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Da ist kein Platz mehr…

June, 6th – Thornby (Riverton)

Der erste Samstag im Juni. Vermutlich ist es ein warmer Sommertag in Leipzig, vielleicht sitzt ihr im Garten oder im Park, habt eine kleine Radtour gemacht oder trefft euch im Biergarten. Wenn ich mich richtig erinnere, wäre es unter „normalen“ Umständen auch ein Samstag mit Pferderennen und Trödelmärkten. Wobei die großen Märkte auf der Agra immer am Monatsende sind oder? Doch vermutlich findet das in diesem Jahr alles gar nicht statt…

Ja, das Trödelmarktvergnügen ist etwas, dass die Neuseeländer nicht teilen. Schlicht aus dem Grund, dass es keine Trödelmärkte auf dem Großteil der Insel gibt. Vereinzelt blitzen Antiqitätenläden in den Straßenzeilen, aber dazu braucht es schon eine Ansiedlung mit mehr als 1000 Menschen ;-).

Da könnte man sich nun fragen, was mit all dem schönen Trödel auf dieser Insel passiert und eine megahübsche „Lösung“ habe ich heute in Invercargill besucht: Demolition world. Die Idee dahinter: nichts ist nicht mehr brauchbar, alles kann einen Platz haben, vielleicht auch einen ungewöhnlichen Platz und einen anderen Zweck. So entstand aus Weggeworfenem ein komplettes Dorf voller kleiner Häuschen mit lokaler Geschichte; so bezaubernd! Und weil Bilder oft mehr sagen, als Worte, kommen an dieser Stelle gleich mal ein paar Impressionen:

Invercargill mag nicht viel zu bieten haben, erst recht nicht, seitdem ein Erdbeben das Gebäude des hiesigen Kunstmuseums so doll beschädigt hat, dass es nicht mehr besucht werden kann, aber Demolition world ist absolut wert, hier anzuhalten! Hihi, jetzt klinge ich schon wie ein Reiseführer 🙂

Mein Camper Bessie und ich haben uns dann nach Bluff bemüht. Neben Invercargill eine der Städte, die nicht zwingend auf der neuseeländischen touristischen Route liegen, es sei denn, man befindet sich auf dem Weg nach Stewart Island. Die Region als solche lebte lange von Wal- und Robbenfang, heute vermehrt von Landwirtschaft, Fischerei und Aluminiumschmelzerei. Bluff ist darüber hinaus bekannt für seine Austern. Im Mai fand zur Feier der Auster sogar ein Festival statt – in diesem Jahr auch. Über Bluff möchte ich an dieser Stelle meine Neuseelandlektüre bemühen, die es auf den Punkt bringt: „Früher als an anderen Stellen Neuseelands, gingen die ersten Europäer bereits 1813 in Bluff an Land: Eine Expedition aus Sydney sollte die Möglichkeiten prüfen, mit den Maori Flachs zu handeln. Der erste Siedler, James Spencer, ließ sich zehn Jahre später nieder und gründete eine der ersten europäischen Siedlungen in Neuseeland – die erste, die langfristig bestehen blieb.“ Vielleicht ergänzend dazu an dieser Stelle auch noch den Ausschnitt über Riverton, der Stadt, in der ich mich seit Donnerstag aufhalte: „Die Siedlung wurde bereits 1790 von Walfängern genutzt. 1836 wurde Riverton dann offiziell von John Howell gegründet, womit es zu den ältesten Orten Neuseelands gehört. Howell soll außerdem den Grundstein für die erfolgreiche Schafzucht in Neuseeland gelegt haben…. Das „neue Neuseeland“ entwickelte sich schnell, aber für die Maori war hierin kein Platz mehr.“ (aus: Reiseknowhow Neuseeland, 1. Auflage 2017/2018)

Das Gefühl, dass auf der Südinsel wenig Platz für Mardy (Maoripeople) ist, beschleicht mich schon länger. So lange habe ich keine der schönen Holzschnitzereien mehr gesehen, keine Versammlungshallen, keine heiligen Stätten. In den vereinzelte Gesprächen, die ich auf der Südinsel geführt habe, klang leider immer wieder durch, dass Neuseeland und Mardy nicht eins sind, dass Neuseeland mehr ist, dass Mardy nicht zu Neuseeland gehören,… dass Mardy Menschen anderer Klasse sind, und da habe ich noch die Frau in Franz Josef im Ohr, die mich eindringlich gewarnt hat, vor DENEN, DIE sind doch nicht Commonwealth, DIE sind kriminell, DIE rauben und überfallen die Menschen, auf keinen Fall sollte ich mich als Frau DENEN nähern. Dieser rassistische Ton zieht sich durch die Gespräche der letzten Tage, taucht immer wieder auf, hält keiner Nachfrage und Anfrage stand, macht, dass ich mich sehr unwohl fühle. DIE Mardy die hier nicht hergehören sondern in den Norden der Nordinsel, DIE Asiaten die „unsere Häuser und unser Land kaufen“, DIE Touristen die den Einheimischen in Coronazeiten die Arbeit wegnehmen, DIE Australier die mit ihren Schafen die Wirtschaft schwächen… eine Litanei an Blabla, die in mir Überkeit und Wut hervorbringt. Ich will nicht generalisieren, bitte versteht mich da richtig. Es ist mein persönlicher, subjektiver Eindruck der vergangenen Wochen auf der Südinsel. Aber vielleicht ein Eindruck, den manche von euch teilen. Es macht mich traurig und stocksauer, dass Rassismus, ob eindeutig oder unterschwellig keine Grenzen kennt.

Als ich mich auf Neuseeland eingestimmt habe, las ich die mich verzaubernden Legenden der Mardy und eine ganz bekannte handelt auch von Bluff. In Bluff kann man passend zu dieser Legende einen riesige Ankerkette am Strand sehen, die in Richtung Stewart Island reicht. Symbolisch sind die Südinsel und Stewart Island mit dieser Kette verbunden. Als der Halbgott Maui mit seinen Brüdern Fischen war, hat er Neuseeland aus dem Meer gezogen. Te Ika a Maui (Mauis Fisch) ist heute als die Nordinsel bekannt; Te Waka a Maui (Mauis Kanu) ist die Südinsel und Stewart Island ist Te Punga a Maui (Mauis Anker). Und deswegen ist die Ankerkette in Bluff an Land zu sehen =).

