Monat: April 2020 (Seite 1 von 2)

Neues rollendes Zuhause

April 29th – wieder zurück…

Gestern morgen bin ich vor der Sonne aufgestanden, habe meine Füße in meine Wanderschuhe gestopft, mir einen Kaffee zum Mitnehmen gekocht und mich mit einem Stück Bananenkuchen und einem Apfel bewaffnet ins Jucy-Auto gesetzt und bin vom Hof „geritten“. Tags zuvor hatte ich das Auto auf den Kopf gestellt, um allen Besitz von mir rauszukramen und ja, ich hatte ihn auch etwas halbherzig gereinigt. Irgendwie sah ich es nicht so richtig ein, unter den schon zuvor berichteten Umständen, den Camper für Jucy auch noch zu wienern.

Nach knapp vier Stunden Fahrt erreichte ich Auckland. Ja, einige von euch fragten, ob mich jemand begleitete, nein, da war niemand bei mir, ich fuhr allein. Diejenigen, die ich fragte hatten entweder keine Zeit, hatten Angst diese illegale Sache zu machen oder es war ihnen schlichtweg zu früh zum losfahren. Warum es nicht ganz legal war, nach Auckland zu fahren? Nun: eigentlich darf man in Leel 3 nur lokal fahren und nicht die Regionen wechseln. Aktuell stehe ich in der Region „North Land“; mit der Abgabe des Campers gestern wechselte ich in die Region „Auckland“. Ich habe auf meiner Fahrt hin und auch auf der Fahrt zurück zahlreiche Polizeiwagen passiert und jedes Mal bekam ich Schnappatmung und schwitzige Hände, ob sie mich stoppen und fragen, was ich hier mache. Zum Glück ist das kein einziges Mal passiert.

Bei Jucy in Auckland ging alles ganz schnell, weil wegen des Diebstahls am Tag zuvor Jucy ganz andere Sachen im Kopf hatte und auch die Polizei auf dem Hof war. Ich habe mir dann ein Uber-Taxi genommen und bin zu „Epic Camper“ gefahren. Dort wartete der Besitzer Andy schon mit meinem neuen Vehikel, ein kleiner süßer Camper, der Weltenbesser ist als der von Jucy und mir zu einem sehr fairen Preis vermietet wurde. Bis 22. Juni kann ich ihn haben und heute habe ich ihn mir auch so wohnlich eingerichtet, dass ich nunmehr fast sagen kann, dass ich ein kleines, feines rollendes Wohn-schlaf-koch-Klo 😉 habe. Andy war super freundlich und er bot mir auch gleich noch einen Zeltanbau, Schneeketten an und als er hörte, dass ich in ein paar Wochen auf die Südinsel wechseln möchte (wo dann definitiv Winter herrscht), legte er noch ein Heizgerät oben drauf. Also: wenn einer von euch da draußen jemals nach Neuseeland fährt und überlegt, einen Camper zu mieten, dann (!!!) denkt nicht über Jucy nach, sondern entscheidet euch direkt für Epic: https://www.epiccampers.co.nz/

Gegen eins bin ich dann in Auckland wieder abgefahren, habe mich in der Stadt leider erst mal fett verfahren, dank meines inneren Navis dann aber den Highway 1 gefunden und nach einem Einkaufsstopp in Orewa habe ich mich auf den Weg Richtung North Land zurück gemacht. Die Rückfahrt ähnelte der Hinfahrt: Schwitzehände und Kurzatmung bei jedem Fahrzeug einer Behörde. Einen Unterschied gab es: ich war mega müde. Gegen sechs war ich dann zurück, gönnte mir ne Pizza, ein bisschen Smalltalk im Haus und dann ab in die Federn. Also ihr Lieben: ich habe meine Autosorgen gegen einen schönen Camper eingetauscht.

Gestern nun endete der Lockdown (=Level 4) in Neuseeland. Wir hopsten um Mitternacht auf Level 3 (weswegen ich ja das Auto auch zurückbringen musste). Level 3 heißt nun, dass jeder, der zur Arbeit fahren muss, um zu Arbeiten, fahren darf. Jeder, der noch zu Hause arbeiten kann, soll das auch zu Hause tun. Geschäfte durften öffnen, die meisten jedoch nur ihren „Take-Away-Bereich“. So kommt es, dass vor fast jeder Art Geschäft ein Tisch steht, an dem man sich anstellen kann (freilich behandschuht und mit Maske), um dann an dem Tisch einzukaufen und mit Kreditkarte zu bezahlen. Alle Fastfood-Ketten öffneten gestern ihren Drive Thru – hey, ich habe in Whangerei vor dem Mcens mindestens 30 Autos anstehen sehen! In den Nachrichten berichteten sie, dass schon morgens im fünf die ersten Autos bei MC Donalds anstanden, ob wohl sie erst einige Stunden später öfffneten. Wahnsinn!

Leider öffneten gestern auch die Alkoholläden wieder ihre Türen. (Im Lockdown war das so geregelt: Bier und Wein gab es in Supermärkten noch zu kaufen, lediglich war die Dosis pro Einkaufsperson stark reglementiert.) Seit gestern früh gibt es Alkohol für alle und jeden in allen Formen und kaum begrenzten Mengen zu kaufen. Was das für den Konsum hier im Haus heißt, könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen… Susann: not amused. Over. And out.

