Monat: Mai 2024

Ihr da oben

„Ihr da oben“… In Anbetracht der – in der kommenden Woche – bevorstehenden Kommunal- und Europawahlen, ja auch die Landtagswahlen winken in Sachsen schon aus der Ferne, könnte der aufmerksame Leser vermuten, dass ich mich heute politisch äußere. Was soll ich sagen… weit gefehlt.

Aber ich habe ein „Geständnis“ für dich: ich habe Vox geschaut. Manchmal brauche ich sogenanntes Nicht-Nachdenke-Fernsehen zum Runterfahren nach einem langen Tag. Gestern bin ich in die Mediathek gestolpert und gelandet bei: Sing meinen Song. Die aktuelle Staffel. Die Folge über Sammy Amara – der Sänger von den Broilers. Und Johannes Oerding, in dessen Stimme und Musik ich eh schon länger verknallt bin, singt das Broiler-Lied „Ihr da oben“.

Ich könnte mir vorstellen, dass dir beim Hören auch Gesichter durch den Kopf, durch deine Erinnerung gezogen sind… und hast du dich vielleicht auch gefragt: „Welchen Namen zuerst? Den, der mir am meisten fehlt oder den, der weniger schmerzt?“

Wenn mich die Trauer und Verluste überrollen, mich die endgültige Traurigkeit über „bis-zum-Ende-gültige-Abschiede“ einholt, dann bin ich innerlich sehr froh und dankbar, meine Hoffnung zu haben. Meine Hoffnung auf das „da oben“, auf den Himmel. Ein Ort ohne Tränen. Ein Ort, an dem Abschiede hinfällig sind und auf ewig aufhören. An dem die Seelen miteinander tanzen und vielleicht auch in die Wolken schauen. Ein Ort, an dem meine Großeltern mit meinen drei Kindern spielen und Rumo zwischendrin hopst, Füße ableckt und geschmust wird. An dem es für ihn Leckerlis regnet und ich irgendwann Apfelmus bis zum Umfallen essen kann. Ein Ort, an dem man alles sagen und fragen kann, was man „hier unten“ nicht miteinander geschafft hat. Was man hätte unbedingt noch sagen wollen. Und Umarmungen nachholen. Und nach Erinnerungen fragen und gemeinsam Fotoalben anschauen. Und: in meinem Himmel gibt es Schnee und Eis und Mohnblumen zeitgleich, die Freesien duften und die Wälder am Wasser sind bunt gefärbt…

Wie stellst du dir das „da oben“, das Jenseits, den Himmel vor? Was stellen „die da oben“ an? Party auf der Wolke mit Katz und Hund und allem, was man schon immer mal machen wollte? Wie sieht dein Himmel aus?

Über Tod und Sterben und Trauer zu reden, ist nicht leicht. Es ist ein unangenehmes Thema, wird gesellschaftlich oft ausgespart. Wahrscheinlich jagt uns seine Endgültigkeit und Unausweichlichkeit und Unverrückbarkeit einen riesigen Respekt und auch Angst ein. Doch macht es mich auch achtsam und dankbar.

Dankbar für meine Himmelshoffnung. Manchmal begegne ich in meiner Arbeit Menschen, die glauben, dass nach dem Tod nichts mehr kommt, die auf kein „da oben“ hoffen. Damit begegnet mir dann auch ab und an eine große Hoffnungslosigkeit, ein mega Fragezeichen und zumeist wenig Trost. Dann wünsche ich den Menschen ein Stück meines Hoffnungsfunkens, der tief in meiner Seele wohnt. Damit ich diesen Funken nicht vergesse, wenn ich mal wieder am Boden hänge, trage ich das arabische Wort „amal“ (Hoffnung) als Tattoo an meinem Handgelenk.

Und in Anbetracht von Sterben und Tod werde ich achtsam: dafür, wie ich lebe. Heute und hier. Wie ich den Menschen „hier unten“ begegne, was ich unbedingt sagen und fragen möchte, was ich einfach stecken lassen sollte. Achtsam und dankbar für jeden Tag, an dem ich gesund wach werde, mich frei bewegen kann, meine Meinung offen sagen, lieben, lachen, weinen und im See abtauchen kann. Musik hören und tanzen und von meinem Hoffnungsfunken erzählen und dir diesen Beitrag schreiben kann.

Spieglein, Spieglein

Morgens vor meinem Badspiegel: Die Haare sitzen nicht, strubbeln in alle Richtungen. Ein neues Fältchen hat sich ins Gesicht geschlichen. Die Augenringe waren auch schon mal kleiner und der Bauch sowieso. „Guten Morgen, Selbstzweifel!“

Schleicht sich bei dir auch ab und an diese Kritik leise mit vor den Spiegel? Es wäre nicht verwunderlich, neigen Deutsche doch statistisch eher zu Pessimismus und Fehlersuche. Vielleicht begleitet dich der kritische, selbstzweifelnde Blick durch manche Tage: Wirke ich ansprechend für andere? Mache ich das Richtige bei der Arbeit? Begegne ich den Menschen freundlich? Bin ich anziehend für meinen Partner?…

Wenn ich in den Spiegel schaue und sich die Kritik leise danebenstellt, rufe ich mir ab und an Worte aus dem ersten Buch Mose in den Kopf: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Die Worte entstammen Hagars Mund, einer ägyptischen Magd. Sie war vor einem Konflikt  mit ihrer Herrin in die Wüste geflohen und dort ohne scheinbare Perspektive. Vielleicht war ihr Herz gefüllt mit Selbstzweifel und Pessimismus. Als Hagar schließlich eine Wasserquelle findet, fühlt sie sich von Gott gerettet und gesehen. