Autor: sus (Seite 12 von 16)

Überfahrt zur Südinsel

May 25nd – upper moutere (Südinsel)

Grrr, ich bin gerade sauer auf meinen Rechner! Hab euch schöne Zeilen geschrieben und dann hat er sich einfach verabschiedet; ohne zu Speichern, ihr ahnt es schon. Also krame ich jetzt in meinem Hirn nach dem, was ich euch schon geschrieben hatte, versuche es noch mal zu tun, ahne, dass das schwer wird, nehme mir vor: speichern nach jedem Satz, denn das soll mir nicht noch mal passieren!

Ich will das „Pferd von hinten aufzäumen“, deswegen zunächst ein paar Worte zu dem Ort, an welchem ich jetzt stehe:

Upper moutere liegt auf der Südinsel Neuseelands im Tasman district, wenige Kilometer nordwestlich der Stadt Nelson. Hier wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts die erste lutherische Gemeinde Neuseelands gegründet. Und daneben gibt es in diesem Örtchen auch das (wahrscheinlich) älteste Pub des Landes (1850 gebaut). Die ersten Familien, die sich hier niederließen kamen auch aus dem norddeutschen Raum: die Familien Drögemüller, Heine und Bensemann. Bis 1917 hatte der Ort aufgrund der deutschen Siedlungsgeschichte den Namen „Sarau“. Die ersten deutschen Siedler starteten am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1842 in Hamburg und schifften mehr als sechs Monate nach Neuseeland über. Der Kahn hieß übrigens „St. Pauli“. Laut mehrerer Quellen landeten sie am 14. Juni 1843 in Nelson. Dort gründeten sie zunächst das „Sankt Paulidorf“, welches aber zügig überschwemmt und zerstört wurde. Manche gaben auf und suchten sich eine ganz andere Insel (Australien) oder wanderten weiter nach Süden; andere blieben in der Region darunter o.g. Familien. Da die Siedler vorwiegend aus dem norddeutschen Raum stammten, waren sie zumeist lutherisch geprägt, unter ihnen auch Pastor Heine mit seiner Frau Anna, die nach Sarau kamen und die St. Pauls Church mitbegründeten, die erste lutherische Kirche Neuseelands. Und deswegen finden sich noch heute Familien mit deutschen Namen hier; auf dem Friedhof gibt es deutschsprachige Inschriften auf Grabsteinen… Und vielleicht fragt ihr euch jetzt noch, warum das kleine Nest nicht mehr Sarau heißt? Nun, im Zuge des Ersten Weltkrieges benannte man nicht nur Ortschaften in Neuseeland um, auch viele Familien änderten ihre Nachnamen bzw. Wandelten sie ab, damit man ihnen den deutschen Ursprung nicht mehr direkt anmerkte. So wurden bspw. aus „Neumann“ „Newman“ und „Sarau“ eben zu upper moutere. Heute ist upper moutere ein kleines, leicht verschlafen wirkendes Nest mit einer unglaublich großen landwirtschaftlichen Produktion von Obst, Wein und Hopfen.

Und wahrscheinlich fragt ihr euch nun auch noch, warum ich hier gelandet bin? Nun, das liegt ganz klar an den letzten Tagen in Wellington, die ich im Hause der Familie Whitfield verbringen durften. Gemeinsam mit Mark, dem Bischof der lutherischen Kirche Neuseeland, habe ich einen Reiseplan für die Südinsel erstellt und er hat seine Kontakte spielen lassen und mir dadurch einen Platz mit Dusche, Küche und WC für die kommenden zwei Nächte ermöglicht! Ich bin voller Dank über die letzten Tage, über die Zeit mit dieser wunderbaren Familie, die so offen und liebevoll war, mir einen warmen und trockenen Platz zu geben, einer Fremden! Und mir damit ein wenig Urlaub von meiner Reise ermöglicht haben, so dass ich neue Kräfte für die vor mir liegenden Tage auf der doch sehr winterlich daherkommenden Südinsel Neuseelands verbringen kann.

Heute wurde ich auch ein wenig an meine liebe Ex-Kollegin (Ex-Kollegin, weil ich da ja nicht mehr arbeite) Franzi erinnet; sie hat in einem der Seminare als Kennenlernfrage gestellt „Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan oder erlebt?“. Knifflig? Gerne noch mal lesen! Ein wenig war das heute auch bei mir der Fall: zum ersten Mal bin ich heute allein mit einem Auto auf einer Fähre gefahren; zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtig seekrank und: zum ersten Mal in meinem Leben habe ich ein Erdbeben erlebt (Stärke: 5.8 nördlich von Wellington). Es muss eines der Erdbeben gewesen sein, das man auf beiden Inseln Neuseelands bis fast in alle Ecken gespürt hat; ich selbst saß gerade im Auto an der Fähre und habe gewartet, reinfahren zu können. Zu Beginn fühlte es sich an, als wäre starker Wind an meinem Auto rütteln, doch dann wackelten und schwankten die Autos in unterschiedliche Richtungen und es war klar: das ist kein Wind. Am stärksten Punkt habe ich den Unterschied gemerkt, kann ihn aber auch kaum in Worte bringen… Ich bin froh und dankbar, dass alle Fahrt so behütet war und ich jetzt hier gelandet bin! Möge das auch weiterhin so sein 🙂 . Morgen fahre ich weiter Richtung Golden Bay & Abel Tasman Park. Und irgendwann in den nächsten Tagen könnte ihr wieder von mir lesen 🙂 Passt gut auf euch auf!

Engel an Himmelfahrt

May 22nd – Wellington

Zunächst wünsche ich euch nachträglich: Happy Himmelfahrt! Frage mich doch gleich, wie dieses Jahr der Feier-Vater-Tag bei euch so war? In Neuseeland begeht man den Himmelfahrtstag kaum, erst recht nicht im Level 2, in dem fast alle Kirchen noch geschlossen haben. Für mich begann der gestrige Tag mit einem Besuch in der Werkstatt. Nun da alles gut ausgegangen ist, mag ich euch auch davon erzählen. Folgendes war am 20. Mai passiert: auf dem Weg von Cape Palliser nach Lake Waiparawa fiel an einem Berg abwärts kurz vor einer Kurve die Bremse aus. Mein erster Gedanke war: oh weh, ich bin so müde, ich habe die falsche Pedale erwischt! Also trat ich kräftig aufs Gas. Ihr ahnt: das ging nach hinten los. Der Wagen wurde noch schneller. Nun muss man folgendes Wissen: an den Kurven Neuseelands steht immer vorab der Neigungsgrad bzw. Die Winkelangabe der Kurve. Steht da ne große Zahl, dann kann man das relativ gelassen sehen, 65 -85 easy peasy. Nun, vor dieser Kurve, an dem die Bremse nicht mehr mit mir kooperierte, stand eine 45. Scheiße. Ich schaltete die Motorbremse zu, zog die Handbremse und trat noch mal kräftig beherzt auf das richtige Pedal. Und siehe da: endlich tat sich was und der Wagen bremste ab. Gerade noch rechtzeitig. Meine Küche im Auto flog kräftig durcheinander, Kissen und Wärmflaschen taten es gleich, mein Herz setzte gefühlt für ein paar Schläge aus und wurde dann auffallend schnell. Mein Atem ging schlagartig rasant. Tausend Engel hatten mich umgeben und auch dafür gesorgt, dass hinter mir kein Auto kam und auch keines entgegen. … Den Rest der Strecke schlich ich zum Parkplatz, kochte Essen und schrieb euch einen Blogbeitrag über den sehr fröhlichen und glücklichmachenden Teil meines Tages. Diesen Schrecken wollte ich bewusst aussparen, denn ich ahnte, dass zu viele von euch nervös an den Fingernägeln kauen würden bis ich in Wellington bei der Werkstatt ankam… Ich schrieb meinem Autovermieter und er organisierte eine Werkstatt, die nächstgelegene eben in Wellington. Also schlich ich gestern nach zwei Kaffee am Morgen nach Wellington. „Zum Glück“ nur ein Pass und sonst fast eben. Die Werkstatt war fluchs und innerhalb von 3 Stunden war der Schaden behoben. Sie mussten alles austauschen, neben den Bremsbelägen auch die Bremsschläuche, die Handbremse und die Bremsflüssigkeit… und das beste: er bestätigte nochmals: da wurde Murks verbaut, aber jetzt hat die Karre, was sie an Bremsen braucht. So kann ich getrost am Montag auf die Südinsel fahren. Gestern und heute habe ich das Auto vorsichtig „getestet“, läuft und bremst und kann sogar am abschüssigen Berg parken. Yeah!

Zwei andere Dinge mag ich euch heute noch erzählen:

Seit gestern versuche ich, meinen Visa-Status zu erfragen bzw. zu ändern. Die neuesten Nachrichten waren dann nämlich doch, dass Visa trotz Corona nicht einfach so verlängert werden (wie vor ein paar Wochen angekündigt), man muss dies beantragen und sich per Mail bestätigen lassen. Im Zuge dessen habe ich auch überlegt, mein Holiday Visa in ein Work-Visa zu verändern. Sollte ich doch – wie leider derzeit nur absehbar – bis mindestens September hier bleiben müssen, werde ich arbeiten müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. Erntehelferin, Farmhelferin, Supermarkt einräumen oder an einer Kasse im Skigebiet sitzen – die Möglichkeiten sind gerade zahlreich. Um genau zu erfragen, wie in Level 2 und Corona Zeiten so etwas vonstatten gehen kann, habe ich nach erfolgloser Suche im Internet die deutsche Botschaft Wellington angerufen. Ich war der Meinung, dass sie doch wissen sollten, wie so etwas für Deutsche vollzogen wird, aber wahrscheinlich habe ich den zuständigen Telefonisten beim Morgenkaffee gestört, er blaffte auf Deutsch: „Da sind wir nicht zuständig.“ Gut, ich hatte wahrscheinlich auch zu viel erwartet: höflichen und respektvollen Umgang. Ähm, urplötzlich erinnerte ich mich an den Amtston der meisten deutschen Behörden – ein Stück Heimat in Neuseeland. Ohweh. Also gut, dann rufe ich eben die neuseeländischen Behörden an. Erste Wahl: Immigration Center. Und siehe da, eine freundliche fröhliche Stimme fragt mich zuerst, wie es mir geht und dann, wie sie mir helfen kann. Berät mich freundlichst, was ich zu tun habe und bedauert ausdrücklich, dass alle Büros derzeit geschlossen sind und ich mich durch die Onlineformulare der Seite klicken muss. Sie wünscht mir Erfolg und einen schönen Tag. Himmelweiter Unterschied zu dem deutschen Miesepeter vor 10 Minuten! Es beginnt eine Tortur englischer Seiten, die ich nur mit Hilfe Britannys bewältige (wer Britanny ist, erzähle ich euch dann gleich). Am Ende eines wirklich langen Klickweges steht die Aufforderung, eine AA Post- und Photostelle zu besuchen, den Ausweis und die Vorgangsnummer mitzunehmen. Vier Stellen dieser Art gibt es im Raum Wellington und ich wähle diejenige, die zwar am weitesten zu fahren ist (aber hey, da kann ich gleich noch mal die Bremsen testen!) und denke auch, da werden wahrscheinlich nicht so viele Menschen stehen. Pustekuchen =) ! Als ich dort ankomme, ist die Schlange gefühlt einhundert Meter lang. Per sms muss man sich anmelden – klappt mit meiner neuseeländischen Prepaidkarte leider nicht… Ich stelle fest: AA Center erinnert mich an Bürgerbüro Leipzig. Irgendwann kommt eine unglaublich freundliche Mitarbeiterin heraus (gut, ab da hinkt der Vergleich zum Bürgerbüro, niemals würde da jemand rauskommen =) )und fragt jeden, was er möchte. Ich sage ihr, dass ich mich nicht anmelden konnte, aber dringend mich und meinen Pass einer Behörde zeigen soll, um mein Visa zu verändern. Sie zwinkert, winkt mich an der Schlange vorbei und binnen zehn Minuten ist alles erledigt. So heißt es jetzt: 5 Tage warten, dann sollte ich online alles Weitere beantragen können. Drückt mir die Daumen!!! Sollte das schiefgehen, hänge ich ab 15. Juni ohne gültiges Visa fest. Argh, mag gar nicht daran denken. Als „Kopffreikriegen“ bin ich im Anschluss auf einen der Hausberge Wellington geklettert, habe mir den Wind um die Ohren und die schweren Gedanken aus dem Kopf pusten lassen. Immerhin ging so viel Wind, dass alles an mir flatterte und ich mühe hatte, gerade auf der Bergspitze zu stehen 😉 Tolles Erlebnis!

