich, wie man in ca 6.5 Minuten drei Toiletten sauber bekommt, da schwirren sie zurück zu ihrer Karre, springen rein, knallen die Türen doppelt und düsen hellbeleuchtet von dannen.

07.23 Uhr: das Nachbarauto macht seine typischen Geräusche, als Roman es schließt und ich wache auf. Na gut, der Tag fängt jetzt definitiv an; mehr Schlaf werde ich nicht bekommen. Also: aufstehen. Kleine Routine des Tages: ich dusche, koche einen Kaffee, setze mich in die Sonne, höre eure Nachrichten bei Whatsapp ab.

09.45 Uhr: Dominic telefoniert mit dem Polizisten, um ihm zu sagen, dass wir das Haus bekommen haben und gegen elf gemeinsam mit dem Council gucken wollen, wie und wann wir dahin übersiedeln. Wir laden ihn ein, dazuzukommen.

Gegen zehn Uhr: die Polizei kommt doch schon früher, nimmt all unsere Daten zum x-ten Mal auf, wir erzählen vom OK in das gemietet Haus zu ziehen (welches wir im übrigen seitens der Polizei gestern bekommen haben), sie stocken und fangen an, miteinander zu diskutieren. Wir erstarren. Haben gerade die Miete überwiesen. Freuen uns. Die Wagen sind gepackt. Der Mietvertrag ist geschlossen. Die Polizisten deuten an, dass sie zu großen Sorgen wegen der neuen Nachbarschaft haben und wir möglicherweise nicht das OK bekommen, dorthin zu fahren. Sie beginnen, wild zu telefonieren. Unsere Miene gefrieren. Die Gefühlsachterbahn in meinem Herzen geht in die nächste Runde… zum zehntausendsten Mal in den vergangenen Stunden und Tagen.

10.50 Uhr: Die Polizisten verbieten uns, in das gemietete Haus zu ziehen.

10.53 Uhr: Grant vom Council kommt und eine lange Diskussion mit der Polizei beginnt. Wir sitzen geschockt und trinken Kaffee.

11.03 Uhr: Wir überlegen einen Cocktail namens „Roundabout“ zu kreieren: es soll eine Mischung aus Kaffee und Bier sein, die wir ab morgen zum Frühstück trinken, damit wir auf keinen Fall Auto fahren können.

11.12 Uhr: Dominic ruft die neuseeländische Zeitung an. Ich plane, die deutschen Medien auch auf den Plan zu rufen. Cuba freut sich darauf, die tschechischen Medien zu informieren. Es wird uns angekündigt, dass wir nach Pohe Island sollen. Das wäre der Platz, auf dem es seit mehreren Tagen Übergriffe und „Ausschreitungen“ gibt. Ich blockiere innerlich und wünschte, ich wäre einfach an einem stillen Platz, Frieden, Frieden, Frieden!

11.21 Uhr: Donald (der Ehrenamtliche des Tikipunga Sportspark) bietet uns in Absprache mit dem Council und der Polizei an, uns auf ein privates Grundstück zu bringen. Einzige Bedingung: wir dürfen in den nächsten Wochen niemandem sagen, wo genau wir sind; diese Lösung wird niemandem sonst angeboten; kein anderer Freedom-Camper soll auf uns aufmerksam werden, um nicht selbiges zu fordern… Die Anspannung fällt ab; einige von uns weinen. Das soll anhalten, bis wir das Grundstück am Nachmittag erreichen. Viele fahren los, um noch mal Einkäufe zu machen; ich versuche zu schlafen – war einfach zu früh wach.

14.05 Uhr: Wir fahren los. Konvoi mit acht Campervans. Nicht sehr heimlich, ehrlicherweise.

15.15 Uhr: Wir erreichen das Grundstück. Donald zeigt uns alles, wir parken die Autos. Wenige Augenzwinkermomente später stehen die Nachbarn auf dem Plan. Beschweren sich über die Neuankömmlinge, die Corona bringen werden… Die Bedingung war: niemand darf erfahren, wo wir sind; sollte sich jemand beschweren, müssen wir nach Pohe Island. Das war es dann. Viele von uns sind noch immer verunsichert, auch ich habe Angst, dass wir auffliegen und für mindestens drei Wochen auf einen Campingplatz müssen, auf dem uns niemand haben möchte.

16.35 Uhr: ich trinke gegen die „Deportation“. Die anderen schließen sich an. Wenn wir betrunken sind, können wir nicht mehr fahren. Hihi.

Gegen acht: Wir sitzen zusammen auf den Sofas des Hauses, sind noch immer geflasht von diesem Tag. Viele können es noch nicht so richtig glauben, dass wir jetzt hier sind und im besten Falle auch bleiben können. Auch ich zweifle noch stark. Lasst uns sehen was passiert.

Verzeiht, aber ich bin müde; jetzt wisst ihr erst mal so grob, was heute passiert ist. Morgen erzähle ich euch mehr, mit weniger Alkohol im Blut. Dann gibt es auch Bilder der letzten Tage 😉

Erkenntnis des Tages: Dieser Staat macht uns mürbe. Keiner weiß, was der andere tut, sagt… Und wir sind diesem hilflos ausgeliefert.

Übrigens: der Mietvertrag ging bisher nicht zu kündigen… auch die gezahlte Miete haben wir noch nicht zurück.

Kein Aprilscherz

April 1st – Tikipunga Sportspark

Noch einmal schreibe ich euch von diesem Parkplatz – das wird heute nichts langes und auch nichts tiefgründiges; nur ein kleiner Moment, um euch wissen zu lassen, wie es um mich derzeit bestellt ist.

Zunächst: ich bin gesund! Ich bin froh darüber und klopfe auch gerade auf alle zur Verfügung stehenden Holzunterlagen, dass das so bleibt. In diesen Zeiten, besonders jetzt im Lockdown, wird man ja schon schief angeschaut, wenn man sich morgens ausschnauben muss oder tagsüber mal nen Nieser loslässt, weil einem die Sonne die Nase krabbelt. Also: weiterhin alles bis zum Wegätzen desinfizieren und fröhlich Hände waschen; da überleben nicht die kleinsten Viren 😉

Und weiterhin: ich darf mich weiterhin in meinem Camper aufhalten! Ja, es gibt viele Touristen, die gezwungen werden bzw. gezwungen sind in teuren Hotels zu wohnen – meist in der Nähe von Auckland. Das hat zwei Gründe: durch die angekündigten und auch geplanten Rückholflüge haben sich unzählige Touristen in die Nähe der Flughäfen begeben, dann wurden die Flüge gestrichen (im übrigen alle Flüge und keiner weiß wir lang!) und die Touristen hingen in der Nähe der Flughäfen fest. Das trieb und treibt die Preise enorm in die Höhe. Und die Leute müssen in Hotels in Flughafennähe, weil es Touristen verboten ist (wie auch fast allen Neuseeländern), öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. (Nur die Leute, die notwendigen Berufe haben und zur Arbeit müssen oder von dort nach Hause, dürfen noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.) Ich habe in den letzten Tagen zahlreiche Berichte gelesen… von überschuldeten Touristen, die aus Hotels geflogen sind; es wurden Flüge für 14500 Dollar angeboten; es gibt Menschen, die in Hotelzimmer „gesperrt“ werden, denen der Schlüssel weggenommen wird – wenn sie das Zimmer verlassen (ohne Erlaubnis) und nicht zurückkommen, droht ihnen eine Haftstrafe; es gibt Touristen, die nicht einkaufen dürfen, in Hotels festsitzen und seit Tagen Tütensuppen essen, weil die Hotelrestaurants nicht mehr arbeiten; es gibt Beschimpfungen, Drohungen, Übergriffe auf Touristen und Einheimische…. Der Lockdown ist erst eine Woche jung, keine Ahnung, was hier passiert, wenn die Leute noch drei Wochen so leben sollen und so behandelt werden… Viele haben mittlerweile die Aufmerksamkeit inländischer und ausländischer Medien; auch ich habe oft das Gefühl, dass „unsere Geschichte“ offiziell werden sollte. Denn zuletzt sind wir heute wieder „gebeten“ worden, den Platz zu wechseln…

Gestern morgen: Whangarei Council kündigt an, dass Tikipinga der Platz ist, auf dem wir für den ganzen Lockdown stehen – wir „richten“ uns ein, putzen Toiletten und Duschen – ca. vier Stunden später kommt die Polizei und will uns umgehend „räumen“ – ein paar Telefonate später dürfen wir bleiben „bis zur nächsten Anweisung“. Eine Camperin kommt mit ihrer kleinen 4jährigen Tochter zu unserem Platz, sie hustet furchtbar, die Tochter auch, wir merken es an, nichts passiert. Sie nutzen unsere Duschen und Toiletten und von jetzt auf gleich ist verständlicherweise jeder von uns besorgt, ob der Virus jetzt auch unter uns wohnt. Heute morgen verlässt sie zum Glück wieder den Platz. Dann kommt Grant vom Whangarei Council: neue Entscheidung aller Verantwortlichen, morgen werden wir „umgesiedelt“ auf einem Parkplatz bei einem Schwimmbad, dessen Einrichtung wir nicht nutzen können. Also ein Platz wieder ohne Duschen, Strom, frischem Wasser, keine Toiletten… Schon gestern hatten wir alle zusammen die Faxen so dicke, dass wir begonnen haben, ein Haus zu suchen, welches wir zu zehnt für die kommende Zeit günstig mieten, dessen Garten und Innenleben wir nutzen können, um endlich Ruhe zu haben und nicht mehr allen Möglichkeiten und neugierigen Blicken ausgeliefert zu sein… Fast stündlich kommen Menschen zu Fuß oder in Autos auf den Parkplatz von Tikipunga, viele freundlich interessiert und leider auch zu viele, die offensichtlich wollen, dass wir gehen und dies in Gesten und auch mit Worten zeigen… Viele von uns fühlen sich wie „im Zoo“.

Aktueller Stand: wir haben ein Haus gefunden, das Platz für zehn Leute und sechs Autos bietet. Ich hoffe so, dass das morgen alles klappt! Werde es euch wissen lassen 😉 Habt einen schönen Tag! Ich mache mir jetzt meine Wärmflasche, ziehe meine dicken Wollsocken an und kuschel mich ins „Bett“ mit der großen Hoffnung, dass diese Nacht nicht so kat werden möge. Bis bald!

Abend ward, bald kommt die Nacht

March 29th – Tikipunga sportspark

Gleich ist es acht. Abends. Der Tag neigt sich dem Ende, der Tag ist nun vergangen, bald kommt die Nacht, schlafen geht die Welt…hmmm… ich summe leise die Melodie vor mich hin, während ich euch diese Zeilen schreibe. Eines meiner liebsten Abendlieder; in den zahlreichen musikalischen Abenden auf Freizeiten besonders im Sommer zu Zeiten der Arbeit in der Thomaskirche ist mir dieses Lied und seine leise Weise so ans Herz gewachsen. Bevor ich euch dann den Beitrag poste, schaue ich mal, ob das Internet ein angemessenes Video dazu ausspuckt 😉

Langsam lässt die Unruhe nach; unruhig war es heute wieder, denn den dritten Tag in Folge haben wir die Autos zu einem neuen Platz bewegt, uns neu aufgestellt, irgendwie auch neu eingerichtet. Auch wenn es heute nur ein paar Meter zu fahren waren, ist doch der Unterschied deutlichst: gestern noch standen wir in einer Reihe nebeneinander, haben gemeinsam an einem Tisch (und eben wie auch jeden Tag in einem Bott) gesessen. Heute morgen kam Grant vom Whangarei Council und meinte, dass es gestern und auch heute morgen zahlreiche Beschwerden telefonischer Natur über uns gab, dass wir nicht den erfolderlichen Mindestabstand von zwei Metern einhalten und uns nicht an die Lockdown-Regeln halten würden…. Dass wir in einem Boot, in einer bubble, dass wir alle Teil einer „Familie“ sind und uns deswegen auch so zum Essen niederlassen dürften, dass dass dass… so viele Versuche, uns immer wieder zu erklären…. Leider landen diese Versuche inmitten dieser Stadt auf keinen fruchtbaren Boden. Bleiben ungehört.

Achja, man könnte lange spekulieren, warum Menschen sich beschweren, da ist sie wieder: die Angst. Vielleicht ist es auch der Neid, dass wir draußen sitzen, uns sie selbst daheim festhängen. Vielleicht ist es auch die Unsicherheit, wie mit der „touristischen Virusbedrohung“ vor der Haustür umzugehen ist; vielleicht ist es auch Sorge, Langeweile, Stumpfsinn… keine Ahnung. Mittlerweile denke ich, dass wir auch die kommenden vier Wochen immer in Bewegung sein werden, sein müssen. Aus Gründen, die wir nicht verstehen mögen, die uns dennoch in Bewegung versetzen werden, bzw. uns immer wieder vor die Entscheidung stellen werden: in NZ bleiben oder zurück fliegen.

Heute habe ich einen Spaziergang gewagt: an die Whangarei Wasserfälle, durch den anschließenden fast Regenwaldähnlichen Park, durch die Siedlung am Fuße der Hügel und durch ein paar Straßen in Whangarei. In vielen Fenstern sitzen Teddybären, hier könnt ihr lunzen, warum das so ist: https://www.rnz.co.nz/news/national/412602/teddy-bears-in-windows-to-cheer-up-kids-during-lockdown oder hier https://www.nzherald.co.nz/bay-of-plenty-times/news/article.cfm?c_id=1503343&objectid=12319966 . Es tat gut, ein wenig aus dem Corona-Wahnsinn rauszukommen und in Natur einzutauchen. Ich will euch gleich auch noch ein paar Bilder hochladen – Pflanzen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, spannend, schön, faszinierend… Als ich zurückkam, beseelt und auch gut geschafft, ploppte auf, dass wir eigentlich auch nicht rumlaufen oder spazieren dürfen. Ja, das lässt sich finden – neben der „Erlaubnis“ für alle in NZ, mit Abstand spazieren gehen zu können. Irrsinn. Aber hey, das sind die hübschsten Eindrücke für euch:

Bis bald! Passt gut auf euch auf! Ich drück euch mal feste aus der Ferne – mit zwei Meter Abstand freilich erlaubt 😉

„Abend ward, bald kommt die Nacht
Schlafen geht die Welt
Denn sie weiss, es ist die Wacht
über ihr bestellt

Einer wacht und trägt allein
Ihre Müh‘ und Plag‘
Der lässt keinen einsam sein
Weder Nacht noch Tag

Wenn dein Aug‘ ob meinem wacht
Wenn dein Trost mir frommt
Weiss ich, dass auf gute Nacht
Guten Morgen kommt“ (R.A. Schröder)

Bleibt alles anders…

March 26th – Rarawa Beach

Kia ora! Ich freue mich, euch auch heute wieder mit der schönen Mardybegrüßung zu begrüßen =). Eine gute Nachricht zuerst: wir haben einen Generator! Das heißt: Strom zum Labby laden, ihr werdet mit Blogeinträgen zugespamt. Na, freut ihr euch jetzt schon? Wer keine Muse hat, kann ja in vier Wochen wieder vorbei schauen, hihi, dann ist hoffentlich die Geschichte des Lockdown beeendet und ihr lest wieder spannende Unterwegssein-Stories. Doch bis dahin werden es Gedanken zu und aus Coro20.

Unsere Schicksalgemeinschaft ist nun komplett: 15 „Gefährten“ unterschiedlichster Coloeur =). Wir haben nicht die Mission, zum Schicksalsberg zu laufen und den einen Ring zu vernichten, leider 😉 (obwohl ich wahrscheinlich spätestens in ein zwei Tagen den Megadrang haben werde, loszuwackeln – und ich vermute, dass es hier manch anderen auch noch so gehen wird).

Mittlerweile ist es schon der 27. März. Gestern abend hatte ich keinen ruhigen Kopf mehr, um euch weiter zu schreiben. Deswegen jetzt: einen Kaffee hatte ich und eure lieben Nachrichten bei Whatsapp habe ich zum Frühstück abgehört und dieser kleine Moment wird mir zum „Alltag“ in Coro20 werden. Kleine Rituale, wo ich doch jetzt schon nicht mehr weiß, welcher Wochentag heute bei uns ist.Ohweh =(.

Der gestrige Tag war aufregend: morgens konnte ich für unsere „Schicksals-Familie“ einkaufen fahren. Es gibt im nahegelegenen Houhura einen „Tante-Emma-Laden“, der die Region und nunmehr auch unseren Platz mit Essen versorgt. Für uns Self-Isolater heißt das aber, dass wir nicht in den Laden dürfen und auch nicht alle zum Laden kommen dürfen. Deswegen funktioniert einkaufen für uns jetzt so: am Vorabend überlegen wir uns, was wir brauchen und senden diese Liste via Email an Amy im Laden. Wir haben jetzt zwei kleine „Familien“ im Camp, für die jeweils eine Person in den kommenden vier Wochen den Einkauf abholen darf (leider darf die Person nicht wechseln, zumindest nach aktuellem Stand nicht; so dass immer der gleiche Hupsel fahren muss; für unsere Familie dürft ihr mal raten, wer das durch den gestrigen Einkauf automatisch geworden ist 😉 ). Also am Morgen des nächsten Tages darf ich also zum Hinterparkplatz des Ladens fahren und inmitten der Kisten und Stiegen parken. Dann warten. Wenn jemand an die Hintertür kommt, Hände desinfizieren, Handschuhe anziehen, Kreditkarte nehmen und alles noch mal desinfizieren. Dann die Kreditkarte in einen Umschlag des Ladens stecken und auf die Bestellung warten. Aber bitte mit mindestens 2 Meter Abstand zur Tür =). Wenn die Bestellung in einer Kiste kommt, warten, bis sie abgestellt wird, dann Kiste nehmen und abdampfen. Die Kreditkarte mit den Quittungen befindet sich dann im fröhlichen Stapel des Einkaufs. Ich bin froh, dass es eine Lösung gibt! Beim Einkauf gestern gab es noch einen kleinen anrührenden Moment: wir hatten zwei Packungen Mehl bestellt, aber die Nachricht bekommen, dass sie keines mehr haben. Als ich dann an der Ladenrampe stand habe ich darum „gebettelt“, dass sie aus der nächsten Mehllieferung zwei Packungen für uns bitte doch zurücklegen mögen. Die Verkäuferinnen schauten sich abwechselnd fragend, durchdringend, überlegend und angerührt an. Dann sagte Amy, sie habe für ihre Angestellten etwas zurückgelegt und davon würde sie uns zwei Päckchen abgeben; ein paar Augenblicke später stand ich dann dort mit meiner Kiste Einkauf und den zwei Pck. Mehl als der Chef des Ladens kommt, das Mehl sieht und sagt, er müsse mir eine Packung wieder abnehmen. Ich schaue ihn an mit meinem Mehl auf den Armen, er schaut mich an und sagt dann „This is too sad, I can`t take it, this is such a sad situation.“
Und er winkte ab und ging weg, murmelnd, wie traurig es wäre, mir jetzt das Mehl wegzunehmen.

Zwischenspiel: In den Augenblicken, in denen ich euch diese Zeilen schreibe, ist es 11.30 a.m. am 27. März und Kevin ist vor wenigen Minuten ins Camp zurückgekommen mit der Botschaft, dass er Haina und ihre Kollegen am Tor traf und sie ihn baten, zurück ins Camp zu gehen, es gäbe Neuigkeiten. Sie würden noch auf Richard warten und dann zu uns allen kommen. Jetzt warten wir, vor allem unsicher und ängstlich, befürchten, dass wir hier weg müssen, dass es zu doofe Neuigkeiten für uns gibt… Bis zum Frühstük diesen Tages war ich sehr optimistisch, einen Platz gefunden zu haben, „sicher“ und versorgt zu sein, nicht allein durchzumüssen… binnen weniger Worte bin ich zurückgeschleudert auf die maximale Ungewissheit, auf das nervige Warten… mein Herz rast schon wieder und mein Kopf dreht sich, weil alles so unsicher geworden ist.

Als ich gestern vom Einkauf zurück ins Camp kam, war die Polizei da mit der Absicht, das Camp zu räumen… (dieser Teil konnte am 27. März nicht beeendet werden, weil in diesem Moment die Doc-Mitarbeiter mit der Polizei kamen).

March 28th – 10.26 pm – Whangarei

Ich weiß gar nicht, wo ich so richtig anfangen soll mit erzählen, denn so vieles ist in den letzten 24 Stunden gewesen. Schon am 26. März wollte die Polizei unser Camp räumen; letztendlich haben sie es gestern getan. Die offizielle Begründung war, dass sie uns im Camp nicht gut versorgen können und es keine medizinische Hilfe im Notfall geben könnte. Als wir so im Rarawa Beach Campground standen, war ich traurig, denn es war ein schöner Platz für die vier Wochen und letztendlich hatten wir auch am 26. März Lösungen für alle Fragen gefunden: Strom, frisches Wasser, Essen, Toiletten, Duschen… deswegen hatte ich auch gedacht, dass wir dort die kommende Zeit gut aufgehoben wären. Doch das, was Neuseeland gerade auch „ausmacht“: Pläne ändern sich täglich und manchmal auch stündlich. Deswegen gab es am 27. März einen neuen Plan. Und der hieß: Konvoi nach Whangarei, dort gäbe es einen Platz mit allem Notwendigen für uns. Der Abschied von Haina und Richard war traurig, und doch bin ich auch froh, dass die beiden ein wenig durchatmen können… und doch hatte ich auch das Gefühl, dass die beiden traurig waren, dass wir „abtransportiert“ wurden. Unser Konvoi brauchte gut 4 Stunden für die 200km nach Whangarei und ich weiß gar nicht, wie ich euch das Gefühl beschreiben kann, als wir am „Zielort“ ankamen: ich hab gedacht, dass ich ausrasten muss. Die Polizei brachte uns zu einem öffentlichen Parkplatz mit einer öffentlichen Toilette, die Zeugnis von den vorherigen Nutzern ablegte (wenn ihr versteht, was ich meine) und die wir eigentlich auch nicht nutzen durften. Keine Duschen. Kein Strom. Keine Möglichkeit, an frisches Wasser zu kommen oder das portable Scheißhaus =) zu leeren. Nicht nur wir waren in diesem Moment überfahren und überfordert; auch der Polizist, der uns „ablieferte“, dessen Auftrag es war, uns dorthin zu bringen, war sehr angespannt. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, in diesem Land keinen Platz mehr zu haben. Seine Reaktion war auch fragwürdig: auf unser Fragen, wer zuständig sei, gab er die Antwort „the prime ministre“; wir fragten, was passiert, wenn wir weiterfahren: dann würde man uns ggf wieder stoppen, festsetzen und „deportieren“. Wir könnten die Botschaft anrufen. Und dann zischte er ab. In diesem Moment stellt ich fest, wie sehr wir uns schon als kleine „Familie“ verstehen: jeder versuchte nach seinen Begabungen und Möglichkeiten eine Lösung zu finden. Letztendlich verdanken wir es besonders der Beharrlichkeit von Dominic, dass wir heute morgen vom Whangarei Council auf einen neuen Platz eskortiert wurden. Zwar stehen wir nun auch wieder auf einem Parkplatz, haben aber nicht mehr Straßen vor der Nase sondern ein wenig Grün, denn wir stehen neben einer Trainingsanlage des Soccerteams und im besten Fall können wir auch in den kommenden vier Wochen deren Duschen, Toiletten und Aufenthaltsräume nutzen. Das wäre der Hammer! Derzeit mal wieder Warten, denn in eineinhalb Stunden will jemand kommen und uns alles Weitere erklären.

Es gibt zum Glück noch eine kleine gute Neuigkeit: ich kann meinen Campervan fünf Tage länger haben als bisher gedacht, d.h. bis zum sechsten April und dann muss neu geschaut werden, denn es kann ja auch sein, dass sich die Situation bis dahin wieder geändert hat. Und zum Glück muss ich für die Verlängerung auch nix zahlen! Yeah!

