Monat: Dezember 2024

Favorite character

Die Vorweihnachtszeit ist für mich auch eine Zeit des Wintersports- und Filmgenusses. Neben den geliebten Biathlonrennen laufen auf meinem Fernseher endlos schöne Wiederholungen, die mich nie müde machen, die ich in Großteilen mitsprechen kann, in denen ich immer noch mitfiebere und die mich ein Stück weit „umarmen“. Für mich am liebsten neben den beiden Trilogien „Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“: „Mister Magoriums Wunderladen“, „Harry Potter“ (freilich alle Teile) und „Die Tribute von Panem“. Manchmal lunzen die alten Star Wars-Filme durch, schwarz-weiße Filmklassiker von Agatha Christie oder auch die berühmten drei Haselnüsse. Doch am liebsten tauche ich noch immer in Mittelerde ab 🙂

In diesen geliebten Filmen habe ich immer auch wieder einen „Lieblingscharakter“. Eine Figur, die mich in ihren Bann zieht. Das kann an der Geschichte liegen oder einfach, dass der Schauspieler in meinen Augen die Rolle so gut ausfüllt. Bei „Harry Potter“ ist das beispielsweise Severus Snape für mich. Und in den „Tributen“ Peeta Mellark.

Vor vielen Jahren war die Vorweihnachtszeit für mich auch immer Probenzeit für Krippenspiele. Schon als kleine Knirpsin durfte ich entweder im Engelreigen mitlaufen oder mit meinen Blockflötenkünsten als Hirtenkind überzeugen. Später dann meist Verkündigungsengel, einmal auch Elisabeth, doch meistens „und siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird“.

Ich erinnere mich, dass ich als Jugendliche und junge Erwachsene EINE Rolle nicht haben wollte: Hirtin. Ich wollte nicht „bei den Hürden“ hocken, die Schafe weiden, mir den Hintern in der Nacht abfrieren und dann von den Engeln überrumpelt werden. In den meisten Krippenspielen waren das ziemlich trostlose, triste, ermattete Hirten-Rollen, die erst lange Mono- oder Dialoge über die Ungerechtigkeiten der Welt hielten, dann erleuchtet wurden und zum Stall loswackelten. Da gab es auch super selten Zweifler. Die meisten Hirtenrollen waren sauschnell überzeugt von den Engeln und rannten los zum Stall. Mit allem bepackt, was sie verschenken konnten. Alle Tristesse und Trostlosigkeit schien vergessen oder verdrängt. Die meisten sagten dann auch an der Krippe nix mehr, knieten nieder. Vorhang fiel.

Erst Jahre später, als ich schon nicht mehr in Krippenspielen mitspielte oder sie anleitete, tauchten die Hirten wieder in meinem Weihnachtsbild auf. Und dieses Mal blieben sie.

Ich kann nicht sagen, wann sich das konkret veränderte, doch sie wurden mir die Nahbarsten aller Figuren der Weihnachtsgeschichte. Meine „Lieblingsfiguren“. Wie sie da hocken, zappenduster ist es um sie und in ihnen, voller Schiss, dass eines der Schafe verloren geht, die ihnen nicht mal selbst gehören. Ein Knochenjob, auf den wolligen Besitz anderer aufzupassen. Glück, wenn es eine trockene Nacht blieb und das Feuer hielt und sich kein Fies-Troll anschlich, um zu stehlen oder ein Schaf zu reißen.

Für mich müssen sie heute keine Mono- oder Dialoge mehr halten. Ich fühle ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach fairem, bezahlbaren Leben, nach Wärme. Ich fühle ihre Unsicherheit und Angst. Ich fühle ihr Sehnen nach mehr, nach Licht, nach Ankommen und Sein-dürfen. Es fällt mir leicht, mich neben sie zu hocken und in das Feuer zu glotzen und die Gedanken mit ihnen kreisen zu lassen… und kein Ende in Sicht.