Etwas anderes mag ich euch noch kurz erzählen: die Schutzengel der letzten Tage sind mir auch direkt begegnet. Als ich gestern in Wellington ankam, hatte ich mich mit Mark Whitfield zum Mittagessen verabredet. Er ist der Bischof der lutherischen Kirche Neuseelands und mit dem Ensemble Nobiles bekannt – so kamen wir zueinander. Und mitten im Mittagessen fragt er mich, wie ich gerade so „wohne“. Ich grinse und erzähle ihm von der ersten Nacht im Camper um den Gefrierpunkt. Er schaut mich etwas verwirrt an und bietet mir dann an, bis Montag in seinem Haus mit seiner Familie zu wohnen, in einem richtigen Bett zu schlafen und seine Dusche zu nutzen. Ich bin platt. Eigentlich kennt er mich nicht. Als er sieht, dass ich zögere, lächelt er und sagt, dass er und seine Familie sich freuen würden, mir zu helfen. Und so nehme ich das Angebot sehr gerne an. Unter zwei Aspekten ist dieser Moment für mich besonders: ein Fremder lädt mich zu sich ein, an seinen Tisch, in sein Haus, in seine Familie. Und noch besonderes wird es als ich Folgendes bedenke: in Level 2 darf man nur einer neuen Bubble seine Tür öffnen und er sagt, dass ich diese Bubble sein soll und darf. D.h. im gleichen Atemzug auch: niemand sonst darf in sein Haus kommen.

Ich sage euch: da sind Engel am Werk! Aus tiefstem Herzen kann ich sagen: dem Himmel sei Dank!

An der Südspitze der Nordinsel

May 20th – Lake Wairarapa im Süden der Nordinsel

Es ist halb fünf Uhr am Nachmittag. Die Sonne ist gerade hinter den Bergen verschwunden und augenblicklich wird es kalt. Wird wohl doch nix mit länger gemütlich draußen sitzen =).

Gestern bin ich den langen Weg von Kawhia an die Südspitze der Nordinsel gefahren. Der eigentliche Gedanke dahinter: Der Winter hat in Neuseeland Einzug gehalten. Ich merke es an den kalten Nächten, in denen ich nunmehr alle drei Wärmflaschen und auch schon Teile der dicken Kleidung beanspruche; ich merke es an den weniger werdenden Lichtstunden am Tag. So dachte ich mir, ich fahre jetzt einfach direkt auf die Südinsel und besuche all die sehenswerten Stätten der Nordinsel auf dem Weg zurück. Und wenn ich schon mal in der Nähe Wellingtons bin, wollte ich unbedingt die Putangirua Pinnacles erwandern. Diese Felsformation am Cape Palliser ist gekennzeichnet durch starke Erosion und zu Weltruhm gelangt in Herr der Ringe Teil 3, als Aragon sich auf dem Pfad der Toten Richtung Mordor begibt. Gestern abend habe ich dann mein Auto direkt auf dem Campingplatz zu Füßen des Wanderwages abgeparkt und die allererste Nacht allein in freier Wildbahn genächtigt. Ich darf euch sagen: ein wenig mumlig war mir schon, zumal ich im Dunklen ankam und nicht sehen konnte, was um mich herum eigentlich so los ist. Heute morgen, nachdem mich Knacken und Rascheln der Tiere schon nicht richtig schlafen gelassen hatte, bin ich aus meinem Auto gekrochen und stand direkt zwischen Bergen und Meer. Herrlich war das! Nach einem Kaffee und einem kleinen Frühstück bin ich losgewandert und habe nach knapp hundert Metern festgestellt: der Wanderweg ist kein richtiger Weg, es geht 2km durch ein Flussbett! Keine Hürde für mich, Dank Anne bin ich bestens beschuht und selbst die anteilige Flussduchquerung macht meinen Schuhen und meinen Füßen nichts aus. Gegen Ende des Tracks klettern man förmlich über das Geröll, ich ahnte schon gar nicht mehr, an ein Ziel gekommen und dann fast plötzlich ragten sie vor mir auf: Putangirua Pinnacles! Ich stoppe. Höre mein pochendes Herz, meinen schneller gehenden Atem (ganz so fit bin ich bekanntlich ja nicht, hihi) und ansonsten ist es still um mich herum. Manchmal knackt leise ein Ast, ein Steinchen löst sich aus den Felsen und hopst mir entgegen – ja, so witzig, wie sich das anhört, war es nicht, denn wo sich ein Steinchen lösen kann, da kann auch ein Brocken hinterher donnern. Also bin ich ganz leise weiter gestiegen, bis ich am Ende der Schlucht angelangt war, der Ausblick war atemberaubend!