Viele von euch denken an mich in dieser Situation, habt Dank für all eure Nachrichten, Bilder, Lieder und Sprüche. In den kommenden Tagen will ich euch nach und nach mit Ruhe darauf antworten. Noch fühle ich mich gehetzt, noch fühle ich mich „in der Schwebe“, noch habe ich die volle Anspannung in mir. Ich bin müde, soo müde von all den Unsicherheiten, dem unfreiwilligen und nicht selbst bestimmtem „Unterwegs“ sein. Ich kann nur ahnen, wie es Menschen geht, die nicht wissen, was in den kommenden Stunden, die kommende Nacht oder die nächste Woche kommen wird; Menschen ohne Obdach, Menschen ohne Schutz, Menschen ohne Zuhause, Menschen ohne Sicherheit, Menschen ohne Schutz, Menschen die keinen Platz haben, an dem sie gewollt sind…. Wie muss es sein, so zu leben; wie muss es all jenen gehen….

Coro20

March 25th – Rarawa Beach

Grüße an euch alle da draußen! Seit einer Stunde steht fest: keiner darf den Platz mehr verlassen. Ggf. Kommen neue Campervans dazu, die, die jetzt schon da sind, bleiben für die nächsten 4 Wochen. Aaargh. Jup, ihr habt richtig gelesen: das ist mein neues Zuhause für die nächsten 4 Wochen. Gut, man kann nie wissen, ob der Lockdown vielleicht doch früher aufgehoben wird oder verlängert (hui, hoffentlich nicht Letzteres!), oder ob die Regierung beschließt, das gestrandete Campervan-Camp noch mal umzusiedeln – derzeit gehe ich davon aus, dass ich hier bleibe. Zusammen mit dem deutschen Pärchen haben wir uns einen Namen für unser neues kleines Dorf ausgedacht: Coro20. In manchen Teilen fühlt es sich schon nach einem Tag dörflich an: jemand hat viel Alkohol, die anderen Dosenfutter, ich kann Hotspot anbieten und jemand anderes Yogastunden… derzeit lachen wir noch viel, die Sonne scheint wieder, die Stimmung ist angespannt aber gut. Der heutige Tag bestand vor allem aus Warten: bisher kam zwei Mal das Gvot, ein Mann aus der „Health border“ erschien vor knapp einer Stunde. Dieser Auftritt war einigermaßen sinnlos. Mal wieder wurden alle Namen und Telefonnummern gesammelt, auf die gesammelten Fragen unsererseits konnte auch er nicht reagieren. So bleiben viele Dinge derzeit noch offen für Coro20 =). Woher bekommen wir Strom? Wer versorgt uns mit Gaskanistern? Wie kommen wir an Essen? Um nur einige zu nennen… Alles scheint noch ein wenig „witzig“ und vor allem unwirklich für uns… ich denke, dass noch keiner realisiert hat, so wirklich begriffen, dass das jetzt der Platz ist, an dem wir 4 Wochen!!! stehen.

Gestern abend saßen wir ein wenig beieinander – man bedenke: zwischen allen waren tatsächlich mindestens 2 Meter Abstand. Seltsames Gefühl, aber mittlerweile fühlt man sich bedroht (in einer ganz merkwürdigen Art und Weise), wenn jemand näher kommt als 2 Meter. Auf jeden Fall saßen wir da so: Kevin aus den Staaten, Alex und Bradon aus Kanada, Johanna und Dominic aus Hannover und ich. Tauschten uns aus über die Situation, unsere Reisepläne, unsere bisherigen Reisen… Das war schön; ein klein wenig wie ein Stammtisch ohne Bier. Quatschen bis der Regen kam.

Ich will euch auch nicht vorenthalten, dass die Stimmung in den Ländern gegen Touristen umschlägt, auch hier ist das gestern zu merken gewesen. Entlang der Straße gab es zahlreiche Schilder mit „Go back!“, „Go home“, „For our safety turn around“… und noch deutlicheres… Die Angst nimmt zu. Kevin erzählte, dass er aus Sri Lanka „abgehauen“ ist, weil er massiv beschimpft wurde und „angehustet“ mit „Corona, Corona, hhh“. Alex erzählte, dass Freundinnen von ihr, die in Brisbane leben und asiatischen Ursprungs sind, aber schön länger in Australien ein Zuhause haben, im Bus verbal angegriffen wurden, dass sie endlich abhauen und nach Hause gehen sollten. Die Angst nimmt zu, die verbalen Angriffe, hoffentlich nicht mehr… ein bisschen Sorge habe ich schon, da will ich ganz ehrlich zu euch sein. Corona verändert auch hier das Zusammenleben – auch wenn die Nation für „stand together“ wirbt; es gibt einfach immer noch zu viele Neuseeländer, die arm sind und kein Geld für medizinische Versorgung haben, die Angst bekommen um sich und ihre Kinder, weil sie keine Chance haben… Und was Angst mit Menschen machen kann, haben wir ja in den letzten Monaten in Deutschland immer wieder gesehen.

Mittlerweile ist es Abend geworden. Nach und nach kleckern immer wieder Leute ein, mit dem Wissen, hier die nächsten 4 Wochen zu verbringen. Johanna, Dominic und ich haben uns schon ein paar Dinge überlegt, um die Zeit totzuschlagen,wenn dann die Langeweile zuschlagen wird: Wickingerschach mit Plastikflaschen, Bowling mit den leeren Gaskanistern, Schnitzen von Sitzgelegenheiten (Dank Anne habe ich ja ein Taschenmesser dabei, hihi), Filmabende (ich hab ja auch alle drei Teile HdR mit =), wobei das davon abhängig ist, ob wir hier Strom bekommen oder nicht… Dominic will fischen lernen und ich kann mich im Nichtstun üben. Also, die vier Wochen werden gut genutzt in Coro20, zwinker zwinker. Ich bin sooooo froh, hier nicht allein zu sein; ich bin soooo froh, dass Haina uns supported und ich bin soooo froh, dass es bisher tatsächlich immer Lösungen gab; ich vertraue darauf, dass besonders Letzteres so bleibt. Und vielleicht haben wir eine Menge Mac-Gywer-Momente in Coro20, ich werde es euch wissen lassen!

Gleich ist es acht und die Sonne verabschiedet sich hinter den Hügeln; sobald sie wieder aufgeht, hat der Lockdown für alle begonnen. Das Militär wird Streife fahren, der Notstand ist schon ausgerufen; die Grenzen der einzelnen Distrikte sind dicht, bis Freitag dürfen diese nur noch mit gewichtigem Grund überfahren werden, danach nicht mehr. Wahnsinn, so etwas mitzumachen. Weltreise mit Lockdown, das kann auch nicht jeder sagen =). Ein bisschen Bammel habe ich, denn bisher gibt es keine Lösung für meinen Camper, den ich eigentlich am Dienstag in Auckland abgeben muss, offiziell darf ich nicht mehr fahren… und die Vermietung geht nicht ans Telefon und reagiert auch nicht auf meine Mails. Vielleicht tut sich morgen da was, wenn die Notstandshilfe bei uns auf dem Platz aufkreuzen wird, angekündigt ist sie zumindest.

Daheim steht ihr jetzt auf, ich wünsche euch einen hübschen Tag! Passt gut auf euch auf! Ich weiß, dass auch ihr mit vielen Widrigkeiten kämpft, die wahrscheinlich ähnlich schwierig sind, wie die meinen oder härter (in diesem Moment denke ich da besonders an einige von euch, die mir sehr am Herzen liegen und mit diesem ganzen Schei… gerade ganz schön in der Luft hängen… besonders euch wünsche ich Kraft und Geduld und die besten Gedanken; auch wenn ich am Hintern der Welt sitze, ich denke an euch!).

Agieren und Reagieren… ich übe mich

March 24th – Rawara Beach

Kia ora, ihr Lieben! Ja, ihr Lieben! Vor wenigen Momenten habe ich die zahlreichen, bewegenden Nachrichten von euch abrufen können und sie haben mir nicht nur Pipi in die Augen gezaubert, sondern auch so viel Trost und Zuversicht gegeben! Das habe ich so gebraucht und ich danke euch unzähligste Male dafür! Dass diese Situation nicht einfach ist, war ja meinem letzten Beitrag zu entnehmen =). Ich kann auch nicht sagen, dass sie leichter geworden ist, das nicht, und dennoch will ich versuchen, mich anders zu ihr aufzustellen. Und heute ist mir das bisher ganz gut gelungen.