Es könnt‘ alles so einfach sein…

April 27th – Whangeruru

Morgen wird (hoffentlich!) mein Fortsetzungskrimi mit dem Jucy-Camper in einer finalen Folge enden. Nachdem es mehrfach Telefonate gab, die vorrangig mein Unverständnis über diese seltsame Geschäftspolitik ausdrückten, werde ich morgen das Auto nach Auckland zurückbringen. Zunächst hatten sie mir ja angeboten, das Auto an der Grenzen zwischen North Land und Auckland abzuholen, konnten mir jedoch auch kein fahrendes Gegenangebot machen… Der Oberknüller: das Auto gebe ich ab ohne jemanden zu treffen. Die Mitarbeiterin traf folgende Aussage: Das Auto bitte auf der Straße parken, dann alle Wertsachen rausnehmen und den Schlüssel in eine Box werfen. Man werde sich dann zwei bis drei Tage später des Campers annehmen – besonders der letzte Punkt machte mich sauer; seit Wochen drängeln sie, die Karre wegen der auslaufenden Leasingverträge zurückbekommen zu müssen und nun das??? Naja, sobald ich das neue Auto habe, wird der Spuk hoffentlich zu Ende sein… und irgendwie machte mich folgende Neuigkeit auch ein wenig schadenfroh: https://www.nzherald.co.nz/nz/news/article.cfm?c_id=1&objectid=12327762

Da ich leider keine andere Location gefunden habe, um die (hoffentlich nur!) zwei Wochen in Alert Level 3 an einem Ort zu verbringen, werde ich morgen dann von Auckland zurückfahren nach Whangeruru. Besser als ein Parkplatz ohne Dusche und ohne frisches Wasser; besser als ein öffentlicher Platz an dem sich die Bevölkerung beschwert, dass man da ist und Fotos von einem macht (sie wie in Whangerei…). Das war es dann auch schon an den Vorteilen. Seit gestern ist unser Abwasser-Scheiße-Tank wieder übervoll: wir können nur noch draußen duschen, abgewaschen wird in einem Kübel und die Toilette wird nur getreu dem Motto bedient: „Braun darf gehen, gelb bleibt stehen.“

U.a. auch der Umgang mit Wasser zeigt, wie unterschiedlich wir hier ticken, wie unterscheidlich die Mentalitäten sind und auch die Vorerfahrungen. Ich lese meine älteren Blog-Beiträge nicht (will ja, dass ihr immer wieder eine Tages-Moment-Aufnahme bekommt); so kann es sein, dass ich schon mal angemerkt habe, dass besonders an den Lebens- und Wertvorstellungen deutlich wird, dass ich älter bin als die meisten hier im Haus; mich haben andere Dinge geprägt und mir sind andere Dinge im Umgang mit Menschen wichtig. So ist es mir wichtig, dass bei zehn Leuten jeder seinen Rotz wegräumt und sauber macht; es wäre auch wichtig eine „Putzstrategie“ für die gemeinsam genutzten Räume zu haben… vielleicht bin ich durch meine Arbeit leider auch dadurch „gesegnet“, dass ich den Mist sehe und ihn gern klären würde. Funktioniert nicht, habe es versucht. Habe aufgegeben und versuche nun, die größten Dreckecken des Hauses zu umgehen; das Klo so zu reinigen, dass ich mir keine Bakterien hole; schon lange habe ich es aufgegeben, die anderen darum zu bitten, ihren Scheiß wegzuräumen. Vielleicht ist es das Alter, Mentalitäten, Kulturen, Länderprägungen… was auch immer. Auch an diesem Punkt bekomme ich manchmal das Gefühl, physisch anwesend zu sein (ja auch durch den Lockdown und das anschließende Level 3 in diesem Haus anwesend sein zu müssen), aber nicht dazu zu gehören. Oft fühle ich mich an diesen Punkten allein auf weiter Flur. Tröstlich und stärkend zugleich: ich weiß darum, dass es da draußen viele von euch gibt, die an mich denken, mir ganz viel OMMMMMMMM wünschen =). Zumindest kann ich euch wissen lassen, die, die ihr mich länger kennt: ich bin wesentlich entspannter als ich es jemals von mir selbst erlebt habe. Hey, das ist doch was, oder?

ANZAC Day

April 25th

Heute ist Samstag. Nicht lachen, ich muss mir jeden Tag mindestens drei Mal sagen, welchen Wochentag wir haben, weil ich sonst vergesse, welchen Wochentag wir haben 😉 Das geht seit Ende März so, nee stimmt nicht, eigentlich geht mir das schon ein wenig seit Reisebeginn so, aber durch den Lockdown und das Festsitzen wird das derart befeuert, dass ich manchmal sogar den Monat vergessen könnte. Und erst recht, wenn jemand mir schreibt und beispielsweise fragt, ob wir uns Samstag mal hören können, dann muss ich meinen Kalender öffnen und es mir eintragen. Mittlerweile ist es ein kleines Ritual, morgens einen Kaffee kochen, Nachrichten bei Whatsapp und Skype abrufen, Kalender öffnen, gucken ob jemand Geburtstag hat und ob einen „Termin“ an diesem Lockdowntag im Norgendwo gibt 😉

Heute ist der 25. April und es ist Nationaler Gedenktag in Neuseeland. Der heißt ANZAC-Day und wird neben Neuseeland auch in Australien und Tonga begangen. ANZAC steht für Australien & New Zealand Army Corps. Ich zitiere mal Wikipedia: „Der 25. April 2015 ist der Tag der ersten Militäraktion von australischen und neuseeländischen Truppen sowie Soldaten aus Tonga im Ernsten Weltkrieg – der Landung auf Gallipolli. Die Schlacht von Gallipolli führte zu erheblichen Verlusten unter den australischen, neuseeländischen und tongaischen Soldaten. … Seit 1920 wird dieser Tag in ähnlicher Form wie in Australien durch den Anzac Day Act abgehalten. … Paraden der neuseeländischen Streitkräfte, der Polizeikräfte, Feuerwehr und anderer Organisationen werden abgehalten. Im Ersten Weltkrieg sind 16 302 Soldaten aus NZ gefallen, 40 362 wurden verwundet und 102 sind vermisst.“ Die Konfliktparteien in o.g. Schlacht von Gallipolli waren übrigens das Osmanische Reich, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn auf der einen Seite; das Vereinigte Königreich, Frankreich und Französisch-Westafrika auf der Anderen. In diesem Jahr wurde der ANZAC-Day besonders begangen: https://www.nzherald.co.nz/nz/news/article.cfm?c_id=1&objectid=12327501

