(Autor: Martin Staemmler-Michael)
Der 30. September 1989. Vor 37 Jahren. Es war mein 9. Semester. Homiletisches Seminar bei Jürgen Ziemer. Da wollten wir hin, weil wir durch ihn die Freiheit, im Umgang mit biblischen Texten entdeckten.
In der Prager Botschaft der Bundesrepublik sitzen und stehen Tausende Menschen. Bürgerinnen und Bürger der DDR. Sie haben ihre Wohnungen verlassen, ihre Arbeitsplätze, ihre Familien – und sind in die Botschaft geflohen. Sie wissen nicht, was geschehen wird. Aber sie wissen, was sie wollen: Freiheit.
Am Abend tritt Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Weiter kommt er nicht. Der Jubel der Menschen übertönt den Rest des Satzes. Ihre Ausreise ist möglich. Sie dürfen gehen. Eine Grenze, die ihr Leben bestimmt hat, öffnet sich.
Was für ein Moment. Menschen haben damals Freiheit gesucht. Sie haben etwas riskiert, weil ihnen Freiheit wichtiger war als Sicherheit.
Und heute? Sicherheit wichtiger als Freiheit? Geht das so einfach umzudrehen?
37 Jahre später leben wir in einem Land, in dem wir frei wählen können. Wir dürfen unsere Meinung sagen, demonstrieren, widersprechen, glauben oder nicht glauben. Wir dürfen unsere Regierungen kritisieren. Wir dürfen uns einmischen. Und gleichzeitig erleben wir, dass demokratiefeindliche und rechtsextreme Positionen immer mehr Zustimmung finden. Da liegt eine merkwürdige Spannung. Damals wollten Menschen Freiheit gewinnen. Heute müssen wir uns fragen, was wir mit der Freiheit anfangen, die wir längst haben. Wird die Freiheit wieder abgegeben? Schließen sich die Türen der Freiheit? Haben wir als Kirche den Fuß in Tür?
Oder stelle ich schlicht die Frage, die sich aus dem 30. September 1989 ergibt: Was tun wir mit unserer Freiheit? Du und ich?
Paulus schreibt im Brief an die Galater: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft bringen.“ Ich komme jetzt nicht so billig daher, dass der DDR-Sozialismus oder die gesichert rechtsextreme Partei das Joch der Knechtschaft seien. Christliche Freiheit bedeutet weit mehr als politische Freiheit. Sie bedeutet: Ich muss mich nicht von Angst beherrschen lassen. Nicht von Hass. Nicht vom Bedürfnis, einen Schuldigen zu finden. Nicht von der Versuchung, Menschen in „wir“ und „die anderen“ einzuteilen.
Und dann dieses andere Wort aus dem 2. Timotheusbrief: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Kraft. Liebe. Besonnenheit. Drei Begriffe die die Freiheit beleben zu der uns Christus befreit. Kraft, um den Mund aufzumachen, wenn Menschenwürde verletzt wird. Liebe, um auch den Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren, mit dessen Meinung wir überhaupt nicht einverstanden sind. Und Besonnenheit, damit wir nicht selbst in die Logik von Verachtung, Vereinfachung und Feindbildern geraten. Als Menschen im Verkündigungsdienst schreiben wir ja nicht den Leuten in den Gemeinden vor, welche Partei sie um der Freiheit willen besser nicht wählen sollten. Aber wir haben einen Auftrag, davon zu sprechen, was unverfügbar ist: die Würde jedes Menschen. Die Freiheit. Die Wahrheit. Die Nächstenliebe. Wir können daran erinnern, dass Freiheit nicht bedeutet, alles tun und sagen zu dürfen, was einem gerade nützt. Christliche Freiheit ist die Freiheit, für den anderen Verantwortung zu übernehmen.
Damals standen Menschen in Prag und wir auf dem Leipziger Ring vor verschlossenen Grenzen und liefen den Ring immer wieder, um der Freiheit willen, die ganz viele schon in sich trugen. Heute stehen die Türen offen.
Ich sehe uns auch als kleiner werdende Kirche – als Christen und Christinnen, an der Schwelle jener Türen, die zur Freiheit führen. Auch politisch aber auf der Grundlage von Gal. 5 und 2. Tim 1. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Das ist die Einladung klar zu bleiben – mit Kraft, mit Liebe und mit Besonnenheit.
Für die Menschen. Für die Freiheit. Für die Würde. Für das Leben.
























