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Ein Haken an der bucket-list

July 14th – Taupo

Kia ora!

Nachdem ich die letzten Tage in Rotorua und Umgebung unterwegs war, hat es mich heute mit einem leichten, aber lang geplanten Umweg nach Taupo verschlagen. Doch der Reihe nach ;-).

Damit keiner von euch vor lauter Neugierde Bauchkneifen bekommt, verrate ich euch, was ich vorgestern im Wald gemacht habe. Wie euch wahrscheinlich noch im Kopf hängen geblieben ist, habe ich auf die Dunkelheit gewartet, deswegen kann ich eure Vermutung, ich sei Pilze suchen gegangen, entkräften. Ja, ich weiß, dass das nahe liegt, denn wer mich etwas länger kennt, weiß, dass ich sehr gern mit der Rübe durch den Wald stiefel und dabei so oft es mir möglich ist auch „in de Schwamme“ bin (erzgebirgsch für „in die Pilze gehen“). Ich hatte auch kein Date mit nem Werwolf, war nicht zum Backen bei der Hexe eingeladen, Hase und Igel hatten sich schon gute Nacht gesagt. Ja, Waldelben hätte ich gern gesehen oder zumindest Waldläufer, hat leider nicht funktioniert. Stattdessen war mein Ziel der Whakarewarewa Forest, in dem riesige Redwoods stehen, durch die ein Treewalk führt, den man bei Tag und auch bei Nacht begehen kann. Redwoods in Neuseeland? Diese Bäume wachsen doch eigentlich an der Nordwestküste Amerika! Stimmt. Doch: 1901 kamen Menschen auf die Idee, in Neuseeland zu testen, welche Bäume hier gut und schnell wachsen und so probierten sie zahlreiche Arten aller Kontinente. So entstanden über die ganze Insel verteilt, angelegte Wälder und in Rotorua das „Redwood grove“. Die Redwoods wachsen hier besonders gut, weil sie geschützte Standorte in tiefen, fruchtbaren und mit gut durchlässigen Böden lieben, der gleichmäßige Niederschlag setzt dem ganzen den i-Tupfer auf. (Witziger Nebenfakt: die Nordküste Amerikas und Rotorua sind ähnlich weit vom Äquator entfernt.) Redwoods vertragen keinen Frost. Die Rinde kann bis zu 30cm dick werden und isoliert damit super den Baum und schützt zeitglich noch vor Insekten und Feuer. Woher ich das weiß? Nerd-Wissen aus dem Internet, hihi. Wer mehr wissen mag, bemühe selbst Bücher oder einschlägige Internetseiten =). Der Redwood Treewalk ist ein must-see in Rotorua, das haben sich vor allem an diesem Wochenende einige der einheimischen Urlauber gedacht; für den Walk am morgen musste ich nicht anstehen; für das Erlebnis im Dunkeln stand ich mit vielen anderen knapp 2,5 Stunden an 😉 Aber es hat sich gelohnt. Hier ein paar Eindrücke für euch:

Noch ein paar Worte zum Holz in Neuseeland. Holz spielt hier neben dem Tourismus und der Landwirtschaft eine tragende Rolle. Neuseeland ist der weltweit größte Exporteur von Nadelrundholzen. Der Rohstoff wird auch im Land häufig verbaut, genutzt, verfeuert. Fast alle Häuser bestehen aus Holz. Fast jedes Haus besitzt ganz selbstverständlich einen Kamin, der mit Holz befeuert wird. Fährt man über die Inseln, durchquert man sehr häufig künstlich angelegte Wälder, die als „Holzfarmen“ benutzt werden. Das sieht mancherorts sehr schön aus, hat aber auch naheliegende Nachteile: der einheimische „bush“ muss weichen, damit verlieren Vögel Nistplätze und viele einheimische Arten ihren Unterschlupf.

Wie schnell sich Natur ihren Platz zurückerobert, zeigt ein Tal nahe Rotoruas: das Waimangu vulcano valley. Vor ein paar Tagen berichtete ich euch vom „buried village“, welches nach dem Ausbruch des Vulkans Tarawera 1886 „begraben“ wurde. Tatsächlich passierte auf der anderen Seite des Vulkans erstaunliches: durch die vulkanischen Aktivitäten veränderte sich ein ganzer Landstrich, Seen und Wälder verschwanden, neue Grater taten sich auf, die sich über mehrere Jahre mit Wasser füllten, neue Quellen traten zu tage – bis zum heutigen Tag verändert sich dieses Tal: Geysire kamen und gingen, Quellen sprudelten und versiegten, Erde hob und senkte sich… Forscher bestaunen und beobachten, erst vor zwei Wochen veränderte sich ein kleiner Bachlauf und bisher ist noch ungeklärt, woher das neue Wasser kommt. Dieses Tal ist bewachsen von ausschließlich „native bush“, der Mensch pflanzt nicht zu, kontrolliert den Wald nicht, versorgt lediglich die Wege durch das Tal und kümmert sich um „pestcontrol“ (wie an allen Orten der Insel).

Heute hieß es dann für mich: Aufbruch aus Rotorua. Dankbar erfüllt mit so vielen schönen Eindrücken; auch hier hätte ich vermutlich locker noch Wochen verbringen können, doch es lockte mich nach Matamata, denn für heute war schönes Wetter angesagt. Also packte ich meinen Camper und tourte mit Bessie nach Matamata. Für alle Insider: ihr wisst, was mein Ziel war =). Genau: Hobbiton! Heute habe ich mir einen Wunsch meiner bucket-list erfüllt und das Filmset der berühtem Trilogien „Lord of the rings“ und „Hobbit“ besucht.

Hier einige Filmsequenzen „über Hobbits“ und „Hobbiton“:

Gut zwei Stunden dauerte die Tour über die Farm der Familie Alexander, auf deren Grund und Boden Hobbiton erbaut und auch nach den Dreharbeiten erhalten wurde. Und ganz ehrlich: an dieser Stelle spare ich mir den Versuch, euch mein Gefühl zu beschreiben – schaut es euch selbst an, wenn ihr könnt! Auch wenn man Hobbits vielleicht nicht leiden kann, ihr werdet diesen Ort mögen 😉 Und für alle, die aktuell nicht einreisen dürfen oder können, hier wie gewohnt noch ein paar Eindrücke:

Rotorua

July 12th – Rotorua

Zwei fröhliche Nachrichten gleich mal zu Beginn: Bessie lässt nicht mehr das Wasser rein und ich kann wieder im Trockenen und Warmen schlafen! Yeah!! Und: mir geht es endlich besser! Die Stimme kehrt zurück, der dicke Hals lässt nach, ich fühle die Energie zurückkommen! Nochmal Yeah! Seit zwei Tagen bin ich in Rotorua. Ich habe mir einen kleinen Campingplatz in der Nähe der Touristenhochburg gesucht, stehe mit Bessie am See, schwarze Schwäne, Möwen und Wildenten grüßen uns morgens und sagen uns abends „Gute Nacht“. Die Heizung läuft und ich fühle mich jetzt wie in einem kleinen fahrenden Wohnzimmer.

Die Nordinsel Neuseelands zu bereisen, löst in mir ein Gefühl aus, was ich noch immer schlecht in Worte fassen kann. Ich fühle mich wohl, es fühlt sich vertraut an, ich fühle mich nicht fremd, vielmehr ist es, als wäre ich nach langer Zeit endlich wieder da. Als wäre ich etwas länger weg gewesen und würde nun zurückkehren. Es ist ein schönes Gefühl, auch wenn es mir selbst bisher fremd war, dieses Gefühl meine ich. Und so bin ich in Rotorua seit zwei Tagen unterwegs, bewege mich in der Gegend, habe das Gefühl, schon mal auf diesen Straßen gefahren zu sein. Nein, ich bin nicht verrückt 😉 . Es ist der kleine Versuch, dich durch meine Worte an dem Gefühl teilhaben zu lassen, welches die Tage auf der Nordinsel in mir auszulösen vermögen.

