22. März: Rarawa Beach. Kia ora! Ihr Lieben in nah und fern, ich grüße euch! Derzeit stehe ich auf einem Campingplatz in Far North, gerade kamen zwei Touristen an, die berichteten, dass der Campingplatz am Cape Reinga wegen Corona soeben geschlossen hat. Es ist kurz nach fünf am Sonntag nachmittag; in gut 30 Minuten gibt es die aktuellen Neuigkeiten der Regierung; irgendwie vermuten hier alle ganz dumpf, dass es ein Fahrverbot für Camper geben wird… Sollte das passieren, hänge ich wahrlich fest an einem Ort ohne Strom, ohne Einkaufsmöglichkeiten, mit schlechtem Netz, ohne frisches Wasser…. ja, mir würden noch mehr Nachteile einfallen, wenn ihr darauf besteht, und doch: an einem Ort, der atemberaubend schön ist! Als ich gestern an den Strand kam und kilometerweise niemanden gesehen habe, war ich verwundert, beunruhigt und mega glücklich. Sollte einem das in Deutschland passieren, dass man an so einem Strand landet, dann ist man entweder in militärischem Gebiet gelandet oder in ein Filmset gestolpert. Hihi.
Am Freitag habe ich mein Lager in Stillwater abgebrochen und mich auf den Weg Richtung Far North, Cape Reinga gemacht. Das ist die nördlichste Ecke Neuseelands und diese wollte ich auf jeden Fall sehen – wusste ich ja schon am Freitag, dass es wahrscheinlich bald keine erlaubten „Bewegungen“ mehr auf den Inseln geben wird. Spät abends kam ich an Cape Reinga an; es war magisch und zu gern präsentiere ich euch irgendwann die Bilder (derzeit lässt das mein Datenvolumen wahrlich nicht zu). Bis dahin solltet ihr einfach googlen und euch auf die Eindrücke früherer Urlauber verlassen =). Besselt, verzückt, irgendwie beflügelt bin ich Richtung Bay of spirit aufgebrochen, denn ich hatte gehört, dass man dort einfach stehen könnte mit einem Camper, aber die Angst Corona war schneller….Letztendlich durfte ich an der Straßenseite stehen, mich niemandem nähern und es wurde auch mehrfach betont, dass ich nichts, wirklich nichts anfassen sollte! Dieses Gefühl würde ich euch gern beschreiben, da nur ich so sein musste, alle anderen normal campen weil nicht in Self-Isolation…. Eine Möwe leistete mir Gesellschaft beim Essen, das tat gut und ich habe ihr fröhlich von meinem Tag erzählt, der doch so schön verlaufen war. Magische Landschaften, atemberaubende Momente.
Am Morgen entschied ich dann, wieder richtung Süden zu fahren, in der Hoffnung, einen Platz zu finden, an dem ich stehen durfte, mein Klo leeren und meinen Frischwassertank füllen. Dann Campen als Self-Isolation kann zwar ganz hübsch sein und in maximaler Freiheit, wenn dein Scheißhaus aber voll ist und du keinen Kaffee mehr kochen kannst, hört alle Fröhlichkeit der Freiheit bei mir auf… 30 Kilometer nach Cape Reinga stoppte mich ein Fahrzeug der Regierung. Kontrolle. Daten aufnehmen. 1 Stunde Befragung. Erlaubnis, bis Rarawa Beach zu fahren und dort für mindestens 24 Stunden stehen. Haina hierß sie. Und ja, ich weiß, dass sie auch nur ihren Job macht. Ich bin alle Fragen losgeworden, aber sie war so ratlos wie ich. Also bin ich zu dem Beach gefahren. Hier stehe ich. Gestern kam Haina extra nochmal vorbei und hat mir frisches Wasser gebracht. Jetzt soll ich hier stehen, bis die Regierung Antworten gibt. Und Emails sollte ich schreiben. Hab ich gemacht. Mit allen Fragen. Und auch mit der Ankündigung, dass ich morgen fahren muss, um mein Klo legal leeren zu können und Essen zu