„Inselstreckenhalbzeit“

June 5th – 12 km östlich von Riverton

Zum ersten Mal schreibe ich euch an einem Morgen, deswegen „Guten Morgen“! Seit gestern bin ich an der Südküste der Südinsel unterwegs. Dazwischen war auch so einiges: Queenstown & Glenorchy, Te Anau & Milford Sound. In Te Anau habe ich eine geführte Busfahrt unternommen, die mich nur ganz wenig an die Busfahrt in Kambodscha erinnert hat. 😉

Wenn ich mir so die Bilder der letzten Tage anschaue, dann bekomme ich manches Mal das Gefühl, dass ich zwischen Alpenregion und Norwegen pendle, Abstecher in das Erzgebirge unternehme und dann plötzlich wieder in den Alpen stehe. Verrückt und verwirrend. Das ist es auch, was mir bisher die Südinsel ist: eine Mischung verschiedenster Landschaften bestückt mit herrlichen, einzigartigen Gewächsen und belebt mit besonderen Tieren. Ein bisschen aufgeatmet habe ich gestern, als mir das salzige Wasser des Meeres in die Nase gepeitscht wurde vom starken Wind, denn das Meer hat mir definitiv gefehlt in den vergangenen Tagen 🙂

Seitens der Menschen habe ich den Eindruck, vermehrt „nur“ Touristen zu treffen; das ändert sich vielleicht in den kommenden Tagen, da ich ja aktuell zu Besuch auf einer Farm in der Nähe von Riverton sein darf.

Puh, morgens schreiben, wenn es noch dunkel und recht frisch ist, wird nicht mein Ding. Ich koche mir jetzt flugs den nächsten Kaffee und sende euch liebste Grüße! Over and out =).

Ähm. Doch noch ein paar Worte, mittlerweile ist es nachmittags. Mein „geniales“ Netz hat einfach bis jetzt gebraucht, um euch die Galerie hochzuladen. Fragt nicht – Südinsel und Empfang, das ist wie Wüste und Wasser, eher selten. Den Tag habe ich bisher auf der Farm verbracht: leider gibt es keine Schafe mehr, die sind alle beim Schlachter. Nichts mit Scheren lernen oder so. Ich habe der Dame des Hofes beim Putzen des Gewächshauses geholfen; es war eher ein Entkrusten, denn geputzt wurde das scheinbar noch nie, aber es hat Freude gemacht. Ein bisschen Werkeln im Garten erbaut mich ja zumeist. Danach waren wir gemeinsam bei der Post und Kaffee trinken – ich denke, dass Jilly sich auch gefreut hat.

… Vermehrt fragt ihr mich, welche neuseeländische Insel ich denn schöner finde und nun, da ich die „Reisehalbzeit“ habe, also die Hälfte von beiden gesehen, darf ich euch sagen: immer da, wo das Meer ist, geht es mir gut. Und nun ja, landschaftlich und geselliger weise war bisher die Nordinsel für mich etwas mehr Wohlfühlen als die Südinsel. Und ich darf euch auch ehrlich sagen: campen im Winter wird nicht mein Favourit, deswegen hat es die Südinsel aktuell auch schwerer.

Happy Pfingsten!!!

May 31st – Wanaka

Happy Pfingsten wünsche ich euch! Wie besonders dieses Fest doch in diesem Jahr ist! Stelle ich mir doch die Frage, in welchem Geist wir leben und in welchem Geist wir verbunden sind? Da geht ein besonderes Rauschen in diesem Jahr durch diese Welt… der Geist Gottes, das Rauschen vom Himmel, so heißt es in den Überlieferungen, der Hauch, der in die Menschen wirkt, der durch die Menschen wirkt – und 2020: das Jahr von Corona und Mundschutz, von Desinfektion und Abstandsregelungen, diese Ausnahme. Welcher Geist treibt die Menschen heute, welcher Geist beseelt die Menschen, welcher Geist erfüllt uns Herz und Mut und Tat und Leben? An dieser Stelle sei einer meiner liebsten Kantaten von Bach Platz geschenkt (und verzeiht, aber eine schniekere Aufnahme habe ich leider auf die Schnelle nicht gefunden):

Mein Pfingsten 2020 ist auch ganz besonders: ich stehe auf einem Campingplatz in der Nähe von Wanaka und eine meiner größten Freuden ist heute mein elektrischer Anschluss, der mir den Heizer betreibt, der meine kleine fahrende Bude wärmt. Pfingsten bei Temperaturen und Lichtverhältnissen, die mich mehr an Weihnachten und Silvester erinnern 😉 Defintiv etwas gaaaaanz anderes! Auch ist dieses lange Wochenende in Neuseeland etwas ganz besonderes: die Menschen sind auf den Straßen, nutzen das Wochenende mit Familien und Freunden für kurze Urlaube und Ausflüge und ich dachte: wie schön! Pfingsten wird auch hier gefeiert mit zwei freien Tagen. Ähm, so dachte ich, ABER: das lange Wochenende ist nicht aufgrund Pfingstens, nö, das liegt am nationalen Feiertag Queens Birthday. Ähm, gestern sagte eine Frau zu mir im Gespräch: „So religiös, dass wir Pfingsten feiern, sind wir nicht. Denk doch, wir sind immer noch Commonwealth!“ Damit löste sie ein großes Ähm in mir aus, dachte ich doch, dass es das Commonwealth im Sinne des britischen Empires nicht mehr gibt. Ja, der Mensch lernt nie aus: gibt es wohl doch noch. Zumindest in den Herzen der Neuseeländer und laut einiger einschlägiger Internetseiten. Anscheinend gehören zu der losen Verbindung namens Commonwealth of Nations immer noch 54 Mitgliedsstaaten. Ähm, ich staune. Und nehme mir vor, wenn ich mehr Netz und mobile Daten habe, dem ganzen mehr auf den Grund zu gehen. Sollte ich in den kommenden Wochen neue Erkenntnisse haben, lasse ich es euch wissen. Sollte doch zuvor schon jemand von euch mehr Dunst von der Materie haben, lasst mich bitte nicht dumm bleiben – teilet euer Wissen mit mir 🙂 !