Die von euch, die das Vergnügen (hihi) hatten, mit mir zusammen zu arbeiten, wissen (vielleicht mehr noch als jene, die „nur“ privat das Vergnügen mit mir hatten), wie gern ich aktiv gestalte. Das hat nicht nur kurze Sequenzen der Arbeit betroffen, sondern vor allem, wenn es um Veranstaltungen und Reisen (Freizeiten, Austauscharbeit, Rüstzeiten, Seminare und pipapo) ging, war (und ich denke auch bin) ich immer gern diejenige, die weiß, was wann passieren kann, wie Plan A, B und C aussehen, wer wann was macht bzw auch wann wer mal durchatmen und die Füße baumeln lassen kann. Aktiv die Dinge zu gestalten, heißt für mich auch immer, den Faden nur bedingt aus der Hand zu geben und auch dann den Kopf hinzuhalten, wenn alles mal nicht nach Plan gelaufen ist… Aktiv die Dinge anzugehen, ist für mich eine Form, frei zu leben, jetzt mal ganz privat betrachtet. Aktiv gestalten, sich aktiv bewegen, damit anzuecken und anzustoßen… all das gehört für mich da mit rein. Besonders dann, wenn ich nicht mehr aktiv agieren kann, wird es für mich enge. Gedanklich vor allem, denn ich bin nur bedingt gut darin, bedacht und besonnen, überlegt und nicht zu impulsiv auf die Dinge zu reagieren. Und dadurch aktiv zu werden. Ja, vor allem im letzten Blogeintrag habt ihr erahnen können, wie mich meine Emotionen oft überrollen und ich unfähig bin, zu reagieren, wenn vor allem Dinge kommen, die keine vorher gedachten Eventualitäten waren. Und ich kann aus vollem Herzen sagen: Corona & Covid 19 waren für mich überhaupt keine gedachten Reinkrätscher in meine Reise. Ja, wahrscheinlich naiv, aber jetzt da.

Zwei Sachen, in enen ich mich seit 48 Stunden übe: Geduld und Vertrauen. Scheibchenweise gibt es Lösungen für o.g. Probleme, nicht immer gleich, wenn ich sie mir wünsche, oft heißt es für mich warten, vertrauen, atmen, warten, Tee trinken, warten, Hörbuch hören, warten… Der gestrige Tag lief dann ungefähr noch so ab und am Abend, als die Sonne sich schon lange verabschiedet hatte, kam Haina am Camper vorbei und sagte mir: morgen früh fährst du gleich zurück nach Rarawa Beach. Dort wirst du warten und es wird jemand kommen, der mit euch sprechen wird und euch fragen wird, was ihr braucht. Alle Self-Isolation Leute sind jetzt dort. Tausend Fragen schwirrten mir durch den Kopf, bremste mich jedoch und dankte Haina nur, dass sie so eine großartige Arbeit in diesen so schwierigen Tagen macht. Bewegt waren wir beide in diesem Moment und miteinander verbunden durch diese Lockdown-Hilflosigkeit und wenn ich gedurft hätte, hätte ich sie vor Dank und Erleichterung gedrückt. Und so übe ich mich in Vertrauen: es wird einen Plan geben, zu einer Zeit, die ich nicht bestimmen kann; es wird eine Lösung geben, für all jene, die hier in der Luft hängen wie ich. Und als ich heute morgen in Rarawa Beach ankam, auf einem Platz, der wie leergefegt ist, da taten sich neue Möglichkeiten auf: Richard (Hainas Kollege) war hier mit Wasser und er hat sich alle Fragen angehört und gemeint, er käme mit Lösungen zurück (nur unklar, wann); ich traf ein junges Pärchen aus Hannover, die in der gleichen Klemme stecken wie ich und jetzt teilen wir uns den ganzen Platz, das Gas zum Kochen, die Wäscheleine und am wichtigsten: ein paar Gespräche aus der Ferne und Ideen, wie es wann und wie möglicherweise weitergehen kann =)

Auch heute möchte ich euch wissen lassen, dass ich gesund bin und ich gestehe, wenn ich die Nachrichten aus Deutschland lese, dann besorgt mich die Situation dort eher, als meine hier. Bleibt gesund, passt gut auf euch auf, kriegt keinen Corona-nicht-mehr-raus-dürfen-Koller, atmet schön und trinkt Tee, irgendwann ist der Spuk vorbei!

PS: Auf Bilder müsst ihr vorerst verzichten, zu wenig Datenvolumen. Aber hey, ihr könnt mein Gesabbel lesen =)

Und nun?

22. März: Rarawa Beach. Kia ora! Ihr Lieben in nah und fern, ich grüße euch! Derzeit stehe ich auf einem Campingplatz in Far North, gerade kamen zwei Touristen an, die berichteten, dass der Campingplatz am Cape Reinga wegen Corona soeben geschlossen hat. Es ist kurz nach fünf am Sonntag nachmittag; in gut 30 Minuten gibt es die aktuellen Neuigkeiten der Regierung; irgendwie vermuten hier alle ganz dumpf, dass es ein Fahrverbot für Camper geben wird… Sollte das passieren, hänge ich wahrlich fest an einem Ort ohne Strom, ohne Einkaufsmöglichkeiten, mit schlechtem Netz, ohne frisches Wasser…. ja, mir würden noch mehr Nachteile einfallen, wenn ihr darauf besteht, und doch: an einem Ort, der atemberaubend schön ist! Als ich gestern an den Strand kam und kilometerweise niemanden gesehen habe, war ich verwundert, beunruhigt und mega glücklich. Sollte einem das in Deutschland passieren, dass man an so einem Strand landet, dann ist man entweder in militärischem Gebiet gelandet oder in ein Filmset gestolpert. Hihi.

Am Freitag habe ich mein Lager in Stillwater abgebrochen und mich auf den Weg Richtung Far North, Cape Reinga gemacht. Das ist die nördlichste Ecke Neuseelands und diese wollte ich auf jeden Fall sehen – wusste ich ja schon am Freitag, dass es wahrscheinlich bald keine erlaubten „Bewegungen“ mehr auf den Inseln geben wird. Spät abends kam ich an Cape Reinga an; es war magisch und zu gern präsentiere ich euch irgendwann die Bilder (derzeit lässt das mein Datenvolumen wahrlich nicht zu). Bis dahin solltet ihr einfach googlen und euch auf die Eindrücke früherer Urlauber verlassen =). Besselt, verzückt, irgendwie beflügelt bin ich Richtung Bay of spirit aufgebrochen, denn ich hatte gehört, dass man dort einfach stehen könnte mit einem Camper, aber die Angst Corona war schneller….Letztendlich durfte ich an der Straßenseite stehen, mich niemandem nähern und es wurde auch mehrfach betont, dass ich nichts, wirklich nichts anfassen sollte! Dieses Gefühl würde ich euch gern beschreiben, da nur ich so sein musste, alle anderen normal campen weil nicht in Self-Isolation…. Eine Möwe leistete mir Gesellschaft beim Essen, das tat gut und ich habe ihr fröhlich von meinem Tag erzählt, der doch so schön verlaufen war. Magische Landschaften, atemberaubende Momente.

