July 16th – Taupo

Kennst du die Regentrude? Diese verwunschene Frau, die in ihrem Reich lebt und dafür sorgt, dass die Erde genug Regen und Wasser hat, um zu grünen und zu blühen, um Leben hervorzubringen und die Lebewesen zu ernähren? Kennst du Eckeneckepenn, den Widersacher der Regentrude? Diesen kleinen flammenden Kobold, der die Regentrude verzaubert und sie einschlafen lässt, so fest, dass der Regen aufhört und das Land verdorrt?

Die Regentrude ist ein Märchen von Theodor Storm. Er schrieb es 1863; erstmals erschien das Werk 1864 in der Leipziger Illustrierten Zeitung Nr. 43 „Die Regentrude – ein Mittsommermärchen“. 1976 verfilmte die DEFA das Märchen in einer, wie ich finde, sehr gelungenen Weise. Der heutige Tag hat mich an diese Verfilmung erinnert: der immer noch anhaltende Regen, der mich am Morgen wachtrommelte; die Gesteine, die ich im Orakei Korako Park sah und die mich in ihrer Verwunschenheit an das Reich der Regentrude erinnerten. Und beides mag ich zum Anlass nehmen, um euch vom Wasser in Neuseeland zu erzählen.

Wasser in Neuseeland ist für jeden zugänglich und kostet nichts. Trinkwasser wird kostenfrei an Haushalte geliefert, auch das Abwasser wird in den meisten Regionen der Inseln kostenfrei entsorgt. „Green and clean“, so lautete viele Jahre der Slogan, besonders was das Wasser angeblangte, doch es gibt mittlerweile einige Haken.

Wie ihr in mehreren vergangenen Beiträgen lesen konntet, lebt Neuseeland vor allem von Tourismus und Landwirtschaft. Besonders im letzteren Segment steigen die Umsätze jährlich und freilich auch die Nachfrage, vor allem im Bereich des Rindfleisches. Um die „Viecher“ gut zu versorgen, braucht es Wasser, denn eine Kuh schluckt ca. 60 Liter Wasser am Tag, besonders Milchkühe. Auch braucht es Wasser für die Weiden, denn Kühe und Schafe, Ziegen und Schweine, wollen was zum Beißen haben. Steigender Wasserbedarf. Die Farmer ziehen das Grundwasser kostenfrei. An sich kein Problem, doch: in manchen Regionen der Inseln ist der Verbrauch so stark gestiegen, dass der Trinkwasserspiegel unter den Meeresspiegel zu sinken droht; dann könnte es passieren, dass sich das Meerwasser einen Weg sucht und das Grundwasser ungenießbar werden lässt.