Wahrscheinlich interessiert es euch auch, wie es mir aktuell geht, oder? Heute: geht so. Gestern: geht so. Vorgestern: geht so. Und den Tag davor: geht so. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Ich versuche, zu atmen. Ich versuche, meine Plätze zu finden. Und ich versuche, mir immer wieder Mantramäßig zu sagen, dass jeder Mensch die Welt anders sieht, dass jeder Mensch anders ist, dass jeder Mensch Gründe seines Handelns hat… „Deine Welt – meine Welt“…. Alle ecken häufiger aneinander. Mehr mag ich an dieser Stelle gar nicht öffentlich dazu sagen, doch ich bin „gespannt“, wie das die nächsten Tage und im schwierigsten Fall die nächsten Wochen weitergehen wird… Manchmal wünschte ich, dass … und dann realisiere ich, dass… Und dann koche ich mir einen Tee, knalle mir ein Hörbuch auf die Ohren oder gönne mir einen Film im Camper, „baue“ mir einen kleinen Flecken meiner eigenen Welt und tauche ab, um Energie zu tanken. Bisher gelingt das ganz gut. Werde euch wissen lassen, wie es weitergeht 😉

Unser Nachbar Sam

April 22th – Whangeruru

Unser Nachbar Sam ist schwierig. Er knausert, er spricht nicht deutlich, er strahlt schlechte Laune und Angepisstsein aus. Er trinkt und raucht. Er trägt immer eine Brille und er lächelt nicht. Als wir vor über 20 Tagen auf diesem Grundstück ankamen, wurden wir „gewarnt“: alle Nachbarn werden sich schnell an eure Anwesenheit gewöhnen; Sam ist Mardi, der wird euch vieles nicht vergönnen. Normalerweise kommt Sam jeden Tag auf das Grundstück, nimmt sich die Früchte, die reif sind, kümmert sich um den Rasen, die Kühe und die Hühner. Er werde mit unserer Ankunft das Gefühl bekommen, dass wir ihm was wegnehmen, deswegen werde er wohl jede Gelegenheit nutzen, um sich über uns zu beschweren. Also sollten wir vorsichtig sein, was wir tun und sagen, wenn Sam sich beschwert, dann müssten wir zurück auf den Parkplatz. Und da wollte keiner von uns mehr hin – hatte wir ja auf dem Parkplatz in Whangarei nicht die hübschesten Erfahrungen gemacht. Also: Obacht vor Sam, er ist Mardi und schwierig.

Zu Beginn unserer Aufenthaltes hier fand ich ihn auch schwierig. Wenn ich ihn grüßte, drehte er sich weg. Wenn ich ihn was fragte, bekam ich keine Antwort. Bis zum Mittwoch nach Ostern: ich kam von meinem Spaziergang zum Hafen zurück und rannte förmlich in ihn hinein, als ich durch die Garage das Grundstück wieder betreten wollte. Wir beide erschraken und wahrscheinlich aus diesem Schreck heraus, grüßte er mich. Huch, dachte ich, Hallo auch dir und ich fragte gleich mal noch, wie es ihm geht. Ein Huch stand ihm auch ins Gesicht geschrieben, aber er antwortete mir. Ein kleiner Erfolg dachte ich 😉 Und seitdem „plaudern“ wir kurz, wenn wir uns sehen.

Ja, ich fand ihn schwierig, aber hey, mit uns hatte er auch keinen leichten Start, waren wir ihm gegenüber ja auch nicht mega aufgeschlossen wegen der „Vorwarnung“ und ich reflektierte nicht, was genau uns am Anfang mit den Aussagen auch gesagt wurde: Mardi generell sind schwierig. Immer wieder lese und höre ich, dass Mardi arm sind und neidisch auf andere, unter sich bleiben, Ausländer nicht mögen, das Gefühl haben, man würde ihnen was wegnehmen. Die Falle, in die ich getappt bin: ich habe mit keinem Mardi gesprochen, ich hatte nur von ihnen „gehört“. Und ihr ahnt die Falle, in die ich auch gegangen bin: Vorurteile, Schublade, Ende.

Als ich ihn heute traf, ging mir dieses Licht auf. Er fragte, ob wir seinen Bullen auf der Weide gesehen hatten und ich musste verneinen, seit gestern nachmittag habe ich ihn nicht mehr gesichtet. Aber ich sagte ihm, dass ich ihm bescheid geben würde, wenn ich den Bullen auf der Straße oder vor unserer Haustür treffen würde. Er drehte sich um, grinste und meinte „This is awesome.“

Als ich mich auf den Weg gemacht habe, von Deutschland aus die Welt auf meine Weise zu entdecken, hatte ich mir fest auf die Stirn tackern wollen: „Bleib offen! Bleib neugierig! Schau die Welt mit deinen Augen an!“ Ich wollte nicht mehr in die Falle tappen von: „Hast du gehört, dass das so und so ist.“ oder „Die Welt ist soundso.“ „Die Menschen sind soundso“… Mit der Ankunft in Neuseeland bin ich leider voll in den „Mardi-sind-schwierig-Fettnapf“ gesprungen. Drei habe ich bisher getroffen: Sam und unsere beiden fischenden Nachbarn KC und Shahab. Alle drei sind besonders, hey, wer ist das nicht? 😉 Aber alle drei stoßen mich volle Wumme darauf: Bleib offen, bleibe neugierig, bau dir dein eigenes Bild! Und schaden wird mir diese kleine Lektion nicht, habe ich doch selbst im Haus hier mit vier Nationalitäten, neun einzigartigen Köpfen (die so ganz anders ticken und die Welt sehen als ich) und eben auch mit meinem eigenen stieseligen Kopf zu tun. Auch da wird es nicht schaden, neugierig und offen zu bleiben und niemanden in die Soundso-Schublade zu stopfen. Ach und weil es naheliegt, hier freilich noch das passendste Lied zu Soundso:

