„Roundabout“

April 2nd – XXX

Den Platz, von welchem ich euch jetzt schreibe, darf ich euch in den kommenden drei Wochen nicht verraten. Warum? Das werdet ihr gleich hören. Nur eines vorab: ich möchte euch sehr gern von diesem irren Tag erzählen, warne euch zugleich jedoch vor: ich habe ne Menge Gin Tonic im Blut, deswegen seht mir nach, wenn es fluffig klingt und Schreibefehler drin sind 😉

04.27 Uhr: ich werde von einem Auto geweckt, welches neben meinem Camper parkt, zwei laut diskutierende Frauen steigen aus, knallen die Tür mindestens einmal zu viel, plaudern und wackeln gemeinsam zu den öffentlichen Toiletten, die ungefähr zwanzig Meter hinter meinem Van sind. Dort stellen sie fröhlich fest, dass sie irgendwas vergessen haben, wackeln zurück zum Auto, knallen die Türen nachdem sie Putzmittel rausgeholt haben. Sie putzen in Megageschwindigkeit, frage mich, wie man in ca 6.5 Minuten drei Toiletten sauber bekommt, da schwirren sie zurück zu ihrer Karre, springen rein, knallen die Türen doppelt und düsen hellbeleuchtet von dannen.

07.23 Uhr: das Nachbarauto macht seine typischen Geräusche, als Roman es schließt und ich wache auf. Na gut, der Tag fängt jetzt definitiv an; mehr Schlaf werde ich nicht bekommen. Also: aufstehen. Kleine Routine des Tages: ich dusche, koche einen Kaffee, setze mich in die Sonne, höre eure Nachrichten bei Whatsapp ab.

09.45 Uhr: Dominic telefoniert mit dem Polizisten, um ihm zu sagen, dass wir das Haus bekommen haben und gegen elf gemeinsam mit dem Council gucken wollen, wie und wann wir dahin übersiedeln. Wir laden ihn ein, dazuzukommen.

Gegen zehn Uhr: die Polizei kommt doch schon früher, nimmt all unsere Daten zum x-ten Mal auf, wir erzählen vom OK in das gemietet Haus zu ziehen (welches wir im übrigen seitens der Polizei gestern bekommen haben), sie stocken und fangen an, miteinander zu diskutieren. Wir erstarren. Haben gerade die Miete überwiesen. Freuen uns. Die Wagen sind gepackt. Der Mietvertrag ist geschlossen. Die Polizisten deuten an, dass sie zu großen Sorgen wegen der neuen Nachbarschaft haben und wir möglicherweise nicht das OK bekommen, dorthin zu fahren. Sie beginnen, wild zu telefonieren. Unsere Miene gefrieren. Die Gefühlsachterbahn in meinem Herzen geht in die nächste Runde… zum zehntausendsten Mal in den vergangenen Stunden und Tagen.

10.50 Uhr: Die Polizisten verbieten uns, in das gemietete Haus zu ziehen.

10.53 Uhr: Grant vom Council kommt und eine lange Diskussion mit der Polizei beginnt. Wir sitzen geschockt und trinken Kaffee.

11.03 Uhr: Wir überlegen einen Cocktail namens „Roundabout“ zu kreieren: es soll eine Mischung aus Kaffee und Bier sein, die wir ab morgen zum Frühstück trinken, damit wir auf keinen Fall Auto fahren können.

11.12 Uhr: Dominic ruft die neuseeländische Zeitung an. Ich plane, die deutschen Medien auch auf den Plan zu rufen. Cuba freut sich darauf, die tschechischen Medien zu informieren. Es wird uns angekündigt, dass wir nach Pohe Island sollen. Das wäre der Platz, auf dem es seit mehreren Tagen Übergriffe und „Ausschreitungen“ gibt. Ich blockiere innerlich und wünschte, ich wäre einfach an einem stillen Platz, Frieden, Frieden, Frieden!

11.21 Uhr: Donald (der Ehrenamtliche des Tikipunga Sportspark) bietet uns in Absprache mit dem Council und der Polizei an, uns auf ein privates Grundstück zu bringen. Einzige Bedingung: wir dürfen in den nächsten Wochen niemandem sagen, wo genau wir sind; diese Lösung wird niemandem sonst angeboten; kein anderer Freedom-Camper soll auf uns aufmerksam werden, um nicht selbiges zu fordern… Die Anspannung fällt ab; einige von uns weinen. Das soll anhalten, bis wir das Grundstück am Nachmittag erreichen. Viele fahren los, um noch mal Einkäufe zu machen; ich versuche zu schlafen – war einfach zu früh wach.

14.05 Uhr: Wir fahren los. Konvoi mit acht Campervans. Nicht sehr heimlich, ehrlicherweise.

15.15 Uhr: Wir erreichen das Grundstück. Donald zeigt uns alles, wir parken die Autos. Wenige Augenzwinkermomente später stehen die Nachbarn auf dem Plan. Beschweren sich über die Neuankömmlinge, die Corona bringen werden… Die Bedingung war: niemand darf erfahren, wo wir sind; sollte sich jemand beschweren, müssen wir nach Pohe Island. Das war es dann. Viele von uns sind noch immer verunsichert, auch ich habe Angst, dass wir auffliegen und für mindestens drei Wochen auf einen Campingplatz müssen, auf dem uns niemand haben möchte.

16.35 Uhr: ich trinke gegen die „Deportation“. Die anderen schließen sich an. Wenn wir betrunken sind, können wir nicht mehr fahren. Hihi.

Gegen acht: Wir sitzen zusammen auf den Sofas des Hauses, sind noch immer geflasht von diesem Tag. Viele können es noch nicht so richtig glauben, dass wir jetzt hier sind und im besten Falle auch bleiben können. Auch ich zweifle noch stark. Lasst uns sehen was passiert.

Verzeiht, aber ich bin müde; jetzt wisst ihr erst mal so grob, was heute passiert ist. Morgen erzähle ich euch mehr, mit weniger Alkohol im Blut. Dann gibt es auch Bilder der letzten Tage 😉

Erkenntnis des Tages: Dieser Staat macht uns mürbe. Keiner weiß, was der andere tut, sagt… Und wir sind diesem hilflos ausgeliefert.

Übrigens: der Mietvertrag ging bisher nicht zu kündigen… auch die gezahlte Miete haben wir noch nicht zurück.

1 Kommentar

  1. Angelika Renner

    Alles Gute ❣️🍀 Gestern kam übrigens in den Nachrichten, dass deutsche Touristen nun doch aus NZ ausreisen dürfen 🙄 Liebe Grüße ❣️
    Bleib gesund ❣️👍😎

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