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Happy & Healthy

May 9th

Kurz vor halb zwölf Mittag klingelt mein Telefon. Sam, unser Nachbar, ruft mich an. Das hat er noch nie getan. Ich erkenne ihn erst nicht, dann fällt der Groschen und ich frage ihn nach allem fröhlichen „How are you?“, warum er mich anruft. „Da sitzen neun Spoonbills (im Deutschen: Löffler) vor meinem Haus, ich dachte, du willst ein paar Fotos von ihnen machen“, sagt er. (Kurzer Exkurs: Vor ein paar Tagen hat mich Sam mit meiner Kamera gesehen und er fragte mich, was ich da fotografiere. Natur, Pflanzen und Tiere, sagte ich ihm und zeigte ihm eine gut gelungene Bilder. Ob er wisse, was das für Pflanzen sei… wir kommen ins Gespräch und tags darauf bringt er mir ein Buch über einheimische Pflanzen und noch einen Tag später ein Büchlein über neuseeländische Vogelarten. Und deswegen, ruft er an und fragt mich. Exkurs Ende.)

Also Sam fragt mich: „Da sitzen neun Spoonbills vor meinem Haus, ich dachte, du willst ein paar Fotos von ihnen machen.“ Ich zögere kurz, suche für einige Momente nach einer Ausrede und gebe mir letztendlich einen Ruck. Auf meiner Reise wollte ich offen sein und neugierig, mich auch mal ungeplant auf Situationen und Vorschläge einlassen. Also: heute übe ich das. Ich sage zu, brauche ungefähr 15 Minuten um meine Schuhe und meine Kamera zu schnappen und stehe gegen 11.50 Uhr vor seinem Haus. Ich muss ihn rufen, denn ich sehe ihn nicht. Jetzt muss man etwas über Sam wissen: wenn ich Haus schreibe, dann meine ich ein Heim, aber bitte stellt euch kein Haus vor, wie ihr es kennt. Es ähnelt einer Laube, zusammengeschustert aus Wellblech und Brettern, Planen und Paletten. Unter einer dieser Planen tritt Sam breit grinsend hervor, er freut sich, dass ich gekommen bin. Besuch habe er schon sehr lange nicht gehabt. Freudestrahlend bittet er mich in sein Haus, bietet mit den besten Stuhl an (er besitzt nur einen, das andere sind Baumstammhocker) und einen Kaffee, doch ich lehne zunächst ab. Ich habe das Gefühl, erst ein wenig „ankommen“ zu wollen an diesem mir so fremdem Ort und frage ihn nach den Spoonbills. Er führt mich durch das Haus, wenige Schritte dahinter beginnt das Meer. Wir gehen ein Stück am Strand, lassen uns auf ein paar Holzpaletten nieder und ich fotografiere die Spoonbills. Es kommen mehr Meeresvögel und er zeigt sie mir alle, erzählt was er von ihnen weiß, lächelt, freut sich und beteuert immer wieder, wie gut es ihm geht und wie glücklich er ist. Seine Hündin „Lady“ gesellt sich zu uns. Sie ist fünf Jahre alt und unglaublich kuschelbedürftig. Ich freue mich, denn endlich habe ich wieder einen Hund zum Kraulen in den Fingern 😉 .

Dann habe ich auch das Gefühl, angekommen zu sein und ich glaube, Sam merkt es auch, dass ich mich wohler fühle. Er fragt mich nochmals, ob ich etwas trinken möchte und ich lasse mich auf dem Stuhl nieder und freue mich über den heißen dampfenden Kaffee. Wir kommen ins Plaudern, über das Leben so weit weg von der Stadt, wir reden über Wasser und Abwasser, über Stürme, die ihm regelmäßig Teile des Hauses wegreißen, reden über die Viehhaltung und die Fischerei, wir reden über Gott und das Mardy New Year im Juni… er erzählt mir, dass er glücklich ist und gesund und das beides doch das Wichtigste ist. Und wie wir da so sitzen, in diesem besonderen Zuhause, in diesem besonderen Moment, ich mit Kaffee und er mit Kippe, und wie wir da so reden über das, was uns hierher gebracht hat, ihn die Arbeitslosigkeit in Hamilton und mich meine Suche, da fühle ich mich so verstanden, so ruhig, sogar ein bisschen friedlich in mir. Ich schaue auf das Meer vor der Tür, kraule „Lady“ den Kopf und fühle mich so friedlich, wie schon lange nicht mehr. Was braucht es mehr als Glück und Gesundheit? Es stimmt. Mehr braucht es nicht. Nicht in diesem Moment.

Wir schauen weiter aufs Meer. Langsam zieht die Ebbe das Wasser ab, die Spoonbills wackeln dem Ufer entlang und graben mit ihren Schnäbeln nach Krabben, Sandflöhen, Wasserläusen. Sam steht plötzlich auf, geht zum Kühlschrank und holt einen lebendigen Seeigel aus dem mittleren Fach. Den wolle er mir zeigen, er habe ihn heute morgen gefunden, ob ich probieren wolle. Ich staune über das kleine stachelige Wesen, verneine jedoch, will es nicht essen und ich erzähle ihm, dass ich Vegetarierin bin. Das sei etwas, dass er nicht kenne. Er fragt mich, warum ich so lebe und wir reden über Deutschland und Europa… vieles geht ineinander über, und ich verstehe etwas: Sam baut seine Früchte großteils an, Süßkartoffeln, Tomaten, Bananen, Beeren, Mandarinen… all das wächst auf seinem kleinen Grundstück, seine Kühe weiden hinter dem Haus, seinen Fisch und die Meeresfrüchte bekommt er direkt vor seiner Tür, ihm fehlt das Geld, viel dazu zu kaufen; was nicht wächst, gibt es nicht. Freilich könnte er die weite Strecke in die Stadt fahren und in den großen Lebensmittelketten kaufen, was er will, aber er sagt, dass er es nicht braucht. Im Winter brauche er keine Erdbeeren. Ich schmunzle und sage ihm, dass es witzig ist, dass er gerade die Erdbeeren nennt, denn auch sie sind es, die immer wieder im Freundeskreis „Anstoß“ sind, also Erdbeeren im Winter meine ich.

Wir haben zwei schöne Stunden geplaudert, geschwiegen, gelacht und gemeinsam den Kopf geschüttelt. „Wenn die Bananenblüten aufgehen musst du wieder kommen und ein Foto machen“, sagt er und ich danke ihm. Ich freue mich darauf.

Als ich den Weg zu meiner Unterkunft zurückgehe, hänge ich gedanklich noch bei ihm. Mit Frau und Kind lebt er „so“; seine Frau arbeitet in der häuslichen Pflege und betreut im Distrikt alte Menschen, die daheim leben wollen. Seine Tochter ist noch in der Schule, wobei sie nicht in die Schule gehen kann, zu weit draußen wohnt die Familie uns so läuft Schule in Form von „Homeschooling evry single day“…

„Happy und healthy, I am such a lucky man“ höre ich Sam noch in meinem Kopf. Ich bin so dankbar über diese Begegnung mit ihm, die mir leider auch noch eines gezeigt hat: es gibt eine Kluft in diesem Land zwischen „Mardy people“ und „den Weißen“, zwischen arm und reich, zwischen Land und Stadt… Jetzt sitze ich am Küchentisch und habe gleich geschrieben, um nichts zu vergessen und ich nehme mir etwas vor: ich will mir „diese Kluft“ mal anschauen, wenn ich wieder reisen darf.

Die Kacke ist am Dampfen oder: Heute gibt es Beef!

May 8th – Whangeruru

Heute gibt es Beef! Warum sagt man das eigentlich? Nun: ich befragte mal wieder das Internet und folgende Antwort wurde mir auf bedeutungsonline.de vorgeschlagen: „Im Hip-Hop, Rap und in der Jugendsprache ist der englische Ausdruck „beef“ ein anderes Wort für Streit“. (Anmerkung meinereiner: Ja, so schlau war ich ja auch schon. Es folgt großes Blabla – wenn ihr das lesen wollt, bemüht bitte eure eigenen Geräte…) Weiter gehts auf der Seite: „Eine Verbisierung von Beef wird in der Regel nicht verwendet. Es wird eher selten „ich beefe“ gesagt. (Aha =) ) „… In den USA ist „beef“ ein gängiger Ausdruck dafür, wenn jemand sich beschwert ode rmeckert. … Der englische Ausdruck „beef“ für „Beschwere“ könnte aus der Soldatensprache des 18. oder 19. Jahrhunderts stammen. Wenn Soldaten sich über die Fleischqualität und ihre Ration beschwerten, führte das „beef“ eben zum Streit.“ (Zitat Ende, over and out).

So mancher von euch fragt sich nun vielleicht: warum redet ausgerechnet SIE über Beef? Also, seit unzähligen Jahren bin ich vegetarisch unterwegs, manchmal sogar vegan, bin Verfechterin von „Denk nach, was du isst“ und versuche möglichst nachhaltig zu leben (ja, soweit das eben geht und ja, ich weiß, dass ich einen Dieselwagen fahre 😉 ). Und jetzt fängt sie an über Rindfleisch zu sprechen? Ja! Denn: die Rinderhaltung macht diese Insel kaputt. Diese wunderhübsche Landschaft wird mittlerweile von „Terrassenartigen Koppeln“ geprägt (oben gibt es dazu auch ein paar Bilder). Ja, wenn ich vor dieser Reise an Neuseeland dachte, dann dachte ich an grüne Insel, Meer, Berge, atemberaubende Landschaft und Schafe. Und ein „paar“ Schafe habe ich auch gesehen, aber vorranging sieht man auf den Inseln: Rinder. Schafe gibt es hier aktuell ungefährt zehn mal so viele wie Menschen. Die aktuelle Bevölkerung Neuseelands wird mit 4.6 Mio angegeben. Der Mathefuchs unter euch rechnet im Handumdrehen aus, wie viele Schafe es hier gibt; die anderen können ja einen Taschenrechner bemühen ;-). Laut mehreren Internetseiten werden ca. 40% der gesamten Fläche beider Inseln für Landwirtschaft genutzt und von diesen 40% sind ungefähr 90% Weideland. Überall, wo es Grün und Gras zu holen gibt, sieht man Schafe, Rinder, Schweine oder Rinder, Rinder, Rinder. Oftmals gibt es keine Zäune, so dass die Herden auch die Straßenränder abgrasen können. Deswegen heißt es eigentlich immer: vorsichtig und langsam fahren; es gibt auch eine Hotline für „wandering stock“. Zurück zu den Rindern. Aktuell gibt es wohl ca. 9 Millionen Milchkühe und ca. 4 Millionen Fleischviecher. (Da will ich mich auch nicht festlegen, aber: es sind unglaublich viele!) By the way: Ungefähr 50.000 Menschen sind in der Milchindustrie Neuseelands beschäftigt. Und deswegen gibt es „terrassenförmige Koppeln“: die Rindviecher sind einfach schwerer als Schafe, trampeln beim Grasen diese Pfade in die Hügel und am Schluss sieht es so aus. Zumindest sagen das einige Naturschützer der Inseln. An der Stelle kann ich das auch „nur“ nachreden; aber es erscheint zumindest sinnvoll. So ist die Rinderhaltung hier Segen und Fluch zugleich: großer Arbeitgeber, gutes Exportgut und doch auch eine große Blastung für Neuseeland, welches von sich doch sehr gern sagt, wie „grün und umweltgerecht“ hier alles ist. Im doppelten Sinne: es gibt Beef auf der Insel und die Kacke ist am Dampfen.

Noch ein paar Worte zu meiner aktuellen Lage: die Kacke ist auch hier im Haus am Dampfen, offenen Beef gab es (noch) nicht. Es ist eher ein unterschwelliges Brodeln, wie ein Vulkan, der bald auszubrechen droht. Grund allen Unmutes ist neben der fehlenden Rücksichtnahme hinsichtlich Sauberkeit und „ich mache meinen eigenen Dreck weg“ auch der überlaufende Abwassertank (auch dazu habe ich euch dieses Mal eines der Scheißbilder hochgeladen). Vor ein paar Wochen war der Abwassertank zum ersten Mal voll und das Scheißeauto kam. Damals stellten sich mehrere Dinge heraus: es gibt hier keine zentrale Abwasserleitung, sondern einen Tank, der einfach voll ist und dann eben voll ist. Und: der Abwassertank des Hauses ist für eine Nutzung durch 4 Peronen konzipiert, nicht für 10! Das bedeutete damals schon: überlegen, was runtergespült werden muss und was nicht. Wie Menschen sind: „Hab ich vergessen.“ „Ist mir doch egal.“ „Muss das Scheißeauto eben noch mal kommen.“ „Hebt mich doch nicht an“… argh. Der enorme Wasserverbauch des Großteils der Leute führte nun also binnen weniger Tage wieder dazu, dass der Tank voll ist. Dieses Mal wird nicht abgepumpt. Nun heißt es eigentlich: draußen pinkeln, Abwasch- und Waschmaschinenwasser nach draußen aufs Feld pumpen, Toilette nur spülen wenn es „braun“ ist und nicht „nur gelb“, Duschen nur aller drei Tage…. An sich alles gute Ansätze, um den Tank zu schonen und vor allem: die Scheiße am Schluss nicht WIEDER im Haus zu haben. Aber: nur die Hälfte der Menschen im Haus hält sich an die Abmachungen; spricht man die anderen an gibt es Beef. Manche wurden direkt angesprochen, manche reden seitedem nicht mehr mit mir… Wie im – keine Ahnung wo! Eigentlich habe ich gedacht, dass allen Erwachsenen hier Weitsicht, Rücksicht und Verständnis innewohnt, nun denn, da habe ich mich wohl getäuscht. Traurig aber wahr. Von der anfänglichen Schicksalsgemeinschaft, die sich fast freundschaftlich anfühlte, ist eine Zwangsgemeinschaft geblieben, die sich kaum noch gegenseitig sehen kann. Nun dampft und stinkt draußen die Kacke, es wird im Haus Beef gegessen und sich unterschwellig „angebeeft“. (Verbisierung von beef geht doch! 😉 )

Ich hoffe, euch steht die Kacke nicht bis zum Hals. Auf ganz bald! Liebste Grüße aus der Ferne!

Delfine in Russell

Auszüge aus meinen Bleistiftschriften von heute:

„Ich bin heute noch mal nach Russell gefahren, um Delfine und/ oder Orkas zu sehen. Zum zweiten Mal. Leider ist das Vorhaben diesbezüglich auch heute nicht von Erfolg gekrönt. Geduld haben. Pläne machen und mich dann doch einfach überraschen lassen, was mir über den Weg laufen mag. Im besten Fall ist es was oder jemand, mit dem ich nicht gerechnet habe. … Der Wind pfeift mir hier am Strand um die Ohren, zaubert mir eine Sturmfrisur, ich rieche das Meer mit allen Poren und schmecke meine salzigen Lippen. Bunte Muscheln, schwarzes Gestein und gelber Sand knirschen unter meinen Schuhen. Ich will mich entschleunigen lassen. … In der Rocky Bay treffe ich eine Touristin, die mich in unglaublich schnellem englischen Dialekt aufgeregt fragt, ob es sich lohnt, hier weiter am Strand zu laufen, ob das was irgendwas Interessantes zu sehen wäre oder kommen würde. Sie wirkt wie eine getriebene Jägerin, unschlüssig, sie will jagen, was sich „lohnt“, sie will vielleicht auch nur ihr Fotoalbum daheim mit den „besten Schüssen“ füllen. Ob sie den Moment hier erlebt? … So will ich nicht unterwegs sein. Klar, einen Delfin oder Orka in freier Wildbahn sehen, das wäre was! Doch: ich habe einen herrlichen Vogel beobachten dürfen, der auf den ersten Blick aussah, wie ein sitzender Pinguin. … In Sichtweite blüht eine Bananenstaude und in ihr singt ein Vogel sein ganz einzigartiges Lied. Bezaubernd, wenn ich mich entschleunige und nicht vorbeijage. … Auf der Rückfahrt nach Whangeruru sah ich blau schimmernde Eisvögel auf den Stromleitungen sitzen und über die Straßen fliegen, ich sah grün gefederte, frech streitende Papageien und acht kleine, putzige Kiwis, die vor meinem Auto die Straße überquerten. Und ich habe geweint vor Glück, dies mit meinen eigenen Augen sehen zu dürfen.“

