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Vorfreude

In den kommenden Wochen mag ich ab und an eine meiner liebsten Geschichten und Texte mit dir teilen. Heute gibts von Till Raether „Das Verschwinden der Vorfreude“:

Wie läuft das eigentlich: Kippen wir einander am Weihnachtsmorgen 24 Schokoladentäfelchen auf den Tisch und sagen: „Zack, hier, zur Feier des Tages?“ Nein, denn das würde dem Prinzip Weihnachten widersprechen: Alles auf einmal zu wollen ist das Gegenteil von freudiger Erwartung. Lieber jeden Tag ein anderes Stück Schokolade hinter den Türchen des Adventskalenders als alle auf einmal. Weil wir vor Weihnachten etwas tun, was wir so gut wie verlernt haben: Wir zelebrieren Vorfreude.

Früher waren zum Beispiel Schallplatten, Bücher und Filme Quellen der Vorfreude. Wenn Kate Bush eine neue Platte rausbrachte, muss man warten, bis es sie im Plattenladen gab. Der Plattenhändler sagte: Vielleicht am Freitag, spätestens Montag. Wenn sie dann da war, musste man sie nach Hause tragen. Auf dem Weg konnte man sie nicht hören, man konnte sie sich höchstens vorstellen. Zu Hause musste man die Platte aus der Hülle holen, dann aus der Innenhülle, sie dann in einer Hand balancieren, ohne aufs Vinyl zu fassen, den Deckel des Plattenspieler hochklappen und so weiter – alles reine, unverfälschte Vorfreude.

Wir freuen uns nicht mehr auf Fotos, denn wir haben sie ja schon gesehen, hinten auf der Kamera, während sie gemacht wurden. Wir freuen uns nicht mehr auf interessante Neuigkeiten: Niemand muss mehr bis zu den nächsten Nachrichten warten, um die Bundesliga-Ergebnisse zu erfahren. Schleichend verschwindet die Vorfreude auch aus unseren Beziehungen und Freundschaften. Wenn einem früher was Lustiges oder Interessantes passierte, dachte man bei sich: „Hehe, wenn ich das meinen Freunden erzähle!“ Wenn man heute erzählt, dass einem das Auto abgeschleppt wurde mit der Geburtstagstorte auf dem Beifahrersitz, heißt es nur noch: „Ja, stimmt, hast du ja letzte Woche schon auf Facebook gepostet.“

All das ist keine Nostalgie, sondern nüchterne Zwischenbilanz im Kulturkampf zwischen Vorfreude und dem, was Wirtschaftswissenschaftler „instant gratification“ nennen, sofortige Belohnung. Im Moment steht es 1:0 für das Team „instant gratification“. Was dumm ist, denn wir brauchen die Vorfreude. Unser Gehirn ernährt sich gerade zu von ihr. Sie dient ihm dazu, allerhand positive Fähigkeiten auszubilden. Zum Beispiel Zuversicht. Oder: ein realistisches, aber positives Selbstbild. Lebenszufriedenheit.

Wenn man abends im Bett liegt, an den nächsten Tag denkt und feststellt, dass es nichts gibt, worauf man sich freuen kann – dann ist es höchste Zeit, etwas zu verändern. Indem man wieder verbindliche Verabredungen trifft, auf die man sich freuen kann, statt sich bis zum letzten Moment alles offen zu lassen. Indem man Dinge plant, die sich nicht runterladen lassen, analoge Vergnügungen wie Spaziergänge, Kochen, Sport oder einen Museumsbesuch. Indem man wieder lernt, die Termine, die einem bevorstehen, nicht als Stress zu empfinden, sondern als etwas, worauf zu warten sich lohnt. Dann wäre das Leben auch ab Januar wieder hier und da wie die Vorweihnachtszeit für ein Kind.

(aus: Der andere Advent 2019/20)

back to me…

Für mich hat heute die Adventszeit begonnen. Gestern der Ewigkeitssonntag – mancherorts auch Totensonntag – heute dann die beginnende Stille mit dem Warten auf Weihnachten. Gestern noch habe ich über das Dunkel und den Himmel, das Ende und das Licht am Ende des Tunnels nachgedacht. Habe geweint, schmunzelnd erinnernd, sehnend gehofft. Mit dem heutigen Montag findet für mich die Hoffnung des Ewigkeitssonntag mitnichten ein Ende, im Gegenteil: es schließt sich der Kreis. Advent ist Warten auf Weihnachten. Und Warten auf Weihnachten heißt für mich: Warten auf das Licht, warten auf den Hoffnungsschimmer. Meinen Blick in den Himmel richten und dem Stern vertrauen, dass er mich zum guten Ziel führt.

Wenn man den Supermärkten folgt, dann ist seit September Advent: Plätzchen, Spekulatius, gefüllte Spitzen, Stollen, Stollenkuchen, Weihnachtsgebimmel- und Gebammel, Glitzer und Glotzen, kletternde Weihnachtsmänner und Plastikweihnachtsbäume… Da kann man dann drei Monate Vorweihnachtszeit, vier Wochen Glühweinrausch auf dem Weihnachtsmarkt und drei Tage Weihnachten in sich reinschaufeln, bevor das Geböller eine Woche vor Silvester beginnt und spätestens am 6. Januar – denn dann gibt es ja die ersten Tulpen wieder im Laden – ein Ende nimmt.

Versteh mich nicht falsch: ich liebe Plätzchen und Stollen, Räucherduft und Männeln wecken, Schwibbögen und Baum schmücken, Geschenke packen und auch auswickeln. Doch alles zu seiner Zeit. Das ständige „zu früh, zu viel“ ist mir „zuwider“. Ich mag das Leise, Feine, das Zartwinkende am Advent, das „wartende Anschleichen“ auf Weihnachten hin und ja: Stollen gibt es bei mir erst am 25. Dezember 🙂

Wer mich besser kennt, der weiß, dass für mich das Jahresende und der Jahreswechsel die anstrengendste Zeit des ganzen Jahres sind. Bei allem schönen Licht und Gerüchen des Advents und Weihnachten jongliere ich in diesen Tagen am meisten mit meiner Energie. Ich fühle mich schneller ausgelaugt von meinen Gedanken, meinen Erwartungen, meinem inneren Sortieren, den Erwartungen der anderen… diese Wochen fühlen sich für mich zu schnell zu überladen an und ich warte vermehrt nicht auf Weihnachten, sondern auf die „normale Zeit“ im Januar.

Aus diesem Grund habe ich es „geliebt“, in der Gemeinde Advent- und Weihnachten durchzuackern, um mich abzulenken. Später dann auch Weihnachten und Silvester im Ausland zu verbringen – gefühlt weg von allem Anstrengenden. Und im Reisen kam ich mich vor allem „wieder zu mir“ – „back to me“.

Wenn ich allein reise, dann bin ich schneller bei mir, dann kann ich besser auf mich und meinen Energiehaushalt acht geben, dann merke ich leichter meine Bedürfnis, dann wird es einfacher still und ruhig in mir. Und auch wenn ich in diesem Jahr alle Tage in Deutschland bin, wünsche ich mir dieses „back to me“ für den Advent und die anschließende Weihnachtszeit. Ich wünsche mir, den Fokus vorrangig bei mir zu halten, Zeit für und mit mir zu haben neben all den kleinen, feinen Momenten mit meinen Lieben.

Und so nehme ich mir für den Advent etwas vor: ich möchte es, wie bei den Reisen halten. Da gibt es weniger Netz, da bin ich tagsüber kaum oder gar nicht erreichbar, da kann ich mein Handy schneller weglegen und eher die Stille genießen.

Deswegen wundere dich nicht, wenn ich in den kommenden Wochen kaum, verzögert, später schreibe oder zurückrufe. Ich bin auf dem Weg „back to me“, wartend auf das Weihnachtslicht. Detoxing könnte man neudeutsch sagen, voller Vorfreude auf das, was da kommen wird 🙂 Ich richte meinen Blick in den Himmel und vertraue dem Stern, dass er mich gut führen wird.

In diesem Sinne wünsche ich auch dir einen wunderbaren, wunderlichten, stillfeinen Advent!

Bilanzbalance

Es ist Abend und die Straße vor meinem Haus ist schon lange ruhig. Ich sitze an meinem Schreibtisch, eine Tasse „Träum schön-Tee“ dampft wohlig neben mir. Eigentlich wollte ich den Tee nach der heißen Wanne im Bett schlürfen, doch Gedanken trieben mich aus der Wanne direkt an den großen alten Holzschreibtisch in meinem Wohnzimmer. Meine gewärmten Fußzehen bohren sich in das herrlich flauschige Schaffell zu meinen Füßen und der superweiche Bademantel hält mich warm. Meine Finger fliegen über die Tasten, während meine Gedanken durch ein Jahr Erinnerung hüpfen…

Zöge ich Bilanz wie eine Pessimistin, dann würde ich dir von den neuen Falten und Wehwehchen, den Verlusten und Schmerzpunkten erzählen. Die wunden Erinnerungen daran mir mit Worten zurückholen und dir ausschmücken, würde klagen über das immer halb leere Glas und wie sehr mich manchmal das Leben angekotzt hat in den letzten 365 Tagen. Errechnete doch ein Computer eines Science-Fiction-Romanes, dass 42 DIE Lösung für alles ist, DIE Antwort auf alle Fragen, DAS wunderbarste Ergebnis. Nun liegt in wenigen Minuten das 42te Lebensjahr hinter mir und die Pessimistin zöge Bilanz: 42 war nicht der Knaller.

