June 11th – Portobello

Uiuiui, da hab ich euch ein paar Tage hängen lassen, euch neugierig stalkende Nasen 🙂 Verzeiht! Das hat einen schlichten Grund: die letzten Tage habe ich mit Schnupfen, Hals- und Kopfschmerzen verlebt und alle Momente genutzt, um zu ruhen, zu schlafen und mich mit Hörbüchern und Netflix abzulenken. In Coronazeiten mit einer leichten Erkältung angeschlagen unterwegs zu sein, fühlt sich soooo merkwürdig an. Als würde man die Pest durchs Land fahren. Ich hatte das Gefühl, mich verstecken zu müssen. Das lag bestimmt auch daran, dass nun ausgerechnet am vergangenen Montag die neuseeländische Regierung stolz erklärt hat, dass das Land Covid-frei ist. Da will man doch den Spaß nicht mit einem offiziellen Nießer und möglichen Corona-Symptomen verderben ;-). Dank meiner Reiseapotheke habe ich mich gut kurieren können und schniefel ich nur noch ein wenig, die Nießer haben aufgehört, yeahaaa!

Kleiner Zwischenschwenker: Wie dankbar und froh bin ich über die großartige Unterstützung in den Reisevorbereitungen dem Team meiner wunderbaren Hausarztpraxis! Sie haben mich humorvoll und ehrlich beraten, mir wöchentlich eine nützliche Impfung verpasst und jeden Murks, den ich eingepackt habe begründet und auch noch ins Englische übersetzt! Wahnsinn! Allerliebsten Dank an dieser Stelle! Und liebste Grüße heute mal ganz besonders in eure Runde!

Die Erkältung war wahrscheinlich ein lästiges Souvenir der letzten Tage, in denen ich viel gefroren habe. Die Häuser Neuseelands unterlagen noch bis zum vergangenen Jahr keinen Bauvorschriften – besonders gab es keine Regelungen für Isolierungen. So sind lediglich die Neubauten mit Doppelverglasung und Wärmeisolierung notwendig; die alte Bausubstanz muss dahingehend nicht nachgerüstet werden. Deswegen kann es passieren, dass man im Wohnzimmer eines Hauses sitzt und die Vorhänge sich im Rhytmus des Windes bewegen, obwohl alle Türen und Fenster geschlossen sind. Auch gibt es in den Häusern keine zentralen Heizsysteme. Das meiste funktioniert über Klimaanlagen, bewegliche Heizer, Ofen oder Kamine die mit Holz betrieben werden (diesen Rohstoff gibt es derzeit noch wie „Sand am Meer“ auf den beiden neuseeländischen Inseln – ich schreibe bewusst noch: bei dem Konsum wirde da irgendwann ohne großes Aufforsten auch Schicht im Schacht sein). Nun könnte ich als verwöhnte Europäerin den Kopf schütteln und über die fehlenden Heizkörper klagen – mach ich nicht, denn ich bin ja auch neugierig und habe freilich nach dem Grund gesucht, warum es keine zentralen Wasser- und Heizsysteme gibt: Erdbeben. Man stelle sich einen Öl- oder Gastank vor, vielleicht im Keller oder im Garten, Rohre die sich durch das ganze Haus ziehen usw (an dieser Stelle erspare ich mir eine detaillierte Heizerklärung), ihr habt das Bild? Also: Haus wie in vielen Teilen Europas und dann: Erdbeben. Ja, ihr versteht mich. Und dass man auf diesen Inseln eigentlich immer mit Erdbeben rechnen kann, haben die beiden Beben in Raum Wellington vor ein paar Wochen gezeigt, die ich miterlebt habe. Sowas kündigt sich eben nicht großspurig an, passiert einfach.