Rotorua kündigt sich schon von weitem geruchlich an. Die Region zwischen Tauranga bis Taupo ist der Hotspot Neuseelands geothermische Aktivitäten betreffend und so ist der schwefelige Dampf, der die Nasen erfüllt und mich sehr stark an den Chemieunterricht bei Herrn Kunzmann erinnert (und an Carsten und seine witzige Technik, an einem Reagenzglas zu schnuppern), einfach unumgänglich. Dampfschwaden durchziehen die Landschaft, schlängeln sich aus den Wäldern empor, es blubbert und brodelt und malt die schönsten Gesteinsbilder. 18 Seen liegen um Rotorua, ich selbst stehe mit Bessie am Lake Rotorua, der seine Existenz einem Vulkanausbruch vor 240 000 Jahren verdankt.

Aufgrund der Naturkräfte verehrten auch schon die frühen Maori-Stämme die Gegend, nutzten die heißen Quellen zum Kochen und Baden, färbten mit den unterschiedlichen Gesteinen ihre Häuser, so auch die Maraes (traditionelles Versammlungshaus). Eine der bedeutendsten Quellen nannten sie „Wai-O-Tapu“, das bedeutet „Heilige Wasser“. Bis heute sind knapp 40% der Einwohner Rotoruas und der umliegenden Ortschaften Mardy-People. Viele von ihnen verdienen ihr Geld in den „lebenden Dörfern“, in denen sie Darbietungen aller Ort für Touristen anbieten und erklären.

Rotorua boomt. Es ist die Stadt, in der ich zum ersten Mal in Neuseeland im Stau stand. Und das sogar an zwei Tagen in Folge! Soooo viele Menschen und vor allem Touristen. Wenn ich ihrem Zungenschlag lausche, dann kann ich sagen: kunterbunte Mischung aller Nationen. Verrückt, manches mal – wenn ich mal wieder in einer Schlange zu einer der Sehenswürdigkeiten anstehen muss – frage ich mich, wo kommen sie alle her? Und wo haben sie sich all die letzten Wochen versteckt? Ich schmunzle über mich selbst, weiß ich doch auch, dass ich mich in DER touristischen Region der Nordinsel bewege: Taupo und Matamata um die Ecke, das Meer ist nicht weit und die Region strotzt von Aktivangeboten, hier kann man getrost nen Monat verbringen, ohne gelangweilt zu sein. Und dann kommt eben auch dazu: in Neuseeland sind gerade Winterferien und nach allem lockdown-Daheim-Sitzen machen sich die Kiwis gerne auf die Socken =).

Heute war ich im Wai-O-Tapu wonderland und gestern habe ich das „buried village“ Te Wairoa besucht. Südöstlich von Rotorua gelegen, war dieses Dorf bis 1886 von Maori und Europäern bewohnt, die ihr Leben mit touristischen Touren zu den weißen und pinken Terrassen finanzierten. Das Dorf wurde durch einen massiven Ausbruch des Vulkans Mount Tarawera komplett zerstört und unter einer meterdicken Schlammschicht vergraben. Nur wenige der Einwohner konnten sich retten. Jahre später begannen Archäologen das Dorf auszugraben und die Geschichte der Menschen zu erzählen. Die letzte Frage im dortigen Museum lässt mich noch mal stocken: Sinngemäß steht da „Kann so etwas wieder passieren?“ und die simple, klare und ungeschönte Antwort: Ja. Diese Inseln sind aktiv: Erdbeben und vulkanische Aktivitäten, geothermische Kräfte an allen Ecken und Enden. So, ich muss an dieser Stelle einen Punkt setzen, die Sonne ist untergegangen und ich will noch mal in den Wald. Was ich da mache, verrate ich euch ein anderes Mal =).

PS: und jetzt noch drei Videos und ein paar Bilder 😉

Eastcoast

July 10th – Rotorua

Erst einmal Bilder meiner Reise entlang der Eastcoast. Route: Wellington – Pukaha wildlife Mount Bruce – Te Awanga – Napier – Gisborne – Anaura Bay (dort habe ich gestern zu heute übernachtet) – Hicks Bay – Opotiki – Whakatane – Rotorua

Du kennst vielleicht dieses Gefühl, an einem Lagerfeuer zu sitzen. Das Gesicht gewärmt von den Flammen; züngelnd, aufleuchtend, bewegend, das Feuer zeichnet in jedem Wimpernschlag ein neues Bild und du sitzt wie gebannt davor, trinkst ein Bierchen oder so, starrst ins Feuer, träumst, hängst den Gedanken nach. Für mich ist Feuer immer wieder verzaubernd und gestern hatte ich dieses Gefühl auch am Strand in der Anaura Bay. Hin zum Meer floß ein kleiner Fluss, der sich auffächerte, je näher er den Wellen des Ozeans kam und mit sich Sand trug, der immer wieder neue Bilder zeichnete. Meine Füße waren von Wasser umspült (keine Sorge, die waren gut in warmen Schuhen verpackt 😉 ), mein Blick wie gebannt, verzaubert, träumend, frei. Besonders in diesen Momenten, liebe ich es, unterwegs zu sein. Die Sonne genießen, das Rauschen des Meeres, niemand sonst um mich her, nur mit mir sein und träumen. Und es ist eine merk-würdige Mischung aus Frieden und Sehnsucht.

Schwarzes Telefon

09. Juli 2020 – Anaura

Heute (Donnerstag) schreibe ich euch wieder aus meinem Camper, seit gestern sind „Bessie“ und ich wieder auf den Straßen Neuseelands unterwegs. Zunächst möchte ich aber DANKE sagen: wie ihr sicher gelesen habt, war und bin ich in den letzten Wochen von einem Virus (kein! Corona) gebeutelt gewesen, wodurch mein Immunsystem zuguterletzt auch noch Bakterien eingelassen hat, die mir seit fast einer Woche „den Hals dick machen“ und „die Stimme verschlagen“. Angina mit … (das konnte ich leider aus dem englischen nicht übersetzen). Bevor ihr die Geschichte der zweiten Arztbehandlung erzählt bekommt, also nun erst mal ein fettes DANKE: an Mark und seine bezaubernde Familie, die mir in Wellington ein warmes Bett, leckerstes Essen, witzige Gesellschaft und unglaublich viel Unterstützung gegeben haben, so dass ich gestern wieder loswackeln konnte. Überhaupt bin ich noch immer sehr berührt von den wunderbaren Begegnungen in Wellington und Rolleston, von den Menschen, ihren Geschichten, Gedanken, Ideen, von all den wundervollen und auch traurigen Gesprächen, von dem vielen gemeinsamen Lachen und dem großen Vertrauen, in dem wir uns begegnen konnten. Vor allem in den letzten Tagen, in denen ich erst in Rolleston und dann in Wellington „lahm gelegt“ war, habe ich mich nicht allein fühlen müssen. Habt liebsten Dank!

Schon am Montag Abend hat es mir den Hals zugeschwellt, so dass ich kaum noch schlucken konnte und das Reden mir große Schmerzen bereitet hat. Schon da ahnte ich, dass ich wohl noch mal zum Arzt gehen müsste, hatte aber gehofft, dass das viele Kühlen und Tee trinken, Honig löffeln und Klappe halten helfen könnte, die Schwellung zurückgehen zu lassen und mir den Gang zum Arzt ersparen würde. Dienstag früh war klar: ich komme nicht drumrum. Wenn man in Neuseeland keinen Arzt hat, gibt es zwei Möglichkeiten: ins Krankenhaus in die Notaufnahme gehen (jetzt mal ehrlich, das würde ich auch in Deutschland nur im Notfall machen) oder zu den „after hours“ gehen. Nein, das ist kein später Ausverkauf und auch kein Sommerschluss, das sind Ärzte, die für jeden zu jeder Zeit da sind. Freilich hat das seinen Preis. Trotz meiner Auslandskrankenversicherung (an dieser Stelle hab ich mal wieder gedacht, warum hab ich die eigentlich?) wurde ich per Visa-Karte zu einem stattlichen Betrag gebeten, um in die Sprechstunde eines Arztes zu dürfen. Man stelle sich das so vor: großes Stoppschild am Eingang – Desinfizieren der Hände – Maske aufsetzen – Kreditkarte desinfizieren und geforderten Betrag bezahlen (übrigens kommt man günstiger, wenn man einen Pass aus dem Commonwealth hat) – nochmaliges Desinfizieren, dann: Ankunft bei der Sprechstundenhilfe. Dort wurde ich gebeten, einen Fragebogen auszufüllen (gefühlt: Passierschein A38) denn ich benötigte google-translator 😉 (ja, eigentlich auch witzig!). Als ich den ausgefüllten Bogen über den Tresen schob, ergänzte ich mit meinem freundlichsten Gesicht aber leider in einer sehr unschönen Stimmlage, dass ein Coronatest und ein weiterer Test gemacht wurden, erst vor ein paar Tagen, mit dem guten Ergebnis: negativ. (kleiner Exkurs: an dieser Stelle meines Blogbeitrags muss ich an den unglaub disqualifizierenden Beitrags Trumps nach seinem zweiten Coronatest denken, sinngemäß: „I was tested positiv… in a negativ way“ omg!!! Wenn ich es finde, baue ich euch an dieser Stelle das Video ein.)