Ja, das könnte ich, doch ehrlich: ich will eine Bilanzbalance! Die Klagen kommen eh leicht über Lippen, die Wehwehchen wachsen ob ich will oder nicht, so ist das nun mal und das gehört zum Lebendigsein.

Ich will eine Bilanzbalance, will dir erzählen von all den Dingen, die ich gesehen, gehört, gerochen und gefühlt habe. Die mein Herz und meine Seele bereicherten …der Schnee im Erzgebirge, der Duft des Fichtenwaldes, die Robbenkolonie und die Wale, die Kühle der Seen in die ich abgetaucht bin und die Steine, die ich sammelte, die unzähligen Himmelsbilder und Schnappschüsse, würde die meine abgelaufene Schuhe zeigen und diese Fülle an Bildern in den kleinen Schachteln meines Regales…

Ich will dir erzählen von den Begegnungen in diesem Lebensjahr, die mich haben wachsen lassen und nachdenken. … Von den Armen, die mich gehalten und getröstet haben. … Von den Menschen, die mit mir geschwiegen und diskutiert haben, gelacht und geweint, die da waren und geblieben sind, die mich gehalten und ausgehalten haben und die ich lieben kann auf meine Art…

Von den Herzen, die für mich offen waren und den Augen, die mir zuzwinkerten. Ich will dir erzählen, von den Wegen, die ich gehen durfte und dass die Schrammen verheilen. Nicht nur die Blasen an den Füßen und die blauen Flecke auf der Haut, auch die Risse in mir wachsen langsam zu.

Ich will dir erzählen, wie ich „weiterwanderte“ und wie froh ich über jeden mutigen Wegbegleiter bin. Und wie dankbar!

So ziehen vor meinem inneren Auge Bilder meiner Bilanzbalance wie eine Diashow… und ich genieße ihre Farben, ihre Grau- und SchwarzWeißTöne, ich rieche die Eindrücke und lausche den Stimmen, tauche ab in den Erinnerungen, komme in Balance… und liebe es.

Und ein leises Lied summen meine Lippen jetzt… und die Fußzehen klopfen dabei den Takt ins Schaffell.

Warum ich dir diese Zeilen schreibe? Um dich zu ermuntern, in Bilanzbalance zu kommen… nicht stehen zu bleiben im Klagen über das Halbleere, Halbgewalkte, Verlorene, Verschwundene… sondern weiter zu wandern zu Dank und all dem wunderbaren Wertvollen – auch wenn das manchmal schwer fällt. Ich weiß. 🙂

Und in die Nacht hinein sende ich dir Wünsche ruhigen Schlafes und mein gesummtes Lied. Ar labu nakti!

Kritikgesellschaft

Als ich vor vielen, vielen Jahren als Lehrerin an einem Leipziger Gymnasium das erste Mal vor einer Klasse stand, sprang mir das Herz abwechselnd zwischen Hals und Hose… Schon damals fielen mir Strukturen des Schulsystems schwer, konnte ich mich mit einer angemessenen Notenvergabe im Religionsunterricht nicht anfreunden, Erwartungsbilder und festgezurrte Normen raubten mir nach und nach Freude und Motivation an der Arbeit und so atmete ich auf, als ich 2012 das System Schule verließ und in einen anderen religionspädagogischen Arbeitsbereich eintauchte.

Seit drei Jahren bin ich nun wieder im System Schule – das liegt an meiner Arbeitsstellenkonstellation. Dazwischen lagen eine Weltreise, viel Berufserfahrung in Wohlfahrtsverbänden und eine Beratungsausbildung. Und irgendwie merke ich nach und nach, dass Vieles immer noch herausfordernd ist in Schule. Etwas Gravierendes hat sich aber verändert. Zum Einen: statt des Rotstifts darf ich nun den grünen Stift zücken um schriftliche Erarbeitungen zu bewerten. Und zum Anderen: meine innere Haltung und meine Perspektive.