So, nun will ich euch aber auch mal nicht im Dunkeln darüber lassen, was ich die letzten Tage so gemacht habe: gestern bin ich in die Luft gegangen! Nein, ich bin nicht wütend explodiert 😉 Hättet ihr wohl gern gehört, was? Ich bin tatsächlich zum allerersten Mal in meinem Leben mit einem Hubschrauber geflogen! Yeah! Und das über den Franz Josef Glacier, den Tasman Glacier und den Fox Glacier und zum Abschluss eine Runde um den Mt. Cook. Das ist der höchste Berg Neuseelands. Das Gefühl war atemberaubend! Auf dem Franz Josef stand ich als Erste im Neuschnee vom Vortag, ein Weiß! Unbeschreiblich! Und man denke daran: noch vor wenigen Wochen waren die Gletscher alle orange – von den Buschbränden Australiens! Erst durch den neuen Schnee der letzten Tage wurden sie wieder weiß… Danach ging es mit dem Camper weiter: Haast, Thundercreek Falls, blue pools, Lake Wanaka, Wanaka selbst, Cromwell, Alexandra… viel gesehen und aufgesaugt. Morgen will ich eine mehrstündige Wanderung in Wanaka machen, hoffe fest, dass das Wetter mitspielt! Drückt mir die Daumen 😉 Und zum Abschluss nun noch ein paar Bilderchen:

Zwischen Cape Farewell und Franz Josef

May 29th – Franz Josef (ja, so heißt der Ort 😉 )

Einen kleinen Wunsch habe ich heute Nachmittag: einen heißen, dampfenden Cappuccino in meinen Händen, ja gern auch mit Milchschaum, ein Küchentisch mit ein paar Blümchen drauf oder eine bequem-vertraute Couch mit dem Ofen an 🙂 So klein sind die Wünsche, wenn es kalt ist und regnet was der Himmel hergeben kann. Und vergesst bitte auch nicht: bei euch ist Frühling (bei den meisten von euch) und hier winterlicher Herbst. Manche Tage bekomme ich ein vorweihnachtliches Gefühl und das Bedürfnis, den Schwibbogen anzumachen und ein Räucherkerzchen dazu. Hihi, hätte nie gedacht, was das Außen im Innen so auszulösen vermag.

Seitdem ich auf der Südinsel bin, habe ich meinen Tagesrhytmus dem Licht angepasst. Ich fahre am morgen spätestens um sieben los (da krabbelte in den letzten Tagen das erste Licht über den Himmel), bin dann den ganzen Tag über auf Achse, wandere, schaue mir Sachen an, genieße die Sonne und manchmal auch einen Kaffee, suche mir gegen vier einen Parkplatz für die Nacht, koche mir etwas zum Essen und halb sechs, wenn die Sonne defintiv nicht mehr zu sehen ist, krieche ich mit meinen Wärmflaschen in den Schlafsack. Dann lese ich Nachrichten von euch, höre eure Sprachnachrichten ab, antworte auch ab und zu 🙂 . Spätestens um neun fallen mir dann die Augen zu und um fünf klingelt der Wecker für den neuen Tag.

So bin ich in den vergangenen Tagen an zahlreichen Orten gewesen, die ich euch gern zeige:

Da mein Blog kein Neuseelandreiseführer sein soll, erspare ich euch und mir an dieser Stelle ausführliche Details zu Geografie und Geschichte. Das könnt ihr alle im Internet oder in gedruckten Büchern nachlesen 🙂 . Will ich euch doch an dieser Stelle lieber erzählen, wie es mir ergeht bzw. in den letzten Tagen ergangen ist: Zu Beginn war es komisch, wieder allein zu sein und manchmal ist es das immer noch, besonders nachts, wenn irgendein Tier versucht, in meinen Camper zu klettern und ich Minuten brauche, bis ich checke, dass ich keine Angst haben muss. In diesen Momenten und am heutigen tristen Regentag wünschte ich mir Gesellschaft. Doch merke ich auch, dass ich mich mit jedem Kilometer mehr daran gewöhne, diese Reise eben allein zu machen und da gehört die Einsamkeit dazu, wie die Wärmflasche im kalten Camper.

An manchen Orten ist es unwirklich für mich, dass ich gerade in Neuseeland bin, manchmal erinnert es mich an andere Orte, manchmal vergesse ich gar, dass ich gut 19000km von Deutschland entfernt unterwegs bin weil es sich auch so vertraut anfühlt; ja, es ist ein wenig vertraut für mich durch Neuseeland zu reisen. Ich fühle mich wohl mit all dem grün und vor allem dem naturbelassenen Wald, den weiten Wiesen, den Hügeln und vor allem dem Meer vor der Nase. Es weht und windet, ich schließe die Augen und es geht mir so gut! Und ich freue mich darüber, dass vor allem das Meer es so leicht schafft und das Wandern durch den Wald, mir die Sorgen aus dem Hirn und Herzen zu treiben. Denn manche Nächte finde ich kaum Schlaf, weil so Vieles ungeklärt ist…. Visa, Geld, Rückflug… Doch auch das gehört eben zu dieser meiner Reise, kein Urlaub ist es, keine pure Erholung, es ist eine Pilgerreise mit allem was dazu gehört. Und so versuche ich zu atmen und Tee zu trinken und ruhig zu bleiben. Nichts anderes wird helfen. Stimmts?

Überfahrt zur Südinsel

May 25nd – upper moutere (Südinsel)

Grrr, ich bin gerade sauer auf meinen Rechner! Hab euch schöne Zeilen geschrieben und dann hat er sich einfach verabschiedet; ohne zu Speichern, ihr ahnt es schon. Also krame ich jetzt in meinem Hirn nach dem, was ich euch schon geschrieben hatte, versuche es noch mal zu tun, ahne, dass das schwer wird, nehme mir vor: speichern nach jedem Satz, denn das soll mir nicht noch mal passieren!

