Autor: sus (Seite 14 von 16)

Gedankenfetzen am Ostersonntag

Erster Gedankenfetzen: In den letzten Tagen haben immer mehr Menschen unsere Situation hier mit dem „Big Brother-Haus“ verglichen. Mir ist das gar nicht eingefallen. Ich erinnere mich dunkel, googel aber trotzdem noch mal und stelle fest: es gab in Deutschland 13 Staffeln mit 9 Moderatoren produziert von EndemolShine Germany – dazu verwandt: Promi Big Brother. Premiere dieser irren Sache war der 28. Februar 2000, wurde erst von RTL 2 ausgestrahlt und eingestampft, von sixx ausgestrahlt und eingestampft, und seit 2020 in der Hand von Sat 1 in Ausstrahlung. Tatsächlich war der 24/7 Irrsinn in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ auch für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Seinen Ursprung hat der Laden 1999 in den Niederlanden und wurde laut Wikipedia in über 70 (!!!) Ländern ausgestrahlt. Wahuuu!

Das Prinzip dieser Sendung: ausgewählte Menschen leben über mehrere Monate gemeinsam in einer „Wohnumgebung“ mit einem von der Produktionsfirma strukturiertem Tagesablauf, welcher durch „Spiele“ und „Wettbewerbe“ aufgelockert werden soll, aber doch vorrangig der Unterhaltung des Publikums dient. Rund um die Uhr gefilmt und ausgestrahlt; ab einem bestimmten Punkt fliegt täglich einer raus. Dem Gewinner winkt ein Preisgeld, welches übrigens in Deutschland unter der Kategorie Einkommen versteuert werden muss. Haha!

Soviel zum Original. Jetzt zu uns im Haus: wir sitzen in diesem Haus fest, zum Glück werden wir nicht gefilmt (zumindest nicht wissentlich 😉 ). Manchmal kreisen Drohnen über uns und erwischen uns auch in ungewollten Momenten. Unsere Produktionsfirma heißt „Council Whangarei and Police NZ“. „Spiele“ und „Beschäftigung“ liefern uns Don und Sam dazu gehören: fröhliches Gummibäumeschneiden, schweißtreibendes Holzhacken, Bauen eines Regenabflusses auf dem 100m langen Weg, Graszerren, Hecke mit einer Minischere schneiden, tägliches Obsteinsammeln, Zapfensammeln und schleppen… Unser Publikum sind die Nachbarn, unter deren strenger Beobachtung wir werkeln und leben, vorrangig sind sie auch unsere Wächter, um sicher zu stellen, dass wir das Gelände nicht verlassen. Sonst fliegen wir raus, nicht einer nach dem anderen, sondern alle auf einmal. Und keiner wird was gewinnen – hey, da müssen wir auch nichts versteuern 🙂 ! Ich gestehe: ich habe vermehrt Momente, in denen ich mir wünschte, dass jemand rausfliegen würde; hab da auch gleich ein paar Kandidaten im Kopf und mache auch keinen Hehl draus, dass sich bestimmt ne Menge Menschen in vielen Momenten wünschen, dass ich als erstes fliege 😉 .

Zweiter Gedankenfetzen: Dieser Tag ist eine große Herausforderung für mich und ich übe mich im Atmen. Das Haus sieht „aus wie Sau“ – zumindest in meiner Welt – hey, weiß jemand von euch, warum man sagt, dass etwas aussieht „wie Sau“???. Haare aller Länge in der Dusche, klebrige und krümelige Reste Essens auf dem Fußboden, dreckiges Geschirr an Ecken in denen man es nicht erwartet, die leeren Bierflaschen stapeln sich, die Tische kleben, die Mülltüten sind rappelvoll… Wer hat eigentlich bei Big Brother geputzt??? Ich übe und atme, zum Einen nicht zu putzen, den anderen nicht hinterher zu räumen und zu putzen und zum Anderen nicht jedem zu erzählen, dass er putzen soll. Und ich habe keinen Putzplan erstellt. Bin ziemlich stolz auf mich. Innerlich zähle ich die Tage runter, bis wir wieder reisen dürfen. Und ich dann nur mit meinem eigenen Dreck unterwegs sein werde. Klingt verrückt: aber darauf freue ich mich sehr! Und es ist einer der Momente, in denen ich mir wünsche, rauszufliegen 😉

Dritter Gedankenfetzen: Es ist viertel nach drei. Ostersonntag. Der Tag ist zäh und tröge für mich. Gestern schon hat sich eine emotional traurige Stimmung in mir breit gemacht, weil es leider nicht funktioniert hat, mit jemandem zu telefonieren – das Netz war zu schlecht, ich hatte nicht mal einen Balken. Ich habe geweint, Kopfschmerzen bekommen und die habe ich immer noch. Ich fühle mich in den letzten Tagen verstärkt einsam im Lockdown inmitten der zehn Menschen; ja, das mag verrückt klingen, sind doch genug Köpfe um mich herum, die „andeuten“, dass ich nicht allein bin, aber immer wieder wird mir der Unterschied zwischen „einsam“ und „allein“ deutlich. Oli Schulz hat es gesungen, da hab ich das erste Mal daran gedacht, jetzt ist es immer wieder in meinem Kopf: „Du bist so lange einsam, bist du lernst, allein zu sein.“ Und auch um dies zu lernen, habe ich mich auf den Weg gemacht, und jetzt hänge ich in einer ungeplanten Konstellation an einem ungeplanten Ort mit unglaublich vielen ungeplanten Gedanken und vor allem lang vergrabenen Gefühlen fest. Und das, was es am anstrengensten für mich macht, ist, dass ich mich mit niemandem austauschen kann, der mich gut genug kennt und mir ein Gegenüber sein kann, dem ich mich nicht ewig erklären muss und der mich einfach drückt, weil er mich lieb hat.

