25. Februar 2020: Die Hitze ist der Hammer, wenn ich mir vorstelle, dass die Menschen daheim gerade in Rollkragenpullis Wintersport schauen und sich einen Tee kochen und den Regen von drinnen anschauen (oder auch den Schnee), dann kann ich das kaum glauben. Bei der heutigen Tour sind wir geschlossen, von Schatten zu Schatten gehopst, weil es in der Sonne kaum auszuhalten war und wir das Gefühl bekamen, zu braten. Mittlerweile ist es fünf und es sind erfrischende 30 Grad und ich habe mich auf das Dach des Hotels zurückgezogen und trinke eine eisgekühlte Cola. Mittlerweile eines meiner täglichen Getränkebegleiter, besonders ratsam unterwegs, weil verschlossen und man weiß, was drin ist =).
Seid gestern nun bin ich in Kambodscha. Dass dieses Land ganz anders ist als Vietnam zeigte sich direkt nach der Grenze. Die Straßen sind staubig und trocken, erinnern ein wenig an die Straßen im Süden Marokkos auf dem Weg nach Ouarzazate. Die Häuser sind großteils aus Wellblechen zusammengeschustert, Kinder und Hunde spielen inmitten von Dreck und einer unglaublichen Flut Plastik. So viel Plastik überall – in Bäumen und Büschen, zwischen den Häusern, auf den Feldern, in kleinen Tümpeln und in allem herumfliegend – das hab ich noch nie gesehen. Und das über Kilometer entlang der Straße nach Phnom Penh. 3 Stunden Fahrt. Erreicht man die Stadtgrenze hört der Anblick abrupt auf und weicht einer Mischung aus alten Häuschen, manche ein wenig vietnamesischer Architektur entspringend, Neubauten, Hochhäusern, aufgeräumte Gehwege. Die Anzahl der Menschen, die einem kleinen Gewerbe nachgehen nimmt zu, die Zahl der Mopeds ab und die Größe der Autos explodiert. So viele Vans in viel zu kleinen Straßen! TucTucs schlängeln sich dazwischen, einige Fahrradfahrer und Ampeln, an die sich fast alle Verkehrsteilnehmer halten! Wahnsinn, im Vergleich zu HCMC ist das hier dahingehend ziemlich aufgeräumt.
Phnom Penh also für die kommenden zwei Tage. Der Name heißt übrigens sinngemäß „der Hügel Penhs“. Penh war eine alte Frau, auf die eine Stadtgründungslegende zurückgeht. Sie hat wohl einen künstlichen Hügel angelegt, long long time ago, um Statuen für Buddha hervorzuheben und in besonderer Weise zu ehren. Tatsächlich gibt es noch heute künstlich angelegte Hügel, auf denen Buddha in Form kleiner Tempel geehrt wird und die mit unterschiedlichen Pflanzen des Regenwaldes begrünt wurden. Einer davon befindet sich im Royal Palace. Phnom Penh ist die Hauptstadt Kambodschas, rund 3 Millionen Menschen leben laut Localguide hier, das Land als solches hat knapp 16 Millionen – man halte kurz fest: HCMC an sich hat 14-15 Millionen Einwohner ;-)!
Das Durchschnittsalter der Bevölkerung Kambodschas liegt bei knapp 25 Jahren! Laut unterschiedlicher Quellen beläuft sich das in Deutschland derzeit auf ca. 45 Jahre. Dass dieses Land so jung ist, hat tragische Gründe der jüngeren Geschichte, die mir bis dato in diesem Ausmaß nicht bekannt waren. Heute dann hat es mich ganz schön eingeholt, als wir eines der „killing fields“ und das Genozidmuseum Phnom Penh besichtigt haben. Zwei Namen immer wieder: Pol Pot und die Roten Khmer, die zwischen 1975 und 1979 ein Schreckensregime diktatorischer Art unter kommunistischem Deckmantel führten. Wie viele Menschen in dieser Zeit tatsächlich starben, weiß niemand. Viele wurden verschleppt, gequält, getötet, … bis heute sind unzählige Menschen vermisst und noch immer stehen Häuser in allen Teilen des Landes leer und warten auf die Rückkehr ihrer Besitzer oder Nachfahren. Geschätzt, und diese Zahl habe ich heute einige Male gehört, starben zwischen drei und vier Millionen Menschen (die Bevölkerungszahl 1975 belief sich auf rund 9 Millionen Menschen). An dieser Stelle will ich keineswegs versuchen, Geschichte zu erklären, davon habe ich keinen Dunst, nur ein paar Eindrücke, die mir hängen geblieben sind: Aufgerieben zwischen den unterschiedlichen Besatzungsmächten in dieser Region und ehemals Indochina, strategisch günstig für den geführten Krieg in Vietnam, gelang es dem König Kambodschas nicht, das Land neutral zu halten. So kam es zu einem Bürgerkrieg im Land zwischen den königlichen Truppen und Teilen der Kommunistischen Partei Kampuchea & der Vereinigten Nationalfront. Am Ende eines grausamen Krieges rief die Kommunistische Partei des Landes das „Demokratische Kampuchea“ aus, die