Ich will das „Pferd von hinten aufzäumen“, deswegen zunächst ein paar Worte zu dem Ort, an welchem ich jetzt stehe:

Upper moutere liegt auf der Südinsel Neuseelands im Tasman district, wenige Kilometer nordwestlich der Stadt Nelson. Hier wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts die erste lutherische Gemeinde Neuseelands gegründet. Und daneben gibt es in diesem Örtchen auch das (wahrscheinlich) älteste Pub des Landes (1850 gebaut). Die ersten Familien, die sich hier niederließen kamen auch aus dem norddeutschen Raum: die Familien Drögemüller, Heine und Bensemann. Bis 1917 hatte der Ort aufgrund der deutschen Siedlungsgeschichte den Namen „Sarau“. Die ersten deutschen Siedler starteten am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1842 in Hamburg und schifften mehr als sechs Monate nach Neuseeland über. Der Kahn hieß übrigens „St. Pauli“. Laut mehrerer Quellen landeten sie am 14. Juni 1843 in Nelson. Dort gründeten sie zunächst das „Sankt Paulidorf“, welches aber zügig überschwemmt und zerstört wurde. Manche gaben auf und suchten sich eine ganz andere Insel (Australien) oder wanderten weiter nach Süden; andere blieben in der Region darunter o.g. Familien. Da die Siedler vorwiegend aus dem norddeutschen Raum stammten, waren sie zumeist lutherisch geprägt, unter ihnen auch Pastor Heine mit seiner Frau Anna, die nach Sarau kamen und die St. Pauls Church mitbegründeten, die erste lutherische Kirche Neuseelands. Und deswegen finden sich noch heute Familien mit deutschen Namen hier; auf dem Friedhof gibt es deutschsprachige Inschriften auf Grabsteinen… Und vielleicht fragt ihr euch jetzt noch, warum das kleine Nest nicht mehr Sarau heißt? Nun, im Zuge des Ersten Weltkrieges benannte man nicht nur Ortschaften in Neuseeland um, auch viele Familien änderten ihre Nachnamen bzw. Wandelten sie ab, damit man ihnen den deutschen Ursprung nicht mehr direkt anmerkte. So wurden bspw. aus „Neumann“ „Newman“ und „Sarau“ eben zu upper moutere. Heute ist upper moutere ein kleines, leicht verschlafen wirkendes Nest mit einer unglaublich großen landwirtschaftlichen Produktion von Obst, Wein und Hopfen.

Und wahrscheinlich fragt ihr euch nun auch noch, warum ich hier gelandet bin? Nun, das liegt ganz klar an den letzten Tagen in Wellington, die ich im Hause der Familie Whitfield verbringen durften. Gemeinsam mit Mark, dem Bischof der lutherischen Kirche Neuseeland, habe ich einen Reiseplan für die Südinsel erstellt und er hat seine Kontakte spielen lassen und mir dadurch einen Platz mit Dusche, Küche und WC für die kommenden zwei Nächte ermöglicht! Ich bin voller Dank über die letzten Tage, über die Zeit mit dieser wunderbaren Familie, die so offen und liebevoll war, mir einen warmen und trockenen Platz zu geben, einer Fremden! Und mir damit ein wenig Urlaub von meiner Reise ermöglicht haben, so dass ich neue Kräfte für die vor mir liegenden Tage auf der doch sehr winterlich daherkommenden Südinsel Neuseelands verbringen kann.

Heute wurde ich auch ein wenig an meine liebe Ex-Kollegin (Ex-Kollegin, weil ich da ja nicht mehr arbeite) Franzi erinnet; sie hat in einem der Seminare als Kennenlernfrage gestellt „Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan oder erlebt?“. Knifflig? Gerne noch mal lesen! Ein wenig war das heute auch bei mir der Fall: zum ersten Mal bin ich heute allein mit einem Auto auf einer Fähre gefahren; zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtig seekrank und: zum ersten Mal in meinem Leben habe ich ein Erdbeben erlebt (Stärke: 5.8 nördlich von Wellington). Es muss eines der Erdbeben gewesen sein, das man auf beiden Inseln Neuseelands bis fast in alle Ecken gespürt hat; ich selbst saß gerade im Auto an der Fähre und habe gewartet, reinfahren zu können. Zu Beginn fühlte es sich an, als wäre starker Wind an meinem Auto rütteln, doch dann wackelten und schwankten die Autos in unterschiedliche Richtungen und es war klar: das ist kein Wind. Am stärksten Punkt habe ich den Unterschied gemerkt, kann ihn aber auch kaum in Worte bringen… Ich bin froh und dankbar, dass alle Fahrt so behütet war und ich jetzt hier gelandet bin! Möge das auch weiterhin so sein 🙂 . Morgen fahre ich weiter Richtung Golden Bay & Abel Tasman Park. Und irgendwann in den nächsten Tagen könnte ihr wieder von mir lesen 🙂 Passt gut auf euch auf!

