June 15th – Rolleston (in der Nähe von Christchurch)

„Heute war ich mal wieder in der Schule!“ Das habe ich das letzte Mal 2010 gesagt; lang lang ist es her, dass ich mit den Schülern durch die Gänge der Leipziger Schulen gewackelt bin, auf der Suche nach dem nächsten Klassenzimmer, manchmal mega gemütlich quatschend, manchmal hetzend weil nicht mal Zeit für einen Schluck Wasser blieb. Fünf Minuten Pausen und dann vom Kunstkeller in das Dachgeschoss der Thomasschule und am besten noch einen Stapel Büchern unterm Arm. Jaja, Dienstags, achte Stunde. 😉 In den Randstunden an der Rudolf-Hildebrand-Schule hatte ich sehr oft einen Wasserkocher und löslichen Kaffee im Gepäck; das hielt montags die zehnte Klasse und mich motiviert. Ungern erinnere ich mich an die Zeiten in einer Mittelschule Leipzigs (hier nenne ich bewusst den Namen nicht 😉 ): kurz nach dem Studium trat ich den Unterricht am Donnerstag dort an und bin mit all meiner Motivation, den Unterrichtsideen usw auf die Nase gefallen; als die komplette Klasse die Schule verließ, musste ich mir eingestehen, dass ich meinen Lehrauftrag nicht mehr erfüllen konnte und bin noch heute meinem Kollegen sehr dankbar, der damals kurzfristig für mich an dieser Schule eingesprungen ist und mir diese Last mitten im Halbjahr von den Schultern nahm! Gern erinnere ich mich an die Stunden im Leipzig Kolleg. Als ich dort begann zu unterrichten, waren manche „Schüler“ älter als ich; zu Beginn hat mich das eingeschüchtert, mit der Zeit habe ich die Diskussionen auf Augenhöhe sehr zu schätzen gelernt und war am Ende meiner Dienstzeit dort sogar traurig, dort nicht mehr unterrichten zu können.

Nun also war ich heute mal wieder in einer Schule und das kam so: (Achtung! Längere Geschichte, ich hole aus und springe zu Beginn ein paar Wochen zurück nach Auckland!) Nachdem in Neuseeland reisen wieder fast fröhlich möglich war und ich mich auf den Weg nach Süden machte, stoppte ich in Silverdale, um mich für die Südinsel mit warmen Sachen und einer neuen SIM-Card einzudecken. Ich parkte mein Auto auf dem riesigen Parkplatz und machte mich auf die Suche nach einem Laden, der Schals, Handschuhe, Thermounterwäsche etc anbieten würde. Als ich den Parkplatz überquerte, lief mir eine Frau mit neu gekauften Handschuhen entgegen. Ich fragte höflich aus gefühlt fünf Meter Entfernung, wo sie diese gekauft habe, sie lächelte und sagte „Macpac“. Yeah, dachte ich, klingt super, also nichts wie hin. Ich „erstürme“ den Laden, voller Vorfreude auf endlich-wieder-einkaufen und mir kommt eine strahlende junge Frau entgegen und fragt mich, wie sie mir helfen könne. Ich zähle meine Liste auf und Philippa stattet mich kompetent und fröhlich mit allem aus, was ich brauche. Während ich die verschiedenen Teile anprobiere, kommen wir ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass Philippa in Deutschland geboren wurde und ihre Eltern eine Zeit dort lebten. Wir reden über Lockdown und Reisen, sie möchte gern Deutschland besuchen und ich lade sie ein, sich bei mir zu melden und auf jeden Fall einen Stopp in Leipzig einzulegen. Wir tauschen Nummern und dann fragt sie mich, ob ich heute schon eine Dusche hatte und ob ich bei ihr daheim duschen wolle. Tatsächlich hatte ich an diesem Tag auf einem Campingplatz geduscht, deshalb lehne ich ab und bin im gleichen Moment geflasht von ihrer Offenheit und Herzlichkeit mir gegenüber. Und dann sagt Philippa, dass ihre Eltern in Christchurch leben und ich mich melden könne, wenn ich wolle und sie eine offene Tür und einen Platz für mich haben, wenn ich mag. Sie schreibt mir die Telefonnummern auf und ich stecke den Zettel überwältigt ein. … Wochen vergehen, ab und an schreiben wir miteinander, ich bereise die Südinsel und bin ich regelmäßig innerlich dankbar über die bestwärmenste Thermounterwäsche, die Philippa mir verkauft hat – besonders an den Nächten mit annähernd Minusgraden! Irgendwann in der letzten Woche fragte sie mich nochmals, ob sie ihre Eltern anschreiben solle und was soll ich sagen (ich kürze ein wenig die Erzählung): heute sitze ich in der Küche und schreibe euch diese Zeilen. Seit zwei Nächten bin ich Gast im Haus von Maria & Malcolm; ich habe ein eigenes Zimmer bekommen mit einem superschönen Willkommensschild und darf so lange bleiben, wie ich möchte. Und wieder einmal haut mich die Offenheit und Herzlichkeit einer neuseeländischen Familie um! Mir, einer Fremden, Haus und Tür und Herz zu öffnen – das ist ein Segen für mich!

