June, 6th – Thornby (Riverton)
Der erste Samstag im Juni. Vermutlich ist es ein warmer Sommertag in Leipzig, vielleicht sitzt ihr im Garten oder im Park, habt eine kleine Radtour gemacht oder trefft euch im Biergarten. Wenn ich mich richtig erinnere, wäre es unter „normalen“ Umständen auch ein Samstag mit Pferderennen und Trödelmärkten. Wobei die großen Märkte auf der Agra immer am Monatsende sind oder? Doch vermutlich findet das in diesem Jahr alles gar nicht statt…
Ja, das Trödelmarktvergnügen ist etwas, dass die Neuseeländer nicht teilen. Schlicht aus dem Grund, dass es keine Trödelmärkte auf dem Großteil der Insel gibt. Vereinzelt blitzen Antiqitätenläden in den Straßenzeilen, aber dazu braucht es schon eine Ansiedlung mit mehr als 1000 Menschen ;-).
Da könnte man sich nun fragen, was mit all dem schönen Trödel auf dieser Insel passiert und eine megahübsche „Lösung“ habe ich heute in Invercargill besucht: Demolition world. Die Idee dahinter: nichts ist nicht mehr brauchbar, alles kann einen Platz haben, vielleicht auch einen ungewöhnlichen Platz und einen anderen Zweck. So entstand aus Weggeworfenem ein komplettes Dorf voller kleiner Häuschen mit lokaler Geschichte; so bezaubernd! Und weil Bilder oft mehr sagen, als Worte, kommen an dieser Stelle gleich mal ein paar Impressionen:
Invercargill mag nicht viel zu bieten haben, erst recht nicht, seitdem ein Erdbeben das Gebäude des hiesigen Kunstmuseums so doll beschädigt hat, dass es nicht mehr besucht werden kann, aber Demolition world ist absolut wert, hier anzuhalten! Hihi, jetzt klinge ich schon wie ein Reiseführer 🙂
Mein Camper Bessie und ich haben uns dann nach Bluff bemüht. Neben Invercargill eine der Städte, die nicht zwingend auf der neuseeländischen touristischen Route liegen, es sei denn, man befindet sich auf dem Weg nach Stewart Island. Die Region als solche lebte lange von Wal- und Robbenfang, heute vermehrt von Landwirtschaft, Fischerei und Aluminiumschmelzerei. Bluff ist darüber hinaus bekannt für seine Austern. Im Mai fand zur Feier der Auster sogar ein Festival statt – in diesem Jahr auch. Über Bluff möchte ich an dieser Stelle meine Neuseelandlektüre bemühen, die es auf den Punkt bringt: „Früher als an anderen Stellen Neuseelands, gingen die ersten Europäer bereits 1813 in Bluff an Land: Eine Expedition aus Sydney sollte die Möglichkeiten prüfen, mit den Maori Flachs zu handeln. Der erste Siedler, James Spencer, ließ sich zehn Jahre später nieder und gründete eine der ersten europäischen Siedlungen in Neuseeland – die erste, die langfristig bestehen blieb.“ Vielleicht ergänzend dazu an dieser Stelle auch noch den Ausschnitt über Riverton, der Stadt, in der ich mich seit Donnerstag aufhalte: „Die Siedlung wurde bereits 1790 von Walfängern genutzt. 1836 wurde Riverton dann offiziell von John Howell gegründet, womit es zu den ältesten Orten Neuseelands gehört. Howell soll außerdem den Grundstein für die erfolgreiche Schafzucht in Neuseeland gelegt haben…. Das „neue Neuseeland“ entwickelte sich schnell, aber für die Maori war hierin kein Platz mehr.“ (aus: Reiseknowhow Neuseeland, 1. Auflage 2017/2018)
Das Gefühl, dass auf der Südinsel wenig Platz für Mardy (Maoripeople) ist, beschleicht mich schon länger. So lange habe ich keine der schönen Holzschnitzereien mehr gesehen, keine Versammlungshallen, keine heiligen Stätten. In den vereinzelte Gesprächen, die ich auf der Südinsel geführt habe, klang leider immer wieder durch, dass Neuseeland und Mardy nicht eins sind, dass Neuseeland mehr ist, dass Mardy nicht zu Neuseeland gehören,… dass Mardy Menschen anderer Klasse sind, und da habe ich noch die Frau in Franz Josef im Ohr, die mich eindringlich gewarnt hat, vor DENEN, DIE sind doch nicht Commonwealth, DIE sind kriminell, DIE rauben und überfallen die Menschen, auf keinen Fall sollte ich mich als Frau DENEN nähern. Dieser rassistische Ton zieht sich durch die Gespräche der letzten Tage, taucht immer wieder auf, hält keiner Nachfrage und Anfrage stand, macht, dass ich mich sehr unwohl fühle. DIE Mardy die hier nicht hergehören sondern in den Norden der Nordinsel, DIE Asiaten die „unsere Häuser und unser Land kaufen“, DIE Touristen die den Einheimischen in Coronazeiten die Arbeit wegnehmen, DIE Australier die mit ihren Schafen die Wirtschaft schwächen… eine Litanei an Blabla, die in mir Überkeit und Wut hervorbringt. Ich will nicht generalisieren, bitte versteht mich da richtig. Es ist mein persönlicher, subjektiver Eindruck der vergangenen Wochen auf der Südinsel. Aber vielleicht ein Eindruck, den manche von euch teilen. Es macht mich traurig und stocksauer, dass Rassismus, ob eindeutig oder unterschwellig keine Grenzen kennt.
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Als ich mich auf Neuseeland eingestimmt habe, las ich die mich verzaubernden Legenden der Mardy und eine ganz bekannte handelt auch von Bluff. In Bluff kann man passend zu dieser Legende einen riesige Ankerkette am Strand sehen, die in Richtung Stewart Island reicht. Symbolisch sind die Südinsel und Stewart Island mit dieser Kette verbunden. Als der Halbgott Maui mit seinen Brüdern Fischen war, hat er Neuseeland aus dem Meer gezogen. Te Ika a Maui (Mauis Fisch) ist heute als die Nordinsel bekannt; Te Waka a Maui (Mauis Kanu) ist die Südinsel und Stewart Island ist Te Punga a Maui (Mauis Anker). Und deswegen ist die Ankerkette in Bluff an Land zu sehen =).
