Engel an Himmelfahrt

May 22nd – Wellington

Zunächst wünsche ich euch nachträglich: Happy Himmelfahrt! Frage mich doch gleich, wie dieses Jahr der Feier-Vater-Tag bei euch so war? In Neuseeland begeht man den Himmelfahrtstag kaum, erst recht nicht im Level 2, in dem fast alle Kirchen noch geschlossen haben. Für mich begann der gestrige Tag mit einem Besuch in der Werkstatt. Nun da alles gut ausgegangen ist, mag ich euch auch davon erzählen. Folgendes war am 20. Mai passiert: auf dem Weg von Cape Palliser nach Lake Waiparawa fiel an einem Berg abwärts kurz vor einer Kurve die Bremse aus. Mein erster Gedanke war: oh weh, ich bin so müde, ich habe die falsche Pedale erwischt! Also trat ich kräftig aufs Gas. Ihr ahnt: das ging nach hinten los. Der Wagen wurde noch schneller. Nun muss man folgendes Wissen: an den Kurven Neuseelands steht immer vorab der Neigungsgrad bzw. Die Winkelangabe der Kurve. Steht da ne große Zahl, dann kann man das relativ gelassen sehen, 65 -85 easy peasy. Nun, vor dieser Kurve, an dem die Bremse nicht mehr mit mir kooperierte, stand eine 45. Scheiße. Ich schaltete die Motorbremse zu, zog die Handbremse und trat noch mal kräftig beherzt auf das richtige Pedal. Und siehe da: endlich tat sich was und der Wagen bremste ab. Gerade noch rechtzeitig. Meine Küche im Auto flog kräftig durcheinander, Kissen und Wärmflaschen taten es gleich, mein Herz setzte gefühlt für ein paar Schläge aus und wurde dann auffallend schnell. Mein Atem ging schlagartig rasant. Tausend Engel hatten mich umgeben und auch dafür gesorgt, dass hinter mir kein Auto kam und auch keines entgegen. … Den Rest der Strecke schlich ich zum Parkplatz, kochte Essen und schrieb euch einen Blogbeitrag über den sehr fröhlichen und glücklichmachenden Teil meines Tages. Diesen Schrecken wollte ich bewusst aussparen, denn ich ahnte, dass zu viele von euch nervös an den Fingernägeln kauen würden bis ich in Wellington bei der Werkstatt ankam… Ich schrieb meinem Autovermieter und er organisierte eine Werkstatt, die nächstgelegene eben in Wellington. Also schlich ich gestern nach zwei Kaffee am Morgen nach Wellington. „Zum Glück“ nur ein Pass und sonst fast eben. Die Werkstatt war fluchs und innerhalb von 3 Stunden war der Schaden behoben. Sie mussten alles austauschen, neben den Bremsbelägen auch die Bremsschläuche, die Handbremse und die Bremsflüssigkeit… und das beste: er bestätigte nochmals: da wurde Murks verbaut, aber jetzt hat die Karre, was sie an Bremsen braucht. So kann ich getrost am Montag auf die Südinsel fahren. Gestern und heute habe ich das Auto vorsichtig „getestet“, läuft und bremst und kann sogar am abschüssigen Berg parken. Yeah!

Zwei andere Dinge mag ich euch heute noch erzählen:

Seit gestern versuche ich, meinen Visa-Status zu erfragen bzw. zu ändern. Die neuesten Nachrichten waren dann nämlich doch, dass Visa trotz Corona nicht einfach so verlängert werden (wie vor ein paar Wochen angekündigt), man muss dies beantragen und sich per Mail bestätigen lassen. Im Zuge dessen habe ich auch überlegt, mein Holiday Visa in ein Work-Visa zu verändern. Sollte ich doch – wie leider derzeit nur absehbar – bis mindestens September hier bleiben müssen, werde ich arbeiten müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. Erntehelferin, Farmhelferin, Supermarkt einräumen oder an einer Kasse im Skigebiet sitzen – die Möglichkeiten sind gerade zahlreich. Um genau zu erfragen, wie in Level 2 und Corona Zeiten so etwas vonstatten gehen kann, habe ich nach erfolgloser Suche im Internet die deutsche Botschaft Wellington angerufen. Ich war der Meinung, dass sie doch wissen sollten, wie so etwas für Deutsche vollzogen wird, aber wahrscheinlich habe ich den zuständigen Telefonisten beim Morgenkaffee gestört, er blaffte auf Deutsch: „Da sind wir nicht zuständig.“ Gut, ich hatte wahrscheinlich auch zu viel erwartet: höflichen und respektvollen Umgang. Ähm, urplötzlich erinnerte ich mich an den Amtston der meisten deutschen Behörden – ein Stück Heimat in Neuseeland. Ohweh. Also gut, dann rufe ich eben die neuseeländischen Behörden an. Erste Wahl: Immigration Center. Und siehe da, eine freundliche fröhliche Stimme fragt mich zuerst, wie es mir geht und dann, wie sie mir helfen kann. Berät mich freundlichst, was ich zu tun habe und bedauert ausdrücklich, dass alle Büros derzeit geschlossen sind und ich mich durch die Onlineformulare der Seite klicken muss. Sie wünscht mir Erfolg und einen schönen Tag. Himmelweiter Unterschied zu dem deutschen Miesepeter vor 10 Minuten! Es beginnt eine Tortur englischer Seiten, die ich nur mit Hilfe Britannys bewältige (wer Britanny ist, erzähle ich euch dann gleich). Am Ende eines wirklich langen Klickweges steht die Aufforderung, eine AA Post- und Photostelle zu besuchen, den Ausweis und die Vorgangsnummer mitzunehmen. Vier Stellen dieser Art gibt es im Raum Wellington und ich wähle diejenige, die zwar am weitesten zu fahren ist (aber hey, da kann ich gleich noch mal die Bremsen testen!) und denke auch, da werden wahrscheinlich nicht so viele Menschen stehen. Pustekuchen =) ! Als ich dort ankomme, ist die Schlange gefühlt einhundert Meter lang. Per sms muss man sich anmelden – klappt mit meiner neuseeländischen Prepaidkarte leider nicht… Ich stelle fest: AA Center erinnert mich an Bürgerbüro Leipzig. Irgendwann kommt eine unglaublich freundliche Mitarbeiterin heraus (gut, ab da hinkt der Vergleich zum Bürgerbüro, niemals würde da jemand rauskommen =) )und fragt jeden, was er möchte. Ich sage ihr, dass ich mich nicht anmelden konnte, aber dringend mich und meinen Pass einer Behörde zeigen soll, um mein Visa zu verändern. Sie zwinkert, winkt mich an der Schlange vorbei und binnen zehn Minuten ist alles erledigt. So heißt es jetzt: 5 Tage warten, dann sollte ich online alles Weitere beantragen können. Drückt mir die Daumen!!! Sollte das schiefgehen, hänge ich ab 15. Juni ohne gültiges Visa fest. Argh, mag gar nicht daran denken. Als „Kopffreikriegen“ bin ich im Anschluss auf einen der Hausberge Wellington geklettert, habe mir den Wind um die Ohren und die schweren Gedanken aus dem Kopf pusten lassen. Immerhin ging so viel Wind, dass alles an mir flatterte und ich mühe hatte, gerade auf der Bergspitze zu stehen 😉 Tolles Erlebnis!