Nachrichten, die nachdenklich stimmen

April 20th – Montag in Whangeruru

Prime time. Ich schreibe euch erst heute Abend. Aber ich finde es wichtig, euch jetzt noch zu schreiben, weil so viele von euch darauf gewartet haben, wie es für Neuseeland weitergeht und heute kam die Entscheidung. Und verzeiht: ich habe seit 16.00 Uhr Alkohol im Blut – vielleicht riecht ihr das zwischen den Zeilen 😉

Vier war eine gut Zeit, um mit dem Trinken heute anzufangen, denn um vier startete die Pressekonferenz der neuseeländischen Regierung zum Thema „Covid 19 – Alert level“. Freilich haben wir alle gehofft, dass der Lockdown beendet wird und wir auf Level 3 zurückgehen. Viel mehr Vorteile hätten wir dadurch nicht direkt gewonnen, es wäre nur der Punkt gewesen, das Gefühl zu bekommen, dass der Zustand des Festsitzens auch enden kann. Nun wurde folgendermaßen entschieden: der Lockdown wird für alle bis zum April 27th verlängert. Das meint, dass sich bis dahin alle, auch die Neuseeländer (!) weiter daheim aufhalten und ihre „bubble“ nicht verlassen. Wie das Level 3 danach aussieht, ist bisher nicht final bekannt, hauptsächlich wird es aber heißen, dass Neuseeland versucht, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, die ja derzeit fast komplett brach liegt. So wird es im Level 3 ökonomische Veränderungen geben, aber leider keine Lockerungen beispielsweise das Reisen betreffend.

Nun, was soll ich sagen, will ja ehrlich zu euch sein. Freude verspüre ich nach der Pressemitteilung heute nicht wirklich. Ja, ich bin gesund und ja, ich habe ein Dach über dem Kopf. Doch ein großer Teil meinerseits hat so Sehnsucht, das Land zu sehen, durchzuatmen, frei zu sein.

Ich weiß, dass es (schon) ein Geschenk ist, in diesem Land zu sein. So viele sitzen in Ländern, wollen in ein Auslandsjahr oder einen Urlaub starten und wissen nicht bzw bangen, ob ihnen das in diesem Jahr überhaupt möglich sein wird… Ich möchte mich darin üben, dankbarer zu sein für das, was ich habe und bin. Liebe Menschen, die an mich denken und für mich da sind – egal wie spät 😉 ; Gesundheit; ein Dach über dem Kopf und Essen im Kühlschrank; Wasser zum Trinken und Waschen; die Chance, mich draußen zu bewegen; ein Mobiltelefon, um in Kontakt zu bleiben und mich zu beschäftigen; Kleidung und einen Platz zum Schlafen; Schutz, Zuversicht, Hoffnung; finanzielle Sicherheit…

Und übrigens hat auch die Mietwagenfirma eingesehen, dass ich mindestens bis zum Ende des Lockdown das Auto behalten kann und sie mir dafür nichts berechnen. Noch ein Grund, dankbar zu sein 😉

Zum Schluss noch eine andere Sache. Eine Sache, die mich heute sehr sprachlos gemacht hat, entsetzt, traurig, wütend und irgendwie hoffe ich noch, dass es einfach nicht stattfindet… aber wie kann es sein, dass Pegida heute in Dresden auflaufen darf???? Es macht mich so traurig, betroffen und was diese Entscheidung nach außen über Deutschland sagt… Pegida darf mit 80 Menschen unterwegs sein… mehr als 15 Leute dürfen nicht gemeinsam in Kirchen, Moscheen und Synagogen beten? Ja, ich bin am anderen Ende der Welt und ja, vielleicht habe ich die Nachrichten aus Deutschland nicht richtig verstanden, aber das was hier ankommt ist einfach eine Prioritätensetzung in den Lockerungen und Ausnahmen, die mich sehr nachdenklich stimmt… “ What a peculiar state, we’re in“

„Today I’m not myself
And you, you’re someone else
And all these rules don’t fit
And all that starts can quitWhat a peculiar state, we’re in
What a peculiar state, we’re inLet’s play a game
Where all of the lives we lead
Could change
Let’s play a game
Where nothing that we can see
The same

But we’ll find other pieces to the puzzles
Slippin‘ out under the locks
I could show you how many moves to checkmate right now
We could take apart this life we’re building
And pack it up inside a box
All that really matters is we’re doing it right now
Right now

But we’ll find… “ (One Republic, Au Revoir)

Sonntags in Whangeruru

April 19th

Dass heute Sonntag ist, haben wir bis halb neun an einem gemütlichen und wunderbaren Frühstück draußen auf der Terrasse gemerkt. Der Kaffee dampfte in meinen Händen, ich genoss (mal wieder, hihi) Omelett mit Brötchen (hey, immerhin haben wir hier fleißige, täglich Eier produzierende Hühner und mein Blick wanderte über die wirklich gelunge Landschaftsmischung aus Bergen, Wald und Meer… Dann kam Don und mit ihm die Arbeiten des Tages. Für fast alle von uns bedeutete das: Abfluss am Weg bauen. Die Stimmung sank bei fast allen dementsprechend. Aber nach und nach zog sich jeder Arbeitsangemessen an und wir legten langsam los. Mein Weg führte mich als erstes in den Gemüsegarten, sah nach den noch existierenden Pflanzen und wässerte die Bäumchen und den ausgesäten Salat.