Bubblebuddy

May 2nd – Whangeruru

Heute habe ich eine unglaublich bezaubernde Nachricht der neuseeländischen Medien gesehen: Innerhalb von drei Tagen wurden über 100 Tiere aus einem Tierheim in neuseeländische Familien und Haushalte abgegeben. In diesen Tagen gab es über 800 weitere ernstgemeinte Anfragen an dieses Tierheim. one-news vermutet, dass es daran liegen könnte, dass die Menschen einen „Bubblebuddy“ suchen und ihn seit Dienstag dieser Woche also seit dem Wechsel nach Level 3 auch nach Hause holen dürfen. Wie schön, wenn der Lockdown und Isolationsmurks in dieser Hinsicht auch etwas Schönes in sich birgt!

Wenn ich mir einen tierischen Bubblebuddy aussuchen würde, wäre es zu allererst mein kleiner süßer Knuffel Rumo. Gestern hat er seinen neunten Geburtstag „gefeiert“, der erste Geburtstag ohne mich. Zur „Feier des Tages“ gab es ein Menü und ein Gewitter – ich weiß,dass er sich über eines von beiden defintiv nicht gefreut hat =).

Ich kann mich an den ersten Rumo-Geburtstag erinnern: wir haben ihn mit einem Tag auf der Rennbahn zum Pferderennen gefeiert und ihn im Glashaus ausklingen lassen. Viele liebe Menschennasen waren dabei und ich vermute noch heute, dass Rumo die Streicheleinheiten aller mehr genossen hat als den Trubel auf der Rennbahn.

Rumo ist eine Hundeseele, die die Menschen sehr schnell verzaubert und für sich gewinnt; wie viele haben mir gesagt „Ich mag eigentlich keine Hunde, aber Rumo ist anders.“ Und ja, Rumo ist defintiv anders. Er ist mein Hundeseelenverwandter und er hat mich gerettet:

Ein Sommertag 2011, ein Besuch im Tierheim und ich wollte eigentlich einen großen, schwarzen, erzogenen Hund… an diesem Tag waren all jene vermittelt. Mit Helena war ich im Tierheim und ich war mir sicher: ein Welpe kommt mir nicht ins Haus. Und als Helena und ich alle „Großen“ durchhatten, wollte ich aus purer Enttäuschung nach Hause fahren. Man stelle es sich kurz vor: nach langem Ringen mit mir selbst, hatte ich mich entschieden, einen Hund zu adoptieren und ihm ein Zuhause zu geben. Ja, ich sehnte mich auch nach einem Begleiter und einem Alltagsgestalter, denn zu diesem Zeitpunkt meines Lebens „brauchte“ ich einen kleinen täglichen Anreiz, um aufzustehen und rauszugehen… das ist eine längere Geschichte, die ich vielleicht ein anderes Mal und möglicherweise auch an einer anderen Stelle erzählen mag… also zurück nach 2011 ins Tierheim Leipzig: ich war mit einer Erwartung gekommen, mit einem Bild von einem Hund, einem Bild von mir und einem Hund und nach dem Rundgang war klar: das klappt nicht. Also Heimfahrt! Aber es kam anders, denn Helena wollte unbedingt noch die Welpen sehen; und ich habe mich „breitschlagen“ lassen, dachte ich doch, dass ich auf keinen Fall, niemals und garüberhaupt nicht, einen Welpen mit nehmen werde. Und dann stand ich an dem Gehege, drei kleine Welpen, die wie kleine Schafe aussahen: wollig, lockig in drei verschiedenen Farben und ein Welpe an der Seite, fast glattes Fell, schwarze Ohren, ein paar Locken, hell und weich. Und er schaute mich an. Und er wich mir nicht mehr von der Seite. Und da ist das passiert, von dem viele reden und was ich bis dahin nicht verstanden habe und vielleicht auch nicht verstehen konnte: der Hund wählt sich den Menschen. Und an diesem Tag hat Rumo mich gewählt. Er hat sich entschieden, in mein Leben und mein Herz zu kommen und an jedem einzelnen Tag bin ich froh und dankbar, dass er das getan hat. Und wer Rumo kennt, der weiß vielleicht ein bisschen, warum ich so gesegnet mit ihm bin…

Umso schwerer fiel es mir, ihn „zurückzulassen“ und mich auf den Weg zu machen… Schon im Oktober letzten Jahres, als ich die Entscheidung getroffen habe, dass ich Deutschland für eine Weile verlassen werde, habe ich mit ihm gesprochen und ich hatte das Gefühl, dass er versteht, warum ich gehen werde. Ja, wer mag darf mich getrost an dieser Stelle verrückt erklären… Ich fühle, dass er weiß warum ich nicht da bin und dass er auch weiß, dass ich ihn mindestens genau so vermisse, wie er mich. Schon jetzt bin ich sehr gespannt, wie unser Wiedersehen werden wird =) und bis dahin ist er gut aufgehoben. Habt Dank, ihr Lieben, die ihr euch in dieser meiner Reisezeit um meinen Seelenverwandten kümmert. Drückt ihn fest von mir!