Also, ich hatte nun den Bogen und alle wichtigen Infos meinerseits über den Tresen geschoben, woraufhin ich gebeten wurde, mich in den Wartebereich zu setzen. An dieser Stelle mag ich noch mal extra betonen, dass ich da dicht an dicht mit ca 15 anderen Menschen saß, denn das ist absolut absurd, wenn ihr nun erfahrt, wie ich im Anschluss behandelt wurde. Eine Schwester rief mich auf, im Türrahmen mit zwei Meter Sicherheitsabstand befragte sie mich zu meinem Gesundheitszustand, maß Temperatur und Blutdruck und auch Sauerstoffsättigung im Blut (ja, das kann man tatsächlich alles in einem Türrahmen machen – hey, warum braucht es eigentlich noch diskrete Behandlungszimmer 😉 ???) und schickte mich wieder auf meinen Platz zurück. Dann fiel der Dame am Empfang gemeinsam mit der Schwester etwas auf: Frau Finsterbusch könnte Corona haben bei den Symtomen! Ich konnte richtig aufpassen, wie der Groschen bei den beiden fiel; versuchte diskret durch den gut gefüllten und sehr interessierten Wartebereich zu gestikulieren, dass der Coronatest negativ gewesen sei… erfolglos. Ich wurde abgeführt. In einen Quarantänebereich mit doppelter Tür und einem schwarzen Telefon. Die Schwester sagte sinngemäß: der Arzt wird sie auf dem Telefon anrufen und sie so untersuchen, sie dürfen das Zimmer nicht mehr verlassen, fassen sie bitte nichts an. Dieser Moment, in dem du denkst, dass sie dich veralbern und irgendwo jemand mit einer Kamera hockt, um den dämlich dreinschauendes Gesicht zu filmen; dieser Moment, in dem du denkst, dass das doch alles einfach nicht war sein darf; dieser Moment, in dem du nicht weißt, ob du heulen sollst, weil du lachst oder tatsächlich traurig bist; dieser Moment, in dem du das schwarze Telefon verfluchst und noch einiges andere böse Wort gedanklich auf den Lippen hast; dieser Moment, in dem du schreien willst aber weißt, dass du keinen Ton rausbekommst; dieser Moment, in dem du dir wünschst, deine Superkräft wäre beamen, beamen in der Zeit, in den Sommer, einfach weg. Ja, diesen Moment hatte ich da. Und so saß ich dann neben einem schwarzen Telefon. Es klingelte nach fünf Minuten und das erste Mal in meinem Leben (und hoffentlich auch das letzte Mal) wurde ich „ferndiagnostiziert“ (witziger Fakt, nur um ihn euch noch mal ins Gedächtnis zu rufen: dafür habe ich ca. 4 Tankfüllungen am Eingang blechen müssen 😉 ). Erst auf mein intensives sprachliches Dummstellen und weinerliche Drängeln sah er sich genötigt, dass Zimmer in einem Raumanzug zu betreten und mir mit Handschuhen bis zum Ellenbogen, wie sie Tierärzte tragen, wenn sie in einer Kuh rumwühlen müssen, den Hals abzutasten und auch mal in selbigen reinzuschauen. Seine Überraschung konnte ich im Gesicht ablesen, ich scheine ja doch Schmerzen zu haben bei den ganzen geschwollenen Halsteilen, er wundere sich, dass ich überhaupt noch reden könne, 10 Tage Antibiotika, ob ich das verstanden habe, gut, dann sei ja alles klar. Der Arztastronaut verließ den Raum, ich wurde noch 5 Minuten festgesetzt, damit ich keine Gefahr mehr für den Wartebereich darstellen würde, bekam dann alle Unterlagen und ein Rezept in die Hand gedrückt und wurde zurück zum Eingang geschoben. Das war Arztbesuch Nummer 2 in Neuseeland. Nur langsam bessert sich mein Zustand, noch immer klinge ich wie ein Bass und erfreue mich vorrangig an gekühlter Flüssignahrung. Und ich hoffe und bete, dass ich nicht noch mal zum Arzt muss! Reicht für eine Weltreise 😉

Gestern (Mittwoch) habe ich mich mit Bessie aufgemacht Richtung Nordosten, der Sonne entgegen. Erst ging es stundenlang im Regen mit Zwischenstopp im Pukaha-Vogelreservat, wo Manukura wohnt, eine weiße Kiwi-Dame. Am Nachmittag erreichte ich den Ort Te Awanga, südlich von Napier. Es regnete noch immer, also entschied ich mich, auf einem Campingplatz mit Stromanschluss zu übernachten. So konnte ich meine Geräte laden und vor allem die Heizung laufen lassen (besonders wegen der Heizung werde ich dies wohl auch in den nächsten Nächten tun =) ). Als ich einen Platz gefunden hatte, wollte ich mich einrichten, musste jedoch schnell feststellen, dass wieder einmal Wasser durch die Heckklappe in den Camper gelaufen war, meine Kissen und Decken, mein Schlafsack, alles nass. Da habe ich geweint. Immerhin war das nicht das erste Mal. Wegen dieser WasserfließtindenCamper-Geschichte war ich schon auf der Südinsel genötigt gewesen, erst mein weißes Tape aufzubrauchen, um die Löcher provisorisch zu kleben, musste dann in Christchurch einen Umweg in eine Werkstatt fahren, damit dieser Schaden behoben wurde, um gestern abend vor der gleichen Kacke zu stehen, den Vermieter anzurufen, der mir wieder versucht zu erklären, dass ich „einfach Silikon kaufen und draufschmieren soll“. Da war meine Geduld am Ende. Also habe ich ihm erklärt, dass das entweder spätestens Donnerstag früh repariert wird oder wir das Auto tauschen. Heute früh hatte er einen Werkstatttermin organisiert. Wie ich die Nacht überstanden habe? Ch habe im Sitzen neben meinem Heizer geschlafen. Hey, früher hat man auch im sitzen geschlafen und zwar jede Nacht! Deswegen sind die mittlelalterlichen Betten doch so kurz, aber das wusstet ihr bestimmt schon, denn man glaubte, dass man im liegenden Schlafen stirbt. Mittlerweile ist alles wieder trocken (zum Glück war der heutige Tag ein sonniger!) und meine Stimmung wird minütlich heiterer. Überhaupt ist es schön, euch durch das Schreiben ein wenig in Gedanken bei mir zu wissen. Danke fürs Lesen 😉

Ich lasse Bilder sprechen…

Am Dienstag vergangener Woche kam das Ergebnis: kein Covid 19. Erleichterung machte sich in mir breit. Einen Tag später das Ergebnis des anderen Test: keine bakterielle Infektion. Aufatmen. Dennoch bessert sich mein Zustand nur langsam; vermutlich geschuldet der ungewöhnlichen Situation in welcher ich mich befinde. Bis heute geblieben ist eine „ordentliche“ Entzündung der Mandeln, ich trinke Teee, esse Eis, versuche viele zu Ruhen … alles, um endlich wieder reisen zu können.

Deswegen bekommt ihr heute auch vorrangig Bilder der letzten Tage – viel geschehen ist nicht.

Am Donnerstag unternahm ich einen „Versuchsausflug“ nach Christchurch. Vor zwei Tagen bin ich dann trotz der noch bestehenden gesundheitlichen Einschränkungen aus Rolleston gestartet; Fahrt nach Picton, Fähre nach Wellington.

Das Wochenende war geprägt von Netball, Rugby und heute einem wundervollen Gottesdienst in der lutherischen Gemeinde Wellington. Seht mir nach, ich bin kurz angebunden. Ich lasse Bilder sprechen:

„suspect case“

June 29th – Rolleston

Schon seit einigen Tagen muss ich das Bett hüten. Die Symptome deuteten alle auf eine fette Erkältung – was in den winterlichen Gegebenheiten nicht unbedingt verwunderlich ist. Für viele von euch mag das seltsam anmuten, denn ihr tummelt euch im Badesee, Sonnebadet, plant Sommerausflüge und ein wenig Ferienzeit. Neuseeland ist im Winter und da laufen die Nasen, da husten die Menschen, wäre auch alles im nicht Verwunderlichen Bereich, wenn da nicht: Corona zurück wäre.

Schon seit einigen Tagen ist Neuseeland nicht mehr Corona frei. Zwar sind die Fallzahlen verschwindend gering, aber es gibt welche. Bei den Menschen löst dies eine neue Welle von Verunsicherung und auch Angst aus.

Da es mir gestern den fünften Tag in Folge schlechter ging und meine Augenpartie und auch mein Hals vermehrt anschwellten, gab es keine andere Chance, als einen Arzt aufzusuchen. Da das in diesen verrückten Zeiten aber nicht so leicht ist, war ich unglaublich dankbar und bin es noch immer, dass mich Maria und Malcolm so großartig unterstützen. Nachdem beide vom morgendlichen Gottesdienst heimgekehrt waren, hängte sich Maria ans Telefon. Denn: mit Coronasymptomen kann man nicht so einfach in eine Arztpraxis spazieren; vorab gilt es einen telefonischen Marathon zu meistern. Sie schlug sich tapfer! Und oh weh: die Frau am anderen Ende wollte aber auch alles wissen. Gut 45 Minuten dauerte das Telefonat, bis Maria auflegte und sinngemäß meinte: „Ich habe diese Klinik angerufen, um zu erfahren, wohin wir fahren können. Sie haben mich an diese Frau weitergeleitet, mit der ich jetzt gesprochen habe, um am Ende wieder an diese Klinik verwiesen zu werden…“ Letztendlich fuhren wir gegen eins los. Maria schnappte sich noch schnell ein Mittagessen to go, ich einen Schluck Tee und die Packung Taschentücher und freilich auch alle Unterlagen, die möglicherweise wichtig sein könnten und ab ging die Post nach Riccarton. Auf dem Parkplatz der Klinik angekommen, musste Maria erneut anrufen, denn es war uns nicht gestattet, den Wagen zu verlassen. Nach weiteren Erklärungen hieß es: drei Mal links um die Ecke fahren, da ist ein Sonderparkplatz, da wird dann getestet und dann geht es zum Arzt. 14.16 Uhr erreichten wir den Parkplatz, 14.22 Uhr bekam ich einen Coronatest verpasst. Dass ein solcher Test hier kein Sonntagsspaziergang ist, wurde mir spätestens an dem Punkt deutlich, als ich das Gefühl hatte, dass das 20cm lange Teststäbchen, welches durch die Nase eingeführt wurde, Bereiche meines Gehirns durchstochen hatte. Die Tränen trieb es mir in die Augen. Danach hieß es warten: ca. eineinhalb Stunden saßen Maria und ich im Auto auf dem Parkplatz. Es war kalt. Es regnete in Strömen. Zum Glück sind wir mit Elefantenblasen gesegnet gewesen, denn es gab keine Toilette und es war auch nicht deutlich, wie lange wir warten müssten. An diesem Punkt war dann irgendwie deutlich: wer hier wartet und noch nicht krank ist, der hat gute Chancen nach einer langen Zeit in der Kälte mit Erkältungssymptomen nach Hause zu fahren. Ich hoffe und bete, dass Maria gesund bleibt! Kurz nach vier war es soweit: eine Ärztin in Ganzkörperschutzanzug erschien neben meinem Autofenster und signalisierte, dass ich jetzt in den Container zur Untersuchung kommen dürfe. Maria kam mit (ohne Übersetzung wäre ich gänzlich aufgeschmissen gewesen). Uns wurden halbherzig zwei orangene Stühle hingeschoben; die Ärztin frage in einem ultraspeed Englisch, warum ich da sei. Ich stammelte, welche Schmerzen und Symptome ich habe, bat um einen Abstrichtest des Rachens. Halbherzig hörte sie mich durch die Jacke hindurch ab, meinen Rachen schaute sie an ohne mich anzufassen geschweige denn eine Lampe oder ein Stäbchen zu nutzen (es war mehr so eine „Piemaldaumenschätzung“ aus 2m Entfernung), sie drückte ein wenig auf meinem Gesicht rum, nahm eine Rachenprobe, sprach in undeutlichstem schnellen Englisch aus ihrem Schutzanzug… Seit vier Monaten ist Englisch zu meiner meistbenutzten Sprache geworden und ich möchte behaupten, dass ich mittlerweile ziemlich gut im Verstehen und Sprechen bin. Das gestern: lost in translation. Ich fühlte mich nicht respektvoll behandelt; heute schreibe ich, dass sie halbherzig war, vielleicht war es auch pure Angst und Unsicherheit wegen Corona; zumindest war der Termin bei der Ärztin „fürn Arsch“. Am Mittwoch bekomme ich die Ergebnisse des Rachenabstrichs. Derzeit warte ich auf das Ergebnis des Coronatests. Bis dahin bin ich ein „suspect case“ und tauche in den Nachrichten seit gestern in der Spalte „mögliche Fälle“ auf. Bis ich das Ergebnis habe, werde ich hier im Haus bleiben müssen. Self-isolation nennt sich das ganz und dem fleißigen Leser des Blogs ist dieser Begriff von den anfänglichen Tagen in Neuseeland bekannt. Nachdem Maria meine Rechnung bezahlte (ich durfte ja nicht die Klinik betreten), fuhren wir zurück. Gegen fünf waren wir wieder in Rolleston, lachten und machten Späßchen. Und das ist es auch, was die beiden hier für mich zu meinen Engeln in Rolleston macht: fröhliches Gottvertrauen, wunderbarer Humor, liebender Optimismus, weite Herzen und viel Mut! Ich bin so froh und so unglaublich dankbar, dass sie mich in ihr Haus und ihre Herzen aufgenommen haben!

Sonnige Tage

June 23rd – Rolleston

Die letzten Tage habe ich es mir richtig gut gehen lassen können! Cappuccino am Nachmittag, barfuß über dicken Teppich laufen, heiß duschen, im Whirlpool entspannen… nein, ich bin nicht im Hotel ;-). Seit Samstag darf ich wieder ein paar Tagen bei meinen Freunden Maria & Malcolm wohnen. Und ich genieße es! Ich genieße nicht nur die Annehmlichkeiten eines warmen Hauses im neuseeländischen Winter, vor allem genieße ich die wunderbaren und bereichernden Gespräche, die liebevolle Gesellschaft, das gemeinsame Lachen. Es tut so gut, nicht allein zu sein.

