June 29th – Rolleston
Schon seit einigen Tagen muss ich das Bett hüten. Die Symptome deuteten alle auf eine fette Erkältung – was in den winterlichen Gegebenheiten nicht unbedingt verwunderlich ist. Für viele von euch mag das seltsam anmuten, denn ihr tummelt euch im Badesee, Sonnebadet, plant Sommerausflüge und ein wenig Ferienzeit. Neuseeland ist im Winter und da laufen die Nasen, da husten die Menschen, wäre auch alles im nicht Verwunderlichen Bereich, wenn da nicht: Corona zurück wäre.
Schon seit einigen Tagen ist Neuseeland nicht mehr Corona frei. Zwar sind die Fallzahlen verschwindend gering, aber es gibt welche. Bei den Menschen löst dies eine neue Welle von Verunsicherung und auch Angst aus.
Da es mir gestern den fünften Tag in Folge schlechter ging und meine Augenpartie und auch mein Hals vermehrt anschwellten, gab es keine andere Chance, als einen Arzt aufzusuchen. Da das in diesen verrückten Zeiten aber nicht so leicht ist, war ich unglaublich dankbar und bin es noch immer, dass mich Maria und Malcolm so großartig unterstützen. Nachdem beide vom morgendlichen Gottesdienst heimgekehrt waren, hängte sich Maria ans Telefon. Denn: mit Coronasymptomen kann man nicht so einfach in eine Arztpraxis spazieren; vorab gilt es einen telefonischen Marathon zu meistern. Sie schlug sich tapfer! Und oh weh: die Frau am anderen Ende wollte aber auch alles wissen. Gut 45 Minuten dauerte das Telefonat, bis Maria auflegte und sinngemäß meinte: „Ich habe diese Klinik angerufen, um zu erfahren, wohin wir fahren können. Sie haben mich an diese Frau weitergeleitet, mit der ich jetzt gesprochen habe, um am Ende wieder an diese Klinik verwiesen zu werden…“ Letztendlich fuhren wir gegen eins los. Maria schnappte sich noch schnell ein Mittagessen to go, ich einen Schluck Tee und die Packung Taschentücher und freilich auch alle Unterlagen, die möglicherweise wichtig sein könnten und ab ging die Post nach Riccarton. Auf dem Parkplatz der Klinik angekommen, musste Maria erneut anrufen, denn es war uns nicht gestattet, den Wagen zu verlassen. Nach weiteren Erklärungen hieß es: drei Mal links um die Ecke fahren, da ist ein Sonderparkplatz, da wird dann getestet und dann geht es zum Arzt. 14.16 Uhr erreichten wir den Parkplatz, 14.22 Uhr bekam ich einen Coronatest verpasst. Dass ein solcher Test hier kein Sonntagsspaziergang ist, wurde mir spätestens an dem Punkt deutlich, als ich das Gefühl hatte, dass das 20cm lange Teststäbchen, welches durch die Nase eingeführt wurde, Bereiche meines Gehirns durchstochen hatte. Die Tränen trieb es mir in die Augen. Danach hieß es warten: ca. eineinhalb Stunden saßen Maria und ich im Auto auf dem Parkplatz. Es war kalt. Es regnete in Strömen. Zum Glück sind wir mit Elefantenblasen gesegnet gewesen, denn es gab keine Toilette und es war auch nicht deutlich, wie lange wir warten müssten. An diesem Punkt war dann irgendwie deutlich: wer hier wartet und noch nicht krank ist, der hat gute Chancen nach einer langen Zeit in der Kälte mit Erkältungssymptomen nach Hause zu fahren. Ich hoffe und bete, dass Maria gesund bleibt! Kurz nach vier war es soweit: eine Ärztin in Ganzkörperschutzanzug erschien neben meinem Autofenster und signalisierte, dass ich jetzt in den Container zur Untersuchung kommen dürfe. Maria kam mit (ohne Übersetzung wäre ich gänzlich aufgeschmissen gewesen). Uns wurden halbherzig zwei orangene Stühle hingeschoben; die Ärztin frage in einem ultraspeed Englisch, warum ich da sei. Ich stammelte, welche Schmerzen und Symptome ich habe, bat um einen Abstrichtest des Rachens. Halbherzig hörte sie mich durch die Jacke hindurch ab, meinen Rachen schaute sie an ohne mich anzufassen geschweige denn eine Lampe oder ein Stäbchen zu nutzen (es war mehr so eine „Piemaldaumenschätzung“ aus 2m Entfernung), sie drückte ein wenig auf meinem Gesicht rum, nahm eine Rachenprobe, sprach in undeutlichstem schnellen Englisch aus ihrem Schutzanzug… Seit vier Monaten ist Englisch zu meiner meistbenutzten Sprache geworden und ich möchte behaupten, dass ich mittlerweile ziemlich gut im Verstehen und Sprechen bin. Das gestern: lost in translation. Ich fühlte mich nicht respektvoll behandelt; heute schreibe ich, dass sie halbherzig war, vielleicht war es auch pure Angst und Unsicherheit wegen Corona; zumindest war der Termin bei der Ärztin „fürn Arsch“. Am Mittwoch bekomme ich die Ergebnisse des Rachenabstrichs. Derzeit warte ich auf das Ergebnis des Coronatests. Bis dahin bin ich ein „suspect case“ und tauche in den Nachrichten seit gestern in der Spalte „mögliche Fälle“ auf. Bis ich das Ergebnis habe, werde ich hier im Haus bleiben müssen. Self-isolation nennt sich das ganz und dem fleißigen Leser des Blogs ist dieser Begriff von den anfänglichen Tagen in Neuseeland bekannt. Nachdem Maria meine Rechnung bezahlte (ich durfte ja nicht die Klinik betreten), fuhren wir zurück. Gegen fünf waren wir wieder in Rolleston, lachten und machten Späßchen. Und das ist es auch, was die beiden hier für mich zu meinen Engeln in Rolleston macht: fröhliches Gottvertrauen, wunderbarer Humor, liebender Optimismus, weite Herzen und viel Mut! Ich bin so froh und so unglaublich dankbar, dass sie mich in ihr Haus und ihre Herzen aufgenommen haben!
