Was das meint? Nun, manchmal belächeln mich meine Kolleginnen und Kollegen ein wenig, wenn ich davon erzähle, wie ich versuche, wie ein „weißes Blatt“ in meinen Unterricht zu gehen, die Schülerinnen und Schüler wertzuschätzen und ganz plump gesagt, trotz allem was vielleicht vorher war, sie anzusehen und gern zu haben. Ihnen jede Woche neu eine Chance zu geben, auf Augenhöhe zu kommunizieren und für sich die Welt zu begreifen und zu entdecken. Ihnen den Blick auf ihre eigenen Fähigkeiten und Ressourcen zu ermöglichen.

Ja, dabei geht es in den Stunden freilich auch um Inhalte und Wissensabfragen. Doch versuche ich so oft es geht, Fragen einzubauen, die sie nicht so leicht beantworten können. „Was magst du an dir?“ – „Und was denkst du, schätzen deine Freunde an dir?“ – „Wofür würdest du dir selbst mal kräftig auf die Schulter klopfen?“ – „Was ist dir im Vortrag besonders gut gelungen?“…. Das, was mir immer wieder auffällt: die Jugendlichen kennen ihre Fehler, wissen messerscharf zu benennen, was sie nicht können, sehen das Defizit immer leichter, werden dabei gefühlt immer kleiner… Manche versinken in Selbstzweifeln und das zu erleben, macht mich unglaublich traurig und betroffen.

Wenn ihr die Jugendlichen fragtet, würden sie vielleicht sagen, dass Frau Finsterbusch mit ihren Fragen ganz schön anstrengend ist und ja, vielleicht bin ich für sie „Exotin in ihrem bekannten System“, doch hoffe ich, dass ich nicht allein bin mit Haltung und Perspektive. Dass auch meine Kolleginnen und Kollegen den Wert des Lobens, der Anerkennung und Wertschätzung hochhalten.

Und weil ich Geschichten liebe und sie manches besser auf den Punkt bringen, als ich mit meinen „pathetisch angehauchten“ Worten, hier zum Abschluss eine Geschichte über das Loben von Meike Winnemuth:

Ach, es ist so verdammt einfach, die Welt blöd zu finden. Die Bahn hat schon wieder Verspätung, der Kaffee ist absurd teuer. Und was hat der Typ bloß für ein unmögliches Hemd an! Es gibt nicht wenige Leute, die sich glücklich jeden Tag versauen, indem sie diese schmaläugigen Blicke auf ihre Umwelt werfen, auf der Lauer nach Dingen, die sie ärgern könnten. Das Wetter, das plärrende Kind – nervig. Wir leben in einer Kritikgesellschaft. Bereits in der Schule geht es darum, Fehler anzustreichen. Nicht das Gelingen wird belohnt, sondern das Scheitern bestraft. Läuft was gut, scheint das nicht der Rede wert. Oder wie der Psychiater Fritz Simon sagt: „Nicht geschimpft ist gelobt genug.“

Dass es auch anders geht, habe ich gelernt, als ich für ein paar Monate nach Brooklyn zog. Die New Yorker sind Meister der Komplimente im Vorübergehen. „Great pedicure, Honey“, sagt eine Frau beim Blick auf meine Füße und ist schon um die nächste Ecke verschwunden. „Excellent choice“, meint der Buchhändler, wenn ich ihm den neuen Ian McEwan auf den Kassentisch lege. Dieses dauernde Loben war für mich zuerst ein Schock, die klassisch deutsche Reaktion ein misstrauisches „Was wollen die von mir?“ Antwort: nichts. Die sagen nur, was ihnen gefällt. Und das macht allen gute Laune: Die, denen was Schönes auffällt, freuen sich, die, denen es gesagt wird, noch viel mehr.

Seit Brooklyn habe ich mir angewöhnt, alles Schöne und Gelungene zu loben. Dafür gibt es täglich hundert Gelegenheiten. Einer Supermarktkassiererin sage ich: „Unglaublich, wie schnell sie sind“, einer Frau im Café, was für tolle Schuhe sie trägt, einem Mann im Vorgarten, wie schön seine Rosen sind. Viele reagieren verunsichert, einige fühlen sich fast belästigt, aber die Mehrheit freut sich einfach, so wie ich. Denn erst mit freundlichem Blick auf die Welt stellt man fest, wie großartig sie ist, wie viel täglich klappt, wie schön das Leben in all seinen Kleinigkeiten ist. Das bedeutet nicht, dass ich ständig mit seligem Lächeln durch die Straßen hüpfe. Bitte! Ich bin Norddeutsche! Wir hüpfen aus Prinzip nicht. Aber das genaue Hinschauen (und das tollkühne Aussprechen, wenn man sich über etwas freut) sorgt für ein flauschiges Gefühl der Zufriedenheit, das sonst auf legalem Weg nur schwer zu erreichen ist. Müssen sie mal probieren.