Am Morgen entschied ich dann, wieder richtung Süden zu fahren, in der Hoffnung, einen Platz zu finden, an dem ich stehen durfte, mein Klo leeren und meinen Frischwassertank füllen. Dann Campen als Self-Isolation kann zwar ganz hübsch sein und in maximaler Freiheit, wenn dein Scheißhaus aber voll ist und du keinen Kaffee mehr kochen kannst, hört alle Fröhlichkeit der Freiheit bei mir auf… 30 Kilometer nach Cape Reinga stoppte mich ein Fahrzeug der Regierung. Kontrolle. Daten aufnehmen. 1 Stunde Befragung. Erlaubnis, bis Rarawa Beach zu fahren und dort für mindestens 24 Stunden stehen. Haina hierß sie. Und ja, ich weiß, dass sie auch nur ihren Job macht. Ich bin alle Fragen losgeworden, aber sie war so ratlos wie ich. Also bin ich zu dem Beach gefahren. Hier stehe ich. Gestern kam Haina extra nochmal vorbei und hat mir frisches Wasser gebracht. Jetzt soll ich hier stehen, bis die Regierung Antworten gibt. Und Emails sollte ich schreiben. Hab ich gemacht. Mit allen Fragen. Und auch mit der Ankündigung, dass ich morgen fahren muss, um mein Klo legal leeren zu können und Essen zu kaufen – heute gibt es die letzten Äpfel. Haina weiß Bescheid. Ihr tut meine Situation leid. Und ich denke auch die, der ganzen anderen, die hier gestrandet sind. Seit 15 Minuten tippe ich euch, minütlich stranden hier neue Camper – Einheimische und Touristen, „Normalreisende“ und Leute in Self-Isolation. Die Stimmung ist angespannt. Und ich gestehe: meine Fröhlichkeit schwindet und gibt einem seltsamen Druck Raum. Ja, es ist schön hier, aber hey, ich habe kein Zuhause, in das ich zurück fahren könnte, wie die Auckländer neben mir… Wenn ich nicht mehr fahren darf… ich bekomme Magengrummeln. Unsicherheit. Und ich fühle mich gleich doppelt so allein und einsam also zuvor… Noch 13 Minuten…

Dreiundzwanzgster März: Maitai Bay. Die Nachrichten gestern kamen so pünktlich, dass man die Uhren hätte danach tellen können. Die Campingplätze schließen bis auf Weiteres. Nur noch zwei Plätze in Far North sind offen: Rarawa und Maitai. Ich rief so schnell ich konnte Haina vom Gvot an. Sie sagte mir, dass sie nicht wisse, ob ich morgen überhaupt noch fahren dürfe, wie ich dann an Lebensmittel kommen würde, wisse sie auch nicht… deswegen: Camper packen und losfahren. Ab nach Kaitaia, Essen kaufen, tanken und dann auf den Campingplatz in Maitai Bay. Hier stehe ich nun seit wenigen Stunden und ich fühle mich so einsam, wie noch nie auf dieser Reise. Self-Isolation als solche heißt ja schon, mit niemandem sprechen, bei niemandem sitzen, immer schön mindestens zwei Meter Abstand halten. Eine Woche mache ich das nun schon und mir fehlen einfach Gespräche, mal zu witzeln, ein bisschen zusammen zu klönen. Ich will nicht immer nur darüber nachdenken, was ich darf und was nicht (wobei letzteres definitiv mehr ist als das, was ich darf…), ich bin es so leid, mich als Aussätzige zu fühlen, die den Virus schienbar als Paket mit sich bringt, weil sie von „Overseas“ kommt… keiner spricht davon, dass mindestens die Hälfte der Erkrankten Leute sind, die keinen Kontakt mit Touristen oder Eingereisten hatten… Neuseeländer bewegen sich nicht sehr frei, sind lediglich angehalten, andere Wege des Arbeitens zu bedenken. … Seit heute Nacht regnet es in Strömen, nee, stimmt nicht, es regnet in Strömen und dazwischen schüttet es aus Kübeln. Die Wanderwege sind wegen Corona geschlossen, bei dem Wetter lege ich mich nicht an den Strand – beides die Dinge, die ich noch machen dürfte, also hocke ich nun in meinem Camper und warte, bis der Tag vorbei geht bzw. Bis es mal so wenig regnet, dass ich mir einen Kaffee an der Außenküche machen kann. Das alles wäre vielleicht noch zu verkraften… vielleicht. Aber nun sitze ich auf einem Platz fest, der kein Netz hat. Mit viel Geduld mal einen Balken bei Vodafone und einen halben bei Sparkz. Beides nicht ausreichend, um einen Anruf zu machen, News abzurufen oder SMS zu schreiben, geschweige denn, um in Ruhe zu surfen und Emails zu schreiben, um die Langeweile und doch viel mehr noch, um die Einsamkeit zu vertreiben. Und so fühle ich mich wie Robinson auf einer einsamen Insel, irgendwie auch umgeben von Wasser, und habe auch keinen Dunst, wie lange es dauert, bis ich hier wieder weg kann. Eine Woche, zwei… Gestern noch hat die neuseeländische Regierung davon gesprochen, die Self-Isolation auf vier Wochen zu verlängern. Omg! Naja, sollte das passieren, kriege ich es hier ja eh nicht mit. Lach. Gequält-lach. Tränenunterdrücken-lach.

Jemand von euch daheim hat mir vor zwei Tagen beschrieben, wie bewundernswert das ist, was ich hier mache. Zwar kennen mich die meisten als organisierenden, anpackenden und meist auch optimistischen Menschen, und doch staunt nicht nur ihr mittlerweile, wie ich mich auf dieser Reise schlage. Sie ist so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. So ganz andere Aspekte bringen mich an meine Grenzen und ich war vielleicht naiv, als ich im Februar startete und nicht mit der kleinsten Wimper darüber nachdachte, dass Covid 19 mich so ausbremsen könnte. Mich so isolieren und mich so auf mich selbst zurückwerfen. Hier stehe ich, mit einem Rücksack voll Halbseeligkeiten und etwas Essen, in der verregnetsten Pampa seit langem, schreibe, um nicht durchzudrehen, weiß im gleichen Moment nicht, wie ich es euch jemals schicken könnte, warte und weiß nicht, worauf. Dass dieser Spuk in ein paar Tagen vorbei sein könnte, ist illusorisch.

Haina. Immer mal wieder habe ich Haina genannt. Ein paar Worte noch zu ihr an dieser Stelle. Sie hängt derzeit zwischen den Stühlen. Arbeitet für Regierung und die offiziellen Campingplätze, versucht, die Touristen zu registrieren und zu unterstützen und hat dabei besonders die armen „Self-Isolation-Nasen“ auf dem Schirm. Eine kleine quirlige, energiegeladene Frau, die hier mit ihrem Toyota ein Gebiet abklappert, dass 3 Stunden N-S-Ausrichtung und mindestens ebenso viele W-O-Ausrichtung zu fahren hat… Sie hat mir gestern gezeigt, wo sie wohnt, für den Fall, dass ich ganz dringend was brauche, sie hat mir alle Kontaktdaten dagelassen und mich zuletzt abends noch auf dem neuen Campingplatz untergebracht, wohl eher eingeschleust, denn offiziell darf ich hier ja nicht stehen. Bin ja ein Risiko für alle ahnungslosen Neuseeland-Camper. Sie hat darauf bestanden, dass ich hier stehe und sie hat auch betont, dass ich hier duschen darf. Sie macht ihren Job in diesen Tagen großartig! Liebevoll, respektvoll, lächend, fröhlich, lösungsorientiert, interessiert… ein Schatz in diesen Tagen. Ein kleiner Halt auch und ja, ich warte derzeit auch, dass sie vorbei kommt und mir grünes Licht zum Weiterfahren gibt…

Es ist um vier desselben Tages. Seit einer halben Stunde ist es offiziell: in 48 Stunden gibt es in NZ den Lockdown für 4 Wochen. Dass das so schnell geht, überrascht auch die Camper aus Wellington, mit denen ich mich unterhalten habe. Ob sie es schaffen, bis dahin noch nach Hause zu fahren, wissen sie nicht. Aber schnell ist deutlich: sie haben eine Option. Ich nicht. Ich habe versucht, Anrufe zu machen. Haina, Sam, Jucy Rentals, die Botschaft… die Leitungen sind überlastet, so wie Silvester in Deutschland. Keine Chance. Haina hat mir eine Nachricht geschrieben, übersetzt: Atmen, warten, sie kommt mit einem Plan. Wie der aussieht, weiß sie noch nicht. Wann sie kommt, habe ich nicht herausfinden können, weil das Netz wieder tot ist. Mich tröstet ein wenig, dass es mit mir tausende Touristen gibt, die jetzt in dieser Situation stecken. Keiner weiß, wohin er kann, wenn die ganze Nation hier dichtmacht. Ich weiß auch nicht, ob ich meinen Camper jetzt ganz schnell loswerden oder zu einem Wucherpreis für vier weitere Wochen mieten muss… Oder: Rückkehr nach Deutschland. Der Gedanke stimmt mich traurig, habe ich doch das Gefühl, dass ich hier derzeit besser aufgehoben bin.

Ich weiß, dass euch dieser Eintrag ratlos machen wird und fragend, aber ich wollte ihn gern noch posten. Eines: ich bin gesund! Und ich habe keinen Dunst, was jetzt kommt. Sobald ich kann, schreibe ich euch wieder.