Freilich habe ich auch einiges wieder sehen dürfen. Am Samstag war ich am Mount Sunday. Sagt man irgendjemandem diesen Namen, dann stutzen alle und sagen: kenne ich nicht. Hätte mir ja auch nichts gesagt und vielleicht wäre ich da auch nicht hingefahren, wenn nicht… Ja, wenn dieser Berg nicht in einem meiner liebsten Filme eine Rolle gespielt hätte. Es handelt sich nämlich um „Edoras im Land der Pferdeherren“ (für alle, die jetzt ein fröhliches Häh???? auf der Zunge haben: Herr der Ringe, 2. Teil). Nachdem ich auf dem Carpark Bessie abgestellt hatte, stiefelte ich durch das Flußbett los, strahlende Sonne und herzerwärmende Naturmusik: Plätschern, Zwitschern, Steine knirschen, Wind und sonst: nix. Ja, klar, meinen Atem habe ich auch gehört, aber sonst, wirklich, nichts! Als ich startete waren da auch noch keine anderen touristischen Nasen; mag vielleicht daran liegen, dass es gut eine Stunde über eine Schotterstraße und durch zwei Furten zum Mount Sunday geht. Möglicherweise schreckt das ab 😉 Gut für mich! Die kleine Wanderung auf den Gipfel, der Ausblick, die Weite und dieses weite Gefühl, dass sich in mir dadurch breit machen konnte, all das ließ diesen Tag zu einem unter den Top 3 in Neuseeland für mich werden. Und jeden, den es einmal auf die Südinsel verschlagen sollte, empfehle ich super gern: nehmt euch diesen Tag Zeit, fahrt in die Pampa, lasst eure Gedanken fliegen und saugt diese Luft ein!

Gestern fuhr ich mit Bessie von Rolleston aus zum Arthurs Pass, eine der schönsten Gebirgsstraßen Neuseelands. Das Wetter war defintiv auf meiner Seite: erneut strahlender Sonnenschein, verwunschener Morgennebel, klirrende Kälte und doch zum Genießen (musste ich ja nicht aus meinem kalten Camper heraus starten). Der Arthurs Pass ist die höchste Passstraße Neuseelands und verbindet die Region Christchurch mit der Westküste (Greymouth). Lange bevor der Namensgeber diese Route „entdeckte“ wurden die Bergpässe der Flüsse Hurunui und Rakaia schon von den Mardy für Handel und Jagd genutzt. Die ehemaligen Stämme der Mardy suchten hier auch neuseeländische Jade (Greenstone); erst onde später trieb der Goldrausch die angesiedelten Europäer über diese Pässe an die Westküste. 1864 stapfte dann also Arthur Dudley Dubson mit seinem Bruder Edward über den unwegsamen Pass, schon zwei Jahre später gab es die erste Straße.

Mein erster Stopp war der „Lookout Deaths Corner“ – Teil der alten Passstraße und höchster Punkt. Von hier wollte ich den Ausblick auf das Otira Viadukt genießen, doch es kam anders: als ich auf den kleinen Parkplatz fuhr und aus meinem Seitenfenster guckte, saß da ein Kea (neuseeländischer Bergpapagei, dessen Art leider vom Aussterben bedroht ist). Ich: „Wow! Wo ist meine Kamera?“ Kea: guckt. Ein Vogelzwinkern später setzt er zum Flug an und stürzt sich auf mein Autodach. Ich: Wow?! Was passiert hier? Kea: startet wildes Gerenne auf meinem Autodach. Und plötzlich kommen sie aus allen Richtungen: sechs Keas gesellen sich zu ihm auf mein Autodach, machen einen Riesentumult und hängen sich manchmal an mein Fenster und schauen fragend, auffordernd rein. Ganz wohl fühle ich mich nicht, schnappe mir dennoch meine Kamera, öffne ganz schnell die Autotür, springe raus und schlage die Tür in Arschgeschwindigkeit wieder zu, damit keiner dieser gefiederten Frechdachse die Chance hat, in mein Auto zu hopsen. Ein paar Schritte stehe ich abseits und habe den Mund offen, weil ich mit dieser Meute nun so gar nicht gerechnete hatte. Sie knabbern an allem, was sie finden können, Kabbeln miteinander, freuen sich scheinbar fröhlich krächzend, fliegen und hopsen, klettern auf den Spiegel, rutschen über die Glasscheiben und haben sichtlich Freude daran, nach Silikon zu suchen, in das sie ihre Schnäbel schlagen können. Plötzlich denke ich: oh weh, der Camper ist geliehen! Ich sollte mich lieber vom Acker machen und das tue ich dann auch aus Sorge um Bessie. Zweiter Stopp: Devils Punchbowl Wasserfall. Über gut 500 gefrorene Treppen geht es quer durch den Wald, vorbei an den schönsten Moosgewächsen hinauf zum Wasserfall. Auch hier treffe ich zunächst niemanden, später gesellen sich eine Handvoll Touristen dazu. Auf dem Rückweg hänge ich in Gedanken noch immer bei den Keas, und ich entscheide: ich fahre noch mal hin. So schnell werde ich ja nicht wieder die Gelegenheit bekommen, Bergpapageien hautnah zu erleben. Also starte ich nochmals Richtung Lookout und staune nicht schlecht, als dort der Parkplatz voller Autos und Menschen ist. Die Keas sitzen träge am Boden, manche laufen behebig über den Platz, keine Spur mehr von der aufgeweckten Meute. Was war passiert? Schnell erfasse ich den Schaden, den die Touristen angestellt haben, sehe das Toastbrot am Boden, die Cashewnüsse, die auf dem ganzen Platz verteilt sind – manche noch in den Händen, deren Besitzer seltsame Geräusche von sich geben, um einen der Vögel für einen Schnappschuss anzulocken. Mein Herz wird schwer ob so viel …. (piep). Und ich werde sauer, denn: vor, auf und hinter dem Parkplatz stehen riesige Schilder, die supergut auch ohne Sehhilfe zu lesen sind: Bitte nicht füttern – das hilft der Erhaltung der Keas! Nicht nur, dass es sich bei den Keas um eine wilde Art handelt, die verlernt, selbst nach Futter zu suchen; die zweite und wohl größere Gefahr: träge und satte Keas sind träge und bewegen sich kaum; nichts agiles mehr und eine super Beute, vor allem für dusselig fahrende Touristen. Immer wieder sterben die prächtigen Tiere, weil ein Tourist zu spät bremst oder den gut getarnten Federmann schlichtweg übersieht. Ich zögere, in mir kämpfen zwei Stimmen und dann ringe ich mich durch: ich gehe auf die fütternden Menschen zu, weise darauf hin, dass das Füttern verboten ist (sie stecken erschrocken die Cashews ein – zum Glück, ahtte befürchtet, dass ich mit meinen wenigen Englischkenntnissen auch noch eine Diskussion führen müsste), hebe die Toastscheiben auf und werfe sie in den Mülleimer meines Campers. Die Touristen sind peinlich berührt (ich bin erleichtert) und die Keas schauen mich fragend an, so nach dem Motto „Du klaust uns hier gerade unsere Tagesration!!!???“. Ich setze mich mit meinem Handy in die Nähe der verdutzten gefiederten Gesellen und warte. Langsam beginnen sie, wieder zu suchen, vor allem wirken sie ein wenig angefressen und bedient weil das lecker Essen weg ist. Einer sucht sogar nach einem „Ersatz“:

Gut eine halbe Stunde bleibe ich bei ihnen, spreche mit den Leuten, die mittlerweile auch ihre Sprache wiedergefunden haben, wir erfreuen uns gemeinsam und ich bin froh, dass sie nicht noch einmal ihre Nüsse zücken. Die Sonne strahlt und ich merke, dass ich langsam nach einem Kaffee sehne; Zeit, den Rückweg anzutreten, denn ich habe ja noch einen besonderen Stopp vor mir: Castle hill. Nach ca. 50 Minuten Fahrt erreiche ich den Parkplatz und begebe mich auf den Track „Castle Hill“. Dabei handelt es sich um Kalksteinfelsen, die wie einzelne Kunstwerke auf dem Hügel stehen. Da es von Ferne scheint, als wäre es eine alte Stadt oder ein Schloss, bekam die Gesteinsansammlung ihren Namen. Mittlerweile weiß man, dass hier früher Mardy auf dem Pass Unterschlupf gefunden haben; die Steine jedoch nicht von Menschenhand an diesen Ort bewegt worden sind. Ich genieße das verschiedene Licht, die Sonne, das Spiel zwischen Hell und Dunkel, die verwunschen anmutenden Felsen, klettere und fühle mich ein wenig wie in einem Zauberlabyrinth. Auch dieser Platz war Drehort, dieses Mal jedoch nicht für „Herr der Ringe“ sondern für „The Chronicles of Narnia: The Lion, the Witch and the Wardrobe“. Im besten Sinne herrlich erschöpft kehre ich am Abend zurück nach Rolleston.

Heute habe ich mir Zeit genommen, um Bessie zu schrubben, die Decken und Kissen zu waschen und habe das erste Backpacker-Päckchen gepackt: in ihm Sachen, kleine Schätze und Erinnerungen, die sich morgen auf den Weg mit der Post nach Deutschland machen – mal schauen, wann sie landen =). Ein Gedanke noch am Schluss, weil mich immer wieder Nachrichten von euch daheim erreichen mit der Frage, wie es für mich weitergehen wird. Also: die kommenden Tage bin ich in Rolleston, schaue mir ein wenig Christchurch an und tanke Kraft; kommende Woche geht es zurück nach Wellington (und ich freue mich schon sehr, dort meine Engel wiederzusehen; und dann habe ich noch drei Wochen Zeit, um mir all die Dinge auf der Nordinsel anzuschauen, die ich noch sehen möchte: Napier und die Ostküste, Bay of Plenty und Coromandel, Rotorua und vor allem: Matamata! Am 21. Juli werde ich Bessie in die Hände ihres Besitzers abgeben und dann? Ja, so genau weiß ich das noch nicht. Eigentlich wollte ich… oder das… oder das… Leider lässt die aktuelle Situation kein verlässliches Planen zu, doch fühle ich mich damit nicht Aufgeschmissen. Ich bin ruhig und vertraue darauf, dass etwas kommen mag. Und ihr werdet es bestimmt auch erfahren =). Manche werden vielleicht aufhorchen und sagen: Susann und keinen Plan haben? Jupp, so ist es, doch vor allem kann ich auch so ruhig sein, weil es in Deutschland liebste Menschen gibt, die sich um Rumo kümmern und ihm ein Zuhause geben, bis ich irgendwann zurück sein werde. Habt Dank, ihr Lieben, für alle Schmuseeinheiten, Gassirunden, Ballwurfeinheiten…!!!

Von Arakoa nach Aoraki

June 19th – Fairlie

Ja, die Namen der Orte können ganz schön verwirrend sein. Für mich ging es in den letzten Tagen erst nach Arakoa und dann Aoraki. Ich habe viel gesehen und mag euch heute vor allem durch (45 🙂 ) Bilder an den letzten Tagen teilhaben lassen.

Doch zuvor noch ein paar Anmerkungen zu Aoraki: Besser bekannt ist dieser Berg in Neuseeland als Mount Cook. Er ist der höchte Berg mit insgesamt 3724 Metern und liegt in den Südalpen. Das ist die Bergkette, die sich über die gesamte Länge der Südinsel erstreckt und besonders in den Wintermonaten beliebtes Ziel von Skitouristen ist. Aoraki besteht aus drei Gipfeln: Low Peak, Middle Peak und High Peak. Der Berg befindet sich im Aoraki National Park, welcher 1953 gegründet wurde iund zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Zu Aorkai gibt es auch eine Mardy-Legende: Aoraki war der Sohn Rakinuis, des Himmelsvater. Er hatte drei Brüder. Auf einer ihrer irdischen Reisen strandete ihr Kanu auf einem Riff und kippte um. Aoraki und seine Brüder kletterten auf die Oberseite des Kanus, um sich zu retten. Der Südwind fror sie jedoch ein und verwandelte sie zu Stein. Ihr Kanu wurde das Te Waka o Arokai (die Südinsel). Aoraki, der größte unter den Brüdern wurde zum höchsten Gipfel der Südinsel und seine Brüder schufen den Ka Tiritiri o te Moana (die Südalpen).

Aoraki erhielt seinen englischen Namen Mount Cook im Jahre 1851 von Kapitän John Lort Stokes. Er wollte den berühmten Kapitän James Cook ehren, der schon gut 80 Jahre zuvor die neuseeländischen Inseln umsegelt und im Zuge dessen die Südalpen benannt hatte. Im Jahre 1882 versuchten zwei Schweizer, den Berg erstmalig zu besteigen, scheiterten jedoch. Zwölf Jahre später gelang die erfolgreiche Erstbesteigung am 25. Dezember den drei Bergsteigern Jack Clarke, Tom Fyfe und George Graham. Die erste Frau auf dem Gipfel war Freda du Faur (1910). Edmund Hillary bestieg 1948 Mount Cook – bei dem Namen klingelt es vielleicht bei euch? Er war der erste Mensch, der zusammen mit dem nepalesischen Bergsteiger Tenzing Norgay den Mount Everest erklomm (1953) und im Zuge dessen zum neuseeländischen Nationalhelden wurde. Traurige Info: der Aoraki National Park ist das Bergsteigergebiet mit den meisten Todesfällen Neuseelands. 238 Menschen starben hier, wobei 60 von ihnen nicht gefunden werden konnten oder als vermisst gelten. Unter ihnen war auch der Onkel von Malcolm (die Familie in Rolleston, bei der ich so liebevoll aufgenommen wurde). Die bewegende Geschichte von John Cousins und seinem Bergsteigerkollegen findet ihr hier: https://www.nzgeo.com/stories/the-unforgiving-face/

Schultag in Rolleston

June 15th – Rolleston (in der Nähe von Christchurch)

„Heute war ich mal wieder in der Schule!“ Das habe ich das letzte Mal 2010 gesagt; lang lang ist es her, dass ich mit den Schülern durch die Gänge der Leipziger Schulen gewackelt bin, auf der Suche nach dem nächsten Klassenzimmer, manchmal mega gemütlich quatschend, manchmal hetzend weil nicht mal Zeit für einen Schluck Wasser blieb. Fünf Minuten Pausen und dann vom Kunstkeller in das Dachgeschoss der Thomasschule und am besten noch einen Stapel Büchern unterm Arm. Jaja, Dienstags, achte Stunde. 😉 In den Randstunden an der Rudolf-Hildebrand-Schule hatte ich sehr oft einen Wasserkocher und löslichen Kaffee im Gepäck; das hielt montags die zehnte Klasse und mich motiviert. Ungern erinnere ich mich an die Zeiten in einer Mittelschule Leipzigs (hier nenne ich bewusst den Namen nicht 😉 ): kurz nach dem Studium trat ich den Unterricht am Donnerstag dort an und bin mit all meiner Motivation, den Unterrichtsideen usw auf die Nase gefallen; als die komplette Klasse die Schule verließ, musste ich mir eingestehen, dass ich meinen Lehrauftrag nicht mehr erfüllen konnte und bin noch heute meinem Kollegen sehr dankbar, der damals kurzfristig für mich an dieser Schule eingesprungen ist und mir diese Last mitten im Halbjahr von den Schultern nahm! Gern erinnere ich mich an die Stunden im Leipzig Kolleg. Als ich dort begann zu unterrichten, waren manche „Schüler“ älter als ich; zu Beginn hat mich das eingeschüchtert, mit der Zeit habe ich die Diskussionen auf Augenhöhe sehr zu schätzen gelernt und war am Ende meiner Dienstzeit dort sogar traurig, dort nicht mehr unterrichten zu können.