Übung

Heute bediene ich mich eines Textes von Bernhard von Clairvaux. Über 1000 Jahre ist dieser Text alt, doch heute für mich so aktuell. Eine Übung, die ich mehr in den Blick nehmen sollte, darf, müsste – vielleicht auch du?

Schale der Liebe

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt die Schale das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.

Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.

Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen, und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.

Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut?

Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle. Wenn nicht, schone dich.

Ihr da oben

„Ihr da oben“… In Anbetracht der – in der kommenden Woche – bevorstehenden Kommunal- und Europawahlen, ja auch die Landtagswahlen winken in Sachsen schon aus der Ferne, könnte der aufmerksame Leser vermuten, dass ich mich heute politisch äußere. Was soll ich sagen… weit gefehlt.

Aber ich habe ein „Geständnis“ für dich: ich habe Vox geschaut. Manchmal brauche ich sogenanntes Nicht-Nachdenke-Fernsehen zum Runterfahren nach einem langen Tag. Gestern bin ich in die Mediathek gestolpert und gelandet bei: Sing meinen Song. Die aktuelle Staffel. Die Folge über Sammy Amara – der Sänger von den Broilers. Und Johannes Oerding, in dessen Stimme und Musik ich eh schon länger verknallt bin, singt das Broiler-Lied „Ihr da oben“.

Ich könnte mir vorstellen, dass dir beim Hören auch Gesichter durch den Kopf, durch deine Erinnerung gezogen sind… und hast du dich vielleicht auch gefragt: „Welchen Namen zuerst? Den, der mir am meisten fehlt oder den, der weniger schmerzt?“

Wenn mich die Trauer und Verluste überrollen, mich die endgültige Traurigkeit über „bis-zum-Ende-gültige-Abschiede“ einholt, dann bin ich innerlich sehr froh und dankbar, meine Hoffnung zu haben. Meine Hoffnung auf das „da oben“, auf den Himmel. Ein Ort ohne Tränen. Ein Ort, an dem Abschiede hinfällig sind und auf ewig aufhören. An dem die Seelen miteinander tanzen und vielleicht auch in die Wolken schauen. Ein Ort, an dem meine Großeltern mit meinen drei Kindern spielen und Rumo zwischendrin hopst, Füße ableckt und geschmust wird. An dem es für ihn Leckerlis regnet und ich irgendwann Apfelmus bis zum Umfallen essen kann. Ein Ort, an dem man alles sagen und fragen kann, was man „hier unten“ nicht miteinander geschafft hat. Was man hätte unbedingt noch sagen wollen. Und Umarmungen nachholen. Und nach Erinnerungen fragen und gemeinsam Fotoalben anschauen. Und: in meinem Himmel gibt es Schnee und Eis und Mohnblumen zeitgleich, die Freesien duften und die Wälder am Wasser sind bunt gefärbt…

Wie stellst du dir das „da oben“, das Jenseits, den Himmel vor? Was stellen „die da oben“ an? Party auf der Wolke mit Katz und Hund und allem, was man schon immer mal machen wollte? Wie sieht dein Himmel aus?

Über Tod und Sterben und Trauer zu reden, ist nicht leicht. Es ist ein unangenehmes Thema, wird gesellschaftlich oft ausgespart. Wahrscheinlich jagt uns seine Endgültigkeit und Unausweichlichkeit und Unverrückbarkeit einen riesigen Respekt und auch Angst ein. Doch macht es mich auch achtsam und dankbar.

Dankbar für meine Himmelshoffnung. Manchmal begegne ich in meiner Arbeit Menschen, die glauben, dass nach dem Tod nichts mehr kommt, die auf kein „da oben“ hoffen. Damit begegnet mir dann auch ab und an eine große Hoffnungslosigkeit, ein mega Fragezeichen und zumeist wenig Trost. Dann wünsche ich den Menschen ein Stück meines Hoffnungsfunkens, der tief in meiner Seele wohnt. Damit ich diesen Funken nicht vergesse, wenn ich mal wieder am Boden hänge, trage ich das arabische Wort „amal“ (Hoffnung) als Tattoo an meinem Handgelenk.

Und in Anbetracht von Sterben und Tod werde ich achtsam: dafür, wie ich lebe. Heute und hier. Wie ich den Menschen „hier unten“ begegne, was ich unbedingt sagen und fragen möchte, was ich einfach stecken lassen sollte. Achtsam und dankbar für jeden Tag, an dem ich gesund wach werde, mich frei bewegen kann, meine Meinung offen sagen, lieben, lachen, weinen und im See abtauchen kann. Musik hören und tanzen und von meinem Hoffnungsfunken erzählen und dir diesen Beitrag schreiben kann.