Und dann dieser Engel. Oder auch mehrere. Völlig egal. Da taucht Licht am Ende des Tunnels auf. Da gibt es die Zusage „Ihr müsst euch nicht mehr fürchten“. Da gibt es das himmlische Versprechen auf Ankommen und Sein-dürfen. Da eröffnet sich eine neue Perspektive in dieser bitterkalten Tristesse.

Und da fühle ich auf einmal auch Verständnis für das Loswackeln der Hirten und ich staune über ihren Mut.

Manchmal frage ich mich: wäre ich losgewackelt mit allem, was ich zu verschenken habe? Hätte ich das gewagt? Wäre ich das Risiko eingegangen? Hätte ich die „sichere Bank des Schafehütens“ verlassen? Wäre ich aus dem Dreck, den ich kenne, aufgestanden? Immerhin hätte ich doch gewusst, woran ich bin, wenn ich bei den Schafen hocken bleibe. Freilich wäre es nicht schön gewesen, zu bleiben, aber doch gewohnt. Da weiß ich, was ich hab.

Und dann auf der anderen Seite dieser Mut. Die Tristesse hinter sich zu lassen, aus dem bitterkalten Dunkel aufzustehen, alles zu packen und loszugehen. Obwohl ich überhaupt nicht weiß, wie das sein wird. Und auch den Weg nicht so richtig kenne, erst recht nicht das Ziel. Ob das stimmt, was versprochen wurde. Ob ich wirklich ankommen darf und sein… Und dann die Zweifel auf dem Weg: hab ich mich nicht getäuscht? War da wirklich dieses Licht am Ende des Tunnels? Oder war es nur ein Traum, ein Wunsch? Schritt für Schritt weitergehen, zögern, vielleicht stehen bleiben, grübeln, das Risiko bedenken, das erfüllte Herz fühlen. Nächster Schritt.

Und dann ankommen, sein-dürfen, überwältigt sein. Bewegt, dankbar, neu erfüllt. „Fürchtet euch nicht, denn ich habe eine Botschaft, die alle mit großer Freude erfüllen wird“, sagt der Engel zu den Hirten. „Fürchtet euch nicht! Denn siehe ich verkündige euch große Freude, die dem ganzen Volk widerfahren soll.“

Damit löst sich die missliche Lage der Hirten nicht auf, sie müssen trotzdem irgendwann zurück zu der Herde, zum wolligen Besitz der anderen, auf das bitterkalte Feld. In dieser Nacht gab es für sie keinen großen Paukenschlag, der die Weltpolitik verändert und die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft weggefegt hätte. Auch wenn das vielleicht in einem Hollywood-Blockbuster so erzählt worden wäre.

Was die meisten Krippenspiele nicht mehr erzählen: nach dem Ankommen im Stall und dem Verweilen im Stroh ging es mit hoher Wahrscheinlichkeit zurück. Doch stelle ich mir die Schritte der Hirten leichter vor, die Herzen erfüllter. Mit einer Hoffnung, die sie vorher nicht hatten und einem Licht in sich – in diesem Zappenduster des Hirtenseins.

Und da hocke ich mich wieder zu ihnen. Glotze mit ihnen wieder ins Feuer. Lasse die Gedanken kreisen und fühle mit den Hirten diese neue, wunderlichte Weihnachts-Hoffnung im Herzen.

Und wenn du magst: da ist ein Platz für dich am Feuer 🙂 !

Change-Management

Während ich den Titel dieses Beitrages tippe, sehe ich direkt das Gesicht meiner Omi vor mir. Wie sie leicht die Nase rümpft und über den „nei-mudschen Rotz“ den Kopf schüttelt. Vielleicht hätte sie auch bedauert, dass die deutsche Sprache immer wieder mit englischen Begriffen „angereichert“, „aufgepimpt“, „neu-modischer“ gemacht wird. Und an der Stelle wäre ich ihr wahrscheinlich zustimmend zur Seite gesprungen.