Neues rollendes Zuhause

April 29th – wieder zurück…

Gestern morgen bin ich vor der Sonne aufgestanden, habe meine Füße in meine Wanderschuhe gestopft, mir einen Kaffee zum Mitnehmen gekocht und mich mit einem Stück Bananenkuchen und einem Apfel bewaffnet ins Jucy-Auto gesetzt und bin vom Hof „geritten“. Tags zuvor hatte ich das Auto auf den Kopf gestellt, um allen Besitz von mir rauszukramen und ja, ich hatte ihn auch etwas halbherzig gereinigt. Irgendwie sah ich es nicht so richtig ein, unter den schon zuvor berichteten Umständen, den Camper für Jucy auch noch zu wienern.

Nach knapp vier Stunden Fahrt erreichte ich Auckland. Ja, einige von euch fragten, ob mich jemand begleitete, nein, da war niemand bei mir, ich fuhr allein. Diejenigen, die ich fragte hatten entweder keine Zeit, hatten Angst diese illegale Sache zu machen oder es war ihnen schlichtweg zu früh zum losfahren. Warum es nicht ganz legal war, nach Auckland zu fahren? Nun: eigentlich darf man in Leel 3 nur lokal fahren und nicht die Regionen wechseln. Aktuell stehe ich in der Region „North Land“; mit der Abgabe des Campers gestern wechselte ich in die Region „Auckland“. Ich habe auf meiner Fahrt hin und auch auf der Fahrt zurück zahlreiche Polizeiwagen passiert und jedes Mal bekam ich Schnappatmung und schwitzige Hände, ob sie mich stoppen und fragen, was ich hier mache. Zum Glück ist das kein einziges Mal passiert.

Bei Jucy in Auckland ging alles ganz schnell, weil wegen des Diebstahls am Tag zuvor Jucy ganz andere Sachen im Kopf hatte und auch die Polizei auf dem Hof war. Ich habe mir dann ein Uber-Taxi genommen und bin zu „Epic Camper“ gefahren. Dort wartete der Besitzer Andy schon mit meinem neuen Vehikel, ein kleiner süßer Camper, der Weltenbesser ist als der von Jucy und mir zu einem sehr fairen Preis vermietet wurde. Bis 22. Juni kann ich ihn haben und heute habe ich ihn mir auch so wohnlich eingerichtet, dass ich nunmehr fast sagen kann, dass ich ein kleines, feines rollendes Wohn-schlaf-koch-Klo 😉 habe. Andy war super freundlich und er bot mir auch gleich noch einen Zeltanbau, Schneeketten an und als er hörte, dass ich in ein paar Wochen auf die Südinsel wechseln möchte (wo dann definitiv Winter herrscht), legte er noch ein Heizgerät oben drauf. Also: wenn einer von euch da draußen jemals nach Neuseeland fährt und überlegt, einen Camper zu mieten, dann (!!!) denkt nicht über Jucy nach, sondern entscheidet euch direkt für Epic: https://www.epiccampers.co.nz/

Gegen eins bin ich dann in Auckland wieder abgefahren, habe mich in der Stadt leider erst mal fett verfahren, dank meines inneren Navis dann aber den Highway 1 gefunden und nach einem Einkaufsstopp in Orewa habe ich mich auf den Weg Richtung North Land zurück gemacht. Die Rückfahrt ähnelte der Hinfahrt: Schwitzehände und Kurzatmung bei jedem Fahrzeug einer Behörde. Einen Unterschied gab es: ich war mega müde. Gegen sechs war ich dann zurück, gönnte mir ne Pizza, ein bisschen Smalltalk im Haus und dann ab in die Federn. Also ihr Lieben: ich habe meine Autosorgen gegen einen schönen Camper eingetauscht.

Gestern nun endete der Lockdown (=Level 4) in Neuseeland. Wir hopsten um Mitternacht auf Level 3 (weswegen ich ja das Auto auch zurückbringen musste). Level 3 heißt nun, dass jeder, der zur Arbeit fahren muss, um zu Arbeiten, fahren darf. Jeder, der noch zu Hause arbeiten kann, soll das auch zu Hause tun. Geschäfte durften öffnen, die meisten jedoch nur ihren „Take-Away-Bereich“. So kommt es, dass vor fast jeder Art Geschäft ein Tisch steht, an dem man sich anstellen kann (freilich behandschuht und mit Maske), um dann an dem Tisch einzukaufen und mit Kreditkarte zu bezahlen. Alle Fastfood-Ketten öffneten gestern ihren Drive Thru – hey, ich habe in Whangerei vor dem Mcens mindestens 30 Autos anstehen sehen! In den Nachrichten berichteten sie, dass schon morgens im fünf die ersten Autos bei MC Donalds anstanden, ob wohl sie erst einige Stunden später öfffneten. Wahnsinn!

Leider öffneten gestern auch die Alkoholläden wieder ihre Türen. (Im Lockdown war das so geregelt: Bier und Wein gab es in Supermärkten noch zu kaufen, lediglich war die Dosis pro Einkaufsperson stark reglementiert.) Seit gestern früh gibt es Alkohol für alle und jeden in allen Formen und kaum begrenzten Mengen zu kaufen. Was das für den Konsum hier im Haus heißt, könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen… Susann: not amused. Over. And out.

