Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen, endlosen Beschäftigungen – denn ihretwegen habe ich das meiste Mitleid mit dir!

Ich fürchte, dass du – eingezwängt in deine zahlreichen Beschäftigungen – keinen Ausweg mehr siehst und deine Stirn verhärtest. Und dadurch verlierst du nach und nach das Gefühl für einen durchaus richtigen und heilsamen Schritt: es wäre viel klüger, du würdest von Zeit zu Zeit alles liegen lassen und dich deinen Beschäftigungen entziehen. Dann ziehen sie dich nämlich nicht mehr und führen dich nicht mehr nach und nach an einen Punkt, am dem du nicht landen willst!

Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden. Frage nicht weiter, was damit gemeint ist: wenn du jetzt nicht erschrickst, ist dein Herz schon so weit!

Das harte Herz ist allein und einsam; und es spürt sich selbst nicht mehr. Wenn du dein ganzes Leben und Erleben nur ins Machen verlegst und keinen Raum mehr für Entspannung, Runterfahren, Innehalten hast – soll ich dich dafür loben und dir applaudieren?

Dafür feiere ich dich nicht! Ich glaube ehrlicherweise, dass dich niemand dafür loben würde. Schon König Salomo wusste: „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit.“ Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Überlegung und das Innehalten vorausgeht.

Wenn du ganz und gar für alle da sein willst, dann finde ich das grundsätzlich wunderbar – aber nur, wenn du dabei authentisch und echt bist. Wie kannst du das aber sein, wie kannst du menschlich handeln, wenn du dich selbst als Mensch verloren hast und dein Herz hart ist? Damit du und deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern vor allem für dich selbst ein aufmerksames Herz haben.

Denn was würde es dir nützen, wenn du alle Menschen gewinnen, dich aber selbst als einzigen verlieren würdest?

Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig du nicht von dir alles haben? Wie lange willst du noch ein Geist sein, der auszieht und nie heimkehrt? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selbst? Ja: wer mit sich selbst schlecht umgeht, für wen könnte der schon gut sein?

Denk also daran: Gönne dich dir selbst! Ich sage nicht: tu das immer – ich sage nicht: tu das oft. Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da – oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

(*nach Bernhard von Clairvaux (1090-1153). Er schrieb mit etwas anderen Worten an den damaligen Papst – für euch habe ich die Sprache etwas angepasst.:-)