Diese Gemeinschaft ist eben eine Schicksalsgemeinschaft und nicht das Gleiche, als wäre ich mit Herzensmenschen unterwegs. Ich sehe auch, dass diejenigen, die nicht allein unterwegs sind, sondern als Pärchen oder als Freunde, immer mehr Spannungen bekommen, die Stimmungen schwanken, der Alkoholkonsum nimmt zu. Besonders Letzteres ist sehr befremdlich für mich. Für mich fühlt sich das nicht stimmig an, es fühlt sich aufgesetzt und gekünstelt an, es wirkt nicht entspannt, sondern der Alkohol wirkt zu oft, als wäre er Mittel zum Aushalten und Durchstehen. Auch andere Stoffe werden dazu benutzt… Ich für mich habe das Gefühl, dass ich dies am besten packe, wenn ich klar bleibe und bei mir, wenn ich mich abgrenze vom Zuschütten… Es scheint in Neuseeland ein generelles Problem zu sein, der zu stark steigende Alkoholkonsum im Lockdown, denn im TV kommen schon seit Tagen Werbungen für einen kontrollierten Alkoholkonsum. Auch die Geschäfte reglementieren die Menge, die eine Person für einen Haushalt kaufen kann: jeweils zwei Packungen Bier oder Wein. Empfohlener Tageshöchstsatz für Männer sind drei Bier oder Weingläser und für Frauen zwei.

Ich wünsche euch da draußen, wo auch immer ihr seid, ein frohes und behütetes Osterfest! Bleibt gesund und passt gut auf euch!

Und täglich…

April 10th in Whangaruru

Heute ist Freitag. Karfreitag. Seltsam war es auch heute, denn ich weiß, dass es ein „besonderer“ Tag war, aber so richtig „besonders“ war er eben auch nicht, denn die Tage sind wie sie sind und laufen wie sie laufen, und es ist, was es ist: Lockdown auf einem Gelände, dass wir nicht verlassen dürfen. Morgen früh dürfen drei Auserwählte nach Whangarei fahren, um einen Einkauf für alle zu machen. Das ist eine Mammutaufgabe, denn für 11 Leute einzukaufen, die alle eine andere Sprache sprechen, ist schon in der Planung der Einkaufliste eine mega Herausforderung. Das nimmt gerade locker eine Stunde des Abends in Anspruch. Den „kurzen Stock“ für unsere kleine deutsche Schicksalsgemeinschaft hat Dominic gezogen. Er glänzt mit einer Hammerliste, die nach verschiedenen Kategorien unterteilt ist. Mal schauen, was er vergisst. Hihi. Johanna und ich tippen: Johanna sagt, er wird einen der beiden Kaffees vergessen, ich tippe auf die speziellen Hygieneartikel, die Männer niemals benötigen. Aus purer Überforderung 🙂 .

Ja, die Tage sind, wie sie sind und manchmal habe ich das Gefühl, dass wir in einem „und täglich grüßt das Murmeltier“-Film festhängen. Und täglich grüßen die Hühner, und täglich winkt Sam am Tor, und täglich wartet Arbeit auf dem Grundstück, und täglich kommt Karl vorbei, und täglich staune ich morgens über die Schönheit der Natur um uns, und täglich rufen die Mamis von Johanna und Dominic an, und täglich … nach fast allem kann ich mittlerweile meine Uhr stellen 😉 . Ich bin froh, dass es einen sicheren Alltag für mich und auch für die anderen gibt. Wir stehen nicht mehr in der Unsicherheit eines öffentlichen Parkplatzes und das ist ein echter Gewinn. Und freilich ist es eine große Herausforderung, gemeinsam hier die Tage zu gestalten, sich gegenseitig zu respektieren, seinen eigenen Platz zu finden und bei sich zu bleiben. Für Sonntag haben wir ein gemeinsames Osterdinner geplant, ich freue mich darauf, dass wir damit das Osterfest zu etwas Besonderem machen. Und ich werde es euch wissen lassen, wie es war.

Heute haben einige von uns auch den Tag zu etwas Denkwürdigem gemacht: es gab das große Haareschneiden. Lockdown-Haircuts. Vorher – nachher hat Johanna festgehalten und ihr könnt es gleich sehen. Und keine Sorge: ich war nicht schon wieder dran 😉 .

Gründonnerstag in W…

April 9th

Heute habe ich mal nachgeschaut, wo genau wir sind 🙂 Ich hab es nicht mehr ausgehalten und google war so freundlich, mir meinen Standort im Handumdrehen zu zeigen. Ich sag mal so: den Russel forrest können wir sehen.

http://ronjabanu.de/wp-content/uploads/2020/04/VID-20200409-WA0007.mp4

Wovon könnte ich euch heute erzählen?

Nun, ich könnte euch sagen, dass es heute richtiges Aprilwetter gab: Sonne mit Schwitzen und Braunwerden, doller Wind, Regenschauer, bewölktes Wetterlein und alles gemixt, als würde man immer wieder am einarmigen Banditen drehen. Aber würde euch das interessieren?

Ich könnte euch aber auch davon erzählen, dass wir wahrscheinlich ab Dienstag allein oder in 2er-Gruppen kleine Spaziergänge außerhalb des Grundstückes machen können. Wir haben uns hier so gut „benommen“, dass auch das Herz des letzten zweifelnden Nachbarn begonnen hat zu schmelzen. Interessanter?

Oder ich erzähle euch, was ich den ganzen Tag gemacht habe: nach dem Frühstück ein wenig puzzlen, um dieses Puzzle endlich fertig zu stellen. Drei Tage habe ich daran gearbeitet – das Knifflige daran: Man hat auf der Verpackung eine Abbildung, die eine Frage stellt, die Antwort auf die Frage bildet dann das fertige Puzzle ab, d.h. man puzzlet ohne optische Lösung. Ich finde das megasupidupi, bin ja eine kleine Puzzlefreundin, aber die Idee war für mich eine komplett neue. Kennt das jemand von euch daheim? Danach gab es Kaffee in der Sonne mit Hörbuch, ein wenig Gartenarbeit (Säen von Salat und Mais und eine Baumschule ansiedeln – ich packe euch ein paar Bilder ans Ende 😉 ), ein wenig Plaudern und Karten spielen und dann habe ich mich wieder dem Schneiden von Hecke gewidmet. So lange, bis es mich von der kleinen Leiter gewippt hat. Jetzt habe ich meine Knie gekühlt, meine Wunden mit Bepanthen versorgt und schreibe euch. Keine Sorge, es ist alles noch dran und ich werde morgen wieder laufen wie geschmiert ;-).