Es könnt‘ alles so einfach sein…

April 27th – Whangeruru

Morgen wird (hoffentlich!) mein Fortsetzungskrimi mit dem Jucy-Camper in einer finalen Folge enden. Nachdem es mehrfach Telefonate gab, die vorrangig mein Unverständnis über diese seltsame Geschäftspolitik ausdrückten, werde ich morgen das Auto nach Auckland zurückbringen. Zunächst hatten sie mir ja angeboten, das Auto an der Grenzen zwischen North Land und Auckland abzuholen, konnten mir jedoch auch kein fahrendes Gegenangebot machen… Der Oberknüller: das Auto gebe ich ab ohne jemanden zu treffen. Die Mitarbeiterin traf folgende Aussage: Das Auto bitte auf der Straße parken, dann alle Wertsachen rausnehmen und den Schlüssel in eine Box werfen. Man werde sich dann zwei bis drei Tage später des Campers annehmen – besonders der letzte Punkt machte mich sauer; seit Wochen drängeln sie, die Karre wegen der auslaufenden Leasingverträge zurückbekommen zu müssen und nun das??? Naja, sobald ich das neue Auto habe, wird der Spuk hoffentlich zu Ende sein… und irgendwie machte mich folgende Neuigkeit auch ein wenig schadenfroh: https://www.nzherald.co.nz/nz/news/article.cfm?c_id=1&objectid=12327762

Da ich leider keine andere Location gefunden habe, um die (hoffentlich nur!) zwei Wochen in Alert Level 3 an einem Ort zu verbringen, werde ich morgen dann von Auckland zurückfahren nach Whangeruru. Besser als ein Parkplatz ohne Dusche und ohne frisches Wasser; besser als ein öffentlicher Platz an dem sich die Bevölkerung beschwert, dass man da ist und Fotos von einem macht (sie wie in Whangerei…). Das war es dann auch schon an den Vorteilen. Seit gestern ist unser Abwasser-Scheiße-Tank wieder übervoll: wir können nur noch draußen duschen, abgewaschen wird in einem Kübel und die Toilette wird nur getreu dem Motto bedient: „Braun darf gehen, gelb bleibt stehen.“

U.a. auch der Umgang mit Wasser zeigt, wie unterschiedlich wir hier ticken, wie unterscheidlich die Mentalitäten sind und auch die Vorerfahrungen. Ich lese meine älteren Blog-Beiträge nicht (will ja, dass ihr immer wieder eine Tages-Moment-Aufnahme bekommt); so kann es sein, dass ich schon mal angemerkt habe, dass besonders an den Lebens- und Wertvorstellungen deutlich wird, dass ich älter bin als die meisten hier im Haus; mich haben andere Dinge geprägt und mir sind andere Dinge im Umgang mit Menschen wichtig. So ist es mir wichtig, dass bei zehn Leuten jeder seinen Rotz wegräumt und sauber macht; es wäre auch wichtig eine „Putzstrategie“ für die gemeinsam genutzten Räume zu haben… vielleicht bin ich durch meine Arbeit leider auch dadurch „gesegnet“, dass ich den Mist sehe und ihn gern klären würde. Funktioniert nicht, habe es versucht. Habe aufgegeben und versuche nun, die größten Dreckecken des Hauses zu umgehen; das Klo so zu reinigen, dass ich mir keine Bakterien hole; schon lange habe ich es aufgegeben, die anderen darum zu bitten, ihren Scheiß wegzuräumen. Vielleicht ist es das Alter, Mentalitäten, Kulturen, Länderprägungen… was auch immer. Auch an diesem Punkt bekomme ich manchmal das Gefühl, physisch anwesend zu sein (ja auch durch den Lockdown und das anschließende Level 3 in diesem Haus anwesend sein zu müssen), aber nicht dazu zu gehören. Oft fühle ich mich an diesen Punkten allein auf weiter Flur. Tröstlich und stärkend zugleich: ich weiß darum, dass es da draußen viele von euch gibt, die an mich denken, mir ganz viel OMMMMMMMM wünschen =). Zumindest kann ich euch wissen lassen, die, die ihr mich länger kennt: ich bin wesentlich entspannter als ich es jemals von mir selbst erlebt habe. Hey, das ist doch was, oder?

ANZAC Day

April 25th

Heute ist Samstag. Nicht lachen, ich muss mir jeden Tag mindestens drei Mal sagen, welchen Wochentag wir haben, weil ich sonst vergesse, welchen Wochentag wir haben 😉 Das geht seit Ende März so, nee stimmt nicht, eigentlich geht mir das schon ein wenig seit Reisebeginn so, aber durch den Lockdown und das Festsitzen wird das derart befeuert, dass ich manchmal sogar den Monat vergessen könnte. Und erst recht, wenn jemand mir schreibt und beispielsweise fragt, ob wir uns Samstag mal hören können, dann muss ich meinen Kalender öffnen und es mir eintragen. Mittlerweile ist es ein kleines Ritual, morgens einen Kaffee kochen, Nachrichten bei Whatsapp und Skype abrufen, Kalender öffnen, gucken ob jemand Geburtstag hat und ob einen „Termin“ an diesem Lockdowntag im Norgendwo gibt 😉

Heute ist der 25. April und es ist Nationaler Gedenktag in Neuseeland. Der heißt ANZAC-Day und wird neben Neuseeland auch in Australien und Tonga begangen. ANZAC steht für Australien & New Zealand Army Corps. Ich zitiere mal Wikipedia: „Der 25. April 2015 ist der Tag der ersten Militäraktion von australischen und neuseeländischen Truppen sowie Soldaten aus Tonga im Ernsten Weltkrieg – der Landung auf Gallipolli. Die Schlacht von Gallipolli führte zu erheblichen Verlusten unter den australischen, neuseeländischen und tongaischen Soldaten. … Seit 1920 wird dieser Tag in ähnlicher Form wie in Australien durch den Anzac Day Act abgehalten. … Paraden der neuseeländischen Streitkräfte, der Polizeikräfte, Feuerwehr und anderer Organisationen werden abgehalten. Im Ersten Weltkrieg sind 16 302 Soldaten aus NZ gefallen, 40 362 wurden verwundet und 102 sind vermisst.“ Die Konfliktparteien in o.g. Schlacht von Gallipolli waren übrigens das Osmanische Reich, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn auf der einen Seite; das Vereinigte Königreich, Frankreich und Französisch-Westafrika auf der Anderen. In diesem Jahr wurde der ANZAC-Day besonders begangen: https://www.nzherald.co.nz/nz/news/article.cfm?c_id=1&objectid=12327501