kaufen – heute gibt es die letzten Äpfel. Haina weiß Bescheid. Ihr tut meine Situation leid. Und ich denke auch die, der ganzen anderen, die hier gestrandet sind. Seit 15 Minuten tippe ich euch, minütlich stranden hier neue Camper – Einheimische und Touristen, „Normalreisende“ und Leute in Self-Isolation. Die Stimmung ist angespannt. Und ich gestehe: meine Fröhlichkeit schwindet und gibt einem seltsamen Druck Raum. Ja, es ist schön hier, aber hey, ich habe kein Zuhause, in das ich zurück fahren könnte, wie die Auckländer neben mir… Wenn ich nicht mehr fahren darf… ich bekomme Magengrummeln. Unsicherheit. Und ich fühle mich gleich doppelt so allein und einsam also zuvor… Noch 13 Minuten…
Dreiundzwanzgster März: Maitai Bay. Die Nachrichten gestern kamen so pünktlich, dass man die Uhren hätte danach tellen können. Die Campingplätze schließen bis auf Weiteres. Nur noch zwei Plätze in Far North sind offen: Rarawa und Maitai. Ich rief so schnell ich konnte Haina vom Gvot an. Sie sagte mir, dass sie nicht wisse, ob ich morgen überhaupt noch fahren dürfe, wie ich dann an Lebensmittel kommen würde, wisse sie auch nicht… deswegen: Camper packen und losfahren. Ab nach Kaitaia, Essen kaufen, tanken und dann auf den Campingplatz in Maitai Bay. Hier stehe ich nun seit wenigen Stunden und ich fühle mich so einsam, wie noch nie auf dieser Reise. Self-Isolation als solche heißt ja schon, mit niemandem sprechen, bei niemandem sitzen, immer schön mindestens zwei Meter Abstand halten. Eine Woche mache ich das nun schon und mir fehlen einfach Gespräche, mal zu witzeln, ein bisschen zusammen zu klönen. Ich will nicht immer nur darüber nachdenken, was ich darf und was nicht (wobei letzteres definitiv mehr ist als das, was ich darf…), ich bin es so leid, mich als Aussätzige zu fühlen, die den Virus schienbar als Paket mit sich bringt, weil sie von „Overseas“ kommt… keiner spricht davon, dass mindestens die Hälfte der Erkrankten Leute sind, die keinen Kontakt mit Touristen oder Eingereisten hatten… Neuseeländer bewegen sich nicht sehr frei, sind lediglich angehalten, andere Wege des Arbeitens zu bedenken. … Seit heute Nacht regnet es in Strömen, nee, stimmt nicht, es regnet in Strömen und dazwischen schüttet es aus Kübeln. Die Wanderwege sind wegen Corona geschlossen, bei dem Wetter lege ich mich nicht an den Strand – beides die Dinge, die ich noch machen dürfte, also hocke ich nun in meinem Camper und warte, bis der Tag vorbei geht bzw. Bis es mal so wenig regnet, dass ich mir einen Kaffee an der Außenküche machen kann. Das alles wäre vielleicht noch zu verkraften… vielleicht. Aber nun sitze ich auf einem Platz fest, der kein Netz hat. Mit viel Geduld mal einen Balken bei Vodafone und einen halben bei Sparkz. Beides nicht ausreichend, um einen Anruf zu machen, News abzurufen oder SMS zu schreiben, geschweige denn, um in Ruhe zu surfen und Emails zu schreiben, um die Langeweile und doch viel mehr noch, um die Einsamkeit zu vertreiben. Und so fühle ich mich wie Robinson auf einer einsamen Insel, irgendwie auch umgeben von Wasser, und habe auch keinen Dunst, wie lange es dauert, bis ich hier wieder weg kann. Eine Woche, zwei… Gestern noch hat die neuseeländische Regierung davon gesprochen, die Self-Isolation auf vier Wochen zu verlängern. Omg! Naja, sollte das passieren, kriege ich es hier ja eh nicht mit. Lach. Gequält-lach. Tränenunterdrücken-lach.