Gegen halb zehn kam ein erschreckter Aufschrei von Alex aus dem Flur: da ist Wasser auf dem Boden im Klo, der ganze Boden ist nass und es kommt in den Flur! Ich dachte: na super, auch noch das. Don quittierte den Moment mit einem müden Lächeln und erklärte uns, dass das Haus für vier Menschen konzipiert ist und auch das Abwassersystem nur für vier Menschen ausgelegt sei. Da nun seit zwei Wochen hier zehn Menschen duschen, waschen, pinkeln, abwaschen… ist der Abwassertank voll und drückt zurück ins Haus. Er könne da jetzt auch nichts machen, am Dienstag kommt jemand, der dem Abwasser Platz schaffen könne. Konsequenz im Haus: Abwasch am besten draußen, pinkeln am besten auch, Dusche benutzen nur wenn absolut notwendig und auch nur ganz schnell. Für die Waschmaschine gibt es einen neuen Abfluss durch das Fenster…

Ungefähr zehn Minuten nachdem das Abwasser der Toilette das Haus erobert hatte, warf Karl den Motor seines Wohnwagens an und startete ein Wendemanöver auf seinem Parkplatz. Wir schauten uns sprachlos an und verstanden den Moment nicht, was machte Karl da??? Lockdown. Wir dürfen nicht fahren. Maximal zum Einkauf. Braedon kommt vorbei und klärt uns auf: Karl fährt heute nach Russell und kommt auch nicht wieder. Wir so: aha. Verabschiedet hat er sich bei uns nicht. Als er vom Hof fährt, starrt er stur gerade aus, so als ob er uns nicht sehen wollte… Bis jetzt (sieben Uhr am abend) hat ihn die Polizei nicht zurückgebracht. Ob der Verstoß gegen unsere Lockdownauflagen der Bubble seinerseits auch Konsequenzen für uns haben wird, bleibt offen… Karl fährt weg. Wir lachen. Seltsam unwirklich fühlt sich das ganze an.

Wenige Minuten nachdem Karl vom Hof geritten ist, stellen wir fest, dass die Waschmaschine auch durch das Fenster hindurch nicht abpumpt. Don schaut sich den Schaden an. Er sagt, Maschine ist kaputt. Johanna hatte gewaschen, die Maschine voll ihrer Wäsche und bis zum Rand gefüllt mit Wasser. Fakt ist: die Wäsche muss raus und das Wasser auch. Ist ein Toploader. Also angeln wir die Wäsche raus, Johanna schleudert sie per Hand im Garten und ich beginne, mit einem Plastikbecher die Waschmaschine leer zu schöpfen. Der Tag wird immer unwirklicher.

Danach putzen Johanna, Kevin und ich das Haus, schaffen den Müll ans Tor, damit er das nächste Mal auf jeden Fall mitgenommen wird, räumen auf, schrubben und staubsaugen; die anderen bauen währenddessen den Weg. Bis vier geht das so. Jetzt habe ich ein wenig „nach Hause telefoniert“, fühle mich wie E.T. auf einem fremden Planeten, schreibe euch diese Zeilen und spüle das seltsam unwirkliche Gefühl des Tages mit einem Gintonic hinunter.

Mietwagenmurks

April 16th – immer noch im Lockdown in Whangeruru

Es ist halb sechs Uhr am frühen Abend. Ich sitze auf der Couch unserer Lockdown-Bleibe, futtere Chips und schaue gemeinsam mit vier anderen Festgesetzten die australische Variante der Show „Wer wird Millionär“. Die ist übrigens komplett anders als in Deutschland, wobei ich auch sagen muss, dass ich die Sendung lange nicht gesehen habe. Wir entspannen also ein wenig in der Couchlandschaft, war doch der Tag bisher ein wenige unerfreulich. Don kam zu uns und wir haben gearbeitet: vier von uns (darunter auch ich) haben weiter einen Wasserabfluss am Weg des Grundstücks geschachtet, die anderen mussten Felder mit Giftzeugs bestreuen, damit der Boden im kommenden Jahr einen ausgeglicheneren PH-Wert hat. Das war sozusagen eine Wahl zwischen Pest und Cholera, aber ich glaube, dass ich mit Pest heute besser dran war, denn die giftige Cholera flog den anderen in die Nasen, Augen, Münder, sie sahen hinterher aus als hätte man sie mit einem Mehlsack maltretiert…

Ihr fragt euch sicher schon ganz gespannt, wann ich die Story zu meinem Whatsapp-Post „ihr könnt mich alle mal, besonders ihr Mietwagenfirmen“ liefere. Nun denn, jetzt:

Vorgestern Abend, kurz nachdem ich euch gebloggt hatte, habe ich von Jucy, meiner bis dahin ganz annehmbaren Mietwagenfirma, eine Email bekommen. Deren Antwort ging meine Anfrage voraus, für wie viel Geld ich den Camper bis Ende Juni einfach weitermieten könne, nachdem der Lockdown beendet wäre. Für mich hätte das ganz klar den Vorteil, dass ich dann einfach dieses Auto hätte und nicht noch mal nach Auckland müsste, um dieses Auto abzugeben und mir ein neues zu organisieren. Und der Spuk mit „oh wie lange kann ich das Auto noch haben???“ hätte für mich auch endlich ein Ende.

Die erste Antwort von Jucy: Wir können kein neues Auto anbieten, da wir bis zum 01. Juli diesen Jahres keine Autos vermieten dürfen.