Wahrscheinlich interessiert es euch auch, wie es mir aktuell geht, oder? Heute: geht so. Gestern: geht so. Vorgestern: geht so. Und den Tag davor: geht so. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Ich versuche, zu atmen. Ich versuche, meine Plätze zu finden. Und ich versuche, mir immer wieder Mantramäßig zu sagen, dass jeder Mensch die Welt anders sieht, dass jeder Mensch anders ist, dass jeder Mensch Gründe seines Handelns hat… „Deine Welt – meine Welt“…. Alle ecken häufiger aneinander. Mehr mag ich an dieser Stelle gar nicht öffentlich dazu sagen, doch ich bin „gespannt“, wie das die nächsten Tage und im schwierigsten Fall die nächsten Wochen weitergehen wird… Manchmal wünschte ich, dass … und dann realisiere ich, dass… Und dann koche ich mir einen Tee, knalle mir ein Hörbuch auf die Ohren oder gönne mir einen Film im Camper, „baue“ mir einen kleinen Flecken meiner eigenen Welt und tauche ab, um Energie zu tanken. Bisher gelingt das ganz gut. Werde euch wissen lassen, wie es weitergeht 😉

Unser Nachbar Sam

April 22th – Whangeruru

Unser Nachbar Sam ist schwierig. Er knausert, er spricht nicht deutlich, er strahlt schlechte Laune und Angepisstsein aus. Er trinkt und raucht. Er trägt immer eine Brille und er lächelt nicht. Als wir vor über 20 Tagen auf diesem Grundstück ankamen, wurden wir „gewarnt“: alle Nachbarn werden sich schnell an eure Anwesenheit gewöhnen; Sam ist Mardi, der wird euch vieles nicht vergönnen. Normalerweise kommt Sam jeden Tag auf das Grundstück, nimmt sich die Früchte, die reif sind, kümmert sich um den Rasen, die Kühe und die Hühner. Er werde mit unserer Ankunft das Gefühl bekommen, dass wir ihm was wegnehmen, deswegen werde er wohl jede Gelegenheit nutzen, um sich über uns zu beschweren. Also sollten wir vorsichtig sein, was wir tun und sagen, wenn Sam sich beschwert, dann müssten wir zurück auf den Parkplatz. Und da wollte keiner von uns mehr hin – hatte wir ja auf dem Parkplatz in Whangarei nicht die hübschesten Erfahrungen gemacht. Also: Obacht vor Sam, er ist Mardi und schwierig.

Zu Beginn unserer Aufenthaltes hier fand ich ihn auch schwierig. Wenn ich ihn grüßte, drehte er sich weg. Wenn ich ihn was fragte, bekam ich keine Antwort. Bis zum Mittwoch nach Ostern: ich kam von meinem Spaziergang zum Hafen zurück und rannte förmlich in ihn hinein, als ich durch die Garage das Grundstück wieder betreten wollte. Wir beide erschraken und wahrscheinlich aus diesem Schreck heraus, grüßte er mich. Huch, dachte ich, Hallo auch dir und ich fragte gleich mal noch, wie es ihm geht. Ein Huch stand ihm auch ins Gesicht geschrieben, aber er antwortete mir. Ein kleiner Erfolg dachte ich 😉 Und seitdem „plaudern“ wir kurz, wenn wir uns sehen.

Ja, ich fand ihn schwierig, aber hey, mit uns hatte er auch keinen leichten Start, waren wir ihm gegenüber ja auch nicht mega aufgeschlossen wegen der „Vorwarnung“ und ich reflektierte nicht, was genau uns am Anfang mit den Aussagen auch gesagt wurde: Mardi generell sind schwierig. Immer wieder lese und höre ich, dass Mardi arm sind und neidisch auf andere, unter sich bleiben, Ausländer nicht mögen, das Gefühl haben, man würde ihnen was wegnehmen. Die Falle, in die ich getappt bin: ich habe mit keinem Mardi gesprochen, ich hatte nur von ihnen „gehört“. Und ihr ahnt die Falle, in die ich auch gegangen bin: Vorurteile, Schublade, Ende.