Nun also war ich heute mal wieder in einer Schule und das kam so: (Achtung! Längere Geschichte, ich hole aus und springe zu Beginn ein paar Wochen zurück nach Auckland!) Nachdem in Neuseeland reisen wieder fast fröhlich möglich war und ich mich auf den Weg nach Süden machte, stoppte ich in Silverdale, um mich für die Südinsel mit warmen Sachen und einer neuen SIM-Card einzudecken. Ich parkte mein Auto auf dem riesigen Parkplatz und machte mich auf die Suche nach einem Laden, der Schals, Handschuhe, Thermounterwäsche etc anbieten würde. Als ich den Parkplatz überquerte, lief mir eine Frau mit neu gekauften Handschuhen entgegen. Ich fragte höflich aus gefühlt fünf Meter Entfernung, wo sie diese gekauft habe, sie lächelte und sagte „Macpac“. Yeah, dachte ich, klingt super, also nichts wie hin. Ich „erstürme“ den Laden, voller Vorfreude auf endlich-wieder-einkaufen und mir kommt eine strahlende junge Frau entgegen und fragt mich, wie sie mir helfen könne. Ich zähle meine Liste auf und Philippa stattet mich kompetent und fröhlich mit allem aus, was ich brauche. Während ich die verschiedenen Teile anprobiere, kommen wir ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass Philippa in Deutschland geboren wurde und ihre Eltern eine Zeit dort lebten. Wir reden über Lockdown und Reisen, sie möchte gern Deutschland besuchen und ich lade sie ein, sich bei mir zu melden und auf jeden Fall einen Stopp in Leipzig einzulegen. Wir tauschen Nummern und dann fragt sie mich, ob ich heute schon eine Dusche hatte und ob ich bei ihr daheim duschen wolle. Tatsächlich hatte ich an diesem Tag auf einem Campingplatz geduscht, deshalb lehne ich ab und bin im gleichen Moment geflasht von ihrer Offenheit und Herzlichkeit mir gegenüber. Und dann sagt Philippa, dass ihre Eltern in Christchurch leben und ich mich melden könne, wenn ich wolle und sie eine offene Tür und einen Platz für mich haben, wenn ich mag. Sie schreibt mir die Telefonnummern auf und ich stecke den Zettel überwältigt ein. … Wochen vergehen, ab und an schreiben wir miteinander, ich bereise die Südinsel und bin ich regelmäßig innerlich dankbar über die bestwärmenste Thermounterwäsche, die Philippa mir verkauft hat – besonders an den Nächten mit annähernd Minusgraden! Irgendwann in der letzten Woche fragte sie mich nochmals, ob sie ihre Eltern anschreiben solle und was soll ich sagen (ich kürze ein wenig die Erzählung): heute sitze ich in der Küche und schreibe euch diese Zeilen. Seit zwei Nächten bin ich Gast im Haus von Maria & Malcolm; ich habe ein eigenes Zimmer bekommen mit einem superschönen Willkommensschild und darf so lange bleiben, wie ich möchte. Und wieder einmal haut mich die Offenheit und Herzlichkeit einer neuseeländischen Familie um! Mir, einer Fremden, Haus und Tür und Herz zu öffnen – das ist ein Segen für mich!

Maria unterrichte im Rolleston College. Die letzten Tage kamen wir immer wieder ins Gespräch über ihre Arbeit an dieser Schule. Es ist eine von 5 Schulen in Neuseeland mit einem neuen Konzept des Lernens: offene Räume in jeder Hinsicht. Ich werde immer neugieriger, wie das aussieht und frage heute morgen unvermittelt, ob ich mal zu Besuch kommen könne in den nächsten Tagen und Mäuschen spielen und Maria sagt: klar, sei um zehn in der Bibliothek. Ich freue mich, löffle mein Frühstück zu Ende und kurz vor zehn setzt mich Malcolm im Schulgebäude an der Anmeldung ab. Ich trage mich in die Besucherliste ein – funktioniert online und ist ganz simple. Er bringt mich zur Bibliothek und ich stiefle hinein. Los geht mein Schultag:

10.00 Uhr Mathestunde in der Bibliothek. 30 Schüler, vielleicht 15 Jahre alt, verteilt an verschiedenen Tischen, auf Podesten, quatschend, essend, Youtube glotzend, balzend, verunsichert, schüchtern lächelnd, auf den Stühlen hängend. Maria unterrichtet Parabeldiskussion. 80% hängen defintiv mit ihren Köpfen woanders, an manchen Punkten scheint ihr gar niemand zu folgen. Und das aus purem Desinteresse.

Es ist eine von fünf Schulen in Neuseeland mit diesem neuartigen Konzept. Drei in Auckland, eine in Christchurch und diese in Rolleston. Ein neues, offenes Konzept des Bildens. Wer mehr wissen mag: https://www.rollestoncollege.nz/

Eine der ersten Fragen, die mir im Kopf aufploppen: Wie bleibt man als Lehrender motiviert ob dieser scheinbaren Ignoranz und des verherrschenden Desinteresses? Die Stunde ist wenige Minuten nach zehn zu Ende; ein richtiges Ende gibt es gar nicht, die Schüler packen einfach zusammen und stehen auf; unhöflich und respektlos erscheint mir das Verhalten. Maria schnappt mich lächelnd und wir gehen einen Kaffee trinken, treffen Kollegen, sie tauschen sich aus: vorrangig über all die Sachen, die noch getan werden müssen, denn diese Woche endet das Semester und das neue beginnt am kommenden Montag. Wie ein neues Halbjahr in Deutschland – das wird bis kurz vor Weihnachten dauern, dann sind Sommerferien.

Es klingelt zum nächsten Block; nun es ist kein richtiges Klingeln, die Lautsprecher spucken überall im Schulhaus und auf dem Hof ein Lied aus und ich merke, wie ich leichten fast tanzenden Fußes mit Maria zum nächsten Unterrichtsblock wackel. Das Lied wechselt übrigens wöchentlich. Ist defintiv etwas anderes als das stumpfe Klingeln einer Schulklingel in vielen deutschen Schulen.

Chemie. 29 Schüler. Der Block startet ziemlich laut. 100 Minuten liegen vor uns. Maria übertönt gekonnt die Herde. Ich ziehe erneut meinen hut vor ihr; frage mich wieder, wie lange man gesundheitlich eine solche Anspannung und Lautstärke aushalten wird. Die besondere räumliche Situation, die wuselige Gruppe von jetzt interessierten aber auch stark pubertierenden Jugendlichen; die Masse an Vorbereitungen für diese Art Unterricht (alles muss vorher online gehen; nix mit Schwellenstunden), Berichte schreiben, Kommentare zu Schülern verfassen, Vorbereitungs- und Planungstreffen… ich hätte schon lang kapitualiert. Wir sitzen in einem hallenartigen Raum. Mit uns drei andere Klassen in, durch Flipcharts und Whiteboards abgetrennten, Ecken. Es ist kalt. Unruhig. Für die Lehrenden gibt es keinen Tisch. Maria nutzt einen Stuhl als Ablage. Als die Herde halbwegs leise und startklar scheint, wählen sich alle über Tablet oder Smartphone ins Onlinesystem ein. Ich überlege: wenn hier der Strom ausfällt, läuft kein Unterricht mehr. Feel lost! Die Klasse startet mit zwei Quizrunden über Atome, Ione, Periodensystem. Eimi gewinnt. Für mich eine wirkliche unterhaltsame Methode und ich denke auch für die Lernenden. Ich erinnere mich, dass wir früher Bankrutschen gemacht haben, das war mit Abstand des Unterhaltsamste in meiner Schullaufbahn. Es folgt: Wiederholung für die Prüfung, die morgen auf dem Plan steht. Die restlichen Minuten des Blocks schreiben die Schüler „cheetsheets“ – Spickzettel (!), denn jeder darf ganz offiziell zur Prüfung einen selbstgeschriebenen A4-Zettel mitbringen. Wahnsinn! Ich erinnere mich an all die kreativen Spicker meiner eigenen Laufbahn und all jene, die ich als Lehrer „entlarven“ durfte. Schmunzle ein wenig auch über all die Spickzettel, die ich absichtlich übersehen habe; ja, liebe ehemalige Schüler (ich weiß, dass manche von euch das hier auch lesen =) ) , ich hab echt oft weggeschaut. Oder habt ihr gedacht, dass ich immer Bock auf Ärger deswegen hatte? 😉 Gegen 12.40 Uhr stehen alle wieder auf. Stunde zu Ende. Auch mein Schulschluß.