Meine Nachfrage: Ich brauche ja auch kein neues Auto, ich würde den gern einfach weitermieten.

Antwort Jucy: Das geht nicht, das Auto muss am 23. April zurück nach Auckland.

Meine Nachfrage: Wenn Lockdown ist, kann ich das Auto nicht nach Auckland fahren, weil die Polizei mich nicht fahren lässt. Bitte verlängern bis zum Ende des Lockdown.

Antwort Jucy: Der Leasing-Vertrag endet am 23. April. Sie brauchen das Auto zurück. Sie prüfen, ob sie es abholen.

Meine innere erste Reaktion: Ihr Arschkrampen!!! Was??? D.h. Ihr wollt mich am Hintern der neuseeländischen Welt auf die Straße setzen??? Ihr…. piiieeeep! Meine äußere Reaktion: Noch mal nachgefragt per Mail, für den Fall, dass ich die Nachricht nicht richtig verstanden habe, läuft ja immerhin alles auf Englisch.

Antwort Jucy: Der Leasing-Vertrag läuft aus. Sie brauchen das Auto zurück. Wenn ich noch mehr Fragen habe, kann ich sie gern anrufen.

Ich bin sprachlos. Beginne, nach anderen Campern zu suchen. Scheint nur über Vitamin B zu funktionieren, denn die großen Firmen vermieten bis Juli nicht… Kotz. Es bleiben zwei Möglichkeiten: Auto kaufen (omg, das werde ich im Juni oder Juli hier garantiert nicht los, wenn keine Touristen einreisen, die es kaufen könnten!) oder jemanden finden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der ein Auto vermieten könnte. So hoffe ich auf Letzteres und ihr dürft mich gern unterstützen, wenn ihr jemanden kennt, der jemanden kennen könnte!

Heute hat die Regierung bekannt gegeben, dass wir am 23. April wahrscheinlich von Level 4 auf Level 3 wechseln und welche Einschränkungen es dann noch gibt… Entschieden wird am Sonntag, ob das tatsächlich passiert und ob ich dann legal nach Auckland fahren kann, muss, darf, soll…. Bis dahin versuche ich, nicht auszurasten und die Augen nicht rot zu heulen aus purer Verzweiflung. Aber hey, niemand wird diese Geschichte erzählen können und wenn ich sagen kann, dass ich das geschafft habe, dann wird mich wohl mal nichts mehr aufhalten können 😉

„Weltreise mit Corona“

April 14th – Überraschender Weise auch heute: Whangeruru

Also, ich muss es mal sagen: ihr seid verrückt! Nee, ganz ehrlich, in den letzten Tagen (und auch schon ab und an in den Wochen davor) schreiben manche von euch mir immer wieder, dass ich doch ein Buch schreiben sollte. Jetzt mal ganz im Ernst: wollt ihr diesen Blog auch noch in gebundener Form in euren Wohnzimmern haben? Reicht euch das nicht online? 😉 Gut, ein Buch zu schreiben ist vielleicht nicht ganz abwegig, kenne ich doch liebe Menschen mit einem Verlag – hmmm, wer mag das wohl sein, hihi? Und Zeit, in die Tastatur zu hauen, habe ich ja aktuell auch mehr als genug. Und Speicherplatz auf meinem Reiserechner gäbe es auch noch. Und wie wäre der Titel? Vielleicht „Weltreise mit Corona“ oder „Reise zum Lockdown am Ende der Welt“ oder „Verrücktes Festsitzen mit Covid 19“ oder „Zwischen Freude, Angst und Niesern“…? Welche Ideen habt ihr dazu? Ganz ehrlich: an dieser Stelle würde ich mich über eure Vorschläge in der Kommentarfunktion freuen. Also dann: legt mal los!

Überraschender Weise kann ich euch heute wenig Neues aus dem Irrsinn schreiben. Die Zustände der letzten Tage halten an, ich warte auf das Ende des Lockdown und das Losfahren. Aktuell treiben mich dazu noch Überlegungen um, wie ich mit der weiteren Planung meiner Reise umgehe. Mit dem derzeitigen Stand sehe ich mich in 8 Wochen nicht auf die Osterinsel fliegen, um dann dort in zweiwöchiger Quarantäne zu hocken, dann weiter in die Quarantäne in Peru und Bolivien zu gehen. Mit Schrecken lese ich, wie dort mit Touristen umgegangen wird. Und wer weiß schon, was acht Wochen ändern können. Ja, heute ist „mein Glas halb leer“. Der Optimismus der letzten Wochen weicht langsam einer merkwürdig frustrierten Stimmung (das hat der aufmerksame Leser sicher schon den letzten Einträgen entnehmen können), heute ist mein 30ter Tag in Self-Isolation bzw. Lockdown, die fünfte Woche ist angebrochen.

Eine Artikel mag ich heute noch mit euch teilen:

https://www.watson.de/international/politik/896262675-viele-tests-kaum-tote-neuseeland-wird-zum-neuen-corona-vorzeigeland

Ein paar Worte zu Jacinda Ardern: immer wieder habe ich auf meiner Reise Menschen getroffen, die die Art und Weise, das Durchsetzungsvermögen und die Empathie der derzeit amtierenden Premierministerin Neuseelands schätzen. Keinen Hehl haben viele auch daraus gemacht, dass sie zu Beginn der Regierungszeit (seit 2017 ist J. Ardern im Amt) sehr skeptisch ihr gegenüber waren: sie war als 40. Premierministerin im Alter von 37 Jahren vereidigt worden und war damals die jüngste Premierministerin. Innerhalb ihrer Amtszeit hatte sie nun auch mit einigen furchtbaren Momenten umzugehen: die Terroranschläge auf zwei Moscheen in Christchurch im März 2019 und ein halbes Jahr später der Vulkanausbruch auf White Island. Sie reformierte die Waffengesetze, das Steuersystem zugunsten von Familien, sie versucht ländliche Regionen zu fördern und Wohnen bezahlbar zu machen und sie führte das „Wellbeing Budget“ ein…. Mag man dazu denken, was man mag, das was ich sagen kann: sie managet diese Lage mit Corona souverän, wenn auch sehr strikt, sympathisch und transparent. Und so hoffe ich sehr, dass es auch am Sonntag dieser Woche eine kluge Vorgehensweise geben wird. Dann wird nämlich über den weiteren Umgang mit Corona gesprochen: Lockdown-Verlängerung oder zurück auf Alert level 3 oder doch was ganz anderes…. Wir werden es sehen.

