May 11th – Wangeruru
Es ist kurz nach sieben Uhr abends. Ich sitze am Küchentisch in „unserem“ Haus und versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Das fällt mir gar nicht so leicht und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich einen klaren Satz formulieren kann, folgende Soundkulisse: deutsche und englische Gespräche auf der Couch, Diskussionen über das Zubettgehen oder Duschen oder Zumfeuerlaufen… tschechisch geführte Diskussionen am Herd (keine Ahnung welchen Inhalts), Kochgeräusche, Abwaschlärm, Bierzischen, Geraschel und Gewürsche mit Plastiktüten und untermalend seit fast vier Stunden der Fernseher mit den Nachrichten immer wieder selben Inhaltes. Ja, es ist ein Abend, an dem ich mich auch freue über die Nachricht, dass wir am Donnerstag dieser Woche endlich wieder reisen können, denn Neuseeland wechselt in Alert Level 2! Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass auch besonders dieser Tag dazu beitragen wird, dass ich dieser Gruppenzusammenstellung und diesem Hauswahnsinn keine Träne nachweinen werde. Deswegen klinge ich nicht so juppiduppisupidupiduuuu.
In dieser Konstellation werden wir am Mittwoch abend 51 Tage gewesen sein – um euch das noch ein bisschen deutlicher zu untermalen: das sind 4 406 400 Sekunden, 73 440 Minuten, 1224 Stunden oder für die Prozentliebhaber unter euch: 13,93 Prozent des gesamten Kalenderjahres 2020. Boah! Zu diesen 51 Tagen kommen noch 8 Tage, die ich in Selfisolation verbracht habe. So, genug der Zahlen.
Vielleicht fragt ihr euch, warum ausgerechnet dieser Tag noch mal dazu beiträgt, dass ich mich freue, wenn ich hier weg kann: heute morgen ist jemand von den neun Leuten schlimm ausgerastet, so derbe, dass ich das erste Mal Angst bekam. Und deswegen ist in mir ein ambivalentes Gefühl: ich freue mich unglaublich, diese Konstellation zu verlassen und doch schwingt auch Sorge um die kommenden zwei Tage und drei Nächte mit, denn ich fühle mich seit heute morgen nicht mehr wohl. Ja, es stimmt, alle hier sind gute Leute, wir (und ich sage bewusst wir und schließe mich mit ein) waren all die Wochen sehr bemüht, haben uns zusammen gerissen und versucht, das Beste aus der misslichen Lage zu machen. Der heutige Morgen hat jedoch auch gezeigt: es reicht. Es ist Zeit! Umso erleichterter bin ich über die Entscheidung der neuseeländischen Regierung.Ich bin nicht voller Jubel, aber ich bin erleichtert. Anspannung fällt ab und ich bin sehr müde. Wahrscheinlich werde ich zeitnah in meinen Camper kriechen, ein wenig Hörbuch hören, mich an meine Wärmflasche kuscheln und vielleicht auch ein wenig überlegen, wohin ich am Donnerstag fahren werde. Die „Planung“ kann jetzt losgehen – fühlt sich noch ganz unwirklich an.
Heute ist übrigens der 11. Mai. Häh? Warum unterstreicht sie das denn noch mal so? Verrate ich euch: Heute vor einem viertel Jahr bin ich aufgebrochen und eigentlich will ich heute in einem viertel Jahr wieder in Deutschland sein, also: „Bergfest“. Vielleicht verirren sich manche von euch noch auf den Button „Reiseroute“ – ich verrate euch ein Geheimnis: die Route ist hinfällig. Sehr wahrscheinlich wird eine Reise nach Südamerika aufgrund mangelnder Flüge in ein paar Wochen nicht stattfinden können. Und so schlage ich gefühlt ab Donnerstag eine neue Seite im Schreibheft auf und lasse mich überraschen, welche Bilder und Begegnungen sie in den kommenden drei Monaten füllen werden. Weltreise mit Corona geht weiter! Yeah!
























