Heute Morgen als ich mit dem Rad durch den herrlich grün und schon fast herbstlich duftenden Clara-Park ins Büro fuhr, sah ich von weitem einen Vater mit seinem kleinen Steppke auf dem Weg entlangschlendern. Weil ich Zeit hatte und die beiden auch nicht unfreundlichst aus dem Weg klingeln wollte, entschied ich mich abzusteigen und ein kleines Stück mein Rad zu schieben, um sie zu Fuß zu überholen. Der Kleine hatte herrlich pumpige, blauen Hosen an, einen verwegenen Hut auf dem Kopf, mehr stolpernd als laufend und so voller Begeisterung über all das, was er sah. Er deutete mit seinem kleinen Zeigefinger auf alles um ihn, erzählte fröhlich – leider in einer Sprache, die ich nicht spreche. Sein Vater schlenderte ihm hinterher, lauschte, freute sich und staunte mit ihm. Irgendwann stoppte der kleine Mann und bemerkte, dass ich dabei war, mein Rad an ihm vorbei zu schieben. In diesem Moment drehte er sich um, sein Blick musterte erst meine Flipflops und wanderte dann wechselnd zwischen mir und meinem Rad nach oben, bis er mich mit großen dunkelbraunen Augen ansah. Ohne Zögern schoss ein Strahlen in sein Gesicht, er hob seinen kleinen Arm und winkte mir mit einem bezaubernden Lächeln…
Er hat damit mein Herz berührt. Erst an der Tür fiel mir auf, dass ich mein Rad komplett bis zum Büro geschoben hatte, so in Gedanken versunken war ich. … Seitdem ich wieder in Deutschland bin, bemerkte ich vermehrt, dass die meisten Menschen in den Straßen scheinbar schneller unterwegs sein wollen, als ihr Schatten, als ihre Gedanken. So viele wirken gehetzt, angespannt, von einer unsichtbaren Macht bedrängt, als wären die grauen Herren Momos hinter ihnen her. Verbissen klemmen sie im vollgestopften Stadtverkehr hinter ihren Lenkrädern, zumeist allein, manche scheinen Beißschienen zu benötigen, sie zerknirscht sehen sie aus. Radfahrer suchen die letzte Lücke, quetschen sich zwischen Autos und mit Einkaufstüten vollgepackten Passanten hindurch, schimpfen lautstark oder murmeln fluchend, schlupfen noch schnell bei Rot über die Fußgängerampel, um zwei Minuten vor den anderen im Netto das preisgesenkte Hack zu erhaschen. … Ohja, ich weiß, spitze Zunge, Frau Finsterbusch! Und doch: wer hat uns das Gemüt so verhagelt, dass wir nicht einfach mal jemanden anlächeln könnten? Auch schon erlebt im „Anlächelexperiment“ (einfach mal jemanden anlächeln, ohne ihn zu kennen) Auch schon mal probiert? Also die Reaktionen auf mein Anlächeln waren breitgefächert: beschämtes Wegschauen, am liebsten auf den Boden und geduckt weiterlaufen; verstohlenes und doch unsicheres Zurücklächeln; „getroffenes Bellen“ im Sinne von „Was soll denn das?“ oder auch verschüchtertes „Hä, kennen wir uns?“. Doch Platz eins war ungeschlagen: kurzer Blickkontakt, dann weiter nach vorn starren und auf keinen Fall das Gesicht dabei bewegen. … Ja, meine spitze Zunge bleibt. Gedanken schwirren mir durch den Kopf… Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder… Erwachsenwerden und ein Kind bleiben… bei Kindern ist nichts von Dauer, sie tragen nichts nach… Kästner, der schrieb, wir sollten uns die Kindheit nicht austreiben lassen… und es war Kästner, der auch schrieb:
„Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr.“

