Seit Samstag bin ich übrigens auch wieder ein Stück weiter gefahren: Den Sonntag habe ich noch auf der Farm verbracht, mit der Dame des Hauses einen Gottesdienst der Presbyterianer besucht (huch, das war eine seltsame Erfahrung: kleine Dorfkirche, jeder kennt jeden und ich wurde behandelt wie eine „touristische Außerirdische“; den Gottesdienst hatte nämlich noch nie zuvor jemand von „Übersee“ besucht), Wäsche gewaschen, meinen Camper gesäubert und ein paar Mails beantwortet. Am Montag ging es dann für mich auf der Küstenstraße von Riverton über Invercargill nach Newhaven. Newhaven ist eine Miniküstenansiedlung inmitten der Catlins, eine wunderschöne Küstenlandschaft aus felsigen und sandigen Stränden, ruhigen Buchten und brausigem Meer an schroffen Felsen, eine Mischung aus bewaldeten Hügeln und Regenwaldtälern, mit vielen Wasserfällen, Aussichtspunkten und einer reichhaltigen Flora und Fauna. Seelöwen und Robben, Möwen und Albatrosse, Pinguine und Delfine… sie alle leben auch an dieser Küste und manche habe ich fast hautnah getroffen. Gerade sitze ich ein paar Kilometer hinter Dunedin und warte auf die Tour, die Albatrosse und die blauen Pinguine geführt beobachtet. Ja, vielleicht ärgerlich, dass ich dafür eine Tour buchen muss, auf der anderen Seite verhindert damit das Land auch, dass die tierischen Bewohner von Besuchern überrannt und unsachgemäß behandelt werden und so verschreckt werden, nicht mehr brüten, umziehen, aussterben… Die blauen Pinguine sind übrigens die kleinsten ihrer Art weltweit. Und wenn es möglich ist, ein Bild zu machen, werde ich euch daran teilhaben lassen. Hasenschwör!

Ansonsten stelle ich heute noch eines fest: kalendarisch vor vier Monaten bin ich in den Flieger Richtung Vietnam gestiegen. Vier Monate schaue ich mir die Welt an mit all ihren Schönheiten und Merkwürdigkeiten, texte euch seit vier Monaten auch damit zu 🙂 Und wenn ich das gerade so schreibe, fühle ich, wie dankbar ich bin, dass ich diese Reise machen kann, dass ich gesund bin, dass ich all das sehen kann. Selbstverständlich ist es eben nicht und deswegen bin ich umso dankbarer. Diese Woche ist in Deutschland ein Teil der Osterpost angekommen, die ich versandt habe und eine Reaktion darauf, die mich sehr bewegt hat, war Folgende: „…freue mich sehr über diese deine Zeilen aus der Vergangenheit. So vieles hat sich seit Karfreitag schon wieder verändert. In der Welt, in meinem Alltag, in deinem Alltag. Ich frage mich: hat sich auch in dir etwas verändert seitdem?…“ Als ich diese Nachricht las, überfluteten mich viele Momente und Erinnerungen, Gefühle, Freude und Traurigkeiten der letzten Monate – vermutlich geht es dir, lieber Blogleser, nicht anders, wenn du überlegst, was sich seit Karfreitag in deinem Alltag und in dir verändert hat. Ich halte für mich fest, dass Reisen verändert und den Horizont erweitert, die Neugierde befördert und stillt, das Herz jubeln aber auch den Kopf schütteln lässt, … dass manches an einem Ende der Welt genau ist wie am anderen, …dass Menschen menschlich sind aber nicht zwingend clever, …dass manches innere Gepäck nicht verloren geht auch wenn ich mich noch so sehr bemühe,… dass nicht vieles nicht selbstverständlich ist, …dass ich beschenkt bin mit lieben Menschen & mit Rumo, mit Gesundheit & Beweglichkeit und auch mit einem deutschen Pass, …dass ich behütet unterwegs sein konnte und auch hoffe, dies weiterhin zu sein, … dass ich es schaffe, mit mir allein zu sein und mich selbst zu sehen und ernstnehmen kann.

Und jetzt die Bilder der letzten Tage, ja, es sind wirklich 51 😉