Als ich ihn heute traf, ging mir dieses Licht auf. Er fragte, ob wir seinen Bullen auf der Weide gesehen hatten und ich musste verneinen, seit gestern nachmittag habe ich ihn nicht mehr gesichtet. Aber ich sagte ihm, dass ich ihm bescheid geben würde, wenn ich den Bullen auf der Straße oder vor unserer Haustür treffen würde. Er drehte sich um, grinste und meinte „This is awesome.“

Als ich mich auf den Weg gemacht habe, von Deutschland aus die Welt auf meine Weise zu entdecken, hatte ich mir fest auf die Stirn tackern wollen: „Bleib offen! Bleib neugierig! Schau die Welt mit deinen Augen an!“ Ich wollte nicht mehr in die Falle tappen von: „Hast du gehört, dass das so und so ist.“ oder „Die Welt ist soundso.“ „Die Menschen sind soundso“… Mit der Ankunft in Neuseeland bin ich leider voll in den „Mardi-sind-schwierig-Fettnapf“ gesprungen. Drei habe ich bisher getroffen: Sam und unsere beiden fischenden Nachbarn KC und Shahab. Alle drei sind besonders, hey, wer ist das nicht? 😉 Aber alle drei stoßen mich volle Wumme darauf: Bleib offen, bleibe neugierig, bau dir dein eigenes Bild! Und schaden wird mir diese kleine Lektion nicht, habe ich doch selbst im Haus hier mit vier Nationalitäten, neun einzigartigen Köpfen (die so ganz anders ticken und die Welt sehen als ich) und eben auch mit meinem eigenen stieseligen Kopf zu tun. Auch da wird es nicht schaden, neugierig und offen zu bleiben und niemanden in die Soundso-Schublade zu stopfen. Ach und weil es naheliegt, hier freilich noch das passendste Lied zu Soundso:

Nachrichten, die nachdenklich stimmen

April 20th – Montag in Whangeruru

Prime time. Ich schreibe euch erst heute Abend. Aber ich finde es wichtig, euch jetzt noch zu schreiben, weil so viele von euch darauf gewartet haben, wie es für Neuseeland weitergeht und heute kam die Entscheidung. Und verzeiht: ich habe seit 16.00 Uhr Alkohol im Blut – vielleicht riecht ihr das zwischen den Zeilen 😉

Vier war eine gut Zeit, um mit dem Trinken heute anzufangen, denn um vier startete die Pressekonferenz der neuseeländischen Regierung zum Thema „Covid 19 – Alert level“. Freilich haben wir alle gehofft, dass der Lockdown beendet wird und wir auf Level 3 zurückgehen. Viel mehr Vorteile hätten wir dadurch nicht direkt gewonnen, es wäre nur der Punkt gewesen, das Gefühl zu bekommen, dass der Zustand des Festsitzens auch enden kann. Nun wurde folgendermaßen entschieden: der Lockdown wird für alle bis zum April 27th verlängert. Das meint, dass sich bis dahin alle, auch die Neuseeländer (!) weiter daheim aufhalten und ihre „bubble“ nicht verlassen. Wie das Level 3 danach aussieht, ist bisher nicht final bekannt, hauptsächlich wird es aber heißen, dass Neuseeland versucht, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, die ja derzeit fast komplett brach liegt. So wird es im Level 3 ökonomische Veränderungen geben, aber leider keine Lockerungen beispielsweise das Reisen betreffend.

Nun, was soll ich sagen, will ja ehrlich zu euch sein. Freude verspüre ich nach der Pressemitteilung heute nicht wirklich. Ja, ich bin gesund und ja, ich habe ein Dach über dem Kopf. Doch ein großer Teil meinerseits hat so Sehnsucht, das Land zu sehen, durchzuatmen, frei zu sein.

Ich weiß, dass es (schon) ein Geschenk ist, in diesem Land zu sein. So viele sitzen in Ländern, wollen in ein Auslandsjahr oder einen Urlaub starten und wissen nicht bzw bangen, ob ihnen das in diesem Jahr überhaupt möglich sein wird… Ich möchte mich darin üben, dankbarer zu sein für das, was ich habe und bin. Liebe Menschen, die an mich denken und für mich da sind – egal wie spät 😉 ; Gesundheit; ein Dach über dem Kopf und Essen im Kühlschrank; Wasser zum Trinken und Waschen; die Chance, mich draußen zu bewegen; ein Mobiltelefon, um in Kontakt zu bleiben und mich zu beschäftigen; Kleidung und einen Platz zum Schlafen; Schutz, Zuversicht, Hoffnung; finanzielle Sicherheit…

Und übrigens hat auch die Mietwagenfirma eingesehen, dass ich mindestens bis zum Ende des Lockdown das Auto behalten kann und sie mir dafür nichts berechnen. Noch ein Grund, dankbar zu sein 😉

Zum Schluss noch eine andere Sache. Eine Sache, die mich heute sehr sprachlos gemacht hat, entsetzt, traurig, wütend und irgendwie hoffe ich noch, dass es einfach nicht stattfindet… aber wie kann es sein, dass Pegida heute in Dresden auflaufen darf???? Es macht mich so traurig, betroffen und was diese Entscheidung nach außen über Deutschland sagt… Pegida darf mit 80 Menschen unterwegs sein… mehr als 15 Leute dürfen nicht gemeinsam in Kirchen, Moscheen und Synagogen beten? Ja, ich bin am anderen Ende der Welt und ja, vielleicht habe ich die Nachrichten aus Deutschland nicht richtig verstanden, aber das was hier ankommt ist einfach eine Prioritätensetzung in den Lockerungen und Ausnahmen, die mich sehr nachdenklich stimmt… “ What a peculiar state, we’re in“

„Today I’m not myself
And you, you’re someone else
And all these rules don’t fit
And all that starts can quitWhat a peculiar state, we’re in
What a peculiar state, we’re inLet’s play a game
Where all of the lives we lead
Could change
Let’s play a game
Where nothing that we can see
The same

But we’ll find other pieces to the puzzles
Slippin‘ out under the locks
I could show you how many moves to checkmate right now
We could take apart this life we’re building
And pack it up inside a box
All that really matters is we’re doing it right now
Right now

But we’ll find… “ (One Republic, Au Revoir)

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