April 4th – XXX
Der Morgen hat sich herrlich über die Berge und über das Wasser an den Himmel geschlichen. Ein Farbenspiel wie bei den Impressionisten! Und über der Kulisse schwebt eine Stille, wie ich sie lange morgens nicht mehr genossen habe. Ein paar Vögel stimmen ihr Lied an, die Hühner umkreisen suchend die Wiesen, ein paar Schafe und Rinder kommunizieren aus der Ferne miteinander, mehr nicht. Der Kaffee in meiner Hand dampft, mein Marmeladebrot riecht verlockend nach Himbeer und es stellt sich leise ein kleines Gefühl von Urlaub ein. Im Vergleich zu den Touristen in Flughafennähe, den Campern auf verschlossenen Parkplätzen, den Menschen in kleinen Wohnungen ohne Garten… im Vergleich zu denen lebe ich hier aktuell unter paradiesischen Bedingungen. Um dem Lagerkoller, der sich gewiss in den kommenden drei, vier, fünf … Wochen einstellen wird, entgegen zu wirken, habe ich mein Auto vor dem Haus geparkt, alle anderen sechs Wagen stehen hinten auf einer Wiese mit direktem Blick über die herrliche Landschaft, die Schafe, das Wasser, die Hügellandschaft – besonders letztere stimmt in mir regelmäßig die Melodie aus dem Auenland an, hmmmmmmmm. Wenn meine Augen träumerisch langsam über die Hügel wandern, erscheinen manchmal Orks und Warge, sehe ich Legalos und Gimli hinter Aragorn herjagen 😉
Vielleicht fragt ihr euch, warum uns hier der Lagerkoller drohen könnte? Nun, wir dürfen das Grundstück nicht verlassen und das schließt auch den Seeweg ein. Zwar haben wir Meerzugang und Boote, aber es ist derzeit allen Menschen in Neuseeland verboten, sich zu bewegen, per Auto, Campervan, Boot, zum Wandern… nicht mal schwimmen gehen darf man mehr. Und so vertreiben wir uns auf dem Grundstück die Stunden. Mittlerweile ist es fast Mittag, alle 11 der Schicksalsgemeinschaft sind wach, manche haben versucht, vom Ufer aus zu fischen, Alex, Johanna und ich haben einen Kuchen aus Feijoa für alle gebacken. Feijoa ist eine Frucht, die einem heckenähnlichen Gebüsch anhängt und die wie eine Kiwi aufgeschnitten und ausgelöffelt werden kann. Geschmacklich erinnert es mich an eine Mischung aus Banane, Birne und Ananas. (Sehr guter und witziger Artikel dazu hier: https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2017/may/13/falling-for-feijoas-the-fruit-new-zealand-wants-the-world-to-love ). Mal gucken, wie der Kuchen mundet, derzeit kühlt das Ergebnis des Freischnauze-Rezepts aus. Gestern habe ich gegen die Langeweile Hörbücher gehört und wir haben ein 1000 Teile Puzzle begonnen.
Ich wünsche und hoffe, dass ich in den kommenden Tagen ruhiger werden kann und mich nicht mehr wie ein gehetztes Tier fühle, das niemand möchte. Dies ist für mich im Lockdown und der Zeit der Self-Isolation der achte, nicht selbst bestimmte Stellplatz und ich wünsche von Herzen, dass es auch der Letzte bleibt. Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem wir wieder fahren dürfen, wohin uns die Reifen tragen.
In dieser Schwebe der letzten Tage zu sein, kann wahrscheinlich kaum jemand nachvollziehen: staatliche Auflagen für alle, stündlich wechselnde Bestimmungen für Camper, von einem Ort zum nächsten geschoben zu werden, bis die nächste Behörde kommt und dich wieder losschickt. Ja, manche von euch haben diesen Zustand mit dem von geflüchteten Menschen in Europa verglichen, und möglicherweise könnten wir leise ein wenig ahnen, aber an keinem Punkt mussten wir um unser Leben fürchten… Wir hatten immer ein Dach über dem Kopf und immer etwas im Bauch, wir mussten nicht darben und nicht zittern… und wir haben alle einen Ort, an den wir früher oder später zurückkehren können. Und deswegen ist es mir nicht möglich, diese Parallele zu benennen.
So, jetzt ziehe ich mal los und gehe euch noch ein paar Bilder machen 😉
