Mein inneres Bild wechselt von der Küche meiner Omi in die Schule nach Borna. Ich sehe meine Religionsklassen vor mir sitzen, die sich immer wieder mit den dunkelgrünen, „alten“ Luther-Bibeln rumärgern. Nun, das müssen sie auch, weil ich es ganz oft liebe, mit ihnen in diese sprachlichen Herausforderungen einzutauchen. Zu fragen, was diese altbekannten und oft ungewohnten Worte bedeuten könnte. Zu entdecken, welche Tiefe hinter ihnen stecken kann, welche Bilder sie eröffnen. Und wenn wir gar nicht weiterkommen und mich 28 fragende Augenpaare anstarren, dann „zaubere“ ich auch gern die Volx-Bibeln aus dem Schrank. Da herrscht dann erst großes Aufatmen, denn die Sprache scheint leichter zu greifen. Doch sehr oft wird der Text mit seinen Ebenen trotzdem nicht einfacher… doch das ist eine andere Geschichte.

Nochmals wechselt mein Bild zu einem Gespräch mit einer Freundin vor ein paar Tagen. Sie stellt mir unvermittelt eine Frage: „Welche Überschrift würde dein Jahr 2024 haben?“ Binnen Sekundenbruchteilen rasen innere Bilder durch mein Gehirn. Ein unzensierter Jahresrückblick… und dann bleibe ich hängen… Veränderungen in diesem Jahr. Es fühlt sich an als hätte sich alles und nichts verändert.

Menschen haben sich verabschiedet, andere habe ich bewusst ziehen lassen, neue sind aufgetaucht. Manche Dinge habe ich verloren, anderes bewusst verabschiedet, vieles ungeplant (wieder-)gefunden, anderes neu gekauft. Das Studium begann, eine Sportgruppe tauchte auf, zum Jahresende verabschiede ich mich aus dem Verlag.

Ich sehe mich im Renovierungschaos meiner Wohnung, im Kabarett, im Garten, im Büro, in Beratungssituationen, im Therapiesessel, im Wartezimmer der Augenärztin, im Camper auf der neuseeländischen Südinsel, im Flieger, im Auto, auf dem Rad, im und am See, im Wald, im Schnee. Sehe mich weinend, lachend, verzweifelt, taub, laut, leise, frei, entspannt. Sehe mich mit nackten Füßen und Sand in den Schuh’n, in nächtlichem Frost und lähmender Sommerhitze… und sehe durch die Frage nach der „Jahresüberschrift“ auch in jedem dieser Bilder „Veränderung“.

Und freilich werden so manche jetzt nickend und weise denken: so ist das Leben, anhaltende Veränderung. An der Stelle stimme ich auch zu und doch sind manche Jahre im Rückblick für mich stabiler als andere. Dieses Jahr war für mich sehr oft eine wirbelnde Veränderung und die Herausforderung, damit gelungen umzugehen. Gut aus den Veränderungen zu gehen, die ich hinnehmen musste. Den Kopf oben zu halten, zu fallen, aufzustehen und weiterzugehen. Und manch englisch angehauchter Mensch spräche dabei vielleicht von „Change-Management“. In meinem Kontext: die Kunst, mit Veränderungen umzugehen. Und das durfte und konnte ich in diesem Jahr üben.

Dazu gehört für mich auch, manches bewusst in meinem Leben „willkommen zu heißen“ und manches bewusst zu verabschieden. Zu Letzterem eben auch meine Entscheidung, nach mehr als 12 Jahren den Verlag „Phonus“ zu verlassen. Ich gehe mit innerem Frieden, mit großem Stolz auf all das, was wir gemeinsam in diesen Jahren geschafft haben, mit tiefer Dankbarkeit für alle Freundschaft unter uns, für alles Vertrauen, für manchen Zoff, für all das was ich lernen konnte. Tiefe Dankbarkeit für Begegnungen, Veranstaltungen, für alles gemeinsame Werkeln und Lachen… und auch jetzt – im Moment des Schreibens – blitzen mir tausendundein Bild durch den Kopf… So gehe ich mit einem weinenden Auge aber auch mit einem Lachen im Gesicht. Meine „Kunst“, mit Veränderungen umzugehen 🙂

