20. Februar 2026, 13.24 Uhr, Uniklinik Leipzig, Adipositassprechstunde, Wartebereich 3. Der große gelbe Stuhl ganz links ist es, auf dem ich wieder sitze. Mein Blick schweift wie immer erst über die anderen Wartenden, dann über die Zeitungen, dann über die Aushänge. Die Wartenden änderten sich jedes Mal, die Zeitungen auch. Die Aushänge wiederholen sich. Das zweite Jahr ist angebrochen, die letzten Untersuchungen stehen an. Heute sitze ich hier voller Hoffnung. Hoffnung auf geschaffte Veränderung, Verbesserung, Schritte vorwärts, Hoffnung auf Gesunden. Mein Körper und ich haben einiges durch in den letzten Jahren, besonders hier in diesem Haus. Blutabnahmen, Verhaltenstherapien, Arztgespräche, Biamessungen, Ernährungscoachings… So viele Male saß ich in diesem Wartebereich, dass beide Hände nicht reichen, um die Termine zu zählen. Und jedes Mal kam der Gedanke: darüber müsste ich mal schreiben.
Doch jedes Mal überkam mich die große Scham. Jedes Mal verdrängte ich die Gedanken, die aufs Papier wollten. Jedes Mal sagte ich mir, schreib darüber, wenn es vorwärts geht, wenn es besser wird, wenn die Hoffnung sich ausgezahlt hat. Dann kannst du die Freude mit dem Papier und den Lesenden teilen. Dann kannst du deinen Erfolg feiern und vielleicht dich auch an dieser Stelle mit dir selbst aussöhnen. Und wenn du das geschafft hast, dann kannst du auch mit deinen Texten Menschen Mut machen, dass sie das auch schaffen würden, dass es möglich wäre, dass sich die Hoffnung lohnt! Und ich nehme mir vor, dass ich das heute Abend tun werde: schreiben. Ganz gleich, was der Termin bringt! Ja, das werde ich machen! Ich schmunzle ein wenig bei dem Gedanken, meine letzte „Schreibgrenze“ zu brechen, über mein eigenes Tabu zu schreiben. Die Vorfreude in den Fingern kitzelt ein bisschen und ich bin mir sicher, dass die mutmachenden Worte heute nur so sprudeln werden. Denn zwei Jahre werden sich ausgezahlt haben. Es muss doch endlich Bewegung reinkommen! Ich lehne mich zurück, fühle das gelbe Kunstleders des Stuhls an meinem Rücken und lasse die Bilder durch meinen Kopf ziehen…
Rückblick. Bilder der letzten zwei Jahrzehnte, Bilder meines Studiums, Bilder aus der Jugendzeit. Eine Verwandte hatte mal „stämmig“ über meinen Körper gesagt, „stramm“ hallt auch nach. Ich sehe auf den Fotos, dass ich immer etwas „mehr“ war; sehe, wie ich beginne, mich in zweite Reihen zu stellen, um die anderen nicht zu verdecken. Sehe mein Strahlen und mein Doppelkinn. Sehe die Momente, in denen ich mich leicht gefühlt habe und leicht nehmen konnte. Sehe die verflogenen Momente, weil ich mich zu viel fühlte, zu schwer, zu breit. Sehe die Tage, an denen mir mein „Mehr“ egal war, an denen ich lebte und lachte und liebte und „normal“ fühlte. Sehe die Tage, die nur aus Maßen und Messen und Tabellen bestanden. Vor allem in den letzten beiden Jahren hatte ich das Gefühl, dass die verlangte Kontrolle über Essen und Nichtessen, Trinken und Verzicht, Dosierung und Wiegen, Bewegung und Dokumentation so viel Raum bekamen, dass es sich inzwischen wie meine dritte Arbeitsstelle anfühlt, mit meiner Adipositaserkrankung zu leben. Dass ich krank bin und Hilfe brauche, habe ich schon lange verstanden. Dass sich Gewohnheiten eingeschlichen hatten und auch die unterschiedlichen Therapien mich haben verstehen lassen. Mich wieder selbst fühlen ließen. Vor allem im letzten halben Jahr hat sich im Innen so viel bewegt, dass die Hoffnung gewachsen ist, dass sich mein Körper auch bewegt und das „Mehr“ ziehen lässt. Im Fitnessstudio zwischen all den muskulösen Schönheiten fühle ich mich nicht mehr ganz wie der letzte Schluffi, auch die Knieschmerzen sind endlich Geschichte, mein Körper wird kräftiger und ja, ich feiere die Muskeln, die mich stabilisieren und mir den Rücken stärken. Die Essens- und Bewegungsdokumentation, das Zählen wird langsam Routine; ich habe so vieles geschafft – „Frau Finsterbusch bitte!“ – die vertraute Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und ich verlasse fröhlich den fast vertrauten Stuhl und folge der Ernährungsberaterin zur Biamessung. Gleich werde ich meinen Erfolg der letzten Monate messbar vor mir sehen!