Zurück beim Camper hielt ich mich nicht lange auf, wollte ich doch noch zum Leuchtturm des Cape. Die Straße schlängelt sich entlang der Küste, mal ist sie ausgewaschen, mal so schmal wegen der Erosion, dass ich Bange habe, ob mein Camper das mitmacht, mal muss ich einen Fluss durchqueren, der über die Straße läuft. Offroad – so fühlt es sich an – ist aber eine ganz offizielle Straße des Landes. Kurz vor dem Leuchtturm halte ich an: da liegt was im Gras. Was großes Braunes, was ist das? Ich steige aus. Mein Atem stockt. Es bewegt sich und ja, es ist eine Robbe. Oder ein Seelöwe? Keine Ahnung, es ist gewaltig und es hat riiiieeesige große braune Augen. Wir stehen uns Auge in Auge, bis sich das Tier in Bewegung setzt unter großem Geheul und nun sehe ich, dass da mehr sind. Ach was sag ich, viel mehr sind da! Mindestens 100 braune, schwarze Robben (oder Seelöwen – bin leider nicht so gut bewandert) sonnen sich, spielen miteinander, putzen sich und jagen im Meer. Ich suche den nahe gelegenen Parkplatz und Laufe in die Kolonie hinein. Sie dulden mich. Manche starren mich an, andere lassen sich gar nicht beirren. Fast eine Stunde bin ich mitten unter ihnen, sitze auf einem Felsen, lausche, beobachte und staune. Es ist so ergreifend und bezaubernd. Als ich mich zurückziehe, übersehe ich eine Robbe im Gras und komme ihr zu nah. Sie schnellt hoch, bellt mich an und kommt auf mich zu „gehopst“. Rauscht dann doch an mir vorbei zu den anderen. Da ging mir dennoch kurz richtig die Muffe, war sie definitiv größer als ich!

Auf dem Weg zum Lake Waiparawa komme ich in einer Schafherde zum Stehen. Auch das sollte man unbedingt einmal in Neuseeland erlebt haben! Tierische Begegnungen wie ich sie mag. Ein Video hab ich davon auch gemacht:

In den kommenden Tagen werde ich mich im Raum Wellington aufhalten, denn die nächstmögliche Fähre, die mich mitnehmen kann, geht am Montag morgen. Dafür habe ich ein Ticket und bin schon sehr gespannt – mein erstes Mal allein mit Auto auf einer Fähre. Herzklopf =).

Und nun noch die Bilder der letzten Tage:

On the road again…

May 18th – Kawhia (Westküste Nordinsel)

Liebste Menschen in nah und fern, nun gut, vor allem in der Ferne! Ich hoffe sehr, dass es euch gut geht! Seit einigen Tagen nun bin ich wieder allein unterwegs. Seltsam ist es noch immer, denn eine lange, wirklich lange Zeit, war ich nicht allein. Manchmal fehlt mir der Austausch, das kurze Gespräch zwischendurch und doch weiß ich, dass es eine Menge von euch da draußen gibt, die an mich denken und die ich zu jeder Tag-und-Nacht-Zeit anrufen könnte. Ich will überhaupt nicht klagen, denn dazu gibt es wirklich keinen Grund, will euch nur wissen lassen, dass allein sein gerade seltsam ungewohnt ist. Ich brauche bestimmt ein paar Tage, um wieder in meinen Groove zu kommen.

Von Whangeruru aus bin ich nach Westen gestartet, habe Kawakawa passiert und bin in den Waipoua forest gefahren. Dort stehen zwei sehr alte Bäume und Dank Level 2 und der Möglichkeit wieder ein paar Dinge anzuschauen, konnte ich einen der beiden besuchen: Tane Mahuta. Er ist der „Herr des Waldes“. In der Götterwelt der Mardy ist Tane der Sohn von Ranginui (Vater Himmel) und Papatuanuku (Mutter Erde). Er ist der Lebensschenkende, alle lebenden Kreaturen sind seine Kinder. Er ist der größte lebende Kauribaum Neuseelands und es ist schwer zu bestimmen, wie alt er wirklich ist. Sicher ist, dass er mindestens 2000 Jahre alt ist. Mindestens. Dass heißt, um die Zeit Jesu könnte er begonnen haben zu wachsen. Die Dimension von Tane ist: knapp 52 Meter hoch und ungefähr 14 Meter Durchmesser. Niemals zuvor habe ich ein solch altes und ehrwürdiges Lebenwesen gesehen. In seinem Schatten zu sitzen und mir zu überlegen, was er alles gesehen und erlebt und auch überlebt hat. Es ist ein Gefühl, dass ich nicht oder nur sehr schwer in Worte fassen kann; auf jeden Fall: besucht ihn, wenn ihr könnt!.. Casey erzählte mir, dass 2014 dumme Idioten versucht haben, Tane Mahuta zu töten. Sie haben Löcher in seinen Stamm gebohrt und versucht, ihn anzuzünden.Zum Glück haben sie es nicht geschafft. Das Ergebnis: keiner darf Tane Mahuta mehr zu nahe kommen, ihn berühren, er hat nun seinen ganz eigenen Bodyguard, der tagsüber vor ihm auf einer Bank sitzt und die Besucher Tanes scharf im Auge hat.

Mein nächster Stopp war Waipu, eine kleine Stadt an der Ostküste. Herrlicher weißer, endloser Sandstrand und das erste Mal auf einem Campingplatz in Neuseeland gewesen. War einfach zu müde, um mir noch einen freedom-camping-spot zu suchen.

Von Waipu aus bin ich gestern über Auckland nach Kawhia gefahren. Zum Shoppen gab es einen Stopp in der Mall von Silverdale – vor allem lange Unterwäsche habe ich dringend gebraucht, die Nächte werden kälter. Ein wenig habe ich an meine Großeltern gedacht, die derlei Dinge ganz selbstverständlich trugen 😉 Inzwischen sieht das ja alles hochmodern aus und lässt sich kaum als Unterwäsche erkennen.

Kawhia ist eine winzige Küstenstadt an der Westküste zwischen Hamilton und New Plymouth. Auch hier habe ich mir einen Campingplatz gesucht, um Wäsche zu waschen und meine Geräte zu laden. Dabei fasse ich gleich auch noch kostenloses W-Lan ab, so dass ich euch heute viele Bilder zeigen kann =). Da es gestern sehr spät war, habe ich nur einen kleinen Spaziergang durch das Städtchen gemacht; heute dann bin ich nach Aotea und an den Ocean Beach gefahren. In Aotea gibt es abgesperrte Naturgebiete, in die seit vielen Jahren kein Mensch mehr eintreten oder anlegen darf. Wahnsinn, wie unberührt das alles aussieht! Und am Ocean Beach gab es dann mein persönliches Highlight Neuseelands bisher: eine heiße Quelle, die man bei Ebbe am Strand sucht, sich dann ein Loch gräbt und hineinhopst. Badewanne outdoor, das war der Hammer!

