June 23rd – Rolleston
Die letzten Tage habe ich es mir richtig gut gehen lassen können! Cappuccino am Nachmittag, barfuß über dicken Teppich laufen, heiß duschen, im Whirlpool entspannen… nein, ich bin nicht im Hotel ;-). Seit Samstag darf ich wieder ein paar Tagen bei meinen Freunden Maria & Malcolm wohnen. Und ich genieße es! Ich genieße nicht nur die Annehmlichkeiten eines warmen Hauses im neuseeländischen Winter, vor allem genieße ich die wunderbaren und bereichernden Gespräche, die liebevolle Gesellschaft, das gemeinsame Lachen. Es tut so gut, nicht allein zu sein.
Freilich habe ich auch einiges wieder sehen dürfen. Am Samstag war ich am Mount Sunday. Sagt man irgendjemandem diesen Namen, dann stutzen alle und sagen: kenne ich nicht. Hätte mir ja auch nichts gesagt und vielleicht wäre ich da auch nicht hingefahren, wenn nicht… Ja, wenn dieser Berg nicht in einem meiner liebsten Filme eine Rolle gespielt hätte. Es handelt sich nämlich um „Edoras im Land der Pferdeherren“ (für alle, die jetzt ein fröhliches Häh???? auf der Zunge haben: Herr der Ringe, 2. Teil). Nachdem ich auf dem Carpark Bessie abgestellt hatte, stiefelte ich durch das Flußbett los, strahlende Sonne und herzerwärmende Naturmusik: Plätschern, Zwitschern, Steine knirschen, Wind und sonst: nix. Ja, klar, meinen Atem habe ich auch gehört, aber sonst, wirklich, nichts! Als ich startete waren da auch noch keine anderen touristischen Nasen; mag vielleicht daran liegen, dass es gut eine Stunde über eine Schotterstraße und durch zwei Furten zum Mount Sunday geht. Möglicherweise schreckt das ab 😉 Gut für mich! Die kleine Wanderung auf den Gipfel, der Ausblick, die Weite und dieses weite Gefühl, dass sich in mir dadurch breit machen konnte, all das ließ diesen Tag zu einem unter den Top 3 in Neuseeland für mich werden. Und jeden, den es einmal auf die Südinsel verschlagen sollte, empfehle ich super gern: nehmt euch diesen Tag Zeit, fahrt in die Pampa, lasst eure Gedanken fliegen und saugt diese Luft ein!
Gestern fuhr ich mit Bessie von Rolleston aus zum Arthurs Pass, eine der schönsten Gebirgsstraßen Neuseelands. Das Wetter war defintiv auf meiner Seite: erneut strahlender Sonnenschein, verwunschener Morgennebel, klirrende Kälte und doch zum Genießen (musste ich ja nicht aus meinem kalten Camper heraus starten). Der Arthurs Pass ist die höchste Passstraße Neuseelands und verbindet die Region Christchurch mit der Westküste (Greymouth). Lange bevor der Namensgeber diese Route „entdeckte“ wurden die Bergpässe der Flüsse Hurunui und Rakaia schon von den Mardy für Handel und Jagd genutzt. Die ehemaligen Stämme der Mardy suchten hier auch neuseeländische Jade (Greenstone); erst onde später trieb der Goldrausch die angesiedelten Europäer über diese Pässe an die Westküste. 1864 stapfte dann also Arthur Dudley Dubson mit seinem Bruder Edward über den unwegsamen Pass, schon zwei Jahre später gab es die erste Straße.
