Ich gönne mir heute einen Tag „off“. Es ist ein Uhr am Mittag, draußen sind kuschelige 38 Grad, es ist schwül und die Einheimischen meinen, dass heute noch Gewitter kommt. Die Erde, die Pflanzen, die Tiere und auch die Menschen würden sich sicher über eine Abkühlung und ein wenig Wasser von oben freuen. Bei mir gibt es mal wieder gekühlte Cola und ich sitze auf den Steinfließen vor meinem Bungalow. Gerade hatte ich Besuch von einer Echse mit grauem Körper und knallblauem Kopf. Ich hab mal gegoogelt, wer das gewesen sein könnte: Google weiß es nicht genau, vielleicht kennt einer von euch so ein Exemplar? Hübsch auf jeden Fall. Um mich herum unzählige kleine Gekkos; ich frage mich noch immer, ob der Tag kommen wird, an dem sie mich nicht mehr erschrecken 😉 Heute morgen hatte ich vier Beobachter im Bad. Seltsames Gefühl.

Meine Zeit in Kambodscha neigt sich langsam dem Ende; in drei Tagen geht es dann weiter nach Bali. Ich merke, dass ich mich auch danach sehne, weiterzuziehen, vor allem sprachlich bin ich seit einigen Tagen ziemlich aufgeschmissen und das strengt mittlerweile ganz schön an. Und ich merke auch, dass ich raus muss aus dieser Wüste. Ja, ihr habt ja recht, hier gibt es Bäume und auch Regenwald, haha, aber der Rest ist abgerodeter Staub und der hat sich gefühlt in jede Pore meines Körpers und der Lunge gesetzt. Frei atmen, darauf freue ich mich. Als ich gestern so durch das Land gefahren bin, habe ich mich oft gefragt, warum es hier so ein großes Problem mit Müll gibt. Und manche von euch haben mich das auch gefragt, also nehme ich mir heute mal Zeit und forsche dem ganzen Ding mal nach: Nachdem China zu Beginn des Jahres 2018 einen umfassenden Importstopp für Plastikmüll verhangen hat, hat u.a. auch Deutschland begonnen, Plastikmüll nach Kambodscha zu verschiffen. (Übrigens geht derzeit der Großteil wohl nach Indonesien und Malaysia.) Die USA und Kanada machen dies ebenso und so stauen sich an der Küste Kambodschas und im Land überhaupt die Container. Kambodschas Regierung hat es nur anteilig geschafft, den ganzen Rotz zurück an den Absender zu senden. Dass das Land ein massives Müllproblem hat, wurde mir ja gleich nach der Grenzkontrolle deutlich. Es stinkt an jeder Ecke anders, umherfliegende Plastiktüten, Abfallhäufen an den Straßenrändern, der Busfahrerstopp gestern… Kauft man eine Mango, wird diese in zwei Tüten Plastik verpackt. Verneint man die Tüte, wird sie weggeschmissen. Und nicht etwa in einen Müllkübel, nein, die wird einfach fallengelassen und adieu. So ging es mir heute morgen bei einem kurzen Ausflug auf den Markt in Sen Monorom. Ich denke, dass all das Verhalten der Leute hier zwei Gründe haben könnte: die fehlende Müll- Infrastruktur und das fehlende Verständnis der Leute bzw. mangelnde Bildung. Aus dem Jahr 2019 gibt es einen Bericht der NGO Sahmakum Tang Tnaut, die herausgefunden haben, dass 99% der 277 städtischen Gemeinden von Phnom Penh mit hoher Armut keine Abfallentsorgung erhalten. Wohlhabendere Gemeinden hingegen werden fast täglich von Hausmüll beräumt. „Es liegt aus unserer Sicht an kleinen und engen Straßen in einigen Stadtgegenden sowie wahrscheinlich am fehlenden politischen Willen, der bei den verantwortlichen Stadtbehörden und beim zuständigen Entsorgungsunternehmen für Hausmüll liegt. Es ist nicht transparent, wie die Abfallwirtschaft koordiniert wird. Hinzu kommt, dass die Stadtverwaltung nicht ihrer Rechenschaftspflicht nachkommt und dass sie nicht oder schlecht auf Beschwerdenund Anfragen von Seiten der Bürger*innen, engagierter Gruppen oder Organisationen reagiert.“ (aus: https://suedostasien.net/abfallwirtschaft-in-phnom-penh-nicht-bei-allen-haelt-die-muellabfuhr/) Dort könnt ihr auch ü ber den „schwarzen Kanal“ lesen… Und all das berichtet über die Zustände in der Hauptstadt Kambodschas, das legt nahe, dass erst recht nicht in den anderen Landesteilen ein funktionierendes Müllsystem existiert. Auch ein lohnenswerter Bericht aus Phnom Penh: www.welt.de „Kambodscha: In Phnom Penh liegt das Gold nicht weit vom Müll“.

