May 9th
Kurz vor halb zwölf Mittag klingelt mein Telefon. Sam, unser Nachbar, ruft mich an. Das hat er noch nie getan. Ich erkenne ihn erst nicht, dann fällt der Groschen und ich frage ihn nach allem fröhlichen „How are you?“, warum er mich anruft. „Da sitzen neun Spoonbills (im Deutschen: Löffler) vor meinem Haus, ich dachte, du willst ein paar Fotos von ihnen machen“, sagt er. (Kurzer Exkurs: Vor ein paar Tagen hat mich Sam mit meiner Kamera gesehen und er fragte mich, was ich da fotografiere. Natur, Pflanzen und Tiere, sagte ich ihm und zeigte ihm eine gut gelungene Bilder. Ob er wisse, was das für Pflanzen sei… wir kommen ins Gespräch und tags darauf bringt er mir ein Buch über einheimische Pflanzen und noch einen Tag später ein Büchlein über neuseeländische Vogelarten. Und deswegen, ruft er an und fragt mich. Exkurs Ende.)
Also Sam fragt mich: „Da sitzen neun Spoonbills vor meinem Haus, ich dachte, du willst ein paar Fotos von ihnen machen.“ Ich zögere kurz, suche für einige Momente nach einer Ausrede und gebe mir letztendlich einen Ruck. Auf meiner Reise wollte ich offen sein und neugierig, mich auch mal ungeplant auf Situationen und Vorschläge einlassen. Also: heute übe ich das. Ich sage zu, brauche ungefähr 15 Minuten um meine Schuhe und meine Kamera zu schnappen und stehe gegen 11.50 Uhr vor seinem Haus. Ich muss ihn rufen, denn ich sehe ihn nicht. Jetzt muss man etwas über Sam wissen: wenn ich Haus schreibe, dann meine ich ein Heim, aber bitte stellt euch kein Haus vor, wie ihr es kennt. Es ähnelt einer Laube, zusammengeschustert aus Wellblech und Brettern, Planen und Paletten. Unter einer dieser Planen tritt Sam breit grinsend hervor, er freut sich, dass ich gekommen bin. Besuch habe er schon sehr lange nicht gehabt. Freudestrahlend bittet er mich in sein Haus, bietet mit den besten Stuhl an (er besitzt nur einen, das andere sind Baumstammhocker) und einen Kaffee, doch ich lehne zunächst ab. Ich habe das Gefühl, erst ein wenig „ankommen“ zu wollen an diesem mir so fremdem Ort und frage ihn nach den Spoonbills. Er führt mich durch das Haus, wenige Schritte dahinter beginnt das Meer. Wir gehen ein Stück am Strand, lassen uns auf ein paar Holzpaletten nieder und ich fotografiere die Spoonbills. Es kommen mehr Meeresvögel und er zeigt sie mir alle, erzählt was er von ihnen weiß, lächelt, freut sich und beteuert immer wieder, wie gut es ihm geht und wie glücklich er ist. Seine Hündin „Lady“ gesellt sich zu uns. Sie ist fünf Jahre alt und unglaublich kuschelbedürftig. Ich freue mich, denn endlich habe ich wieder einen Hund zum Kraulen in den Fingern 😉 .
Dann habe ich auch das Gefühl, angekommen zu sein und ich glaube, Sam merkt es auch, dass ich mich wohler fühle. Er fragt mich nochmals, ob ich etwas trinken möchte und ich lasse mich auf dem Stuhl nieder und freue mich über den heißen dampfenden Kaffee. Wir kommen ins Plaudern, über das Leben so weit weg von der Stadt, wir reden über Wasser und Abwasser, über Stürme, die ihm regelmäßig Teile des Hauses wegreißen, reden über die Viehhaltung und die Fischerei, wir reden über Gott und das Mardy New Year im Juni… er erzählt mir, dass er glücklich ist und gesund und das beides doch das Wichtigste ist. Und wie wir da so sitzen, in diesem besonderen Zuhause, in diesem besonderen Moment, ich mit Kaffee und er mit Kippe, und wie wir da so reden über das, was uns hierher gebracht hat, ihn die Arbeitslosigkeit in Hamilton und mich meine Suche, da fühle ich mich so verstanden, so ruhig, sogar ein bisschen friedlich in mir. Ich schaue auf das Meer vor der Tür, kraule „Lady“ den Kopf und fühle mich so friedlich, wie schon lange nicht mehr. Was braucht es mehr als Glück und Gesundheit? Es stimmt. Mehr braucht es nicht. Nicht in diesem Moment.
Wir schauen weiter aufs Meer. Langsam zieht die Ebbe das Wasser ab, die Spoonbills wackeln dem Ufer entlang und graben mit ihren Schnäbeln nach Krabben, Sandflöhen, Wasserläusen. Sam steht plötzlich auf, geht zum Kühlschrank und holt einen lebendigen Seeigel aus dem mittleren Fach. Den wolle er mir zeigen, er habe ihn heute morgen gefunden, ob ich probieren wolle. Ich staune über das kleine stachelige Wesen, verneine jedoch, will es nicht essen und ich erzähle ihm, dass ich Vegetarierin bin. Das sei etwas, dass er nicht kenne. Er fragt mich, warum ich so lebe und wir reden über Deutschland und Europa… vieles geht ineinander über, und ich verstehe etwas: Sam baut seine Früchte großteils an, Süßkartoffeln, Tomaten, Bananen, Beeren, Mandarinen… all das wächst auf seinem kleinen Grundstück, seine Kühe weiden hinter dem Haus, seinen Fisch und die Meeresfrüchte bekommt er direkt vor seiner Tür, ihm fehlt das Geld, viel dazu zu kaufen; was nicht wächst, gibt es nicht. Freilich könnte er die weite Strecke in die Stadt fahren und in den großen Lebensmittelketten kaufen, was er will, aber er sagt, dass er es nicht braucht. Im Winter brauche er keine Erdbeeren. Ich schmunzle und sage ihm, dass es witzig ist, dass er gerade die Erdbeeren nennt, denn auch sie sind es, die immer wieder im Freundeskreis „Anstoß“ sind, also Erdbeeren im Winter meine ich.
Wir haben zwei schöne Stunden geplaudert, geschwiegen, gelacht und gemeinsam den Kopf geschüttelt. „Wenn die Bananenblüten aufgehen musst du wieder kommen und ein Foto machen“, sagt er und ich danke ihm. Ich freue mich darauf.
Als ich den Weg zu meiner Unterkunft zurückgehe, hänge ich gedanklich noch bei ihm. Mit Frau und Kind lebt er „so“; seine Frau arbeitet in der häuslichen Pflege und betreut im Distrikt alte Menschen, die daheim leben wollen. Seine Tochter ist noch in der Schule, wobei sie nicht in die Schule gehen kann, zu weit draußen wohnt die Familie uns so läuft Schule in Form von „Homeschooling evry single day“…
„Happy und healthy, I am such a lucky man“ höre ich Sam noch in meinem Kopf. Ich bin so dankbar über diese Begegnung mit ihm, die mir leider auch noch eines gezeigt hat: es gibt eine Kluft in diesem Land zwischen „Mardy people“ und „den Weißen“, zwischen arm und reich, zwischen Land und Stadt… Jetzt sitze ich am Küchentisch und habe gleich geschrieben, um nichts zu vergessen und ich nehme mir etwas vor: ich will mir „diese Kluft“ mal anschauen, wenn ich wieder reisen darf.
