Ich könnte euch aber auch davon erzählen, wie die Stimmung im Haus ist. Heute morgen war es angespannter als die letzten Tage. Sobald jeder seinen Platz für den Moment bzw seine kleine Lücke gefunden hatte, wurde es besser. Wir sind wirklich doll bemüht „nicht auszufreaken“, aber es gelingt eben nicht immer. Besonders zu merken sind die schwankenden Spannungen zwischen den Pärchen, alles aber noch im Rahmen. Mal schauen, was da noch so kommt…

Oder ich erzähle euch davon, dass hier seit Tagen die herausforderndste Diskussion am Laufen ist, die ich seit langem erlebe und vor einer Stunde ging es von vorne los: Gibt es das Schicksal und wenn ja, wie können es Menschen beeinflussen? Puh, und das alles in einer fremden Sprache… und eigentlich dreht sich doch alles in dieser Diskussion um die Frage: Gibt es Gott? Mittlerweile nehme ich an dieser sich ständig drehenden Fragerei nicht mehr teil, vielleicht habe ich dafür auch zu wenig Alkohol im Blut. Nobody knows.

Nun denn, all das könnte ich euch erzählen :-).

Jetzt suche ich euch noch ein paar Bilder raus. Und das Drohnen-Video wurde von Dominic beigesteuert. Herzlichsten Dank dafür!

Made in NZ

Ihr Lieben! Dass Herr der Ringe in Neuseeland gedreht wurde, wird dem fleißigen Leser meines Blogs nicht entgangen sein. Doch wisst ihr mehr als diese Filmreihe? Ohne es zu googeln? 😉 Zu Beginn des heutigen Eintrages gibt es ein kleines Quiz, für all jene, die mal fröhlich Raten wollen – vielleicht habt ihr Langeweile daheim, so wie mich hier auch die Langeweile im Lockdown manchmal quält.

Also: Du suchst in den nachfolgenden Titeln die sieben Filme, von denen du denkst, dass sie zum größten Teil in Neuseeland gedreht worden sind – um das Lösungswort zu finden, lässt du die Reigenfolge deiner gewählten Filme und fügst die sieben fett-markierten Buchstaben aneinander (ob die groß oder klein geschrieben sind, spielt dabei keine Rolle) – die ergeben dann zwei Worte, das erste hat drei Buchstaben, das zweite Wort vier. Das Lösungswort ist ein Mardy-Schlagwort, derzeit sehr gebräuchlich, um die neuseeländische Bevölkerung zum Durchhalten im Lockdown zu animieren und bedeutet so viel wie „stay strong!“ also „bleib stark!“ Ich wünsche dem Rätselrater viel Freude, wem das zu doof ist, der springe einfach weiter nach unten 😉

King Kong“

„Free Willy“

„Ein Schweinchen namens Babe“

„Die Farbe Lila“

„Wolverine“

Alien: Covenant“

„Jumanji“

„Slumdog millionaire“

Transformers – Die Rache“

„Die Chroniken von Narnia“

„Last Samurai“

„Gladiator“

„In meinem Himmel“

„Amy und die Wildgänse“

„Das Piano“

„The Beach“

Und, hast du es herausgefunden? Neben den sieben richtigen wurden übrigens auch noch (unter vielen anderen Produktionen) „Der Hobbit“, „Vertical Limit“, „Mit Herz und Hand“ und „Boy“ vorrangig in Neuseeland gedreht. Wenn du magst, schreib mir gern – bin ja neugierig, ob das so geklappt hat, wie ich es mir ausgemalt hatte 😉

So, kommen wir mal zum „Tagesgeschäft“. Der Lagerkoller hat mich gepackt. Manche von euch werden denken: „Ich hab es gewusst“ und ja, das war auch nur eine Frage der Zeit, bis ich die Nase voll hab. Es spielen da ja aber immer auch mehrere Dinge mit rein und ich denke, wenn wir die Freiheit hätten, uns auch mal für einen kleinen Spaziergang von Haus und Hof weg zu bewegen, hätte es noch ein paar Tage gedauert, bis es mich „lagerkollert“. So ging es einfach schneller. Seit vielen Tagen sind wir in einer 11er Schicksalsgemeinschaft unterwegs, zogen von Ort zu Ort, können jetzt final hier bleiben bis zum zweiundzwangzigsten April (Klopf auf Holz, klopf klopf). Denn im Großen und Ganzen ist es schön, dass wir hier sein können: herrliche Landschaft, kein Parkplatzflair, ein Dach über dem Kopf, Dusche und Waschmaschine (besonders über Letztere habe ich mich arg gefreut!), wir sind mit Puzzeln bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag versorgt und auch mit Arbeiten, die auf dem Grundstück versehen werden müssen. Meine neue Aufgabe: „Wächterin des Gemüsegartens“ und „Stylistin der Feijoa-Hecken“. Die letzten beiden Tage habe ich mich in diese Aufgaben gestürtzt, es ist so schön, nach so langer Zeit wieder etwas zu tun zu haben! Und heute: „lagergekollerte“ Bauchschmerzen. Also hüte ich das Sofa, trinke Tee gegen Krämpfe und Übelkeit, versuche mich an einem Puzzle, blogge, lausche dem Hörbuch, starre aus dem Fenster und harre der Besserung. Manche von euch werden ein wenig schmunzeln, denn wer mich schon ein Weilchen länger kennt, weiß, wie schnell sich Stimmung und Wohlbefinden bei mir auf den Magen schlagen können.