Ich bin auch heute wieder müde und auch ein wenig schriebfaul. Lade euch jetzt die Bilder hoch und wünsche euch nunmehr noch viel Vergnügen beim Anschauen! Bis ganz bald! Eure Susann

Day 51

May 13th – zum letzten Mal: Whangeruru

Heute schreibe ich euch zum wirklich allerletzten Mal aus der Wharf Road 111 in Whangeruru. Tag 51 neigt sich dem Ende und damit auch die Schicksals-Zwangs-Gemeinschaft. Morgen früh reiten die ersten gegen 7 Uhr vom Hof Richtung Auckland. Ich werde gemütlich starten, frühstücken, noch mal heiß duschen, mich bei Sam verabschieden und dann starte ich entweder nach Norden oder Westen. Das ist abhängig von Haina.

Könnt ihr euch noch an Haina erinnern? Das war der Engel, der mich in den ersten Tagen der Self-Isolation und des Lockdown Far North unterstützt hat. Als ich mich Ende März von ihr verabschiedet habe, versprach ich ihr ein Bier nach dem Lockdown. Gestern hab ich ihr geschrieben und nun harre ich ihrer Antwort. Wenn sie Zeit hat, fahre ich morgen Richtung Kataia.

Sollte nix kommen, werde ich Richtung Westen starten mit dem Ziel Waipoua Forest. Dort gibt es den größten Kauri-Baum, den Tane Mahuta. Er soll über 2000 Jahre alt sein und wächst noch immer. Sein stattlicher Name: „Lord of the forest“. Und es gibt noch viele andere schöne Geschichten über den Waipoua Wald – die verrate ich euch dann aber erst nach meinem Besuch gespickt mit ein paar Impressionen 😉

Wie war der letzte Tag hier, fragt ihr euch vielleicht? Nun, was soll und darf ich schreiben. Ich zeige euch gern eines der Bilder, die wir heute gemacht haben. Der ältere Herr in der Mitte des Bildes ist übrigens unser Held Grant, der Mitarbeiter des Whangarei District. Er war heute noch mal da, um uns zu verabschieden und seine Bücher und Spiele abzuholen, die er uns für den Lockdown ausgeliehen hatte. Wir haben ein bisschen Banana-Bread gegessen, welches Alex zusammengerührt hatte und haben uns an die letzten Wochen erinnert. Ohne Grants unermüdlichen Einsatz hätten wir die Zeit im Lockdown wahrscheinlich komplett auf einem der Parkplätze in Whangerei verbringen müssen. Er hat sich sehr für uns eingesetzt und es uns ermöglicht, hier all die Wochen sicher zu sein, ein Dach über dem Kopf, eine Dusche und auch eine Waschmaschine zu haben. In den vergangenen Tagen hat sogar die einheimische Presse über ihn berichtet und vorgeschlagen, ihm ein Denkmal zu errichten. Ich stimme zu!

Ansonsten war der letzte Tag in dieser Konstellation… „er fand statt“. Diejenigen unter euch, die mich ein wenig kennen, wissen, wenn ich sage, dass „etwas stattfand“, dann bin ich zum Einen froh, dass es vorbei ist und zum Anderen kann ich auch kaum etwas Gutes darüber fallen lassen. Es war ein Tag, der mir noch mal gezeigt hat, dass die Tage hier zum Glück gezählt sind und dass es reicht mit neun anderen festzusitzen.

Es ist Zeit!

May 11th – Wangeruru

Es ist kurz nach sieben Uhr abends. Ich sitze am Küchentisch in „unserem“ Haus und versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Das fällt mir gar nicht so leicht und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich einen klaren Satz formulieren kann, folgende Soundkulisse: deutsche und englische Gespräche auf der Couch, Diskussionen über das Zubettgehen oder Duschen oder Zumfeuerlaufen… tschechisch geführte Diskussionen am Herd (keine Ahnung welchen Inhalts), Kochgeräusche, Abwaschlärm, Bierzischen, Geraschel und Gewürsche mit Plastiktüten und untermalend seit fast vier Stunden der Fernseher mit den Nachrichten immer wieder selben Inhaltes. Ja, es ist ein Abend, an dem ich mich auch freue über die Nachricht, dass wir am Donnerstag dieser Woche endlich wieder reisen können, denn Neuseeland wechselt in Alert Level 2! Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass auch besonders dieser Tag dazu beitragen wird, dass ich dieser Gruppenzusammenstellung und diesem Hauswahnsinn keine Träne nachweinen werde. Deswegen klinge ich nicht so juppiduppisupidupiduuuu.

In dieser Konstellation werden wir am Mittwoch abend 51 Tage gewesen sein – um euch das noch ein bisschen deutlicher zu untermalen: das sind 4 406 400 Sekunden, 73 440 Minuten, 1224 Stunden oder für die Prozentliebhaber unter euch: 13,93 Prozent des gesamten Kalenderjahres 2020. Boah! Zu diesen 51 Tagen kommen noch 8 Tage, die ich in Selfisolation verbracht habe. So, genug der Zahlen.

Vielleicht fragt ihr euch, warum ausgerechnet dieser Tag noch mal dazu beiträgt, dass ich mich freue, wenn ich hier weg kann: heute morgen ist jemand von den neun Leuten schlimm ausgerastet, so derbe, dass ich das erste Mal Angst bekam. Und deswegen ist in mir ein ambivalentes Gefühl: ich freue mich unglaublich, diese Konstellation zu verlassen und doch schwingt auch Sorge um die kommenden zwei Tage und drei Nächte mit, denn ich fühle mich seit heute morgen nicht mehr wohl. Ja, es stimmt, alle hier sind gute Leute, wir (und ich sage bewusst wir und schließe mich mit ein) waren all die Wochen sehr bemüht, haben uns zusammen gerissen und versucht, das Beste aus der misslichen Lage zu machen. Der heutige Morgen hat jedoch auch gezeigt: es reicht. Es ist Zeit! Umso erleichterter bin ich über die Entscheidung der neuseeländischen Regierung.Ich bin nicht voller Jubel, aber ich bin erleichtert. Anspannung fällt ab und ich bin sehr müde. Wahrscheinlich werde ich zeitnah in meinen Camper kriechen, ein wenig Hörbuch hören, mich an meine Wärmflasche kuscheln und vielleicht auch ein wenig überlegen, wohin ich am Donnerstag fahren werde. Die „Planung“ kann jetzt losgehen – fühlt sich noch ganz unwirklich an.

