28. Februar 2020: Hallöchen ihr daheim! Nun, was soll ich sagen: ich habe ein wenig Muse, euch von meinen letzten Tagen in der Ferne zu berichten. Der Weg führt von Phnom Penh nach Battambang und zuletzt nach Siem Reap. Doch bevor ich damit starte, ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern, mag ich doch eins anmerken: es ist sooooo heiß! Wowow! Kurz vor sieben und noch fröhliche, schwüle 33 Grad. Sonne gibt es keine mehr dazu, zum Glück – das war heute irre. Und ich meine: wer mich kennt, der weiß, dass die Hitze (naja, eigentlich schon eine Wärme über 25 Grad =) ) und ich nun wirklich keine Freunde sind, denn ich bin immer noch lieber erfroren als erschwitzt. Und ja, ihr wisst das, ich kann ganz schön klagen, wenn es zu heiß ist und mein Gehirn vor Hitze geschmolzen scheint und ich keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen kann. Viele von euch werden jetzt grinsen und denken: oh ja, die Sus und die Wärme. Und ja, ich habe mich letzten Sommer in Leipzig echt oft beklagt, aber das hier: omg! Wir hatten heute im Schatten erfrischende 40 Grad. Und jetzt stellt euch mich mal kurz vor: knallroter Schädel, in meiner Muttersprache schimpfend – leise, aber eindeutig ;-), mit einem Fächer aus Vietnam wedelnd und trotzdem: ich hab es durchgezogen. Yuhuu und yippie und was auch noch sonst so! Ich bin alle Stufen und Kilometer durch Angkor Wat, Angkor Thom und Banteay Srey gestiefelt – mit meinen neuen Wanderschuhen, die defintiv für Schnee und Eis gemacht sind und nicht für wüstige Temperaturen 😉 So viel vornweg: es wird in den kommenden Tagen Fotos von mir geben, aber erwartet bitte auf keinen Fall zu viel. Ihr werdet ausschließlich mein tomatigstes Sonnengesicht sehen.

Nun zurück zur fröhlichen Überlandfahrt der vergangenen Tage.

Erster Stopp auf dem Weg zwischen Phnom Penh und Battambang: floating village. See: Tonle Sap. Dieser See wächst und schrumpft je nach Jahreszeit um mindestens 50 Prozent in jede Richtung. Mit dem Wachsen und Schrumpfen ziehen die Fischer den Fischen hinterher und deswegen leben sie in beweglichen Buden und schwimmenden Häusern. Alle gemeinsam, Familie für Familie, in diesem Dorf mindestens 1000 Familien, auf einem Boot mit einem Schlafraum und einer Küche. Als ich nach dem Bad frage und dem WC lacht der Guide und deutet mit der Hand auf den See. All diese Geschäfte gehen direkt dorthin und tatsächlich sehe ich badende Kinder, waschende Frauen… Ich finde dieses Leben für mich mit keiner Wimper vorstellbar obwohl dieses Dorf alles hat, was man braucht: Läden, Werkstätten, eine Schule, Strom 😉 und eigentlich sieht alles aus wie in jedem anderen Dorf: Menschen spielen und schwatzen, sie zocken und werkeln, sie kochen und putzen, sie lachen und streiten. In unserer Reisegruppe keimt der Gedanke auf, dass diese Menschen arm sind und Olga fragt unseren Guide. Dyka lacht. „Was ist der Sinn in deinem Leben, was ist wertvoll für dich?“, fragt er. „Die Menschen hier sind nicht arm. Und außerdem haben sie täglich Arbeit und können täglich Geld verdienen. Und sie haben ihr Essen direkt vor der Tür schwimmend. Die Bauern auf dem Reisfeld ernten einmal oder dreimal im Jahr und dazwischen verdienen sie kein Geld. Da geht es den Fischern hier sehr gut, oder?“ Viele der Gruppe verstehen, was er sagen will, für Olga scheint es eine Frage zu bleiben. Wir erfahren von Dyka, dass die Fischer keine Steuern zahlen müssen und dass die „Arztpraxis“ vom Staat gestellt wird und dass alle unter 15 Jahren kostenlos behandelt werden – hier oder in Krankenhäusern. Und spätestens als ich in Battambang in der Küche einer Familie stehe, die 24/7 Reispapier herstellt (herstellen muss) und nicht weiß, wieviel sie dafür bekommen werden, habe ich einen Hauch von einer Idee, was Dyka meint indem er sagt, dass die Fischer im floating village eine gute Arbeit haben. Mir hängt seine Frage nach: „Was ist wertvoll, was ist für mich der Sinn meines Lebens?“ Ob ich die jemals beantworten kann? Derzeit bin ich ein Pilger und der Weg ist das Ziel und Fragen auf meinem Weg bereichern ihn…