Spieglein, Spieglein

Morgens vor meinem Badspiegel: Die Haare sitzen nicht, strubbeln in alle Richtungen. Ein neues Fältchen hat sich ins Gesicht geschlichen. Die Augenringe waren auch schon mal kleiner und der Bauch sowieso. „Guten Morgen, Selbstzweifel!“

Schleicht sich bei dir auch ab und an diese Kritik leise mit vor den Spiegel? Es wäre nicht verwunderlich, neigen Deutsche doch statistisch eher zu Pessimismus und Fehlersuche. Vielleicht begleitet dich der kritische, selbstzweifelnde Blick durch manche Tage: Wirke ich ansprechend für andere? Mache ich das Richtige bei der Arbeit? Begegne ich den Menschen freundlich? Bin ich anziehend für meinen Partner?…

Wenn ich in den Spiegel schaue und sich die Kritik leise danebenstellt, rufe ich mir ab und an Worte aus dem ersten Buch Mose in den Kopf: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Die Worte entstammen Hagars Mund, einer ägyptischen Magd. Sie war vor einem Konflikt  mit ihrer Herrin in die Wüste geflohen und dort ohne scheinbare Perspektive. Vielleicht war ihr Herz gefüllt mit Selbstzweifel und Pessimismus. Als Hagar schließlich eine Wasserquelle findet, fühlt sie sich von Gott gerettet und gesehen. Die Geschichte erzählt von Gottes klarem Blick und Anerkennung für Hagar, seinem Zuspruch. Gott sieht Hagar mit allem, was zu ihr gehört. Gott sieht mit liebenden Augen ohne kritische Fehlersuche – besonders in Wüstenzeiten.

Diese Anerkennung Gottes heißt für mich, dass Gott mich eben nicht auf den ersten Blick aburteilt, wie es die Menschen manchmal tun. Gott sieht mehr als meine Bauchfalten und Augenringe hinter den strubbeligen Haaren, Gott schaut mir ins Herz. Mit seinem liebenden Blick nimmt er mich in die Arme und flüstert mir zu: „Ich sehe dich und du bist genau richtig, so wie du bist!“

Und auch wenn es mir immer wieder schwer fällt, ermutigt mich der liebende Blick Gottes, meine Perspektive zu ändern. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich auch meine funkelnden Augen und ihre verschmitzte Lebenslust, meine bunte Neugier und mein offenes Herz für die Welt. Dann verzieht sich die Kritik vom Spiegel. Und es flüstert leise in mir: „Gute Nacht und auf nimmer Wiedersehen, Selbstzweifel!“

Karfreitag

Leben ist vielschichtig, leicht und fragwürdig, bunt und grau, trist und herzzerreißend, wundervoll, zweifelhaft, wirbelig und zwiebelnd…

Und manchmal fehlen mir in dieser Vielschichtigkeit die Worte.

Deswegen darf ich heute Worte nutzen, die ich für diesen Karfreitag so passend finde. Falk Herrmann ist der Autor, ein Träumer, Freund und Weltschmerzkenner, ein Kollege, Füllerschreiber und Geschichtenerfinder, ein Nachdenker und Gleichwürdigkeitsliebhaber, ein sich-von-Kindern-etwas-sagen-Lasser:

„Ich schaue auf das Kreuz“ (@derdesertboy)

Ich mag es, dem Glauben anderer zu begegnen und rede doch sehr selten von meinem. Nichts gibt mir mehr Verwirrung und Stabilität als mein Glauben.

Was mich stärkt: Ich bin eines Morgens aufgewacht mit drei Jahren. Ich habe vom Tod geträumt und habe das Leben in dieser Welt gesucht. Habe geredet, beobachtet und gefragt.

Freunde sind mir viele Menschen geworden. Ob Atheist, Christ oder wer auch immer. Ich stehe mit meinem inneren Kind vor ihnen und höre ihnen gern zu. Ich mag es, den Glauben anderer zu hören. Ich kann das sehr gut stehen lassen. Ich nehme mir ein Polaroid von ihrem Glaubensbild mit und hänge es in mein Herz.

Was glaube ich?

Gott hat mir an Karfreitag ins Ohr geflüstert: „Weißt du, Falk, du bist ein Mensch. Kümmere dich darum, ganz Mensch zu sein. Und verzweifle nicht in der Welt. Schau, auch ein Gott kann sterben und alle Verbitterung mitnehmen. Es ist sehr gut. Wir sind im Reinen. Erlösung ist mein Job. Übermorgen rette ich dich im Hier, nicht im Dort.“

Ich suche nicht den jenseitigen Himmel, der mir Ruhe schenkt. Ich habe es hier in der Welt, jetzt.