Natürlich hatte ich auch Dyka gefragt, was er denkt, woran das große Müllproblem dieses Landes auch liegen könnte und er hat es klar in mangelnder Bildung benannt. Die Menschen wissen nicht, was der Müll und vor allem das viele Plastik, anstellt. Mit ihren Böden, ihrem Wasser, ihrer Gesundheit. Deswegen stört es sie nicht. Deswegen gibt es mittlerweile zahlreiche Organisationen an der Küste und auch hier im Osten des Landes, die sich dem Thema „Nachhaltigkeit, Umweltschutz und -Bildung“ widmen. Dyka war ganz deutlich: wenn die Menschen begreifen, dass es sich schon lohnt, nur wegen der Touristen aufzuräumen, die das Geld bringen, dann könnte sich was ändern. Ein trauriger Gedanke, aber vielleicht ein Anfang…

In den wenigen Tagen in Kambodscha ist mir die „Teilung“ des Landes immer wieder deutlich geworden: gut geräumte touristische Plätze – die Straße um die Ecke nicht betretbar wegen Müllbergen und Menschen, die darin leben; große Limousinen ohne Kennzeichen (mit denen man sich übrigens niemals anlegen sollte, denn in ihren fahren meist Menschen, die soviel Geld haben, dass auch der Tourist und das Recht „überboten“ werden) – Menschen, die barfuß ihren Karren schieben; große Häuser mit Blumenschmuck – die „Hütten“ am floating village… es gibt immer noch Gegenden des Landes, die wegen Landminengefahr gesperrt sind; es gibt den Überfluss und den Mangel, die Tür an Tür wohnen und es gibt immer wieder „Leuchtfeuer“ dazwischen, die versuchen, einen lebbaren Alltag zu ermöglichen wie der PPS Circus oder Soksabike.

Noch ein paar Worte zu Corona (weil ihr mich so oft fragt und das verstehe ich ja voll, nehmen doch die Zahlen in Deutschland täglich zu). Ich bin gesund, ich desinfiziere fröhlich meine Hände und wasche alles, was mir durch die Finger geht. Laut aktuellen Zahlen in Kambodscha gibt es keine Infizierten. Das halte ich zwar für Irrsinn, ich denke, dass es einfach daran liegt, dass die Leute hier nicht getestet werden. Zumal eine medizinische Versorgung teuer und nur für Kinder unter 15 Jahren kostenlos ist. So wird sich jeder hüten, den teuren Arzt aufzusuchen. Das durchschnitliche Pro-Kopf-Einkommen liegt in Kambodscha übrigens bei knapp 1500 USD im Jahr und damit ist das Land eines der ärmsten Südostasiens… ein Arztbesuch mit Blutuntersuchung kostet ca. 50 USD… ein Haus aus Holz zu bauen mit einem Zimmer ohne Bad ungefähr 3000 USD ohne Handwerkerleistung…