Tag 4 in Self-Isolation

Noch grüße ich euch aus Stillwater (Silverdale). Die letzten beiden Tage habe ich mit Ausflügen in der Gegend und Sonnenbaden auf dem Rasen von Sam verbracht. Die Ausflüge und das Bewegen taten mega gut und ich habe soooo schöne Ecken von Neuseeland gesehen. Deswegen gleich mal an dieser Stelle die Bilder 😉

Zunächst aus dem Shakespeare Regional Park & Army Bay:

Und dann noch von heute aus dem Wenderholm Regional Park:

Hübsch ne? Ich selbst bin geflasht von all den Eindrücken, manchmal fühlt es sich nach einem großen Stücken vertrauter Erde an… mir fehen die Wort um mein Gefühl dazu zu beschreiben, es ist eher ein: genau so. Und so ein innerliches Nicken und Grinsen.

Meistens musste ich leider gegen frühen Nachmittag diese Plätze wieder verlassen, da mir ja Kontakt zu „vielen“ Menschen untersagt ist, ja ich weiß, eigentlich zu allen, aber hey, beim spazieren und wandern kann man auch gut mal 50m zwischen sich lassen. Ich will ganz ehrlich aus der Ferne sein: es ist kompliziert, hier zu sein und es ist auch kompliziert, darüber nachzudenken, was ich alternativ tun könnte. Denn so einfach ist es auch nicht, zurück nach Deutschland zu fliegen… Ich weiß, dass sich viele von euch Sorgen und Gedanken machen, über die Situation in Deutschland oder dem Land, in dem ihr lebt, Fragen stellen sich, was kommt danach? Wann hört der ganze Spuk auf? Wann können wir uns wieder frei bewegen? Wann gibt es wieder Toilettenpapier? … Und ich schätze es auch sehr, dass ihr an mich in der weitest-weg-gehenden Ferne denkt, denn Neuseeland ist nunmal das Land, welches am weitesten weg ist von Germany. Zuerst: ich bin gesund! Auch an Tag 5 der Isolation kann ich sagen, dass ich keine Anzeichen von irgendeinem Virus habe und dass ich mich an sich fit fühle. Und doch: ich bin nicht entspannt. Das kann ich wahrscheinlich auch in den nächsten Wochen schlecht sein, denn gefühlt ändert Neuseeland vier mal am Tag die offiziellen Bestimmungen betreffend Covid 19, die dann auch direkt umgesetzt werden müssen. So hänge ich derzeit noch vorrangig am Handy, um Nachrichten zu checken (vermutlich lässt das nach, wenn ich keinen ungehinderten Zugang zu WiFi mehr habe). Und ja: ich frage mich besonders heute, ob es nicht „besser“ wäre, die Reise abzubrechen und nach Deutschland zu fliegen? Darauf hat leider niemand eine Antwort und keiner sagt, was für die Touristen in Neuseeland das beste wäre, glaubt mir, ich hatte heute ausreichend Kontakt dahingehend mit dem Auswärtigen Amt und dem Konsulat in Wellington. Neuseeland ist derzeit kein „Krisengebiet“, deswegen wird es keine „Rückholflieger“ geben. Maximal könnte ich bis Sydney fliegen oder Singapur und dann hänge ich dort fest; dann sitze ich doch lieber auf dieser hübschen Insel fest.

Im Übrigen hänge ich hier auch nicht allein fest, auch wenn sich das in den letzten Tagen stark danach anfühlt, aber: gestern traf ich eine Schweizerin, die bis Ende April nicht zurück in die Schweiz darf und ich traf ein Pärchen (er Deutscher, sie Japanerin, zwei Kinder), die hier festhängen und in keines der beiden Länder aktuell fliegen können, weil es keine Maschinen gibt… Niemand weiß, wie es sich verändern wird, was kommen wird, in Deutschland, in Neuseeland, weltweit… So will ich von Tag zu Tag schauen. Und am liebsten wie geplant, bis Ende Juni hier bleiben…

Denn es gibt ja Gründe, warum ich gegangen bin und noch bin ich nicht „fertig“ damit. Ich brauche noch Zeit. Deswegen: pass ich gut auf mich auf und ihr tut hoffentlich dasselbe mit euch und euren Liebsten! Ich lasse von mir hören und ihr antwortet vielleicht =). Das wird in den nächsten 14 Tagen spärlich meinerseits sein, denn ich fahre morgen in die Pampa. Da ich keinen öffentlichen Ort besuchen darf, also auch kein Mcens mit WiFi, werde ich wohl eher weniger von mir hören lassen können. Und danach serviere ich euch einen seitenweisen Blog-Beitrag 😉

Self-Isolation Tag 2

Ich bin noch immer in Stillwater (Silverdale). Mein zweiter Tag in Self-Isolation ist vollbracht; bleiben nur noch 12 🙂 Yeah! Ich gestehe: so ganz an die „Regeln“ habe ich mich nicht gehalten – geht ja auch schlecht, wenn alle Regeln alles ausschließen, was lebensnotwendig ist, deswegen: ich habe meine Wäsche an einem öffentlichen Platz gewaschen und mich selbst auch; ich habe Essen eingekauft (und hey: ich war schneller als die erlaubten 15 Minuten, obwohl die Produkte so ganz anders aussehen als in Deutschland und ich noch Preise vergleichen musste). Gut, ne?

Mittlerweile habe ich Bilder aus Australien gesehen, die leere Regalwände in Supermärkten zeigen; Reaktion „meiner neuseeländischen Gastfamilie“: dann wird das ab morgen auch bei uns so sein. Na supi, schau mer mal… Mit dem gekauften Essen komme ich wahrscheinlich bis zum Wochenende und danach gehe ich fischen (hm, irgendjemand von euch hatte mir das doch nahegelegt, denn das ist der beste Weg der Selbstversorgung), bleibt nur die Frage, was passiert, wenn ich doch was fange. Wie ich mich kenne, lasse ich das arme zappelnde Tierchen wieder frei.

Nun, in Self-isolation habe ich viiiiel Zeit zum Nachdenken, also habe ich auch überlegt, was das eigentlich bringt, wenn zwei drei arme Touristen, denen offensichtlich Geldstrafen angedroht werden, versuchen, sich an den Regel-Wust zu halten und der Rest der Einreisenden, besonders die Einheimischen, den 14 Tagen fröhlich ihren Mittelfinger zeigen… welches Ergebnis ich dahingehend hatte? Keinen. Finde es nur fies. Habe mich noch nie in meinem Leben so aussätzig gefühlt wie in den letzten beiden Tagen. Tourist? Ieksbieks. Immerhin stellt mir die Familie hier was zu Essen raus: auf Plastikgeschirr, was ich entsorgen kann und ich darf mich dem Teller auch erst nähern, wenn sie weg sind. Lepra fällt mir da ein. Und Cholera. Das Geschäfft, welches meine Wäsche angenommen hat, bat mich, die Tasche vor der Tür abzustellen und dann ein Stück zurückzutreten und dann haben sie „den heißen Stoff“ entgegengenommen, wie bei einer Geldübergabe :-). Ob das mit dem Leeren der portablen Toilette auch so läuft? Ich werde es euch wissen lassen – vielleicht eine neue peinliche Geschichte =).

Nun, ich verstehe, dass sich die Welt jetzt 14 Tage vor mir schützen will, denn es kann ja sein, dass ich das Virus mit mir rumschleppe und keinen Dunst davon habe. Wie so nen Floh in der Tasche, der erst nach 14 Tagen raushopst und sich entscheidet, die ganze Wohnung zu bevölkern. Also viele Flöhe, ach ihr wisst schon. Mir fällt kein besseres Bild ein…hm. Das einzig gute an diesen 14 Tagen, was ich bisher entdecken kann: ich bin auch vor den anderen geschützt. Hihi. Und vielleicht fallen mir in den kommenden Tagen täglich noch mehr Sachen auf, vielleicht am Schluss: 10 gute Gründe für Self-Isolation. Verzeiht, wenn ich ironisch und amüsiert über das Ganze schreibe, ich weiß, dass es Ecken dieser Erde gibt, in denen keiner mehr über Corona und dessen ganze Folgen und gesellschaftlichen Konsequenzen lachen kann und vielleicht gehörst du selbst, der du meine Zeilen gerade liest, auch dazu. Ich will niemandem auf den Schlips treten!