Mein erster Stopp war der „Lookout Deaths Corner“ – Teil der alten Passstraße und höchster Punkt. Von hier wollte ich den Ausblick auf das Otira Viadukt genießen, doch es kam anders: als ich auf den kleinen Parkplatz fuhr und aus meinem Seitenfenster guckte, saß da ein Kea (neuseeländischer Bergpapagei, dessen Art leider vom Aussterben bedroht ist). Ich: „Wow! Wo ist meine Kamera?“ Kea: guckt. Ein Vogelzwinkern später setzt er zum Flug an und stürzt sich auf mein Autodach. Ich: Wow?! Was passiert hier? Kea: startet wildes Gerenne auf meinem Autodach. Und plötzlich kommen sie aus allen Richtungen: sechs Keas gesellen sich zu ihm auf mein Autodach, machen einen Riesentumult und hängen sich manchmal an mein Fenster und schauen fragend, auffordernd rein. Ganz wohl fühle ich mich nicht, schnappe mir dennoch meine Kamera, öffne ganz schnell die Autotür, springe raus und schlage die Tür in Arschgeschwindigkeit wieder zu, damit keiner dieser gefiederten Frechdachse die Chance hat, in mein Auto zu hopsen. Ein paar Schritte stehe ich abseits und habe den Mund offen, weil ich mit dieser Meute nun so gar nicht gerechnete hatte. Sie knabbern an allem, was sie finden können, Kabbeln miteinander, freuen sich scheinbar fröhlich krächzend, fliegen und hopsen, klettern auf den Spiegel, rutschen über die Glasscheiben und haben sichtlich Freude daran, nach Silikon zu suchen, in das sie ihre Schnäbel schlagen können. Plötzlich denke ich: oh weh, der Camper ist geliehen! Ich sollte mich lieber vom Acker machen und das tue ich dann auch aus Sorge um Bessie. Zweiter Stopp: Devils Punchbowl Wasserfall. Über gut 500 gefrorene Treppen geht es quer durch den Wald, vorbei an den schönsten Moosgewächsen hinauf zum Wasserfall. Auch hier treffe ich zunächst niemanden, später gesellen sich eine Handvoll Touristen dazu. Auf dem Rückweg hänge ich in Gedanken noch immer bei den Keas, und ich entscheide: ich fahre noch mal hin. So schnell werde ich ja nicht wieder die Gelegenheit bekommen, Bergpapageien hautnah zu erleben. Also starte ich nochmals Richtung Lookout und staune nicht schlecht, als dort der Parkplatz voller Autos und Menschen ist. Die Keas sitzen träge am Boden, manche laufen behebig über den Platz, keine Spur mehr von der aufgeweckten Meute. Was war passiert? Schnell erfasse ich den Schaden, den die Touristen angestellt haben, sehe das Toastbrot am Boden, die Cashewnüsse, die auf dem ganzen Platz verteilt sind – manche noch in den Händen, deren Besitzer seltsame Geräusche von sich geben, um einen der Vögel für einen Schnappschuss anzulocken. Mein Herz wird schwer ob so viel …. (piep). Und ich werde sauer, denn: vor, auf und hinter dem Parkplatz stehen riesige Schilder, die supergut auch ohne Sehhilfe zu lesen sind: Bitte nicht füttern – das hilft der Erhaltung der Keas! Nicht nur, dass es sich bei den Keas um eine wilde Art handelt, die verlernt, selbst nach Futter zu suchen; die zweite und wohl größere Gefahr: träge und satte Keas sind träge und bewegen sich kaum; nichts agiles mehr und eine super Beute, vor allem für dusselig fahrende Touristen. Immer wieder sterben die prächtigen Tiere, weil ein Tourist zu spät bremst oder den gut getarnten Federmann schlichtweg übersieht. Ich zögere, in mir kämpfen zwei Stimmen und dann ringe ich mich durch: ich gehe auf die fütternden Menschen zu, weise darauf hin, dass das Füttern verboten ist (sie stecken erschrocken die Cashews ein – zum Glück, ahtte befürchtet, dass ich mit meinen wenigen Englischkenntnissen auch noch eine Diskussion führen müsste), hebe die Toastscheiben auf und werfe sie in den Mülleimer meines Campers. Die Touristen sind peinlich berührt (ich bin erleichtert) und die Keas schauen mich fragend an, so nach dem Motto „Du klaust uns hier gerade unsere Tagesration!!!???