Etwas anderes mag ich euch noch kurz erzählen: die Schutzengel der letzten Tage sind mir auch direkt begegnet. Als ich gestern in Wellington ankam, hatte ich mich mit Mark Whitfield zum Mittagessen verabredet. Er ist der Bischof der lutherischen Kirche Neuseelands und mit dem Ensemble Nobiles bekannt – so kamen wir zueinander. Und mitten im Mittagessen fragt er mich, wie ich gerade so „wohne“. Ich grinse und erzähle ihm von der ersten Nacht im Camper um den Gefrierpunkt. Er schaut mich etwas verwirrt an und bietet mir dann an, bis Montag in seinem Haus mit seiner Familie zu wohnen, in einem richtigen Bett zu schlafen und seine Dusche zu nutzen. Ich bin platt. Eigentlich kennt er mich nicht. Als er sieht, dass ich zögere, lächelt er und sagt, dass er und seine Familie sich freuen würden, mir zu helfen. Und so nehme ich das Angebot sehr gerne an. Unter zwei Aspekten ist dieser Moment für mich besonders: ein Fremder lädt mich zu sich ein, an seinen Tisch, in sein Haus, in seine Familie. Und noch besonderes wird es als ich Folgendes bedenke: in Level 2 darf man nur einer neuen Bubble seine Tür öffnen und er sagt, dass ich diese Bubble sein soll und darf. D.h. im gleichen Atemzug auch: niemand sonst darf in sein Haus kommen.

Ich sage euch: da sind Engel am Werk! Aus tiefstem Herzen kann ich sagen: dem Himmel sei Dank!

An der Südspitze der Nordinsel

May 20th – Lake Wairarapa im Süden der Nordinsel

Es ist halb fünf Uhr am Nachmittag. Die Sonne ist gerade hinter den Bergen verschwunden und augenblicklich wird es kalt. Wird wohl doch nix mit länger gemütlich draußen sitzen =).

Gestern bin ich den langen Weg von Kawhia an die Südspitze der Nordinsel gefahren. Der eigentliche Gedanke dahinter: Der Winter hat in Neuseeland Einzug gehalten. Ich merke es an den kalten Nächten, in denen ich nunmehr alle drei Wärmflaschen und auch schon Teile der dicken Kleidung beanspruche; ich merke es an den weniger werdenden Lichtstunden am Tag. So dachte ich mir, ich fahre jetzt einfach direkt auf die Südinsel und besuche all die sehenswerten Stätten der Nordinsel auf dem Weg zurück. Und wenn ich schon mal in der Nähe Wellingtons bin, wollte ich unbedingt die Putangirua Pinnacles erwandern. Diese Felsformation am Cape Palliser ist gekennzeichnet durch starke Erosion und zu Weltruhm gelangt in Herr der Ringe Teil 3, als Aragon sich auf dem Pfad der Toten Richtung Mordor begibt. Gestern abend habe ich dann mein Auto direkt auf dem Campingplatz zu Füßen des Wanderwages abgeparkt und die allererste Nacht allein in freier Wildbahn genächtigt. Ich darf euch sagen: ein wenig mumlig war mir schon, zumal ich im Dunklen ankam und nicht sehen konnte, was um mich herum eigentlich so los ist. Heute morgen, nachdem mich Knacken und Rascheln der Tiere schon nicht richtig schlafen gelassen hatte, bin ich aus meinem Auto gekrochen und stand direkt zwischen Bergen und Meer. Herrlich war das! Nach einem Kaffee und einem kleinen Frühstück bin ich losgewandert und habe nach knapp hundert Metern festgestellt: der Wanderweg ist kein richtiger Weg, es geht 2km durch ein Flussbett! Keine Hürde für mich, Dank Anne bin ich bestens beschuht und selbst die anteilige Flussduchquerung macht meinen Schuhen und meinen Füßen nichts aus. Gegen Ende des Tracks klettern man förmlich über das Geröll, ich ahnte schon gar nicht mehr, an ein Ziel gekommen und dann fast plötzlich ragten sie vor mir auf: Putangirua Pinnacles! Ich stoppe. Höre mein pochendes Herz, meinen schneller gehenden Atem (ganz so fit bin ich bekanntlich ja nicht, hihi) und ansonsten ist es still um mich herum. Manchmal knackt leise ein Ast, ein Steinchen löst sich aus den Felsen und hopst mir entgegen – ja, so witzig, wie sich das anhört, war es nicht, denn wo sich ein Steinchen lösen kann, da kann auch ein Brocken hinterher donnern. Also bin ich ganz leise weiter gestiegen, bis ich am Ende der Schlucht angelangt war, der Ausblick war atemberaubend!

Zurück beim Camper hielt ich mich nicht lange auf, wollte ich doch noch zum Leuchtturm des Cape. Die Straße schlängelt sich entlang der Küste, mal ist sie ausgewaschen, mal so schmal wegen der Erosion, dass ich Bange habe, ob mein Camper das mitmacht, mal muss ich einen Fluss durchqueren, der über die Straße läuft. Offroad – so fühlt es sich an – ist aber eine ganz offizielle Straße des Landes. Kurz vor dem Leuchtturm halte ich an: da liegt was im Gras. Was großes Braunes, was ist das? Ich steige aus. Mein Atem stockt. Es bewegt sich und ja, es ist eine Robbe. Oder ein Seelöwe? Keine Ahnung, es ist gewaltig und es hat riiiieeesige große braune Augen. Wir stehen uns Auge in Auge, bis sich das Tier in Bewegung setzt unter großem Geheul und nun sehe ich, dass da mehr sind. Ach was sag ich, viel mehr sind da! Mindestens 100 braune, schwarze Robben (oder Seelöwen – bin leider nicht so gut bewandert) sonnen sich, spielen miteinander, putzen sich und jagen im Meer. Ich suche den nahe gelegenen Parkplatz und Laufe in die Kolonie hinein. Sie dulden mich. Manche starren mich an, andere lassen sich gar nicht beirren. Fast eine Stunde bin ich mitten unter ihnen, sitze auf einem Felsen, lausche, beobachte und staune. Es ist so ergreifend und bezaubernd. Als ich mich zurückziehe, übersehe ich eine Robbe im Gras und komme ihr zu nah. Sie schnellt hoch, bellt mich an und kommt auf mich zu „gehopst“. Rauscht dann doch an mir vorbei zu den anderen. Da ging mir dennoch kurz richtig die Muffe, war sie definitiv größer als ich!