Es sind besondere Tage hier, mit einer Gruppe von 11 Menschen, die das Schicksal (ja, eigentlich die Polizei und das Gvot 😉 ) zusammengebracht hat. Alle Unterschiedlichkeit ist Segen und auch Bürde, besonders wenn man wie „sticky rice“ zusammengepackt ist. Wir lachen viel und wir gehen uns schneller auf die Nerven, ich übe mich in Gelassenheit und meine allergrößte challenge bzw. mein Mantra: „Das ist keine Seminargruppe, ich bin nicht verantwortlich, die sind alle erwachsen, atme und lass sie machen, das ist nicht meine Seminargruppe, ich bin nicht zuständig, sie haben alle einen Ausweis, Tee trinken und zurücklehnen….“ In Dauerschleife läuft es seit ein paar Tagen in meinem Kopf und ich bin gespannt, wie ich mich in den kommenden vierzehn Tagen schlagen werde. Ihr werdet es wahrscheinlich erfahren 😉

Feijoa

April 4th – XXX

Der Morgen hat sich herrlich über die Berge und über das Wasser an den Himmel geschlichen. Ein Farbenspiel wie bei den Impressionisten! Und über der Kulisse schwebt eine Stille, wie ich sie lange morgens nicht mehr genossen habe. Ein paar Vögel stimmen ihr Lied an, die Hühner umkreisen suchend die Wiesen, ein paar Schafe und Rinder kommunizieren aus der Ferne miteinander, mehr nicht. Der Kaffee in meiner Hand dampft, mein Marmeladebrot riecht verlockend nach Himbeer und es stellt sich leise ein kleines Gefühl von Urlaub ein. Im Vergleich zu den Touristen in Flughafennähe, den Campern auf verschlossenen Parkplätzen, den Menschen in kleinen Wohnungen ohne Garten… im Vergleich zu denen lebe ich hier aktuell unter paradiesischen Bedingungen. Um dem Lagerkoller, der sich gewiss in den kommenden drei, vier, fünf … Wochen einstellen wird, entgegen zu wirken, habe ich mein Auto vor dem Haus geparkt, alle anderen sechs Wagen stehen hinten auf einer Wiese mit direktem Blick über die herrliche Landschaft, die Schafe, das Wasser, die Hügellandschaft – besonders letztere stimmt in mir regelmäßig die Melodie aus dem Auenland an, hmmmmmmmm. Wenn meine Augen träumerisch langsam über die Hügel wandern, erscheinen manchmal Orks und Warge, sehe ich Legalos und Gimli hinter Aragorn herjagen 😉

Vielleicht fragt ihr euch, warum uns hier der Lagerkoller drohen könnte? Nun, wir dürfen das Grundstück nicht verlassen und das schließt auch den Seeweg ein. Zwar haben wir Meerzugang und Boote, aber es ist derzeit allen Menschen in Neuseeland verboten, sich zu bewegen, per Auto, Campervan, Boot, zum Wandern… nicht mal schwimmen gehen darf man mehr. Und so vertreiben wir uns auf dem Grundstück die Stunden. Mittlerweile ist es fast Mittag, alle 11 der Schicksalsgemeinschaft sind wach, manche haben versucht, vom Ufer aus zu fischen, Alex, Johanna und ich haben einen Kuchen aus Feijoa für alle gebacken. Feijoa ist eine Frucht, die einem heckenähnlichen Gebüsch anhängt und die wie eine Kiwi aufgeschnitten und ausgelöffelt werden kann. Geschmacklich erinnert es mich an eine Mischung aus Banane, Birne und Ananas. (Sehr guter und witziger Artikel dazu hier: https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2017/may/13/falling-for-feijoas-the-fruit-new-zealand-wants-the-world-to-love ). Mal gucken, wie der Kuchen mundet, derzeit kühlt das Ergebnis des Freischnauze-Rezepts aus. Gestern habe ich gegen die Langeweile Hörbücher gehört und wir haben ein 1000 Teile Puzzle begonnen.

Ich wünsche und hoffe, dass ich in den kommenden Tagen ruhiger werden kann und mich nicht mehr wie ein gehetztes Tier fühle, das niemand möchte. Dies ist für mich im Lockdown und der Zeit der Self-Isolation der achte, nicht selbst bestimmte Stellplatz und ich wünsche von Herzen, dass es auch der Letzte bleibt. Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem wir wieder fahren dürfen, wohin uns die Reifen tragen.

In dieser Schwebe der letzten Tage zu sein, kann wahrscheinlich kaum jemand nachvollziehen: staatliche Auflagen für alle, stündlich wechselnde Bestimmungen für Camper, von einem Ort zum nächsten geschoben zu werden, bis die nächste Behörde kommt und dich wieder losschickt. Ja, manche von euch haben diesen Zustand mit dem von geflüchteten Menschen in Europa verglichen, und möglicherweise könnten wir leise ein wenig ahnen, aber an keinem Punkt mussten wir um unser Leben fürchten… Wir hatten immer ein Dach über dem Kopf und immer etwas im Bauch, wir mussten nicht darben und nicht zittern… und wir haben alle einen Ort, an den wir früher oder später zurückkehren können. Und deswegen ist es mir nicht möglich, diese Parallele zu benennen.

So, jetzt ziehe ich mal los und gehe euch noch ein paar Bilder machen 😉

„Roundabout“

April 2nd – XXX

Den Platz, von welchem ich euch jetzt schreibe, darf ich euch in den kommenden drei Wochen nicht verraten. Warum? Das werdet ihr gleich hören. Nur eines vorab: ich möchte euch sehr gern von diesem irren Tag erzählen, warne euch zugleich jedoch vor: ich habe ne Menge Gin Tonic im Blut, deswegen seht mir nach, wenn es fluffig klingt und Schreibefehler drin sind 😉

04.27 Uhr: ich werde von einem Auto geweckt, welches neben meinem Camper parkt, zwei laut diskutierende Frauen steigen aus, knallen die Tür mindestens einmal zu viel, plaudern und wackeln gemeinsam zu den öffentlichen Toiletten, die ungefähr zwanzig Meter hinter meinem Van sind. Dort stellen sie fröhlich fest, dass sie irgendwas vergessen haben, wackeln zurück zum Auto, knallen die Türen nachdem sie Putzmittel rausgeholt haben. Sie putzen in Megageschwindigkeit, frage mich, wie man in ca 6.5 Minuten drei Toiletten sauber bekommt, da schwirren sie zurück zu ihrer Karre, springen rein, knallen die Türen doppelt und düsen hellbeleuchtet von dannen.

07.23 Uhr: das Nachbarauto macht seine typischen Geräusche, als Roman es schließt und ich wache auf. Na gut, der Tag fängt jetzt definitiv an; mehr Schlaf werde ich nicht bekommen. Also: aufstehen. Kleine Routine des Tages: ich dusche, koche einen Kaffee, setze mich in die Sonne, höre eure Nachrichten bei Whatsapp ab.