Jemand von euch daheim hat mir vor zwei Tagen beschrieben, wie bewundernswert das ist, was ich hier mache. Zwar kennen mich die meisten als organisierenden, anpackenden und meist auch optimistischen Menschen, und doch staunt nicht nur ihr mittlerweile, wie ich mich auf dieser Reise schlage. Sie ist so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. So ganz andere Aspekte bringen mich an meine Grenzen und ich war vielleicht naiv, als ich im Februar startete und nicht mit der kleinsten Wimper darüber nachdachte, dass Covid 19 mich so ausbremsen könnte. Mich so isolieren und mich so auf mich selbst zurückwerfen. Hier stehe ich, mit einem Rücksack voll Halbseeligkeiten und etwas Essen, in der verregnetsten Pampa seit langem, schreibe, um nicht durchzudrehen, weiß im gleichen Moment nicht, wie ich es euch jemals schicken könnte, warte und weiß nicht, worauf. Dass dieser Spuk in ein paar Tagen vorbei sein könnte, ist illusorisch.
Haina. Immer mal wieder habe ich Haina genannt. Ein paar Worte noch zu ihr an dieser Stelle. Sie hängt derzeit zwischen den Stühlen. Arbeitet für Regierung und die offiziellen Campingplätze, versucht, die Touristen zu registrieren und zu unterstützen und hat dabei besonders die armen „Self-Isolation-Nasen“ auf dem Schirm. Eine kleine quirlige, energiegeladene Frau, die hier mit ihrem Toyota ein Gebiet abklappert, dass 3 Stunden N-S-Ausrichtung und mindestens ebenso viele W-O-Ausrichtung zu fahren hat… Sie hat mir gestern gezeigt, wo sie wohnt, für den Fall, dass ich ganz dringend was brauche, sie hat mir alle Kontaktdaten dagelassen und mich zuletzt abends noch auf dem neuen Campingplatz untergebracht, wohl eher eingeschleust, denn offiziell darf ich hier ja nicht stehen. Bin ja ein Risiko für alle ahnungslosen Neuseeland-Camper. Sie hat darauf bestanden, dass ich hier stehe und sie hat auch betont, dass ich hier duschen darf. Sie macht ihren Job in diesen Tagen großartig! Liebevoll, respektvoll, lächend, fröhlich, lösungsorientiert, interessiert… ein Schatz in diesen Tagen. Ein kleiner Halt auch und ja, ich warte derzeit auch, dass sie vorbei kommt und mir grünes Licht zum Weiterfahren gibt…
Es ist um vier desselben Tages. Seit einer halben Stunde ist es offiziell: in 48 Stunden gibt es in NZ den Lockdown für 4 Wochen. Dass das so schnell geht, überrascht auch die Camper aus Wellington, mit denen ich mich unterhalten habe. Ob sie es schaffen, bis dahin noch nach Hause zu fahren, wissen sie nicht. Aber schnell ist deutlich: sie haben eine Option. Ich nicht. Ich habe versucht, Anrufe zu machen. Haina, Sam, Jucy Rentals, die Botschaft… die Leitungen sind überlastet, so wie Silvester in Deutschland. Keine Chance. Haina hat mir eine Nachricht geschrieben, übersetzt: Atmen, warten, sie kommt mit einem Plan. Wie der aussieht, weiß sie noch nicht. Wann sie kommt, habe ich nicht herausfinden können, weil das Netz wieder tot ist. Mich tröstet ein wenig, dass es mit mir tausende Touristen gibt, die jetzt in dieser Situation stecken. Keiner weiß, wohin er kann, wenn die ganze Nation hier dichtmacht. Ich weiß auch nicht, ob ich meinen Camper jetzt ganz schnell loswerden oder zu einem Wucherpreis für vier weitere Wochen mieten muss… Oder: Rückkehr nach Deutschland. Der Gedanke stimmt mich traurig, habe ich doch das Gefühl, dass ich hier derzeit besser aufgehoben bin.
Ich weiß, dass euch dieser Eintrag ratlos machen wird und fragend, aber ich wollte ihn gern noch posten. Eines: ich bin gesund! Und ich habe keinen Dunst, was jetzt kommt. Sobald ich kann, schreibe ich euch wieder.
