Auf dem Weg zum Lake Waiparawa komme ich in einer Schafherde zum Stehen. Auch das sollte man unbedingt einmal in Neuseeland erlebt haben! Tierische Begegnungen wie ich sie mag. Ein Video hab ich davon auch gemacht:

In den kommenden Tagen werde ich mich im Raum Wellington aufhalten, denn die nächstmögliche Fähre, die mich mitnehmen kann, geht am Montag morgen. Dafür habe ich ein Ticket und bin schon sehr gespannt – mein erstes Mal allein mit Auto auf einer Fähre. Herzklopf =).

Und nun noch die Bilder der letzten Tage:

On the road again…

May 18th – Kawhia (Westküste Nordinsel)

Liebste Menschen in nah und fern, nun gut, vor allem in der Ferne! Ich hoffe sehr, dass es euch gut geht! Seit einigen Tagen nun bin ich wieder allein unterwegs. Seltsam ist es noch immer, denn eine lange, wirklich lange Zeit, war ich nicht allein. Manchmal fehlt mir der Austausch, das kurze Gespräch zwischendurch und doch weiß ich, dass es eine Menge von euch da draußen gibt, die an mich denken und die ich zu jeder Tag-und-Nacht-Zeit anrufen könnte. Ich will überhaupt nicht klagen, denn dazu gibt es wirklich keinen Grund, will euch nur wissen lassen, dass allein sein gerade seltsam ungewohnt ist. Ich brauche bestimmt ein paar Tage, um wieder in meinen Groove zu kommen.

Von Whangeruru aus bin ich nach Westen gestartet, habe Kawakawa passiert und bin in den Waipoua forest gefahren. Dort stehen zwei sehr alte Bäume und Dank Level 2 und der Möglichkeit wieder ein paar Dinge anzuschauen, konnte ich einen der beiden besuchen: Tane Mahuta. Er ist der „Herr des Waldes“. In der Götterwelt der Mardy ist Tane der Sohn von Ranginui (Vater Himmel) und Papatuanuku (Mutter Erde). Er ist der Lebensschenkende, alle lebenden Kreaturen sind seine Kinder. Er ist der größte lebende Kauribaum Neuseelands und es ist schwer zu bestimmen, wie alt er wirklich ist. Sicher ist, dass er mindestens 2000 Jahre alt ist. Mindestens. Dass heißt, um die Zeit Jesu könnte er begonnen haben zu wachsen. Die Dimension von Tane ist: knapp 52 Meter hoch und ungefähr 14 Meter Durchmesser. Niemals zuvor habe ich ein solch altes und ehrwürdiges Lebenwesen gesehen. In seinem Schatten zu sitzen und mir zu überlegen, was er alles gesehen und erlebt und auch überlebt hat. Es ist ein Gefühl, dass ich nicht oder nur sehr schwer in Worte fassen kann; auf jeden Fall: besucht ihn, wenn ihr könnt!.. Casey erzählte mir, dass 2014 dumme Idioten versucht haben, Tane Mahuta zu töten. Sie haben Löcher in seinen Stamm gebohrt und versucht, ihn anzuzünden.Zum Glück haben sie es nicht geschafft. Das Ergebnis: keiner darf Tane Mahuta mehr zu nahe kommen, ihn berühren, er hat nun seinen ganz eigenen Bodyguard, der tagsüber vor ihm auf einer Bank sitzt und die Besucher Tanes scharf im Auge hat.

Mein nächster Stopp war Waipu, eine kleine Stadt an der Ostküste. Herrlicher weißer, endloser Sandstrand und das erste Mal auf einem Campingplatz in Neuseeland gewesen. War einfach zu müde, um mir noch einen freedom-camping-spot zu suchen.

Von Waipu aus bin ich gestern über Auckland nach Kawhia gefahren. Zum Shoppen gab es einen Stopp in der Mall von Silverdale – vor allem lange Unterwäsche habe ich dringend gebraucht, die Nächte werden kälter. Ein wenig habe ich an meine Großeltern gedacht, die derlei Dinge ganz selbstverständlich trugen 😉 Inzwischen sieht das ja alles hochmodern aus und lässt sich kaum als Unterwäsche erkennen.

Kawhia ist eine winzige Küstenstadt an der Westküste zwischen Hamilton und New Plymouth. Auch hier habe ich mir einen Campingplatz gesucht, um Wäsche zu waschen und meine Geräte zu laden. Dabei fasse ich gleich auch noch kostenloses W-Lan ab, so dass ich euch heute viele Bilder zeigen kann =). Da es gestern sehr spät war, habe ich nur einen kleinen Spaziergang durch das Städtchen gemacht; heute dann bin ich nach Aotea und an den Ocean Beach gefahren. In Aotea gibt es abgesperrte Naturgebiete, in die seit vielen Jahren kein Mensch mehr eintreten oder anlegen darf. Wahnsinn, wie unberührt das alles aussieht! Und am Ocean Beach gab es dann mein persönliches Highlight Neuseelands bisher: eine heiße Quelle, die man bei Ebbe am Strand sucht, sich dann ein Loch gräbt und hineinhopst. Badewanne outdoor, das war der Hammer!

Ich bin auch heute wieder müde und auch ein wenig schriebfaul. Lade euch jetzt die Bilder hoch und wünsche euch nunmehr noch viel Vergnügen beim Anschauen! Bis ganz bald! Eure Susann

Day 51

May 13th – zum letzten Mal: Whangeruru

Heute schreibe ich euch zum wirklich allerletzten Mal aus der Wharf Road 111 in Whangeruru. Tag 51 neigt sich dem Ende und damit auch die Schicksals-Zwangs-Gemeinschaft. Morgen früh reiten die ersten gegen 7 Uhr vom Hof Richtung Auckland. Ich werde gemütlich starten, frühstücken, noch mal heiß duschen, mich bei Sam verabschieden und dann starte ich entweder nach Norden oder Westen. Das ist abhängig von Haina.

Könnt ihr euch noch an Haina erinnern? Das war der Engel, der mich in den ersten Tagen der Self-Isolation und des Lockdown Far North unterstützt hat. Als ich mich Ende März von ihr verabschiedet habe, versprach ich ihr ein Bier nach dem Lockdown. Gestern hab ich ihr geschrieben und nun harre ich ihrer Antwort. Wenn sie Zeit hat, fahre ich morgen Richtung Kataia.