09.45 Uhr: Dominic telefoniert mit dem Polizisten, um ihm zu sagen, dass wir das Haus bekommen haben und gegen elf gemeinsam mit dem Council gucken wollen, wie und wann wir dahin übersiedeln. Wir laden ihn ein, dazuzukommen.

Gegen zehn Uhr: die Polizei kommt doch schon früher, nimmt all unsere Daten zum x-ten Mal auf, wir erzählen vom OK in das gemietet Haus zu ziehen (welches wir im übrigen seitens der Polizei gestern bekommen haben), sie stocken und fangen an, miteinander zu diskutieren. Wir erstarren. Haben gerade die Miete überwiesen. Freuen uns. Die Wagen sind gepackt. Der Mietvertrag ist geschlossen. Die Polizisten deuten an, dass sie zu großen Sorgen wegen der neuen Nachbarschaft haben und wir möglicherweise nicht das OK bekommen, dorthin zu fahren. Sie beginnen, wild zu telefonieren. Unsere Miene gefrieren. Die Gefühlsachterbahn in meinem Herzen geht in die nächste Runde… zum zehntausendsten Mal in den vergangenen Stunden und Tagen.

10.50 Uhr: Die Polizisten verbieten uns, in das gemietete Haus zu ziehen.

10.53 Uhr: Grant vom Council kommt und eine lange Diskussion mit der Polizei beginnt. Wir sitzen geschockt und trinken Kaffee.

11.03 Uhr: Wir überlegen einen Cocktail namens „Roundabout“ zu kreieren: es soll eine Mischung aus Kaffee und Bier sein, die wir ab morgen zum Frühstück trinken, damit wir auf keinen Fall Auto fahren können.

11.12 Uhr: Dominic ruft die neuseeländische Zeitung an. Ich plane, die deutschen Medien auch auf den Plan zu rufen. Cuba freut sich darauf, die tschechischen Medien zu informieren. Es wird uns angekündigt, dass wir nach Pohe Island sollen. Das wäre der Platz, auf dem es seit mehreren Tagen Übergriffe und „Ausschreitungen“ gibt. Ich blockiere innerlich und wünschte, ich wäre einfach an einem stillen Platz, Frieden, Frieden, Frieden!

11.21 Uhr: Donald (der Ehrenamtliche des Tikipunga Sportspark) bietet uns in Absprache mit dem Council und der Polizei an, uns auf ein privates Grundstück zu bringen. Einzige Bedingung: wir dürfen in den nächsten Wochen niemandem sagen, wo genau wir sind; diese Lösung wird niemandem sonst angeboten; kein anderer Freedom-Camper soll auf uns aufmerksam werden, um nicht selbiges zu fordern… Die Anspannung fällt ab; einige von uns weinen. Das soll anhalten, bis wir das Grundstück am Nachmittag erreichen. Viele fahren los, um noch mal Einkäufe zu machen; ich versuche zu schlafen – war einfach zu früh wach.

14.05 Uhr: Wir fahren los. Konvoi mit acht Campervans. Nicht sehr heimlich, ehrlicherweise.

15.15 Uhr: Wir erreichen das Grundstück. Donald zeigt uns alles, wir parken die Autos. Wenige Augenzwinkermomente später stehen die Nachbarn auf dem Plan. Beschweren sich über die Neuankömmlinge, die Corona bringen werden… Die Bedingung war: niemand darf erfahren, wo wir sind; sollte sich jemand beschweren, müssen wir nach Pohe Island. Das war es dann. Viele von uns sind noch immer verunsichert, auch ich habe Angst, dass wir auffliegen und für mindestens drei Wochen auf einen Campingplatz müssen, auf dem uns niemand haben möchte.

16.35 Uhr: ich trinke gegen die „Deportation“. Die anderen schließen sich an. Wenn wir betrunken sind, können wir nicht mehr fahren. Hihi.

Gegen acht: Wir sitzen zusammen auf den Sofas des Hauses, sind noch immer geflasht von diesem Tag. Viele können es noch nicht so richtig glauben, dass wir jetzt hier sind und im besten Falle auch bleiben können. Auch ich zweifle noch stark. Lasst uns sehen was passiert.

Verzeiht, aber ich bin müde; jetzt wisst ihr erst mal so grob, was heute passiert ist. Morgen erzähle ich euch mehr, mit weniger Alkohol im Blut. Dann gibt es auch Bilder der letzten Tage 😉

Erkenntnis des Tages: Dieser Staat macht uns mürbe. Keiner weiß, was der andere tut, sagt… Und wir sind diesem hilflos ausgeliefert.

Übrigens: der Mietvertrag ging bisher nicht zu kündigen… auch die gezahlte Miete haben wir noch nicht zurück.

Kein Aprilscherz

April 1st – Tikipunga Sportspark

Noch einmal schreibe ich euch von diesem Parkplatz – das wird heute nichts langes und auch nichts tiefgründiges; nur ein kleiner Moment, um euch wissen zu lassen, wie es um mich derzeit bestellt ist.

Zunächst: ich bin gesund! Ich bin froh darüber und klopfe auch gerade auf alle zur Verfügung stehenden Holzunterlagen, dass das so bleibt. In diesen Zeiten, besonders jetzt im Lockdown, wird man ja schon schief angeschaut, wenn man sich morgens ausschnauben muss oder tagsüber mal nen Nieser loslässt, weil einem die Sonne die Nase krabbelt. Also: weiterhin alles bis zum Wegätzen desinfizieren und fröhlich Hände waschen; da überleben nicht die kleinsten Viren 😉