Als ich vorhin auf einer Website gelesen habe, dass wahrscheinlich bis auf weiteres alle Flüge gestrichen werden, ging mir auch ein wenig die Muffe. Klar, ich bin die nächsten drei Monate hier, aber wer weiß denn, was in drei Monaten los ist? Ich will es positiv anschauen, in drei Monaten kann vieles wieder am Laufen sein…

Ach, noch eine „witzige“ Nebengeschichte, die mit einem Geständnis beginnt: in Vietnam habe ich wieder begonnen zu rauchen, also eigentlich schon in Berlin am Flughafen, aus lauter Panik und weil ich mich unbedingt an was festhalten musste… Also: Asien = billige Zigaretten in riesigen Schachteln, in Kambodscha 30 Stück unter einem Euro. In Indonesien 1,50 Euro pro Schachtel Marlboro gold zum Bleistift. Denke noch kurz vor Abreise aus Indonesien darüber nach, noch ne Packung zu kaufen, vergesse es dann in aller Aufregung und reise mit drei ganzen Zigaretten nach Neuseeland. Lande in Auckland. Wundere mich, warum andere Touristen Stangen einführen am Zoll. Gehe aus dem Zollbereich. Will ne Packung kaufen. Finde keinen Laden. Frage mich durch. Alle gucken entgeistert an. Frage nach. Neuseeland wird rauchfrei! Wie? Neuseeland wird rauchfrei? Was? Neuseeland wird rauchfrei bis 2025! Frage nach, wo ich Zigaretten bekomme. Keiner hat einen Plan. Sehe niemandem, bei dem ich eine schnorren kann. Google nach. Packung soll jetzt wohl schon 15 Euro kosten; achtung: Packung mit zehn Zigaretten! Waas? Tabak auch. Also: Susann wird rauchfrei bis Juni 2020. Mindestens.

The Virus moves the world…

Ihr Lieben in nah und fern! Überraschung: ich melde mich aus Neuseeland bei euch, genau genommen aus Stillwater – Silverdale. Hier stehe ich seit gut vier Stunden mit meinem gemieteten Camper und befinde mich in „Self-isolation“. Die letzten Tagen waren Bam-Bam-Bam und ich bin gar nicht richtig runter gekommen, mir war andauernd schlecht und ich hatte mordsmäßige Kopfschmerzen – wenn mich in dieser Zeit jemand gefragt hätte, ob ich Anzeichen von Corona habe, dann hätte ich dies bejahen müssen. Aber hey, mittlerweile zählen auch als Corona-Anzeichen wenn man sich mehrmals am Tag ausschnauben muss und mehrfach
husten, Kopfschmerzen, Durchfall, Magenschmerzen… neben all den bekannten Symptomen. Ich habe das Gefühl, dass Neuseeland jede Art von Unwohlsein mit Corona in Verbindung bringt. Was passiert, wenn ich eines dieser Anzeichen in den kommenden
Tagen haben sollte? Nun, dann rufe ich den Health-Service an und die sagen mir dann, was zu tun ist. Gerade eben hat Sam, die unglaublich großartige Freundin von Vicki, einen Artikel gefunden, nachdem es heißt, dass Neuseeland morgen einen „lock-down“ beginnt. Wir vermuten, dass alles schließen wird, alle Flüge gestrichen, Self-Isolation für jeden in den kommenden 14 Tagen. Wie ich dann hier über die Runden kommen werde, bleibt offen, aber ich darf euch auch sagen, dass ich froh bin, jetzt hier und nicht mehr in Indonesien zu sein.
Warum ich entschieden habe, gestern nach Auckland zu fliegen: am Freitag bekam ich von Vicki aus Melbourne die Nachricht, dass Australien die Grenze für Flüge u.a. aus Indonesien schließt. Die Gedanken, die sich daran anschlossen, waren vielfältig… Zuletzt habe ich mich eben auch gefragt, was es bedeuten würde, nur noch wenige Tage länger
auf Bali zu bleiben. Mittlerweile denke ich: wer jetzt nicht geflogen ist, wird den Sommer dort verbringen, weil kein anderer Staat die Einreise mehr erlaubt. Theorie, die noch nicht ganz wahr ist, aber sehr wahrscheinlich kommen wird. So sind mit mir eine große Anzahl deutscher, australischer, niederländischer… Touristen aller Generationen am Sonntag abgeflogen. Die meisten zurück nach Hause. Mit mir einige wenige Richtung Neuseeland.
Also kam am Freitag die Nachricht und ich entschied mich nach langem Ringen (an dieser Stelle wieder ein riesiger Dank an das tollste Reisebüro der Welt!!!), für den 15.03.2020 einen Flug nach Auckland zu buchen und alle Reisepläne über den Haufen zu werfen. Der Flug sollte nachmittag halb fünf starten und am Montag morgen, halb sechs in Auckland
landen. Nach einer fast schlaflosen Nacht kam am Samstag dann die Nachricht, mit der ich so schnell nicht gerechnet hatte: Neuseeland „bittet“ alle Einreisenden, ob Touristen oder nicht, in eine 14tägige Selbstquarantäne; alle, die ab Sonntag 24.00 Uhr einreisen.
Übrigens habe ich heute an der Camperstation erfahren, dass bis zwei Uhr nachts die Regelung eher lax gehandhabt wurde, manche mussten, manche nicht. Mein Flug landete dann kurz vor sechs, bei uns war klar: wir müssen. Mit der Bekanntgabe der Regelung hatte nun dann auch jeder gehofft, dass die Regierung Lösungsvorschläge für Touristen bringt; schnell war klar: Hotels, Pensionen, AirBnBs, Couchsurfer werden/ dürfen/ sollen/ können… keine Touristen aufnehmen; Sonntag abend kündigte die Regierung dann sogenannte „mass gatherings“ für Touristen an, von denen aber bisher kein einziges umgesetzt wurde. Dank der großartigen Unterstützung von Vicki und Sandra gab es dann eine Lösung: Camper mit Klo mieten und auf einem privaten Stellplatz stehen – eben bei Sam, die mich unglaublich liebevoll aufgenommen hat ohne mich zu kennen!
Bei Einreise wurde schnell deutlich: niemand hat einen Plan, nur das Ziel ist allen deutlich. Unzählige Mitarbeiter des Health-Service wimmelten am Flughafen, versuchten Fragen zu beantworten, verteilten Flugblätter, auf denen widersinnige Dinge standen: man darf keinen öffentlichen Bus, kein Taxi, keinen Zug etc benutzen, aber um nach Hause zu kommen, ginge das. Man darf keine Menschen treffen, keine öffentlichen Toiletten und Duschen besuchen, aber auch bei niemandem wohnen. Man solle seine komplette Wäsche waschen, dies aber nicht in öffentlichen Laundrys, aber auch bei niemandem zu Hause. Man soll sich duschen und desinfizieren, aber nicht in öffentlichen Rastplätzen, nicht auf Campingplätzen… Man darf keine öffentlichen Plätze besuchen oder Einrichtungen, keine Supermärkte oder ähnliches, aber man darf für 15 Minuten einkaufen gehen. Man darf spazieren gehen, soll aber in seinem Zimmer bleiben, damit man nichts öffentliches berührt… Seht ihr auch den Widerspruch, ich meine die Widersprüche? In dieser Dunstglocke bewegen wir uns nun: Sam und ihr Sohn Jacob, ihre Mutter und die
beiden Haustiere, der Vermieter und seine Familie… morgen fahre ich meine Wäsche waschen,werde sie wahrscheinlich aus dem Auto „schmeißen“ und danach „zurückgeworfen“ bekommen, aber dann stinke ich wenigstens nicht mehr ganz so
schlimm. Derzeit habe ich keinen Zugang zu einem Bad, keinen Zugang um meinen
Wassertank aufzufüllen geschweige denn zu duschen, aber ich habe eine wunderbare Familie gefunden, die mir einen Platz gibt, an dem ich zumindest für die nächsten drei Tage bleiben kann. Vielleicht gibt es danach ja eine „Regel“, wie mit Touristen umgegangen werden muss, vielleicht schicken sie dann einfach alle weg oder lassen keine neuen mehr rein….

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