Maria unterrichte im Rolleston College. Die letzten Tage kamen wir immer wieder ins Gespräch über ihre Arbeit an dieser Schule. Es ist eine von 5 Schulen in Neuseeland mit einem neuen Konzept des Lernens: offene Räume in jeder Hinsicht. Ich werde immer neugieriger, wie das aussieht und frage heute morgen unvermittelt, ob ich mal zu Besuch kommen könne in den nächsten Tagen und Mäuschen spielen und Maria sagt: klar, sei um zehn in der Bibliothek. Ich freue mich, löffle mein Frühstück zu Ende und kurz vor zehn setzt mich Malcolm im Schulgebäude an der Anmeldung ab. Ich trage mich in die Besucherliste ein – funktioniert online und ist ganz simple. Er bringt mich zur Bibliothek und ich stiefle hinein. Los geht mein Schultag:

10.00 Uhr Mathestunde in der Bibliothek. 30 Schüler, vielleicht 15 Jahre alt, verteilt an verschiedenen Tischen, auf Podesten, quatschend, essend, Youtube glotzend, balzend, verunsichert, schüchtern lächelnd, auf den Stühlen hängend. Maria unterrichtet Parabeldiskussion. 80% hängen defintiv mit ihren Köpfen woanders, an manchen Punkten scheint ihr gar niemand zu folgen. Und das aus purem Desinteresse.

Es ist eine von fünf Schulen in Neuseeland mit diesem neuartigen Konzept. Drei in Auckland, eine in Christchurch und diese in Rolleston. Ein neues, offenes Konzept des Bildens. Wer mehr wissen mag: https://www.rollestoncollege.nz/

Eine der ersten Fragen, die mir im Kopf aufploppen: Wie bleibt man als Lehrender motiviert ob dieser scheinbaren Ignoranz und des verherrschenden Desinteresses? Die Stunde ist wenige Minuten nach zehn zu Ende; ein richtiges Ende gibt es gar nicht, die Schüler packen einfach zusammen und stehen auf; unhöflich und respektlos erscheint mir das Verhalten. Maria schnappt mich lächelnd und wir gehen einen Kaffee trinken, treffen Kollegen, sie tauschen sich aus: vorrangig über all die Sachen, die noch getan werden müssen, denn diese Woche endet das Semester und das neue beginnt am kommenden Montag. Wie ein neues Halbjahr in Deutschland – das wird bis kurz vor Weihnachten dauern, dann sind Sommerferien.

Es klingelt zum nächsten Block; nun es ist kein richtiges Klingeln, die Lautsprecher spucken überall im Schulhaus und auf dem Hof ein Lied aus und ich merke, wie ich leichten fast tanzenden Fußes mit Maria zum nächsten Unterrichtsblock wackel. Das Lied wechselt übrigens wöchentlich. Ist defintiv etwas anderes als das stumpfe Klingeln einer Schulklingel in vielen deutschen Schulen.

Chemie. 29 Schüler. Der Block startet ziemlich laut. 100 Minuten liegen vor uns. Maria übertönt gekonnt die Herde. Ich ziehe erneut meinen hut vor ihr; frage mich wieder, wie lange man gesundheitlich eine solche Anspannung und Lautstärke aushalten wird. Die besondere räumliche Situation, die wuselige Gruppe von jetzt interessierten aber auch stark pubertierenden Jugendlichen; die Masse an Vorbereitungen für diese Art Unterricht (alles muss vorher online gehen; nix mit Schwellenstunden), Berichte schreiben, Kommentare zu Schülern verfassen, Vorbereitungs- und Planungstreffen… ich hätte schon lang kapitualiert. Wir sitzen in einem hallenartigen Raum. Mit uns drei andere Klassen in, durch Flipcharts und Whiteboards abgetrennten, Ecken. Es ist kalt. Unruhig. Für die Lehrenden gibt es keinen Tisch. Maria nutzt einen Stuhl als Ablage. Als die Herde halbwegs leise und startklar scheint, wählen sich alle über Tablet oder Smartphone ins Onlinesystem ein. Ich überlege: wenn hier der Strom ausfällt, läuft kein Unterricht mehr. Feel lost! Die Klasse startet mit zwei Quizrunden über Atome, Ione, Periodensystem. Eimi gewinnt. Für mich eine wirkliche unterhaltsame Methode und ich denke auch für die Lernenden. Ich erinnere mich, dass wir früher Bankrutschen gemacht haben, das war mit Abstand des Unterhaltsamste in meiner Schullaufbahn. Es folgt: Wiederholung für die Prüfung, die morgen auf dem Plan steht. Die restlichen Minuten des Blocks schreiben die Schüler „cheetsheets“ – Spickzettel (!), denn jeder darf ganz offiziell zur Prüfung einen selbstgeschriebenen A4-Zettel mitbringen. Wahnsinn! Ich erinnere mich an all die kreativen Spicker meiner eigenen Laufbahn und all jene, die ich als Lehrer „entlarven“ durfte. Schmunzle ein wenig auch über all die Spickzettel, die ich absichtlich übersehen habe; ja, liebe ehemalige Schüler (ich weiß, dass manche von euch das hier auch lesen =) ) , ich hab echt oft weggeschaut. Oder habt ihr gedacht, dass ich immer Bock auf Ärger deswegen hatte? 😉 Gegen 12.40 Uhr stehen alle wieder auf. Stunde zu Ende. Auch mein Schulschluß.

Mittlerweile ist es 22.30 Uhr. Maria sitzt noch immer über den Vorbereitungen für morgen. Sie erzählte, dass 65Wochenstunden oder auch mehr fast normal sind… Ich ziehe wieder meinen Hut; es muss Passion sein, Liebe am Lehren, Liebe zu den einzelnen Schülern, um dieses Pensum zu schaffen (für ein Gehalt, was denkwürdig wenig wertschätzend ist).