April 22th – Whangeruru

Unser Nachbar Sam ist schwierig. Er knausert, er spricht nicht deutlich, er strahlt schlechte Laune und Angepisstsein aus. Er trinkt und raucht. Er trägt immer eine Brille und er lächelt nicht. Als wir vor über 20 Tagen auf diesem Grundstück ankamen, wurden wir „gewarnt“: alle Nachbarn werden sich schnell an eure Anwesenheit gewöhnen; Sam ist Mardi, der wird euch vieles nicht vergönnen. Normalerweise kommt Sam jeden Tag auf das Grundstück, nimmt sich die Früchte, die reif sind, kümmert sich um den Rasen, die Kühe und die Hühner. Er werde mit unserer Ankunft das Gefühl bekommen, dass wir ihm was wegnehmen, deswegen werde er wohl jede Gelegenheit nutzen, um sich über uns zu beschweren. Also sollten wir vorsichtig sein, was wir tun und sagen, wenn Sam sich beschwert, dann müssten wir zurück auf den Parkplatz. Und da wollte keiner von uns mehr hin – hatte wir ja auf dem Parkplatz in Whangarei nicht die hübschesten Erfahrungen gemacht. Also: Obacht vor Sam, er ist Mardi und schwierig.

Zu Beginn unserer Aufenthaltes hier fand ich ihn auch schwierig. Wenn ich ihn grüßte, drehte er sich weg. Wenn ich ihn was fragte, bekam ich keine Antwort. Bis zum Mittwoch nach Ostern: ich kam von meinem Spaziergang zum Hafen zurück und rannte förmlich in ihn hinein, als ich durch die Garage das Grundstück wieder betreten wollte. Wir beide erschraken und wahrscheinlich aus diesem Schreck heraus, grüßte er mich. Huch, dachte ich, Hallo auch dir und ich fragte gleich mal noch, wie es ihm geht. Ein Huch stand ihm auch ins Gesicht geschrieben, aber er antwortete mir. Ein kleiner Erfolg dachte ich 😉 Und seitdem „plaudern“ wir kurz, wenn wir uns sehen.

Ja, ich fand ihn schwierig, aber hey, mit uns hatte er auch keinen leichten Start, waren wir ihm gegenüber ja auch nicht mega aufgeschlossen wegen der „Vorwarnung“ und ich reflektierte nicht, was genau uns am Anfang mit den Aussagen auch gesagt wurde: Mardi generell sind schwierig. Immer wieder lese und höre ich, dass Mardi arm sind und neidisch auf andere, unter sich bleiben, Ausländer nicht mögen, das Gefühl haben, man würde ihnen was wegnehmen. Die Falle, in die ich getappt bin: ich habe mit keinem Mardi gesprochen, ich hatte nur von ihnen „gehört“. Und ihr ahnt die Falle, in die ich auch gegangen bin: Vorurteile, Schublade, Ende.

Als ich ihn heute traf, ging mir dieses Licht auf. Er fragte, ob wir seinen Bullen auf der Weide gesehen hatten und ich musste verneinen, seit gestern nachmittag habe ich ihn nicht mehr gesichtet. Aber ich sagte ihm, dass ich ihm bescheid geben würde, wenn ich den Bullen auf der Straße oder vor unserer Haustür treffen würde. Er drehte sich um, grinste und meinte „This is awesome.“

Als ich mich auf den Weg gemacht habe, von Deutschland aus die Welt auf meine Weise zu entdecken, hatte ich mir fest auf die Stirn tackern wollen: „Bleib offen! Bleib neugierig! Schau die Welt mit deinen Augen an!“ Ich wollte nicht mehr in die Falle tappen von: „Hast du gehört, dass das so und so ist.“ oder „Die Welt ist soundso.“ „Die Menschen sind soundso“… Mit der Ankunft in Neuseeland bin ich leider voll in den „Mardi-sind-schwierig-Fettnapf“ gesprungen. Drei habe ich bisher getroffen: Sam und unsere beiden fischenden Nachbarn KC und Shahab. Alle drei sind besonders, hey, wer ist das nicht? 😉 Aber alle drei stoßen mich volle Wumme darauf: Bleib offen, bleibe neugierig, bau dir dein eigenes Bild! Und schaden wird mir diese kleine Lektion nicht, habe ich doch selbst im Haus hier mit vier Nationalitäten, neun einzigartigen Köpfen (die so ganz anders ticken und die Welt sehen als ich) und eben auch mit meinem eigenen stieseligen Kopf zu tun. Auch da wird es nicht schaden, neugierig und offen zu bleiben und niemanden in die Soundso-Schublade zu stopfen. Ach und weil es naheliegt, hier freilich noch das passendste Lied zu Soundso: