Diese Woche hörte ich in unserer Dienstberatung eine wundervolle, wortscharfe Andacht meiner Kollegin Claudia Krenzlin – tief beeindruckt, fragte ich sie, ob ich diese veröffentlichen dürfte. Und sie sagte JA 🙂 Und so freue ich mich, euch an diesem herrlichen Text teilhaben zu lassen:

Es gibt eine Erzählung von Kurt Tucholsky: er schildert eine ihm bekannte Dame, die eigentlich den ganzen Tag nichts macht, außer vor sich hinzudösen. Dennoch wird sie von vielen Bekannten und Verwandten aufgesucht, weil sie so gut zuhören kann. Wobei sie eigentlich gar nicht zuhört, sondern schläft. Aber – und diese Erfahrung macht ihr mit Sicherheit auch oft genug: Vielen Menschen geht es darum, möglichst viel und detailliert von sich selbst zu erzählen. Das Gegenüber hat lediglich die Funktion, ein Gegenüber zu sein. Diese Dame war also ein hervorragendes Gegenüber, denn sie ließ reden, reden, reden – von Krankheiten und Eheproblemen, von Inflation und Bankrott, von politischen und gesellschaftlichen Katastrophen – und schlief dabei. Wenn aber derjenige seinen Redeschwall beendete und sich zum Aufbruch rüstete, schrak sie hoch und sagte den einzigen wirklichen Satz ihres Lebens: „Ja, ja, irgendwas ist immer“ … Und da sie damit recht hatte, ging der Besucher und fand sich verstanden.

Ich muss so oft an diese Erzählung denken in unserer Krisenzeit. „Multiple Krisenzeit“, wie es sich noch dramatischer anhört. Und natürlich ist es keineswegs so, dass ich die Stelle der müden Dame der Geschichte einnehme. Nein, es geht mir nicht am Allerwertesten vorbei, was derzeit passiert mit dem Klima, mit dem Frieden, mit der Demokratie in der Welt und in unserem Land. Es geht nicht an mir vorbei, was mit der Kirche passiert und was in unseren Gemeinden passiert. Und es geht erst recht nicht an mir vorbei, was ich an Sorgen und Nöten von Nächsten und Übernächsten erzählt bekomme und welche Sorgen und Nöte mich selbst beschäftigen.

Irgendwas ist immer.

Mein Sohn, 34, Vater von zwei Kindern, sagte auch vor einiger Zeit zu mir, die jetzige Zeit sei schon recht katastrophal und besonders bedrohlich. Ich dachte dann nach und sagte: Ja, es scheint so. Klimaerwärmung, Ukrainekrieg, Krieg im Nahen Osten, eine große Fluchtbewegung, Narzissten an der Macht, Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Meine Nächte sind oft schlaflos.

Aber ich bin nun Ende 50, eine klitzekleine, nicht im Ansatz erwähnenswerte, Episode in der Weltgeschichte. Doch während dieser Spanne gab es den Vietnamkrieg und den Kalten Krieg, der immer am Rande des Atomkrieges entlangschlidderte, es gab das Ozonloch und die Umweltverschmutzung in der DDR, das Baumsterben und verseuchte Flüsse, den Bosnienkrieg, wo sich deutsche Flugzeuge ohne UNO-Mandat beteiligten, den Kuwait-Krieg, wo Ölfelder brannten, es gab den 11. September und Corona, es gab Krisen in der Bauwirtschaft, in der Immobilien- und in der Finanzwirtschaft, es gab eine Wende, die wirklich Vieles wendete und und und.

Irgendwas ist immer.

Das Gegenstück zu dieser Erzählung las ich bei William Somerset Maugham unter der Überschrift „Der Müßiggänger“. Sie wiederum handelte von einem jungen Mann, der sich bei einem Urlaub in die Insel Capri verliebt. Er gibt seinen hochdotierten Job auf und rechnet sich aus, dass er 25 Jahre von seinen Ersparnissen dort würde leben können – im wahrsten Sinne in den Tag hineinleben können. Danach wollte er Schluss machen. Abgesehen von der Gleichförmigkeit und dem Uninteressantsein des Lebens des Mannes, schreibt der Erzähler am Ende: „Wilsons Plan war gut. Er besaß nur einen Fehler, den Wilson nicht einkalkulieren konnte. Er hatte übersehen, dass durch 25 Jahre ungetrübten Seelenfriedens und vollkommenen Glücks im Windschatten des Schicksals seine Charakterstärke immer mehr aufgeweicht würde. Der Wille braucht Hindernisse, um sich zu stählen. Wenn er nie beansprucht wird, wenn alle Wünsche in Erfüllung gehen, weil sie sich im Rahmen des mühelos Erreichbaren halten, dann versagt der Wille den Dienst.“ Als die Ersparnisse von Wilson aufgebraucht waren, konnte er sich nicht aufraffen, Schluss zu machen und den Preis zu zahlen für die lange Zeit der heiteren Beschaulichkeit. Es fehlte im am Mut. So kippte sein Leben in eine Armseligkeit und Würdelosigkeit, ließ ihn dahinvegetieren in Abhängigkeit bis zum wirklichen Ende.

Die Moral von der Geschichte liegt auf der Hand und ist alles andere als neu. Aber ich glaube, dass wir sie uns immer mal wieder zu Gemüte führen müssen, um eben das Annehmen dessen, was gerade dran ist, nicht nur als Katastrophe oder Krise zu bewerten. Sondern schlicht als Aufgabe, die uns in unserer Zeit vor die Füße gelegt wird. Und eine Aufgabe, die wir nicht allein lösen müssen. Ja, wir tragen Verantwortung und dürfen uns nicht wegducken. Aber wir haben Menschen, die diese mit uns gemeinsam tragen. Und – und das vor allem – wir dürfen auch alles, was uns zu groß erscheint und uns die Luft abzudrücken droht, vor Gott bringen.

Im Matthäusevangelium ist viel Gegenwind auf der Überfahrt der Jünger über den See. Mitten in der Sturmnacht kommt Jesus den Jüngern auf dem Wasser entgegen. Unerwartet und auf eine Art, die unseren Verstand übersteigt. Sie hören seine vertraute Stimme: Habt Vertrauen, ich bin es, fürchtet euch nicht.“ Es gibt Rettung, die für uns unkalkulierbar ist, aber der wir vertrauen dürfen. Fürchtet euch nicht – es bleibt die Aufgabe Nummer eins, um mutig und zuversichtlich immer neue Kräfte aktivieren zu können für das, was uns vor die Füße gelegt wird. Denn – irgendwas ist immer.

Zwei Liedermachen singen eins meiner Lieblingslieder: Leben im Leben. Es fehlt dem Lied absolut die theologische Komponente, aber – irgendwas ist immer und wir können uns sicher sein, dass Gott zufügt, was uns fehlt. Und in diesem Lied ist einfach viel Schwung und – tänzelndes Schweben und das wünsche ich uns für heute und die kommende Zeit.