„Green and clean“ – auch Neuseeland kämpft mit Überdüngung und der Nitrat-Bealstung des Grundwassers. Viele Seen sind mittlerweile für das Baden gesperrt. Mit der Verunreinigung des Grundwassers steigt auch die Skepsis der Bevölkerung; kein Wunder, gab es doch in den vergangenen Jahren vereinzelt Berichte von verunreinigtem Leitungswasser, Kolibakterien im Wasser. Mittlerweile wird das Trinkwasser gechlort. Neuseeland verliert nach und nach das Image vom „puren Wassergenuss“. Auch hier scheint erneut die gestiegene Milch- und Fleischproduktion eine Rolle zu spielen.Jede Kuh scheidet pro Tag ca. 50 kg Urin und Kot aus; vieles davon sickert in den Boden. Es braucht dringend eine Lösung. Ich zitiere aus einer Quelle aus dem Jahr 2018 (!): Ein Milchbauer klagt an: „Die Milchproduktion steht für 15 Millionen Dollar an Exporteinnahmen. Natürlich wäre es super, wenn Neuseeland so einen Technologieriesen wie Apple hätte und nicht von der Landwirtschaft abhängig wäre. Haben wir aber nicht. Und wir Milchbauern sind nun mal international sehr erfolgreich, mit dem was wir tun.“ Martin Taylor von der Umweltorganisation „Fish and Games“ sagt: „Wir haben zunehmend Probleme mit giftigem Algenwuchs“. Mittlerweile seien bis zu drei Viertel aller einheimischen Fische vom Aussterben bedroht. „Inzwischen muß ich erst mal googeln“, sagt Martin Taylor, „bevor ich mit meinen Kindern irgendwo baden gehen, ob sie sich in einem Fluss nicht irgendwelche Keime einfangen könnten. Das ist nicht das, wofür wir hier als Neuseeland stehen.“ Die Regierung hat vor zwei Jahren ein 60 Millionen Euro Maßnahmenpaket beschlossen. Das sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Martin Taylor. Er sieht vor allem einen Ausweg aus der Krise. Einen ökonomisch schmerzhaften. „Es geht nur mit weniger Kühen. Mit weniger Milchproduktion. Auch wenn das bedeutet, dass manche Bauern sich vielleicht nach Alternativen umschauen müssen. Das ist nun mal so. Es geht doch nicht, dass nur weil einige damit, gutes Geld verdienen, alle anderen mit einer kaputten Umwelt leben müssen.“Bis 2040 soll in 90 Prozent aller Gewässer Schwimmen wieder möglich sein. Als erste Maßnahme wurden die Standards gesenkt. Und so sahen Neuseelands Gewässer mit einem Handstreich schon wieder viel sauberer aus. Auf dem Papier zumindest.“(Quelle: https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/neuseeland-wasser-100.html)

Mitte Juni 2020: Auckland richtet ein neues Alarmsystem ein ähnlich dem, wie es die Codi 19-Levels gibt. Grund dafür: Wasserkrise in der Region.

Kurzer Blick schon im April 2020…

Damit versucht die Regierung auf einen lang anhaltenden Notstand zu reagieren. Im Raum Auckland hat es seit Monaten kaum Regen gegeben, die Trinkwasserressourcen sind so stark gesunken, dass es an allen Ecken und Enden fehlt. Es gab nicht einmal halb so viel Regen seit November 2019 wie notwendig gewesen wäre… Geduscht werden darf nur noch 1-2 mal pro Woche; sollten sich die Wasservorräte nicht bald auffüllen, wird die Stadt die Wasserleitungen schließen und die Bevölkerung muss sich dann das Wasser für den Haushaltsbedarf an bestimmten „Verteilstellen“ abholen. Und so hofft die Stadt täglich auf Regen; Regen, der scheinbar seit Wochen einen Bogen um die Region macht. Watercare wirbt für Superhelden: „We’re also asking every Aucklander to play their part inside the home and reduce water usage by 20 litres per person per day – that’s two buckets of water and that’s what a superhero would do!“ (https://www.watercare.co.nz/)

Zurück zum Anfang: Trinkwasser ist kostenfrei in Neuseeland. Es gibt kein Gesetz, was das Abfüllen und den Export von Wasser verbietet; das hat sich ein chinesischer Konzern zu Nutze gemacht. Warum? Seit Jahren kämpft China auch aufgrund der stark gewachsenen Bevölkerung mit großen Umweltschäden. Bereits vor 20 Jahren warten chinesische Wasserexperten erstmals vor einer „Wasserkrise“. Damals prognostizierte man das Jahr 2030 als „Startpunkt“, doch das Problem ist längst auf dem Tisch. Das Trinkwasser Pekings hat Schwermetallrückstände, die dem 20fachen WHO-Standard entsprechen; mehr als 40% des Ackerlandes scheinen verseucht… Die Lösung fand China hier: in Neuseeland. In der Nähe von Christchurch füllt das chinesische Unternehmen Nongfu Spring Plastikwasserflaschen mit Trinkwasser (welches ja in Neuseeland kostenfrei für alle zugänglich ist) und exportiert diese Flaschen nach China. Schätzungsweise entnimmt die Anlage stündlich 210.000 Liter, fast 5 Mio am Tag. Jährlich entspricht das fast „250 olympischen Schwimmbändern“. Wer mehr wissen mag: googelt mal Nongfu Spring; da wird einem übel.