letztendlich aufgrund ihrer Truppenstärke die Oberhand hatte. Scheinbar bejubelten dies auch große Teile der Bevölkerung und erhofften sich Frieden im Land und eine neue wachsende Wirtschaft, Bildung und Sicherheit, wie sie vor dem Krieg für so viele zu genießen war. Doch es kam anders. Pol Pots Idee eines Agrarkommunismus und seine unglaublich riesige Paranoia (letztendlich ließ er auch einige seiner engsten Vertrauten und Freunde hinrichten) zwang die Bevölkerung in Lebensumstände, die kaum vorstellbar sind. Als ersten Schritt ließ er Phnom Penh räumen. Innerhalb von drei Tagen mussten alle Einwohner die Stadt verlassen, keiner wusste wohin. Eine Lüge ließ sie gehen: Pol Pot ließ verkünden, dass die amerikanischen Truppen von Vietnam aus die Stadt zerbomben würden und alle binnen 72 Stunden in Sicherheit gebracht werden mussten. Danach könnten sie, sodenn noch etwas „übrig geblieben wäre“ in ihre Häuser und Wohnungen zurrückkehren. Dass kaum jemand wiederkehren würde, ahnte damals niemand. Die Ströme der städtischen Bevölkerung wurden aufs Land gezwungen, um dort unter miserablen Umständen, Reis anzubauen. Die Menschen, die zu schwach waren, zu laufen, wurden erschossen. Die Menschen, die Pol Pot zu kapitalistisch waren, wurden ermordet. Die Menschen, die kritisch fragten, wohin es ginge, wurden umgebracht. Die Menschen, die weinten, auch. … über vier Jahre galt es still zu sein, keine Fragen zu stellen, keine Träne zu zeigen, zu zittern, zu bangen, sich zu verstecken, seinen Namen zu ändern,… „Die Organisation“ hörte alles, wusste alles, kannte keine Gnade. Wer fragte, wer weinte, wer nicht arbeitete, wer lesen konnte, wer eine Fremdsprache sprach… war „der Feind“. Und der wurde vernichtet. Und nicht nur er, sondern auch seine Familie, bis zum kleinsten Baby, denn „wenn man Gras vernichten will, muss man es nicht nur abschneiden, sondern mit der Wurzeln ausreißen“ – so hieß es im Museum des Killing Field (das größte bisher bekannte) Choeung Ek. Dort gab es 86 Massengräber von Khmer, Chinesen, Frauen und Kindern, muslimischer Cham, Touristen aus dem Ausland… Geschätzt 20.000 Tote. Bis heute sind nicht alle Leichen geborgen (an dieser Stelle muss ich leider anmerken, dass ich die „Erinnerungskultur“ dahingehend nicht nachvollziehen konnte, als dass die Besucher dieses Ortes auf Holzblanken über die geöffneten Gräber und auch über nicht geborgene Gräber laufen; und doch wahrscheinlich auch etwas, was Zeit braucht, denn die Gräuel liegen ja erst knapp 40 Jahre zurück). Inmitten des Killing Fields steht ein Turm, eines Tempels gleich, voller Knochen und Schädel. Befremdlich.
Dyka ist unser neuer Tourguide. Er erzählt auf dem Weg zurück: Eines Tages kamen Soldaten zum Haus seiner Eltern und verhafteten Vater und Mutter, Onkel und Tante und den Großvater. Ihn, seine Geschwister und seine Großmutter nahmen sie an diesem Tag nicht mit. Was mit den Verhafteten geschah, wweiß er bis heute nicht. Seine Großmutter nahm umgehend die Kinder, packte notdürftig ein paar Dinge und ab dann liefen sie und versteckten sich. Jeden Tag in Angst, sie könnten gefunden werden. Jeden Tag die Ungewissheit, zu verhungern, aufzufliegen… Die Großmutter hat es geschafft, alle vier Kinder bis Kriegsende zu beschützen. Ein Wahnsinn. Den Besitz und das Haus seiner Eltern haben sie versucht, 1984 zurückzubekommen. Zu dieser Zeit (bis 1989) war das Land jedoch unter vietnamesischer Besatzung und der Grund einer vietnamesischen Familie überschrieben worden. Das Haus steht noch heute, sagt er den Tränen nahe. Seine Familie lebt nunmehr in Siem Reap.
Heute ist Kambodscha eine parlamentarische Wahlmonarchie. Der König kehrte aus dem Exil zurück, 2012 verstarb er und nunmehr regiert sein ältester Sohn, 66 Jahre alt, Single. Es sind wohl jedoch eher repräsentative Funktionen, die er inne hat. Mehr kann ich an dieser Stelle dazu nicht schreiben; vorsichtig sollte man sein im Fragen stellen – vielleicht von Bali aus dann mehr dazu.
Ich bin froh, dass es heute nachmittag noch etwas anderes gab: den Besuch des Royal Palace. Ein kleiner „Ausgleich“ zu allem Grausamen des restlichen Tages. Obgleich auch der Guide dort von seiner Familie erzählte und wieviele umgebracht wurden… Es bleibt die Ahnung, dass jede kambodschanische Familie solche „Geschichten“ erzählen wird. Horrible.
