Handy-Frühjahrsputz und musikalischer Ostergruß

April 13th – Ostermontag in Whangeruru

01.30 Uhr Ich versuche zu schlafen. Es stürmt und regnet. Es stürmt so sehr, dass es meinen Camper beutelt als wäre er eine kleine Nussschale auf dem weiten Meer. Mir wird schlecht vom Geschaukel und ich kann keinen Schlaf finden. Ich höre ein Hörbuch, an dieser Stelle mag ich euch mal empfehlen, was ich die letzten Wochen so höre: eine feine Krimireihe von Matthew Costello und Neil Richards „Cherringham – Landluft kann tödlich sein“. Es geht um ein kleines englisches Dorf, in dem zwei Freunde mysteriöse Zwischenfälle und Morde lösen.

03.00 Uhr Ich finde endlich Schlaf, denn es hört auf zu winden und zu schaukeln. Heimlich, still und leise verabschiedet sich in dieser Zeit mein Handy, um ein Update zu ziehen. Beim Neustart löscht es die meisten Kontaktdaten – warum auch immer. Gegen fünf Uhr morgens merke ich den Murks, bin erschrocken, traurig und denke dann: „Ok, kann ich jetzt auch nicht ändern. Frühjahrsputz mal anders.“ und poste eine Statusnachricht bei Whatsapp.

05.30 Uhr Ich freue mich sehr an den musikalischen Ostergrüßen aus der Musikstadt Leipzig. Hier auch für euch:

08.00 Uhr Nach dem Beseitigen der größten schmutzigen Überbleibsel des Osterdinners: Gemütliches Osterfrühstück mit dampfendem Kaffee und Karottenkokoskuchen. Sehr bewegendes Gespräch mit Anna und Roman über die neuere tschechische Geschichte. Ich stelle fest: hatte kaum einen Dunst über unser Nachbarland und nehme mir vor, die nächsten Tage immer wieder zu nutzen, um mehr zu lesen.

Gegen 10.00 Uhr schlägt die gemütliche Stimmung um. Mehr übernächtige und teils verkaterte Menschen geistern durch die Küche und „explodieren“ an den kleinsten Dingen. Ich ziehe mich zurück, räume meinen Camper auf und lausche einem Hörbuch in der Sonne.

Gegen Mittag schaue ich noch mal im Haus vorbei. Stelle fest: die Lautstärke ist heute einfach nichts für mich. Staune, wie man gleichzeitig dem TV, dem Radio und dem Spiel auf dem Handy bzw. Instagramm folgen kann. Ich drehe schon durch, ohne dass ich einem genau meine Aufmerksamkeit widme. Ziehe mich wieder in meinen Camper zurück, später dann in ein Zimmer im Haus und versehe die Tür mit dem Schildchen „please do not disturb“. Ich genieße die Zeit für mich.

18.00 Uhr Frisch geduscht tigere ich in die Küche zurück, dort läuft herrlichste Hans-Zimmer-Musik, es ist eine friedliche Stimmung und ich finde Ruhe. Das tut gut!

20.23 Uhr Ich versehe die Seite mit dem Blogbeitrag und bin innerlich schon auf dem Weg ins Bett. Wünsche euch auch süße Träume und eine behütete Nacht! Bleibt gesund!

PS: Wer mit mir in Kontakt bleiben mag, schreibe mir bitte eine SMS oder Mail, da ich den Frühjahrsputz meines Handys nicht rückgängig machen kann…

Gedankenfetzen am Ostersonntag

Erster Gedankenfetzen: In den letzten Tagen haben immer mehr Menschen unsere Situation hier mit dem „Big Brother-Haus“ verglichen. Mir ist das gar nicht eingefallen. Ich erinnere mich dunkel, googel aber trotzdem noch mal und stelle fest: es gab in Deutschland 13 Staffeln mit 9 Moderatoren produziert von EndemolShine Germany – dazu verwandt: Promi Big Brother. Premiere dieser irren Sache war der 28. Februar 2000, wurde erst von RTL 2 ausgestrahlt und eingestampft, von sixx ausgestrahlt und eingestampft, und seit 2020 in der Hand von Sat 1 in Ausstrahlung. Tatsächlich war der 24/7 Irrsinn in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ auch für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Seinen Ursprung hat der Laden 1999 in den Niederlanden und wurde laut Wikipedia in über 70 (!!!) Ländern ausgestrahlt. Wahuuu!

Das Prinzip dieser Sendung: ausgewählte Menschen leben über mehrere Monate gemeinsam in einer „Wohnumgebung“ mit einem von der Produktionsfirma strukturiertem Tagesablauf, welcher durch „Spiele“ und „Wettbewerbe“ aufgelockert werden soll, aber doch vorrangig der Unterhaltung des Publikums dient. Rund um die Uhr gefilmt und ausgestrahlt; ab einem bestimmten Punkt fliegt täglich einer raus. Dem Gewinner winkt ein Preisgeld, welches übrigens in Deutschland unter der Kategorie Einkommen versteuert werden muss. Haha!