Wir fahren weiter nach Battambang. Die Straße wird mit Mitteln der japanischen und chinesischen Regierungen finanziert und wird irgendwann zweispurig Richtung Thailand fertiggestellt sein. Bis dahin quälen sich zahlreiche Autos, TukTuks, Fahrräder, Busse, LKWs manchmal zäh und manchmal zu rasant über eine bucklige Piste, die gesäumt ist von kleinen Ständen, an denen die Menschen feilbieten, was einem Reisenden gut tun könnte. Überhaupt sind die Überlandfahrten in Kambodscha so herausfordernd und beeindruckend, dass ich unweigerlich mit Dyka über die Infrastruktur ins Gespräch komme. Eine schwierige Sache nach dem Bürgerkrieg. Und eine schwierige Sache mit den wechselnden Jahreszeiten: von großer Hitze zu massiver Nässe – baue da mal jemand eine chice Straße und einen Trasse für eine Bahn!

In Battambang checken wir dann gegen Abend ein und es ist das erste Hotel, in dem ich nicht unweigerlich länger bleiben möchte. Defintiv deutlich wird, dass diese Stadt zwar die zweitgrößte des Landes aber mitnichten ein touristisches Highlight ist, denn eigentlich bleibt festzuhalten: hier gibt es keine herausragende Architektur, keine riesigen hübschen Tempelanlagen oder Paläste, hier ist es stickig und versmogt und staubig und heeeeiß. Kein Toruistenmekka, also merke ich ziemlich schnell bei meinem abendlichen Spaziergang und Essen, dass ich mit meinem auch so bezauberndsten Englisch hier nicht weit komme. Ich google kurz: Wie lange dauert es, Khmer zu lernen? Ich versuche mich in den Basics von Hallo und Tschüss und gebe innerlich auf. Aussichtslos 😉

Tags darauf: Fahrradtour. Yeah. Und: omg. Echt euer Ernst bei diesen Temperaturen und der Schwüle und vor allem: dem Staub? Und doch: ja, es war Teil des Plans, also ziehen wir ihn fröhlich durch und am Ende werde ich lächelnd sagen aus vollem Herzen: das war schön. Ich werde schwitzend und dreckig feststellen, wie gut es mir geht. Denn das ist das erste was mir nächhängt nach dieser Tour (und ehrlicherweise auch nach all den bisherigen Tagen in Asien): ich bin beschenkt. Mit etwas, das ich mir nicht ausgesucht habe, sondern dass mir Dank des Aufenthaltsortes meiner Mutter zu meiner Geburt gegeben wurde: ein Pass und nunmehr auch einer aus einem vereinigten Deutschland. Heut bin ich zu müde, um mehr darüber zu schreiben, aber das wird ein Gedanke sein, den ich in ein paar Tagen noch mal aufgreifen will. Erinnert mich gern, wenn ich es nicht tue =). .. Auf unserer Tour besuchen wir eine Familie, die Reispapier herstellt (hab ich euch ja schon verraten), eine Familie, die Bananenköstlichkeiten produziert, eine Familie, die Schlangenschnaps und Reiswein herstellt, eine Familie, die am Straßenrand in einer Laube lebt und „sticky rice“ kocht und ihn für Pfennige verkaufen muss, um über die Runden zu kommen. Bei letzterer Familie habe ich keine Fotos mehr gemacht, weil es mir so weh tat, sie so zu sehen. … Gesegnet bin ich, die nach diesen 25 km eine Dusche haben kann und ein klimatisiertes Zimmer, einen kühlen Bus und fließendes, sauberes Wasser am Abend, um mir die Füße zu waschen und erst recht ein Bett mit mehreren Kissen und einem Pad, dass Herr der Ringe zum Einschlafen abspielen kann, weil es Strom bekommen hat… Und da beschwere ich mich übers WiFi und das Wetter – ich schüttele gerade meinen Kopf über mich selbst. …

Passt gut auf euch auf! Bleibt behütet! Ich falle jetzt ins Bett, in ein paar Stunden stehe ich auf: Sonnenaufgang in Angkor Wat. Bis bald!