Mittlerweile ist es 22.30 Uhr. Maria sitzt noch immer über den Vorbereitungen für morgen. Sie erzählte, dass 65Wochenstunden oder auch mehr fast normal sind… Ich ziehe wieder meinen Hut; es muss Passion sein, Liebe am Lehren, Liebe zu den einzelnen Schülern, um dieses Pensum zu schaffen (für ein Gehalt, was denkwürdig wenig wertschätzend ist).

Was hat sich bei dir verändert?

June 11th – Portobello

Uiuiui, da hab ich euch ein paar Tage hängen lassen, euch neugierig stalkende Nasen 🙂 Verzeiht! Das hat einen schlichten Grund: die letzten Tage habe ich mit Schnupfen, Hals- und Kopfschmerzen verlebt und alle Momente genutzt, um zu ruhen, zu schlafen und mich mit Hörbüchern und Netflix abzulenken. In Coronazeiten mit einer leichten Erkältung angeschlagen unterwegs zu sein, fühlt sich soooo merkwürdig an. Als würde man die Pest durchs Land fahren. Ich hatte das Gefühl, mich verstecken zu müssen. Das lag bestimmt auch daran, dass nun ausgerechnet am vergangenen Montag die neuseeländische Regierung stolz erklärt hat, dass das Land Covid-frei ist. Da will man doch den Spaß nicht mit einem offiziellen Nießer und möglichen Corona-Symptomen verderben ;-). Dank meiner Reiseapotheke habe ich mich gut kurieren können und schniefel ich nur noch ein wenig, die Nießer haben aufgehört, yeahaaa!

Kleiner Zwischenschwenker: Wie dankbar und froh bin ich über die großartige Unterstützung in den Reisevorbereitungen dem Team meiner wunderbaren Hausarztpraxis! Sie haben mich humorvoll und ehrlich beraten, mir wöchentlich eine nützliche Impfung verpasst und jeden Murks, den ich eingepackt habe begründet und auch noch ins Englische übersetzt! Wahnsinn! Allerliebsten Dank an dieser Stelle! Und liebste Grüße heute mal ganz besonders in eure Runde!

Die Erkältung war wahrscheinlich ein lästiges Souvenir der letzten Tage, in denen ich viel gefroren habe. Die Häuser Neuseelands unterlagen noch bis zum vergangenen Jahr keinen Bauvorschriften – besonders gab es keine Regelungen für Isolierungen. So sind lediglich die Neubauten mit Doppelverglasung und Wärmeisolierung notwendig; die alte Bausubstanz muss dahingehend nicht nachgerüstet werden. Deswegen kann es passieren, dass man im Wohnzimmer eines Hauses sitzt und die Vorhänge sich im Rhytmus des Windes bewegen, obwohl alle Türen und Fenster geschlossen sind. Auch gibt es in den Häusern keine zentralen Heizsysteme. Das meiste funktioniert über Klimaanlagen, bewegliche Heizer, Ofen oder Kamine die mit Holz betrieben werden (diesen Rohstoff gibt es derzeit noch wie „Sand am Meer“ auf den beiden neuseeländischen Inseln – ich schreibe bewusst noch: bei dem Konsum wirde da irgendwann ohne großes Aufforsten auch Schicht im Schacht sein). Nun könnte ich als verwöhnte Europäerin den Kopf schütteln und über die fehlenden Heizkörper klagen – mach ich nicht, denn ich bin ja auch neugierig und habe freilich nach dem Grund gesucht, warum es keine zentralen Wasser- und Heizsysteme gibt: Erdbeben. Man stelle sich einen Öl- oder Gastank vor, vielleicht im Keller oder im Garten, Rohre die sich durch das ganze Haus ziehen usw (an dieser Stelle erspare ich mir eine detaillierte Heizerklärung), ihr habt das Bild? Also: Haus wie in vielen Teilen Europas und dann: Erdbeben. Ja, ihr versteht mich. Und dass man auf diesen Inseln eigentlich immer mit Erdbeben rechnen kann, haben die beiden Beben in Raum Wellington vor ein paar Wochen gezeigt, die ich miterlebt habe. Sowas kündigt sich eben nicht großspurig an, passiert einfach.

Seit Samstag bin ich übrigens auch wieder ein Stück weiter gefahren: Den Sonntag habe ich noch auf der Farm verbracht, mit der Dame des Hauses einen Gottesdienst der Presbyterianer besucht (huch, das war eine seltsame Erfahrung: kleine Dorfkirche, jeder kennt jeden und ich wurde behandelt wie eine „touristische Außerirdische“; den Gottesdienst hatte nämlich noch nie zuvor jemand von „Übersee“ besucht), Wäsche gewaschen, meinen Camper gesäubert und ein paar Mails beantwortet. Am Montag ging es dann für mich auf der Küstenstraße von Riverton über Invercargill nach Newhaven. Newhaven ist eine Miniküstenansiedlung inmitten der Catlins, eine wunderschöne Küstenlandschaft aus felsigen und sandigen Stränden, ruhigen Buchten und brausigem Meer an schroffen Felsen, eine Mischung aus bewaldeten Hügeln und Regenwaldtälern, mit vielen Wasserfällen, Aussichtspunkten und einer reichhaltigen Flora und Fauna. Seelöwen und Robben, Möwen und Albatrosse, Pinguine und Delfine… sie alle leben auch an dieser Küste und manche habe ich fast hautnah getroffen. Gerade sitze ich ein paar Kilometer hinter Dunedin und warte auf die Tour, die Albatrosse und die blauen Pinguine geführt beobachtet. Ja, vielleicht ärgerlich, dass ich dafür eine Tour buchen muss, auf der anderen Seite verhindert damit das Land auch, dass die tierischen Bewohner von Besuchern überrannt und unsachgemäß behandelt werden und so verschreckt werden, nicht mehr brüten, umziehen, aussterben… Die blauen Pinguine sind übrigens die kleinsten ihrer Art weltweit. Und wenn es möglich ist, ein Bild zu machen, werde ich euch daran teilhaben lassen. Hasenschwör!

Ansonsten stelle ich heute noch eines fest: kalendarisch vor vier Monaten bin ich in den Flieger Richtung Vietnam gestiegen. Vier Monate schaue ich mir die Welt an mit all ihren Schönheiten und Merkwürdigkeiten, texte euch seit vier Monaten auch damit zu 🙂 Und wenn ich das gerade so schreibe, fühle ich, wie dankbar ich bin, dass ich diese Reise machen kann, dass ich gesund bin, dass ich all das sehen kann. Selbstverständlich ist es eben nicht und deswegen bin ich umso dankbarer. Diese Woche ist in Deutschland ein Teil der Osterpost angekommen, die ich versandt habe und eine Reaktion darauf, die mich sehr bewegt hat, war Folgende: „…freue mich sehr über diese deine Zeilen aus der Vergangenheit. So vieles hat sich seit Karfreitag schon wieder verändert. In der Welt, in meinem Alltag, in deinem Alltag. Ich frage mich: hat sich auch in dir etwas verändert seitdem?…“ Als ich diese Nachricht las, überfluteten mich viele Momente und Erinnerungen, Gefühle, Freude und Traurigkeiten der letzten Monate – vermutlich geht es dir, lieber Blogleser, nicht anders, wenn du überlegst, was sich seit Karfreitag in deinem Alltag und in dir verändert hat. Ich halte für mich fest, dass Reisen verändert und den Horizont erweitert, die Neugierde befördert und stillt, das Herz jubeln aber auch den Kopf schütteln lässt, … dass manches an einem Ende der Welt genau ist wie am anderen, …dass Menschen menschlich sind aber nicht zwingend clever, …dass manches innere Gepäck nicht verloren geht auch wenn ich mich noch so sehr bemühe,… dass nicht vieles nicht selbstverständlich ist, …dass ich beschenkt bin mit lieben Menschen & mit Rumo, mit Gesundheit & Beweglichkeit und auch mit einem deutschen Pass, …dass ich behütet unterwegs sein konnte und auch hoffe, dies weiterhin zu sein, … dass ich es schaffe, mit mir allein zu sein und mich selbst zu sehen und ernstnehmen kann.

Und jetzt die Bilder der letzten Tage, ja, es sind wirklich 51 😉

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