Besonders stolz bin ich an dieser Stelle auf mein Buch. Manches Mal, wenn ich es in Händen halte, kann ich kaum glauben, dass ich das geschrieben habe 🙂 Wer es von euch noch nicht hat oder mal stöbern will, welch herrliche Sachen wir im Verlag noch gemacht haben, dem sei dieser Link ans Herz gelegt:

https://www.phonus-verlag.de/

Und wer direkt einen Bestellwunsch hat, der am besten noch vor Weihnachten da sein soll, kann mir gern über die Kommentarfunktion dieser Seite schreiben.

Ich wünsche dir einen adventlich-lichterfrohen Abend! Und ach, eh ich es vergesse: „Wie lautet deine Jahresüberschrift 2024?“

Eine Geschichte für dich

Wie jedes Jahr sollte auch in diesem Jahr die sechste Klasse des weihnachtliche Krippenspiel aufführen. Lehrer Larssen begann schon Mitte November mit den Vorbereitungen und Besetzungen der verschiedenen Rollen. Thomas sollte den Josef spielen und Tina die Maria. Die Rolle des Wirtes der Herberge wollte niemand spielen. Da hatte Thomas den rettenden Einfall: sein kleiner Bruder Tim könnte die Rolle übernehmen. Tim wollte auch gern den Wirt spielen. Er müsse nur lernen, im richtigen Augenblick zu sagen, dass in der Herberge kein Zimmer frei sei. So bekam Tim eine Schürze und eine blaue Mütze und die Proben konnten beginnen.

Am Tag der Krippenspielaufführung war in der Schule Hektik und Festtagsstimmung. Die Vorstellung begann: Josef und Maria betraten die Bühne, schleppten sich zur Herberge und klopften. Die Fensterläden gingen auf und Tim schaute unter seiner großen blauen Wirtsmütze heraus. „Habt ihr ein Zimmer frei?“, fragte Josef mit müder Stimme.

„Ja, gerne“, sagte Tim freundlich.

Schweigen im Saal. Und auf der Bühne. Josef und Maria blickten hilflos.

„Ich glaube, sie lügen“, meinte Josef. Aber die Antwort aus der Herberge war: „Nein!“

Hinter der Bühne herrschte große Aufregung. Die anderen Schauspieler waren richtig sauer, aber Tim erklärte dem Lehrer, dass Josef eine so traurige Stimme gehabt habe, da hätte er doch nicht einfach „nein“ sagen können. Zuhause hätten sie auch immer Platz, notfalls auf der Luftmatratze. Herr Larssen versuchte Tim zu erklären, dass die Geschichte genauso gespielt werden müsse, wie sie aufgeschrieben sei und Tim versprach, bei der nächsten Aufführung ein richtig böser Wirt zu sein.

Die zweite Aufführung fand im Gemeindehaus statt. Und alle waren noch aufgeregter. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Das heilige Paar erschien auf der Bühne und wanderte zögerlich auf die Herberge zu. Josef klopfte an die Läden. Alles blieb still. Josef klopfte erneut, Maria fing an zu schluchzen. Schließlich rief Josef laut: „Hier ist wohl kein Zimmer mehr frei?“

In die Stille, in der man eine Nadel hätte fallen hören können, ertönte ein ganz leises: „Doch!“

Für die dritte und letzte Aufführung wurde Tim seiner Rolle als böser Wirt enthoben. Er bekam Flügel und wurde zu den Engeln versetzt. Dort war sein „Hallelujah“ unüberhörbar und es bestand kein Zweifel mehr daran, dass er nun auf dem richtigen Platz war.

(„Der Andere Advent“, Verlag „Andere Zeiten“)

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