20. Februar 2026, 17.36 Uhr, zu Hause. Ich sitze an meinem Schreibtisch, der Rechner aufgeklappt, die leere Blogseite vor mir, der Cursor blinkt oben links. Kein Wort fliegt durch den Tränenschleier aufs digitale Papier. Der Kopf bleibt stumm. Ich weine. Seit mehreren Stunden schütteln mich immer wieder kleine Heulanfälle, ich bin am Ende. Die Hoffnung will fliegen. Die Biamessung und das Auswertungsgespräch waren furchtbar. Das „Mehr“ ist wieder mehr geworden… „Sie machen doch alles richtig; ich sehe auch keine Schraube mehr, an der sie noch drehen könnten… Vielleicht doch noch mal ne App zum Tracken?… oder eine Onlineselbsthilfegruppe?…“ Frau G. schaut mich an, meine Tränen kullern. Unaufhaltsam. Der Kloß in meinem Hals wächst und ich schüttle leise den Kopf. „Ich verstehe es einfach nicht“, bringe ich heraus. „Was mach in denn falsch?“ Verzweifelt schaue ich über den Tisch. Frau G. gibt mir das Gefühl, sein zu dürfen, doch vergebens warte ich auf die Idee, die mir helfen könnte. „Sollen wir doch noch mal über die OP sprechen?“, fragt sie mich. Ich schüttle nur den Kopf und brumme ein Nein. Darüber redet die Uniklinik seit zwei Jahren: die OP am „Ende des Tunnels“. Als würde das Wegschneiden meines Magens das Rätsel lösen, weswegen ich weiter zunehme, obwohl ich doch „alles richtig“ mache. Als wäre dieser Eingriff die rettende Erlösung. In meinem Kopf immer wieder die Gedanken: mit mir stimmt was nicht. Und ich habe keine Ahnung, was. Und dieses interdisziplinäre, hochgelobte Adipositasprogramm erzählt mir aller paar Wochen wieder, dass sie auch nicht verstehen, warum ich zu- statt abnehme… Die mir vertraute Übelkeit ergreift mich; mein Körper signalisiert mir: raus hier! Und so verabschiede ich mich schnell von Frau G.; in zwei Monaten messen wir wieder. Bis zum Auto komme ich noch. Dann der Zusammenbruch.
Auch jetzt am Schreibtisch daheim: Ich fühle mich wie eine Versagerin; wie eine Lusche, die es nicht schafft, auf ihren Körper aufzupassen. Um zu verstehen, was schief läuft, habe ich das Training intensiviert und meinen Essensplan auf den Kopf gestellt, Zeiten und Gewohnheiten verändert, Zucker reduziert. Ausdauer- und Krafttraining wechseln engmaschig. Ich habe selbstständig so viele Fachärzte konsultiert, Untersuchungen und Vorurteile über mich ergehen lassen. Habe ganzheitlich gesucht… und nichts gefunden, verstehe es einfach nicht. Auf der anderen Seite der Schreibtische immer wieder: ratlose Blicke, Schulterzucken, Durchhalteparolen, Motivationsfloskeln, das-wird-schon-wieder-Worte.
21. Februar 2026, 16.28 Uhr, zu Hause, der Tag danach. Der Morgen hat mir etwas Mut gemacht. Die Runde im Fitnessstudio hat Sortieren geholfen und langsam richte ich meine Krone wieder. Aufgeben war bisher nie eine Option für mich. Es wird einen Weg geben, weil ich es will. Weil ich lachen und leben und lieben will, ohne darüber nachzudenken, ob ich zu viel, zu breit, zu schwer bin. Ich will Zipline fahren und Heißluftballon, ohne mich meines „Mehrs“ zu schämen, will die Welt entdecken und auf Gruppenfotos in der ersten Reihe stehen. Will im Café Pancakes mit Pistaziencreme und Schokosauce bestellen und dabei kein schlechtes Gewissen haben. Will Klamotten kaufen, die mir gefallen und nicht die, die mir passen. Will mich wohlfühlen in und mit mir: ich habe doch nur diese (Körper)Wohnung. Eine Zweite kriege ich nicht. Will mich annehmen und selbst lieb haben. Und vor allem will ich vor mir selbst kein Tabu mehr haben!
17.09 Uhr, zu Hause. Ich überlege, ob ich das Geschriebene wirklich posten soll auf meinem Blog. Das ist ganz schön intim… Da ploppt ein Gedanke auf: seitdem ich nunmehr vor 5 Jahren das Buch „Zwischen Freude, Angst und Übelkeit“ veröffentlichte, erhielt ich immer wieder geschriebene Nachrichten und Anrufe, wie mutmachend Lesende meine Zeilen erlebten. Wie tröstend es wäre, dass ich über Themen schreibe, die sonst niemand anspricht: Sehnsüchte und Ängste, psychische Erkrankungen und Sternenkinder. So manche hatten auch eine Bucketlist geschrieben, nachdem sie mein Buch gelesen hatten. Und ich weiß noch, wie wenig das meine Absicht war und wie sehr ich mich darüber freute.
Und vielleicht ist es mit meinem Tabu ähnlich? Vielleicht gibt es da draußen jemanden, den meine Worte berühren, dem diese Zeilen vielleicht helfen, die Hoffnung oben zu halten und nicht fliegen zu lassen.
Auch wenn ich mich mit diesen Zeilen ganz schön „nackig“ mache, will ich es wagen. Zuallererst für mich selbst.
Und auch ein bisschen für die da draußen, die kurz vorm Aufgeben sind.
