Heute ist übrigens der 11. Mai. Häh? Warum unterstreicht sie das denn noch mal so? Verrate ich euch: Heute vor einem viertel Jahr bin ich aufgebrochen und eigentlich will ich heute in einem viertel Jahr wieder in Deutschland sein, also: „Bergfest“. Vielleicht verirren sich manche von euch noch auf den Button „Reiseroute“ – ich verrate euch ein Geheimnis: die Route ist hinfällig. Sehr wahrscheinlich wird eine Reise nach Südamerika aufgrund mangelnder Flüge in ein paar Wochen nicht stattfinden können. Und so schlage ich gefühlt ab Donnerstag eine neue Seite im Schreibheft auf und lasse mich überraschen, welche Bilder und Begegnungen sie in den kommenden drei Monaten füllen werden. Weltreise mit Corona geht weiter! Yeah!

Happy & Healthy

May 9th

Kurz vor halb zwölf Mittag klingelt mein Telefon. Sam, unser Nachbar, ruft mich an. Das hat er noch nie getan. Ich erkenne ihn erst nicht, dann fällt der Groschen und ich frage ihn nach allem fröhlichen „How are you?“, warum er mich anruft. „Da sitzen neun Spoonbills (im Deutschen: Löffler) vor meinem Haus, ich dachte, du willst ein paar Fotos von ihnen machen“, sagt er. (Kurzer Exkurs: Vor ein paar Tagen hat mich Sam mit meiner Kamera gesehen und er fragte mich, was ich da fotografiere. Natur, Pflanzen und Tiere, sagte ich ihm und zeigte ihm eine gut gelungene Bilder. Ob er wisse, was das für Pflanzen sei… wir kommen ins Gespräch und tags darauf bringt er mir ein Buch über einheimische Pflanzen und noch einen Tag später ein Büchlein über neuseeländische Vogelarten. Und deswegen, ruft er an und fragt mich. Exkurs Ende.)

Also Sam fragt mich: „Da sitzen neun Spoonbills vor meinem Haus, ich dachte, du willst ein paar Fotos von ihnen machen.“ Ich zögere kurz, suche für einige Momente nach einer Ausrede und gebe mir letztendlich einen Ruck. Auf meiner Reise wollte ich offen sein und neugierig, mich auch mal ungeplant auf Situationen und Vorschläge einlassen. Also: heute übe ich das. Ich sage zu, brauche ungefähr 15 Minuten um meine Schuhe und meine Kamera zu schnappen und stehe gegen 11.50 Uhr vor seinem Haus. Ich muss ihn rufen, denn ich sehe ihn nicht. Jetzt muss man etwas über Sam wissen: wenn ich Haus schreibe, dann meine ich ein Heim, aber bitte stellt euch kein Haus vor, wie ihr es kennt. Es ähnelt einer Laube, zusammengeschustert aus Wellblech und Brettern, Planen und Paletten. Unter einer dieser Planen tritt Sam breit grinsend hervor, er freut sich, dass ich gekommen bin. Besuch habe er schon sehr lange nicht gehabt. Freudestrahlend bittet er mich in sein Haus, bietet mit den besten Stuhl an (er besitzt nur einen, das andere sind Baumstammhocker) und einen Kaffee, doch ich lehne zunächst ab. Ich habe das Gefühl, erst ein wenig „ankommen“ zu wollen an diesem mir so fremdem Ort und frage ihn nach den Spoonbills. Er führt mich durch das Haus, wenige Schritte dahinter beginnt das Meer. Wir gehen ein Stück am Strand, lassen uns auf ein paar Holzpaletten nieder und ich fotografiere die Spoonbills. Es kommen mehr Meeresvögel und er zeigt sie mir alle, erzählt was er von ihnen weiß, lächelt, freut sich und beteuert immer wieder, wie gut es ihm geht und wie glücklich er ist. Seine Hündin „Lady“ gesellt sich zu uns. Sie ist fünf Jahre alt und unglaublich kuschelbedürftig. Ich freue mich, denn endlich habe ich wieder einen Hund zum Kraulen in den Fingern 😉 .

Dann habe ich auch das Gefühl, angekommen zu sein und ich glaube, Sam merkt es auch, dass ich mich wohler fühle. Er fragt mich nochmals, ob ich etwas trinken möchte und ich lasse mich auf dem Stuhl nieder und freue mich über den heißen dampfenden Kaffee. Wir kommen ins Plaudern, über das Leben so weit weg von der Stadt, wir reden über Wasser und Abwasser, über Stürme, die ihm regelmäßig Teile des Hauses wegreißen, reden über die Viehhaltung und die Fischerei, wir reden über Gott und das Mardy New Year im Juni… er erzählt mir, dass er glücklich ist und gesund und das beides doch das Wichtigste ist. Und wie wir da so sitzen, in diesem besonderen Zuhause, in diesem besonderen Moment, ich mit Kaffee und er mit Kippe, und wie wir da so reden über das, was uns hierher gebracht hat, ihn die Arbeitslosigkeit in Hamilton und mich meine Suche, da fühle ich mich so verstanden, so ruhig, sogar ein bisschen friedlich in mir. Ich schaue auf das Meer vor der Tür, kraule „Lady“ den Kopf und fühle mich so friedlich, wie schon lange nicht mehr. Was braucht es mehr als Glück und Gesundheit? Es stimmt. Mehr braucht es nicht. Nicht in diesem Moment.