Soviel zum Original. Jetzt zu uns im Haus: wir sitzen in diesem Haus fest, zum Glück werden wir nicht gefilmt (zumindest nicht wissentlich 😉 ). Manchmal kreisen Drohnen über uns und erwischen uns auch in ungewollten Momenten. Unsere Produktionsfirma heißt „Council Whangarei and Police NZ“. „Spiele“ und „Beschäftigung“ liefern uns Don und Sam dazu gehören: fröhliches Gummibäumeschneiden, schweißtreibendes Holzhacken, Bauen eines Regenabflusses auf dem 100m langen Weg, Graszerren, Hecke mit einer Minischere schneiden, tägliches Obsteinsammeln, Zapfensammeln und schleppen… Unser Publikum sind die Nachbarn, unter deren strenger Beobachtung wir werkeln und leben, vorrangig sind sie auch unsere Wächter, um sicher zu stellen, dass wir das Gelände nicht verlassen. Sonst fliegen wir raus, nicht einer nach dem anderen, sondern alle auf einmal. Und keiner wird was gewinnen – hey, da müssen wir auch nichts versteuern 🙂 ! Ich gestehe: ich habe vermehrt Momente, in denen ich mir wünschte, dass jemand rausfliegen würde; hab da auch gleich ein paar Kandidaten im Kopf und mache auch keinen Hehl draus, dass sich bestimmt ne Menge Menschen in vielen Momenten wünschen, dass ich als erstes fliege 😉 .

Zweiter Gedankenfetzen: Dieser Tag ist eine große Herausforderung für mich und ich übe mich im Atmen. Das Haus sieht „aus wie Sau“ – zumindest in meiner Welt – hey, weiß jemand von euch, warum man sagt, dass etwas aussieht „wie Sau“???. Haare aller Länge in der Dusche, klebrige und krümelige Reste Essens auf dem Fußboden, dreckiges Geschirr an Ecken in denen man es nicht erwartet, die leeren Bierflaschen stapeln sich, die Tische kleben, die Mülltüten sind rappelvoll… Wer hat eigentlich bei Big Brother geputzt??? Ich übe und atme, zum Einen nicht zu putzen, den anderen nicht hinterher zu räumen und zu putzen und zum Anderen nicht jedem zu erzählen, dass er putzen soll. Und ich habe keinen Putzplan erstellt. Bin ziemlich stolz auf mich. Innerlich zähle ich die Tage runter, bis wir wieder reisen dürfen. Und ich dann nur mit meinem eigenen Dreck unterwegs sein werde. Klingt verrückt: aber darauf freue ich mich sehr! Und es ist einer der Momente, in denen ich mir wünsche, rauszufliegen 😉

Dritter Gedankenfetzen: Es ist viertel nach drei. Ostersonntag. Der Tag ist zäh und tröge für mich. Gestern schon hat sich eine emotional traurige Stimmung in mir breit gemacht, weil es leider nicht funktioniert hat, mit jemandem zu telefonieren – das Netz war zu schlecht, ich hatte nicht mal einen Balken. Ich habe geweint, Kopfschmerzen bekommen und die habe ich immer noch. Ich fühle mich in den letzten Tagen verstärkt einsam im Lockdown inmitten der zehn Menschen; ja, das mag verrückt klingen, sind doch genug Köpfe um mich herum, die „andeuten“, dass ich nicht allein bin, aber immer wieder wird mir der Unterschied zwischen „einsam“ und „allein“ deutlich. Oli Schulz hat es gesungen, da hab ich das erste Mal daran gedacht, jetzt ist es immer wieder in meinem Kopf: „Du bist so lange einsam, bist du lernst, allein zu sein.“ Und auch um dies zu lernen, habe ich mich auf den Weg gemacht, und jetzt hänge ich in einer ungeplanten Konstellation an einem ungeplanten Ort mit unglaublich vielen ungeplanten Gedanken und vor allem lang vergrabenen Gefühlen fest. Und das, was es am anstrengensten für mich macht, ist, dass ich mich mit niemandem austauschen kann, der mich gut genug kennt und mir ein Gegenüber sein kann, dem ich mich nicht ewig erklären muss und der mich einfach drückt, weil er mich lieb hat.

Diese Gemeinschaft ist eben eine Schicksalsgemeinschaft und nicht das Gleiche, als wäre ich mit Herzensmenschen unterwegs. Ich sehe auch, dass diejenigen, die nicht allein unterwegs sind, sondern als Pärchen oder als Freunde, immer mehr Spannungen bekommen, die Stimmungen schwanken, der Alkoholkonsum nimmt zu. Besonders Letzteres ist sehr befremdlich für mich. Für mich fühlt sich das nicht stimmig an, es fühlt sich aufgesetzt und gekünstelt an, es wirkt nicht entspannt, sondern der Alkohol wirkt zu oft, als wäre er Mittel zum Aushalten und Durchstehen. Auch andere Stoffe werden dazu benutzt… Ich für mich habe das Gefühl, dass ich dies am besten packe, wenn ich klar bleibe und bei mir, wenn ich mich abgrenze vom Zuschütten… Es scheint in Neuseeland ein generelles Problem zu sein, der zu stark steigende Alkoholkonsum im Lockdown, denn im TV kommen schon seit Tagen Werbungen für einen kontrollierten Alkoholkonsum. Auch die Geschäfte reglementieren die Menge, die eine Person für einen Haushalt kaufen kann: jeweils zwei Packungen Bier oder Wein. Empfohlener Tageshöchstsatz für Männer sind drei Bier oder Weingläser und für Frauen zwei.

Ich wünsche euch da draußen, wo auch immer ihr seid, ein frohes und behütetes Osterfest! Bleibt gesund und passt gut auf euch!

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