“. Ich setze mich mit meinem Handy in die Nähe der verdutzten gefiederten Gesellen und warte. Langsam beginnen sie, wieder zu suchen, vor allem wirken sie ein wenig angefressen und bedient weil das lecker Essen weg ist. Einer sucht sogar nach einem „Ersatz“:
Gut eine halbe Stunde bleibe ich bei ihnen, spreche mit den Leuten, die mittlerweile auch ihre Sprache wiedergefunden haben, wir erfreuen uns gemeinsam und ich bin froh, dass sie nicht noch einmal ihre Nüsse zücken. Die Sonne strahlt und ich merke, dass ich langsam nach einem Kaffee sehne; Zeit, den Rückweg anzutreten, denn ich habe ja noch einen besonderen Stopp vor mir: Castle hill. Nach ca. 50 Minuten Fahrt erreiche ich den Parkplatz und begebe mich auf den Track „Castle Hill“. Dabei handelt es sich um Kalksteinfelsen, die wie einzelne Kunstwerke auf dem Hügel stehen. Da es von Ferne scheint, als wäre es eine alte Stadt oder ein Schloss, bekam die Gesteinsansammlung ihren Namen. Mittlerweile weiß man, dass hier früher Mardy auf dem Pass Unterschlupf gefunden haben; die Steine jedoch nicht von Menschenhand an diesen Ort bewegt worden sind. Ich genieße das verschiedene Licht, die Sonne, das Spiel zwischen Hell und Dunkel, die verwunschen anmutenden Felsen, klettere und fühle mich ein wenig wie in einem Zauberlabyrinth. Auch dieser Platz war Drehort, dieses Mal jedoch nicht für „Herr der Ringe“ sondern für „The Chronicles of Narnia: The Lion, the Witch and the Wardrobe“. Im besten Sinne herrlich erschöpft kehre ich am Abend zurück nach Rolleston.
Heute habe ich mir Zeit genommen, um Bessie zu schrubben, die Decken und Kissen zu waschen und habe das erste Backpacker-Päckchen gepackt: in ihm Sachen, kleine Schätze und Erinnerungen, die sich morgen auf den Weg mit der Post nach Deutschland machen – mal schauen, wann sie landen =). Ein Gedanke noch am Schluss, weil mich immer wieder Nachrichten von euch daheim erreichen mit der Frage, wie es für mich weitergehen wird. Also: die kommenden Tage bin ich in Rolleston, schaue mir ein wenig Christchurch an und tanke Kraft; kommende Woche geht es zurück nach Wellington (und ich freue mich schon sehr, dort meine Engel wiederzusehen; und dann habe ich noch drei Wochen Zeit, um mir all die Dinge auf der Nordinsel anzuschauen, die ich noch sehen möchte: Napier und die Ostküste, Bay of Plenty und Coromandel, Rotorua und vor allem: Matamata! Am 21. Juli werde ich Bessie in die Hände ihres Besitzers abgeben und dann? Ja, so genau weiß ich das noch nicht. Eigentlich wollte ich… oder das… oder das… Leider lässt die aktuelle Situation kein verlässliches Planen zu, doch fühle ich mich damit nicht Aufgeschmissen. Ich bin ruhig und vertraue darauf, dass etwas kommen mag. Und ihr werdet es bestimmt auch erfahren =). Manche werden vielleicht aufhorchen und sagen: Susann und keinen Plan haben? Jupp, so ist es, doch vor allem kann ich auch so ruhig sein, weil es in Deutschland liebste Menschen gibt, die sich um Rumo kümmern und ihm ein Zuhause geben, bis ich irgendwann zurück sein werde. Habt Dank, ihr Lieben, für alle Schmuseeinheiten, Gassirunden, Ballwurfeinheiten…!!!
