Es ist völlig okay, verzweifelt zu sein und keine Hoffnung zu haben.

Es ist schön, voll Hoffnung zu sein und zu tanzen.

Leben ist so vielseitig, dass jede/r wie ein Legostein ist. Aber nicht jeder passt überall hin. Die Frage ist doch aber, ob ich dort hinpasse, wo ich bin. Vertraue ich? Werde ich angenommen? Wir Menschen haben so viel erfunden. sind hoch technisch. Halten uns für toll. Aber im Sozialen und in Fragen des Glaubens doch eher so paar tausende Jahre zurück. Ich hatte Menschen, die mir meinen Glauben gelassen haben. Dafür bin ich dankbar.

Ich wachse und suche. Ich mag die Gespräche und das Ringen. Manchmal die Angst der Erkenntnis, dass mein Gegenüber mir etwas schenkt, das mich ins Wanken bringt. Aber wenn all das in Gleichwürdigkeit passiert, kann ich nicht tief fallen.

An Karfreitag stirbt der Gott und nur in der Retropesktive ist es gleich ein Sieg.

Mein Gott stirbt erstmal ohne Auferstehung. Das, was Christus an Haltung in mein Leben gebracht hat, spielt sich hier und heute ab. Mein Glauben verbindet und hält aus.

Auch Karfreitag oder gerade da.

Darf ich mich vorstellen?

Zum heutigen Sonntag mag ich mich sehr gern eines Textes bedienen, den ich nicht selbst verfasst habe, der mich aber an diesem Wochenende sehr berührt hat. Er entstammt der Feder meines Kollegen Henning Olschowky und herzlichen Dank an dieser Stelle, dass ich ihn veröffentlichen darf :-)!

„Darf ich mich vorstellen? Ich bin die Liebe.

Ich bin anders als die meisten Vorstellungen von mir und es ist ganz schön ermüdend, gegen die vielen falschen Bilder anzulieben, die da von mir im Umlauf sind. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach. Ich bin ohne Aufwand überall bei euch, wo ihr nach mir Ausschau haltet.

Ich finde mich in der beeindruckenden Schönheit unberührter Natur ebenso wie im freundlichen Grün des Blumentopfes auf eurer Fensterbank. Ich begegne euch nicht nur im Traumpartner, sondern in jedem Menschen, dem ihr offen und vorurteilsfrei gegenübertretet. Ich bin noch da, wenn ihr alt und grau geworden seid und ein paar Pfunde zu viel über dem Gürtel hängen habt. So etwas kann die Liebe nicht vertreiben. Ich lasse mich in jedem ehrlich ausgesprochenem Lob, in jeder Anerkennung finden, die ihr einem anderen Menschen zollt. Ich bin im Respekt zu finden, den ihr vor jedem Lebewesen habt, ich lächle und winke euch freundlich zu, wenn ihr achtsam mit den Dingen dieser Welt umgeht und sie schont.

Die Liebe ist schonend, denkt daran. Sie verschont den anderen, wenn es möglich ist. Sie gibt Schutz. Sie verschenkt Aufmerksamkeit an solche, die darauf warten.

Ich bin bei euch, wenn ihr genau das tut. Ich bin in jedem Geschenk, das ihr sorgfältig ausgewählt habt, um einem anderen eine Freude zu bereiten, in jedem Lied, das ihr füreinander singt. Die Freude ist meine Zwillingsschwester. Und wir beide bleiben bei euch, auch wenn ihr etwas von euch weggegeben habt. Wir lachen euch aus spontanen Überraschungen entgegen. Wir nicken euch zu, wenn ihr Hilfe leistet und eure Fähigkeiten bereitwillig zur Verfügung stellt.

Wir haben noch einen Bruder, der Ernst heißt. Die Liebe macht ernst: das müsst ihr wissen. Das versprechen sich Liebende, wenn sie sagen: für immer. Der Ernst bleibt im Krankenzimmer, sitzt geduldig mit am Bett, wischt Tränen ab, bringt Blumen mit, erzählt Witze, obwohl ihm zum Heulen zumute ist. Er geht mit bis ans Grab eines geliebten Menschen und begleitet auch die Zeit danach, wenn der eine ohne den anderen weiterleben muss.

Manche suchen ein Leben lang nach der Liebe, aber sie finden mich nicht, weil sie an der falschen Stelle suchen – an Bord des Traumschiffes, auf der Südseeinsel, irgendwo auf Wolke sieben. Dabei bin ich ganz nah.