Wir schauen weiter aufs Meer. Langsam zieht die Ebbe das Wasser ab, die Spoonbills wackeln dem Ufer entlang und graben mit ihren Schnäbeln nach Krabben, Sandflöhen, Wasserläusen. Sam steht plötzlich auf, geht zum Kühlschrank und holt einen lebendigen Seeigel aus dem mittleren Fach. Den wolle er mir zeigen, er habe ihn heute morgen gefunden, ob ich probieren wolle. Ich staune über das kleine stachelige Wesen, verneine jedoch, will es nicht essen und ich erzähle ihm, dass ich Vegetarierin bin. Das sei etwas, dass er nicht kenne. Er fragt mich, warum ich so lebe und wir reden über Deutschland und Europa… vieles geht ineinander über, und ich verstehe etwas: Sam baut seine Früchte großteils an, Süßkartoffeln, Tomaten, Bananen, Beeren, Mandarinen… all das wächst auf seinem kleinen Grundstück, seine Kühe weiden hinter dem Haus, seinen Fisch und die Meeresfrüchte bekommt er direkt vor seiner Tür, ihm fehlt das Geld, viel dazu zu kaufen; was nicht wächst, gibt es nicht. Freilich könnte er die weite Strecke in die Stadt fahren und in den großen Lebensmittelketten kaufen, was er will, aber er sagt, dass er es nicht braucht. Im Winter brauche er keine Erdbeeren. Ich schmunzle und sage ihm, dass es witzig ist, dass er gerade die Erdbeeren nennt, denn auch sie sind es, die immer wieder im Freundeskreis „Anstoß“ sind, also Erdbeeren im Winter meine ich.

Wir haben zwei schöne Stunden geplaudert, geschwiegen, gelacht und gemeinsam den Kopf geschüttelt. „Wenn die Bananenblüten aufgehen musst du wieder kommen und ein Foto machen“, sagt er und ich danke ihm. Ich freue mich darauf.

Als ich den Weg zu meiner Unterkunft zurückgehe, hänge ich gedanklich noch bei ihm. Mit Frau und Kind lebt er „so“; seine Frau arbeitet in der häuslichen Pflege und betreut im Distrikt alte Menschen, die daheim leben wollen. Seine Tochter ist noch in der Schule, wobei sie nicht in die Schule gehen kann, zu weit draußen wohnt die Familie uns so läuft Schule in Form von „Homeschooling evry single day“…

„Happy und healthy, I am such a lucky man“ höre ich Sam noch in meinem Kopf. Ich bin so dankbar über diese Begegnung mit ihm, die mir leider auch noch eines gezeigt hat: es gibt eine Kluft in diesem Land zwischen „Mardy people“ und „den Weißen“, zwischen arm und reich, zwischen Land und Stadt… Jetzt sitze ich am Küchentisch und habe gleich geschrieben, um nichts zu vergessen und ich nehme mir etwas vor: ich will mir „diese Kluft“ mal anschauen, wenn ich wieder reisen darf.

Die Kacke ist am Dampfen oder: Heute gibt es Beef!

May 8th – Whangeruru

Heute gibt es Beef! Warum sagt man das eigentlich? Nun: ich befragte mal wieder das Internet und folgende Antwort wurde mir auf bedeutungsonline.de vorgeschlagen: „Im Hip-Hop, Rap und in der Jugendsprache ist der englische Ausdruck „beef“ ein anderes Wort für Streit“. (Anmerkung meinereiner: Ja, so schlau war ich ja auch schon. Es folgt großes Blabla – wenn ihr das lesen wollt, bemüht bitte eure eigenen Geräte…) Weiter gehts auf der Seite: „Eine Verbisierung von Beef wird in der Regel nicht verwendet. Es wird eher selten „ich beefe“ gesagt. (Aha =) ) „… In den USA ist „beef“ ein gängiger Ausdruck dafür, wenn jemand sich beschwert ode rmeckert. … Der englische Ausdruck „beef“ für „Beschwere“ könnte aus der Soldatensprache des 18. oder 19. Jahrhunderts stammen. Wenn Soldaten sich über die Fleischqualität und ihre Ration beschwerten, führte das „beef“ eben zum Streit.“ (Zitat Ende, over and out).

So mancher von euch fragt sich nun vielleicht: warum redet ausgerechnet SIE über Beef? Also, seit unzähligen Jahren bin ich vegetarisch unterwegs, manchmal sogar vegan, bin Verfechterin von „Denk nach, was du isst“ und versuche möglichst nachhaltig zu leben (ja, soweit das eben geht und ja, ich weiß, dass ich einen Dieselwagen fahre 😉 ). Und jetzt fängt sie an über Rindfleisch zu sprechen? Ja! Denn: die Rinderhaltung macht diese Insel kaputt. Diese wunderhübsche Landschaft wird mittlerweile von „Terrassenartigen Koppeln“ geprägt (oben gibt es dazu auch ein paar Bilder). Ja, wenn ich vor dieser Reise an Neuseeland dachte, dann dachte ich an grüne Insel, Meer, Berge, atemberaubende Landschaft und Schafe. Und ein „paar“ Schafe habe ich auch gesehen, aber vorranging sieht man auf den Inseln: Rinder. Schafe gibt es hier aktuell ungefährt zehn mal so viele wie Menschen. Die aktuelle Bevölkerung Neuseelands wird mit 4.6 Mio angegeben. Der Mathefuchs unter euch rechnet im Handumdrehen aus, wie viele Schafe es hier gibt; die anderen können ja einen Taschenrechner bemühen ;-). Laut mehreren Internetseiten werden ca. 40% der gesamten Fläche beider Inseln für Landwirtschaft genutzt und von diesen 40% sind ungefähr 90% Weideland. Überall, wo es Grün und Gras zu holen gibt, sieht man Schafe, Rinder, Schweine oder Rinder, Rinder, Rinder. Oftmals gibt es keine Zäune, so dass die Herden auch die Straßenränder abgrasen können. Deswegen heißt es eigentlich immer: vorsichtig und langsam fahren; es gibt auch eine Hotline für „wandering stock“. Zurück zu den Rindern. Aktuell gibt es wohl ca. 9 Millionen Milchkühe und ca. 4 Millionen Fleischviecher. (Da will ich mich auch nicht festlegen, aber: es sind unglaublich viele!) By the way: Ungefähr 50.000 Menschen sind in der Milchindustrie Neuseelands beschäftigt. Und deswegen gibt es „terrassenförmige Koppeln“: die Rindviecher sind einfach schwerer als Schafe, trampeln beim Grasen diese Pfade in die Hügel und am Schluss sieht es so aus. Zumindest sagen das einige Naturschützer der Inseln. An der Stelle kann ich das auch „nur“ nachreden; aber es erscheint zumindest sinnvoll. So ist die Rinderhaltung hier Segen und Fluch zugleich: großer Arbeitgeber, gutes Exportgut und doch auch eine große Blastung für Neuseeland, welches von sich doch sehr gern sagt, wie „grün und umweltgerecht“ hier alles ist. Im doppelten Sinne: es gibt Beef auf der Insel und die Kacke ist am Dampfen.

Noch ein paar Worte zu meiner aktuellen Lage: die Kacke ist auch hier im Haus am Dampfen, offenen Beef gab es (noch) nicht. Es ist eher ein unterschwelliges Brodeln, wie ein Vulkan, der bald auszubrechen droht. Grund allen Unmutes ist neben der fehlenden Rücksichtnahme hinsichtlich Sauberkeit und „ich mache meinen eigenen Dreck weg“ auch der überlaufende Abwassertank (auch dazu habe ich euch dieses Mal eines der Scheißbilder hochgeladen). Vor ein paar Wochen war der Abwassertank zum ersten Mal voll und das Scheißeauto kam. Damals stellten sich mehrere Dinge heraus: es gibt hier keine zentrale Abwasserleitung, sondern einen Tank, der einfach voll ist und dann eben voll ist. Und: der Abwassertank des Hauses ist für eine Nutzung durch 4 Peronen konzipiert, nicht für 10! Das bedeutete damals schon: überlegen, was runtergespült werden muss und was nicht. Wie Menschen sind: „Hab ich vergessen.“ „Ist mir doch egal.“ „Muss das Scheißeauto eben noch mal kommen.“ „Hebt mich doch nicht an“… argh. Der enorme Wasserverbauch des Großteils der Leute führte nun also binnen weniger Tage wieder dazu, dass der Tank voll ist. Dieses Mal wird nicht abgepumpt. Nun heißt es eigentlich: draußen pinkeln, Abwasch- und Waschmaschinenwasser nach draußen aufs Feld pumpen, Toilette nur spülen wenn es „braun“ ist und nicht „nur gelb“, Duschen nur aller drei Tage…. An sich alles gute Ansätze, um den Tank zu schonen und vor allem: die Scheiße am Schluss nicht WIEDER im Haus zu haben. Aber: nur die Hälfte der Menschen im Haus hält sich an die Abmachungen; spricht man die anderen an gibt es Beef. Manche wurden direkt angesprochen, manche reden seitedem nicht mehr mit mir… Wie im – keine Ahnung wo! Eigentlich habe ich gedacht, dass allen Erwachsenen hier Weitsicht, Rücksicht und Verständnis innewohnt, nun denn, da habe ich mich wohl getäuscht. Traurig aber wahr. Von der anfänglichen Schicksalsgemeinschaft, die sich fast freundschaftlich anfühlte, ist eine Zwangsgemeinschaft geblieben, die sich kaum noch gegenseitig sehen kann. Nun dampft und stinkt draußen die Kacke, es wird im Haus Beef gegessen und sich unterschwellig „angebeeft“. (Verbisierung von beef geht doch! 😉 )

Ich hoffe, euch steht die Kacke nicht bis zum Hals. Auf ganz bald! Liebste Grüße aus der Ferne!

Delfine in Russell

Auszüge aus meinen Bleistiftschriften von heute:

„Ich bin heute noch mal nach Russell gefahren, um Delfine und/ oder Orkas zu sehen. Zum zweiten Mal. Leider ist das Vorhaben diesbezüglich auch heute nicht von Erfolg gekrönt. Geduld haben. Pläne machen und mich dann doch einfach überraschen lassen, was mir über den Weg laufen mag. Im besten Fall ist es was oder jemand, mit dem ich nicht gerechnet habe. … Der Wind pfeift mir hier am Strand um die Ohren, zaubert mir eine Sturmfrisur, ich rieche das Meer mit allen Poren und schmecke meine salzigen Lippen. Bunte Muscheln, schwarzes Gestein und gelber Sand knirschen unter meinen Schuhen. Ich will mich entschleunigen lassen. … In der Rocky Bay treffe ich eine Touristin, die mich in unglaublich schnellem englischen Dialekt aufgeregt fragt, ob es sich lohnt, hier weiter am Strand zu laufen, ob das was irgendwas Interessantes zu sehen wäre oder kommen würde. Sie wirkt wie eine getriebene Jägerin, unschlüssig, sie will jagen, was sich „lohnt“, sie will vielleicht auch nur ihr Fotoalbum daheim mit den „besten Schüssen“ füllen. Ob sie den Moment hier erlebt? … So will ich nicht unterwegs sein. Klar, einen Delfin oder Orka in freier Wildbahn sehen, das wäre was! Doch: ich habe einen herrlichen Vogel beobachten dürfen, der auf den ersten Blick aussah, wie ein sitzender Pinguin. … In Sichtweite blüht eine Bananenstaude und in ihr singt ein Vogel sein ganz einzigartiges Lied. Bezaubernd, wenn ich mich entschleunige und nicht vorbeijage. … Auf der Rückfahrt nach Whangeruru sah ich blau schimmernde Eisvögel auf den Stromleitungen sitzen und über die Straßen fliegen, ich sah grün gefederte, frech streitende Papageien und acht kleine, putzige Kiwis, die vor meinem Auto die Straße überquerten. Und ich habe geweint vor Glück, dies mit meinen eigenen Augen sehen zu dürfen.“

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