August 27th – Leipzig

Ich könnte doch… Englisch üben, Tagebuch schreiben, den Abwasch machen, die Fenster putzen, mich um ein neues Telefon kümmern, den Garten gießen, jemanden anrufen, die unzähligen Nachrichten im Posteingang von whatsapp beantworten, ein Bild malen, einen Film schauen, mein Auto aufräumen, die Post beantworten, Vodafone anrufen… ich könnte all das und noch viel mehr und doch: es fehlt an freier Muse. Also schnappte ich mir vor wenigen Augenzwinkern meinen Rechner, klappte ihn auf und entschied: ich schreibe etwas in den Blog. Nur was? Ja ja, ich weiß, dass ihr vielleicht gewartet habt; vielleicht habt ihr gewartet auf DIE Nachricht von mir, die euch erzählt oder erklärt oder eröffnet, was nun aus der Weltreisenden wird. Und ja, auch richtig: ich bin selten um Worte verlegen, habe meist was zu erzählen, doch: mir fehlt die Muse.

Was für mich Muse ist? Freiheit im Kopf und Herz, zu träumen, zu denken, zu sabbeln und zu sortieren, gedanklich spazieren zu gehen, kreativ zu stapeln und umzuwerfen, aufzubauen, neu zu schlichten und zu kombinieren als wäre ich Kandinsky oder Magritte mit einer Tastatur. Manchmal merke ich, wie mich die Muse „küsst“, wie mein Herz Purzelbäume schlägt und meine Finger über die Tastatur fliegen, wie meine Gedanken sich selbst überholen und ich staunend neben mir stehe. Dann ist die Muse ganz nah. Als ich in Neuseeland war genügte mir das Rauschen des Meeres, das Singen der Vögel, der kitzelnde Sonnenstrahl in meinem Cappuccino und ich die schlichte Einfachheit, um mich frei zu fühlen, um die Muse zu spüren. Zurück in Deutschland ist das anders. Und vielleicht erzähle ich euch schlichtweg davon.

Seit gut zwei Wochen habe ich wieder etwas wie alltägliches Leben: täglich wackle ich in die Leipziger Innenstadt und besuche eine Sprachschule. Das Ziel: mein Englisch auf das Level C1 advanced pauken und Mitte September dann die finale Prüfung im Cambridge-Examen ablegen. Hoffentlich erfolgreich – crossed fingers! Zwischen 5 bis 8 Schulstunden am Tag bringen mir abwechselnd zwei Muttersprachler die für mich immer noch fremde Sprache nahe: wir üben „reading & using“, „listening“, „writing“ und ganz besonders… tatata: Grammatik! Besonders in Letzterem haben sich Fehler über die Jahre eingeschlichen und nun habe ich noch knapp zwei Wochen, um meine Hirnströme dahingehend umzuprogrammieren. Superchallenge! Im Großen und Ganzen ist der Unterricht super, die Aussichten auf Erfolg im Examen sind Tagesformabhängig und doch fühlt es sich supergut an, daran zu denken, dass ich ggf in wenigen Monden einen Nachweis in den Händen halte, der mich berechtigt, für englischsprachige Unternehmen zu arbeiten. Denn – ihr habt es wahrscheinlich geahnt – den Kurs mache ich ja nicht ganz ohne Hintergedanken. Das Ziel ist es, für eine Weile nach Neuseeland zurückzugehen.

Neben dem Englischkurs habe ich mich um verschiedene Dinge gekümmert, die einfach erledigt werden müssen, wenn man wieder eine Weile ins Ausland möchte: Haushalt verkleinern, langfristige Verbindlichkeiten auflösen, Dokumente übersetzen, ärztliche Atteste einholen, den internationalen Führerschein auffrischen und und und.

Lach – manche von euch sehe ich gerade die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Nein, ich will nicht auswandern! Ich möchte nur sehr gern von der Muse geküsst eine Weile in Neuseeland atmen, will mein Herz schlagen hören und meine Finger über die Tasten fliegen lassen.

Zurück in Deutschland zu sein, bedeutete für mich in den vergangenen Wochen, in ein System zurückzukommen, das seinen Weg läuft. Von außen betrachtet: ein System, in dem ich gut leben konnte, aktuell aber meinen Weg nicht finde. Besonders heute fühle ich mich als würde ich an einer Wegkreuzung stehen mit einer überflutenden Anzahl von Möglichkeiten. 10000000 Möglichkeiten und doch? Den von mir gewünschten Weg, für eine kleine Weile nach Neuseeland zurückzugehen, kann ich nicht einschlagen, denn noch immer sind die Grenzen Neuseelands dicht. Aktuell wird sogar davon gesprochen, vor dem Sommer 2021 nicht mehr zu öffnen. Und das bedeutet für mich: einen anderen Weg in Deutschland einschlagen, über den ich mir bisher keine Gedanken gemacht habe. Man könnte jetzt sagen, das sei naiv. Man könnte auch meinen, dass das so untypisch für mich ist, keinen Plan zu haben. Und ja, vielleicht war ich einmal planvoller, vielleicht gab es aber auch in meinem Leben bisher wenig Chancen, andere Wege einzuschlagen? Gefühlt stehe ich täglich neu vor 10000000 Möglichkeiten und dabei geht es nicht nur um die Frage, welche der Tomaten ich im Supermarkt kaufen sollte. Für mich ist es eine andere Frage: machen mich die Möglichkeiten freier? Und aktuell habe ich den Eindruck, so ganz persönlich, dass mich die Möglichkeiten lähmen, mir manchmal die Luft rauben und das Herz rasen lassen. Gefühlt haben all die Möglichkeiten, den Druck in mir steigen lassen. Und so kreise ich um mich, denke „ich könnte doch mal…“, fühle mich wie ein Panther im Käfig. Manchmal ertappe ich mich, wie ich auf mein Handy starre, auf Nachrichten warte, wie ich Netflix und Co öffne und hoffe, dass sie mir was vorschlagen, auf das ich gewartet habe, ertappe mich, wie ich Facebook durchscrolle und doch nicht denke, ertappe mich wie ich warte und warte und kreise und kreise. Dann trinke ich Kaffee, atme, lausche in mich, rauche eine zu viel, starre wieder aufs Handy, trinke noch nen Fencheltee.

Ich richte mich auf, straffe die Schultern, fühle mich dankbar, dass ich gesund bin, dass ich liebe Weggfährten habe, die mein Zögern aushalten, meinen Kopf gerade rücken und mein Herz verstehen. Und: die meinen Blog lesen, auch wenn er seltsam melancholisch daherkommt. Bis bald, ihr Lieben!