Und weiterhin: ich darf mich weiterhin in meinem Camper aufhalten! Ja, es gibt viele Touristen, die gezwungen werden bzw. gezwungen sind in teuren Hotels zu wohnen – meist in der Nähe von Auckland. Das hat zwei Gründe: durch die angekündigten und auch geplanten Rückholflüge haben sich unzählige Touristen in die Nähe der Flughäfen begeben, dann wurden die Flüge gestrichen (im übrigen alle Flüge und keiner weiß wir lang!) und die Touristen hingen in der Nähe der Flughäfen fest. Das trieb und treibt die Preise enorm in die Höhe. Und die Leute müssen in Hotels in Flughafennähe, weil es Touristen verboten ist (wie auch fast allen Neuseeländern), öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. (Nur die Leute, die notwendigen Berufe haben und zur Arbeit müssen oder von dort nach Hause, dürfen noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.) Ich habe in den letzten Tagen zahlreiche Berichte gelesen… von überschuldeten Touristen, die aus Hotels geflogen sind; es wurden Flüge für 14500 Dollar angeboten; es gibt Menschen, die in Hotelzimmer „gesperrt“ werden, denen der Schlüssel weggenommen wird – wenn sie das Zimmer verlassen (ohne Erlaubnis) und nicht zurückkommen, droht ihnen eine Haftstrafe; es gibt Touristen, die nicht einkaufen dürfen, in Hotels festsitzen und seit Tagen Tütensuppen essen, weil die Hotelrestaurants nicht mehr arbeiten; es gibt Beschimpfungen, Drohungen, Übergriffe auf Touristen und Einheimische…. Der Lockdown ist erst eine Woche jung, keine Ahnung, was hier passiert, wenn die Leute noch drei Wochen so leben sollen und so behandelt werden… Viele haben mittlerweile die Aufmerksamkeit inländischer und ausländischer Medien; auch ich habe oft das Gefühl, dass „unsere Geschichte“ offiziell werden sollte. Denn zuletzt sind wir heute wieder „gebeten“ worden, den Platz zu wechseln…

Gestern morgen: Whangarei Council kündigt an, dass Tikipinga der Platz ist, auf dem wir für den ganzen Lockdown stehen – wir „richten“ uns ein, putzen Toiletten und Duschen – ca. vier Stunden später kommt die Polizei und will uns umgehend „räumen“ – ein paar Telefonate später dürfen wir bleiben „bis zur nächsten Anweisung“. Eine Camperin kommt mit ihrer kleinen 4jährigen Tochter zu unserem Platz, sie hustet furchtbar, die Tochter auch, wir merken es an, nichts passiert. Sie nutzen unsere Duschen und Toiletten und von jetzt auf gleich ist verständlicherweise jeder von uns besorgt, ob der Virus jetzt auch unter uns wohnt. Heute morgen verlässt sie zum Glück wieder den Platz. Dann kommt Grant vom Whangarei Council: neue Entscheidung aller Verantwortlichen, morgen werden wir „umgesiedelt“ auf einem Parkplatz bei einem Schwimmbad, dessen Einrichtung wir nicht nutzen können. Also ein Platz wieder ohne Duschen, Strom, frischem Wasser, keine Toiletten… Schon gestern hatten wir alle zusammen die Faxen so dicke, dass wir begonnen haben, ein Haus zu suchen, welches wir zu zehnt für die kommende Zeit günstig mieten, dessen Garten und Innenleben wir nutzen können, um endlich Ruhe zu haben und nicht mehr allen Möglichkeiten und neugierigen Blicken ausgeliefert zu sein… Fast stündlich kommen Menschen zu Fuß oder in Autos auf den Parkplatz von Tikipunga, viele freundlich interessiert und leider auch zu viele, die offensichtlich wollen, dass wir gehen und dies in Gesten und auch mit Worten zeigen… Viele von uns fühlen sich wie „im Zoo“.

Aktueller Stand: wir haben ein Haus gefunden, das Platz für zehn Leute und sechs Autos bietet. Ich hoffe so, dass das morgen alles klappt! Werde es euch wissen lassen 😉 Habt einen schönen Tag! Ich mache mir jetzt meine Wärmflasche, ziehe meine dicken Wollsocken an und kuschel mich ins „Bett“ mit der großen Hoffnung, dass diese Nacht nicht so kat werden möge. Bis bald!

Abend ward, bald kommt die Nacht

March 29th – Tikipunga sportspark

Gleich ist es acht. Abends. Der Tag neigt sich dem Ende, der Tag ist nun vergangen, bald kommt die Nacht, schlafen geht die Welt…hmmm… ich summe leise die Melodie vor mich hin, während ich euch diese Zeilen schreibe. Eines meiner liebsten Abendlieder; in den zahlreichen musikalischen Abenden auf Freizeiten besonders im Sommer zu Zeiten der Arbeit in der Thomaskirche ist mir dieses Lied und seine leise Weise so ans Herz gewachsen. Bevor ich euch dann den Beitrag poste, schaue ich mal, ob das Internet ein angemessenes Video dazu ausspuckt 😉

Langsam lässt die Unruhe nach; unruhig war es heute wieder, denn den dritten Tag in Folge haben wir die Autos zu einem neuen Platz bewegt, uns neu aufgestellt, irgendwie auch neu eingerichtet. Auch wenn es heute nur ein paar Meter zu fahren waren, ist doch der Unterschied deutlichst: gestern noch standen wir in einer Reihe nebeneinander, haben gemeinsam an einem Tisch (und eben wie auch jeden Tag in einem Bott) gesessen. Heute morgen kam Grant vom Whangarei Council und meinte, dass es gestern und auch heute morgen zahlreiche Beschwerden telefonischer Natur über uns gab, dass wir nicht den erfolderlichen Mindestabstand von zwei Metern einhalten und uns nicht an die Lockdown-Regeln halten würden…. Dass wir in einem Boot, in einer bubble, dass wir alle Teil einer „Familie“ sind und uns deswegen auch so zum Essen niederlassen dürften, dass dass dass… so viele Versuche, uns immer wieder zu erklären…. Leider landen diese Versuche inmitten dieser Stadt auf keinen fruchtbaren Boden. Bleiben ungehört.

Achja, man könnte lange spekulieren, warum Menschen sich beschweren, da ist sie wieder: die Angst. Vielleicht ist es auch der Neid, dass wir draußen sitzen, uns sie selbst daheim festhängen. Vielleicht ist es auch die Unsicherheit, wie mit der „touristischen Virusbedrohung“ vor der Haustür umzugehen ist; vielleicht ist es auch Sorge, Langeweile, Stumpfsinn… keine Ahnung. Mittlerweile denke ich, dass wir auch die kommenden vier Wochen immer in Bewegung sein werden, sein müssen. Aus Gründen, die wir nicht verstehen mögen, die uns dennoch in Bewegung versetzen werden, bzw. uns immer wieder vor die Entscheidung stellen werden: in NZ bleiben oder zurück fliegen.

Heute habe ich einen Spaziergang gewagt: an die Whangarei Wasserfälle, durch den anschließenden fast Regenwaldähnlichen Park, durch die Siedlung am Fuße der Hügel und durch ein paar Straßen in Whangarei. In vielen Fenstern sitzen Teddybären, hier könnt ihr lunzen, warum das so ist: https://www.rnz.co.nz/news/national/412602/teddy-bears-in-windows-to-cheer-up-kids-during-lockdown oder hier https://www.nzherald.co.nz/bay-of-plenty-times/news/article.cfm?c_id=1503343&objectid=12319966 . Es tat gut, ein wenig aus dem Corona-Wahnsinn rauszukommen und in Natur einzutauchen. Ich will euch gleich auch noch ein paar Bilder hochladen – Pflanzen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, spannend, schön, faszinierend… Als ich zurückkam, beseelt und auch gut geschafft, ploppte auf, dass wir eigentlich auch nicht rumlaufen oder spazieren dürfen. Ja, das lässt sich finden – neben der „Erlaubnis“ für alle in NZ, mit Abstand spazieren gehen zu können. Irrsinn. Aber hey, das sind die hübschsten Eindrücke für euch:

Bis bald! Passt gut auf euch auf! Ich drück euch mal feste aus der Ferne – mit zwei Meter Abstand freilich erlaubt 😉

„Abend ward, bald kommt die Nacht
Schlafen geht die Welt
Denn sie weiss, es ist die Wacht
über ihr bestellt

Einer wacht und trägt allein
Ihre Müh‘ und Plag‘
Der lässt keinen einsam sein
Weder Nacht noch Tag

Wenn dein Aug‘ ob meinem wacht
Wenn dein Trost mir frommt
Weiss ich, dass auf gute Nacht
Guten Morgen kommt“ (R.A. Schröder)

Bleibt alles anders…

March 26th – Rarawa Beach

Kia ora! Ich freue mich, euch auch heute wieder mit der schönen Mardybegrüßung zu begrüßen =). Eine gute Nachricht zuerst: wir haben einen Generator! Das heißt: Strom zum Labby laden, ihr werdet mit Blogeinträgen zugespamt. Na, freut ihr euch jetzt schon? Wer keine Muse hat, kann ja in vier Wochen wieder vorbei schauen, hihi, dann ist hoffentlich die Geschichte des Lockdown beeendet und ihr lest wieder spannende Unterwegssein-Stories. Doch bis dahin werden es Gedanken zu und aus Coro20.

Unsere Schicksalgemeinschaft ist nun komplett: 15 „Gefährten“ unterschiedlichster Coloeur =). Wir haben nicht die Mission, zum Schicksalsberg zu laufen und den einen Ring zu vernichten, leider 😉 (obwohl ich wahrscheinlich spätestens in ein zwei Tagen den Megadrang haben werde, loszuwackeln – und ich vermute, dass es hier manch anderen auch noch so gehen wird).

Mittlerweile ist es schon der 27. März. Gestern abend hatte ich keinen ruhigen Kopf mehr, um euch weiter zu schreiben. Deswegen jetzt: einen Kaffee hatte ich und eure lieben Nachrichten bei Whatsapp habe ich zum Frühstück abgehört und dieser kleine Moment wird mir zum „Alltag“ in Coro20 werden. Kleine Rituale, wo ich doch jetzt schon nicht mehr weiß, welcher Wochentag heute bei uns ist.Ohweh =(.

Der gestrige Tag war aufregend: morgens konnte ich für unsere „Schicksals-Familie“ einkaufen fahren. Es gibt im nahegelegenen Houhura einen „Tante-Emma-Laden“, der die Region und nunmehr auch unseren Platz mit Essen versorgt. Für uns Self-Isolater heißt das aber, dass wir nicht in den Laden dürfen und auch nicht alle zum Laden kommen dürfen. Deswegen funktioniert einkaufen für uns jetzt so: am Vorabend überlegen wir uns, was wir brauchen und senden diese Liste via Email an Amy im Laden. Wir haben jetzt zwei kleine „Familien“ im Camp, für die jeweils eine Person in den kommenden vier Wochen den Einkauf abholen darf (leider darf die Person nicht wechseln, zumindest nach aktuellem Stand nicht; so dass immer der gleiche Hupsel fahren muss; für unsere Familie dürft ihr mal raten, wer das durch den gestrigen Einkauf automatisch geworden ist 😉 ). Also am Morgen des nächsten Tages darf ich also zum Hinterparkplatz des Ladens fahren und inmitten der Kisten und Stiegen parken. Dann warten. Wenn jemand an die Hintertür kommt, Hände desinfizieren, Handschuhe anziehen, Kreditkarte nehmen und alles noch mal desinfizieren. Dann die Kreditkarte in einen Umschlag des Ladens stecken und auf die Bestellung warten. Aber bitte mit mindestens 2 Meter Abstand zur Tür =). Wenn die Bestellung in einer Kiste kommt, warten, bis sie abgestellt wird, dann Kiste nehmen und abdampfen. Die Kreditkarte mit den Quittungen befindet sich dann im fröhlichen Stapel des Einkaufs. Ich bin froh, dass es eine Lösung gibt! Beim Einkauf gestern gab es noch einen kleinen anrührenden Moment: wir hatten zwei Packungen Mehl bestellt, aber die Nachricht bekommen, dass sie keines mehr haben. Als ich dann an der Ladenrampe stand habe ich darum „gebettelt“, dass sie aus der nächsten Mehllieferung zwei Packungen für uns bitte doch zurücklegen mögen. Die Verkäuferinnen schauten sich abwechselnd fragend, durchdringend, überlegend und angerührt an. Dann sagte Amy, sie habe für ihre Angestellten etwas zurückgelegt und davon würde sie uns zwei Päckchen abgeben; ein paar Augenblicke später stand ich dann dort mit meiner Kiste Einkauf und den zwei Pck. Mehl als der Chef des Ladens kommt, das Mehl sieht und sagt, er müsse mir eine Packung wieder abnehmen. Ich schaue ihn an mit meinem Mehl auf den Armen, er schaut mich an und sagt dann „This is too sad, I can`t take it, this is such a sad situation.“
Und er winkte ab und ging weg, murmelnd, wie traurig es wäre, mir jetzt das Mehl wegzunehmen.

Zwischenspiel: In den Augenblicken, in denen ich euch diese Zeilen schreibe, ist es 11.30 a.m. am 27. März und Kevin ist vor wenigen Minuten ins Camp zurückgekommen mit der Botschaft, dass er Haina und ihre Kollegen am Tor traf und sie ihn baten, zurück ins Camp zu gehen, es gäbe Neuigkeiten. Sie würden noch auf Richard warten und dann zu uns allen kommen. Jetzt warten wir, vor allem unsicher und ängstlich, befürchten, dass wir hier weg müssen, dass es zu doofe Neuigkeiten für uns gibt… Bis zum Frühstük diesen Tages war ich sehr optimistisch, einen Platz gefunden zu haben, „sicher“ und versorgt zu sein, nicht allein durchzumüssen… binnen weniger Worte bin ich zurückgeschleudert auf die maximale Ungewissheit, auf das nervige Warten… mein Herz rast schon wieder und mein Kopf dreht sich, weil alles so unsicher geworden ist.

Als ich gestern vom Einkauf zurück ins Camp kam, war die Polizei da mit der Absicht, das Camp zu räumen… (dieser Teil konnte am 27. März nicht beeendet werden, weil in diesem Moment die Doc-Mitarbeiter mit der Polizei kamen).

March 28th – 10.26 pm – Whangarei

Ich weiß gar nicht, wo ich so richtig anfangen soll mit erzählen, denn so vieles ist in den letzten 24 Stunden gewesen. Schon am 26. März wollte die Polizei unser Camp räumen; letztendlich haben sie es gestern getan. Die offizielle Begründung war, dass sie uns im Camp nicht gut versorgen können und es keine medizinische Hilfe im Notfall geben könnte. Als wir so im Rarawa Beach Campground standen, war ich traurig, denn es war ein schöner Platz für die vier Wochen und letztendlich hatten wir auch am 26. März Lösungen für alle Fragen gefunden: Strom, frisches Wasser, Essen, Toiletten, Duschen… deswegen hatte ich auch gedacht, dass wir dort die kommende Zeit gut aufgehoben wären. Doch das, was Neuseeland gerade auch „ausmacht“: Pläne ändern sich täglich und manchmal auch stündlich. Deswegen gab es am 27. März einen neuen Plan. Und der hieß: Konvoi nach Whangarei, dort gäbe es einen Platz mit allem Notwendigen für uns. Der Abschied von Haina und Richard war traurig, und doch bin ich auch froh, dass die beiden ein wenig durchatmen können… und doch hatte ich auch das Gefühl, dass die beiden traurig waren, dass wir „abtransportiert“ wurden. Unser Konvoi brauchte gut 4 Stunden für die 200km nach Whangarei und ich weiß gar nicht, wie ich euch das Gefühl beschreiben kann, als wir am „Zielort“ ankamen: ich hab gedacht, dass ich ausrasten muss. Die Polizei brachte uns zu einem öffentlichen Parkplatz mit einer öffentlichen Toilette, die Zeugnis von den vorherigen Nutzern ablegte (wenn ihr versteht, was ich meine) und die wir eigentlich auch nicht nutzen durften. Keine Duschen. Kein Strom. Keine Möglichkeit, an frisches Wasser zu kommen oder das portable Scheißhaus =) zu leeren. Nicht nur wir waren in diesem Moment überfahren und überfordert; auch der Polizist, der uns „ablieferte“, dessen Auftrag es war, uns dorthin zu bringen, war sehr angespannt. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, in diesem Land keinen Platz mehr zu haben. Seine Reaktion war auch fragwürdig: auf unser Fragen, wer zuständig sei, gab er die Antwort „the prime ministre“; wir fragten, was passiert, wenn wir weiterfahren: dann würde man uns ggf wieder stoppen, festsetzen und „deportieren“. Wir könnten die Botschaft anrufen. Und dann zischte er ab. In diesem Moment stellt ich fest, wie sehr wir uns schon als kleine „Familie“ verstehen: jeder versuchte nach seinen Begabungen und Möglichkeiten eine Lösung zu finden. Letztendlich verdanken wir es besonders der Beharrlichkeit von Dominic, dass wir heute morgen vom Whangarei Council auf einen neuen Platz eskortiert wurden. Zwar stehen wir nun auch wieder auf einem Parkplatz, haben aber nicht mehr Straßen vor der Nase sondern ein wenig Grün, denn wir stehen neben einer Trainingsanlage des Soccerteams und im besten Fall können wir auch in den kommenden vier Wochen deren Duschen, Toiletten und Aufenthaltsräume nutzen. Das wäre der Hammer! Derzeit mal wieder Warten, denn in eineinhalb Stunden will jemand kommen und uns alles Weitere erklären.

Es gibt zum Glück noch eine kleine gute Neuigkeit: ich kann meinen Campervan fünf Tage länger haben als bisher gedacht, d.h. bis zum sechsten April und dann muss neu geschaut werden, denn es kann ja auch sein, dass sich die Situation bis dahin wieder geändert hat. Und zum Glück muss ich für die Verlängerung auch nix zahlen! Yeah!

Viele von euch denken an mich in dieser Situation, habt Dank für all eure Nachrichten, Bilder, Lieder und Sprüche. In den kommenden Tagen will ich euch nach und nach mit Ruhe darauf antworten. Noch fühle ich mich gehetzt, noch fühle ich mich „in der Schwebe“, noch habe ich die volle Anspannung in mir. Ich bin müde, soo müde von all den Unsicherheiten, dem unfreiwilligen und nicht selbst bestimmtem „Unterwegs“ sein. Ich kann nur ahnen, wie es Menschen geht, die nicht wissen, was in den kommenden Stunden, die kommende Nacht oder die nächste Woche kommen wird; Menschen ohne Obdach, Menschen ohne Schutz, Menschen ohne Zuhause, Menschen ohne Sicherheit, Menschen ohne Schutz, Menschen die keinen Platz haben, an dem sie gewollt sind…. Wie muss es sein, so zu leben; wie muss es all jenen gehen….

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