Sollte nix kommen, werde ich Richtung Westen starten mit dem Ziel Waipoua Forest. Dort gibt es den größten Kauri-Baum, den Tane Mahuta. Er soll über 2000 Jahre alt sein und wächst noch immer. Sein stattlicher Name: „Lord of the forest“. Und es gibt noch viele andere schöne Geschichten über den Waipoua Wald – die verrate ich euch dann aber erst nach meinem Besuch gespickt mit ein paar Impressionen 😉

Wie war der letzte Tag hier, fragt ihr euch vielleicht? Nun, was soll und darf ich schreiben. Ich zeige euch gern eines der Bilder, die wir heute gemacht haben. Der ältere Herr in der Mitte des Bildes ist übrigens unser Held Grant, der Mitarbeiter des Whangarei District. Er war heute noch mal da, um uns zu verabschieden und seine Bücher und Spiele abzuholen, die er uns für den Lockdown ausgeliehen hatte. Wir haben ein bisschen Banana-Bread gegessen, welches Alex zusammengerührt hatte und haben uns an die letzten Wochen erinnert. Ohne Grants unermüdlichen Einsatz hätten wir die Zeit im Lockdown wahrscheinlich komplett auf einem der Parkplätze in Whangerei verbringen müssen. Er hat sich sehr für uns eingesetzt und es uns ermöglicht, hier all die Wochen sicher zu sein, ein Dach über dem Kopf, eine Dusche und auch eine Waschmaschine zu haben. In den vergangenen Tagen hat sogar die einheimische Presse über ihn berichtet und vorgeschlagen, ihm ein Denkmal zu errichten. Ich stimme zu!

Ansonsten war der letzte Tag in dieser Konstellation… „er fand statt“. Diejenigen unter euch, die mich ein wenig kennen, wissen, wenn ich sage, dass „etwas stattfand“, dann bin ich zum Einen froh, dass es vorbei ist und zum Anderen kann ich auch kaum etwas Gutes darüber fallen lassen. Es war ein Tag, der mir noch mal gezeigt hat, dass die Tage hier zum Glück gezählt sind und dass es reicht mit neun anderen festzusitzen.

Es ist Zeit!

May 11th – Wangeruru

Es ist kurz nach sieben Uhr abends. Ich sitze am Küchentisch in „unserem“ Haus und versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Das fällt mir gar nicht so leicht und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich einen klaren Satz formulieren kann, folgende Soundkulisse: deutsche und englische Gespräche auf der Couch, Diskussionen über das Zubettgehen oder Duschen oder Zumfeuerlaufen… tschechisch geführte Diskussionen am Herd (keine Ahnung welchen Inhalts), Kochgeräusche, Abwaschlärm, Bierzischen, Geraschel und Gewürsche mit Plastiktüten und untermalend seit fast vier Stunden der Fernseher mit den Nachrichten immer wieder selben Inhaltes. Ja, es ist ein Abend, an dem ich mich auch freue über die Nachricht, dass wir am Donnerstag dieser Woche endlich wieder reisen können, denn Neuseeland wechselt in Alert Level 2! Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass auch besonders dieser Tag dazu beitragen wird, dass ich dieser Gruppenzusammenstellung und diesem Hauswahnsinn keine Träne nachweinen werde. Deswegen klinge ich nicht so juppiduppisupidupiduuuu.

In dieser Konstellation werden wir am Mittwoch abend 51 Tage gewesen sein – um euch das noch ein bisschen deutlicher zu untermalen: das sind 4 406 400 Sekunden, 73 440 Minuten, 1224 Stunden oder für die Prozentliebhaber unter euch: 13,93 Prozent des gesamten Kalenderjahres 2020. Boah! Zu diesen 51 Tagen kommen noch 8 Tage, die ich in Selfisolation verbracht habe. So, genug der Zahlen.

Vielleicht fragt ihr euch, warum ausgerechnet dieser Tag noch mal dazu beiträgt, dass ich mich freue, wenn ich hier weg kann: heute morgen ist jemand von den neun Leuten schlimm ausgerastet, so derbe, dass ich das erste Mal Angst bekam. Und deswegen ist in mir ein ambivalentes Gefühl: ich freue mich unglaublich, diese Konstellation zu verlassen und doch schwingt auch Sorge um die kommenden zwei Tage und drei Nächte mit, denn ich fühle mich seit heute morgen nicht mehr wohl. Ja, es stimmt, alle hier sind gute Leute, wir (und ich sage bewusst wir und schließe mich mit ein) waren all die Wochen sehr bemüht, haben uns zusammen gerissen und versucht, das Beste aus der misslichen Lage zu machen. Der heutige Morgen hat jedoch auch gezeigt: es reicht. Es ist Zeit! Umso erleichterter bin ich über die Entscheidung der neuseeländischen Regierung.Ich bin nicht voller Jubel, aber ich bin erleichtert. Anspannung fällt ab und ich bin sehr müde. Wahrscheinlich werde ich zeitnah in meinen Camper kriechen, ein wenig Hörbuch hören, mich an meine Wärmflasche kuscheln und vielleicht auch ein wenig überlegen, wohin ich am Donnerstag fahren werde. Die „Planung“ kann jetzt losgehen – fühlt sich noch ganz unwirklich an.

Heute ist übrigens der 11. Mai. Häh? Warum unterstreicht sie das denn noch mal so? Verrate ich euch: Heute vor einem viertel Jahr bin ich aufgebrochen und eigentlich will ich heute in einem viertel Jahr wieder in Deutschland sein, also: „Bergfest“. Vielleicht verirren sich manche von euch noch auf den Button „Reiseroute“ – ich verrate euch ein Geheimnis: die Route ist hinfällig. Sehr wahrscheinlich wird eine Reise nach Südamerika aufgrund mangelnder Flüge in ein paar Wochen nicht stattfinden können. Und so schlage ich gefühlt ab Donnerstag eine neue Seite im Schreibheft auf und lasse mich überraschen, welche Bilder und Begegnungen sie in den kommenden drei Monaten füllen werden. Weltreise mit Corona geht weiter! Yeah!

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