Ihr seht mich schon morgens im Spiegel, wenn ihr mit dem richtigen Blick hinschaut! Es ist die liebevolle Sicht ins eigene Gesicht, die mich erscheinen lässt. Wenn ihr mich so geweckt habt, gehe ich den ganzen Tag über mit euch. Ihr braucht Nachsicht, wenn ihr die Liebe sehen wollt; seid nicht zu streng mit den Menschen ringsum und mit euch selbst. Ihr braucht aber auch Vorsicht! Fallt nicht auf jedes irreführende Wort herein, das euch Liebe vorgaukelt, wo in Wirklichkeit nur Egoismus zu finden ist. Ihr benötigt Umsicht, um mich an der Seite zu haben.

Wer die Liebe finden will, darf nicht auf die Erde starren oder als Hans-guck-in-die-Luft durchs Leben stolpern.“

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren weiß ich oft nicht, welcher Wochentag ist. Und welches Datum. Zwischen den Jahren fühle ich mich irgendwie ungehalten, schwebend.

Zwischen den Jahren beginnen die Menschen abzurechnen, Bilanz zu ziehen, neue Listen zu schreiben und die Bucketlist 2024 zu erstellen. Zwischen den Jahren entstehen neue Vorsätze und feine Erwartungen, zwischen den Jahren böllern manche zu zeitig sich den eigenen Trübsinn weg. Zwischen den Jahren ist ein wenig „Ausnahmezustand“ – im besten und auch anstrengendsten Sinne.

Zwischen den Jahren ist endlich mein Stollen angeschnitten. Tapfer habe ich bis zum 25. Dezember den Versuchungen widerstanden, umso schöner war der Genuss am ersten Weihnachtstag. Zwischen den Jahren esse ich so viele Orangen, wie das ganze Jahr sonst nicht ;-). Zwischen den Jahren vermisse ich Wintersport und freue mich, dass heute endlich die Vierschanzentournee losgeht 🙂 Zwischen den Jahren sind die Menschen anders, in sich gezogen oder noch mal richtig unterwegs – dieses Jahr fühle ich mich in der Schwebe „zwischen den Jahren“.

Zwischen den Jahren beginne ich aufzuräumen: im Außen und im Innen. All die Dinge, die schon lange rufen, sortiert oder weggeräumt zu werden, scheinen zwischen den Jahren dieses Mal noch lauter zu sein. Altglas, Altpapier, Staubflusen, Bücher sortieren, Unterlagen ausmisten, Emails bearbeiten… Irgendwie sehen ich mich jedes Jahr neu, „aufgeräumt“ in das neue Jahr zu starten und jedes Mal denke ich an das neue Schulheft und die Freude über den Geruch und die jungen Seiten, die sehnsüchtig warten, hübsch beschrieben zu werden. Sonst habe ich tatsächlich zum Jahreswechsel ein neues Schreibbuch begonnen und das alte ad acta gelegt – in diesem Jahr soll es anders sein: ich will das Alte mitnehmen, der Übergang soll fließend sein im Schreiben und in meinen Gedanken. Zwischen den Jahren fallen mir immer sehr die Dinge auf, die im vergangenen Jahr nicht geworden sind, die offenen Sachen, das Misslingen. Dieses Jahr will ich zwischen den Jahren versuchen, all das in den Blick zu nehmen, was gut war, Fröhliches, Glückliches, Leichtes… trotz dieser tiefen Traurigkeit, die es immer noch gibt, denn:

Zwischen den Jahren fehlt Rumo dieses Jahr ganz besonders.

Zwischen den Jahren ist es dieses Mal zäh wie Kaugummi an der Schuhsohle… zu oft, zu leise. Zu oft eine Schwebe. Dieses Mal sehne ich mich besonders nach dem Alltag, der 2024 wieder beginnen kann, dann wirkt das Außen sortierter, denn das Innen ist gerade ganz schön durcheinander.

„Zwischen den Jahren“ ist übrigens eine Redewendung, die es erst seit dem 17. Jahrhundert gibt. Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr waren bis dahin in der Schwebe, denn das alte Jahr endete am 24. Dezember und das neue Jahr begann je nach Ort spätestens am 6. Januar. In manchen mittelalterlichen Frauenklöstern begann das Jahr sogar erst am 25. März. So herrschte feine Verwirrung und es gab in manchen Regionen mehrere Neujahrstage 🙂 Dieses Neujahrswirrwarr beschrieb der Volksmund zutreffend mit „zwischen den Jahren“.

Zwischen den Jahren wünsche ich dir gute Stunden, erbauliche Momente, stärkende Begegnungen! Und freilich: guten Rutsch!

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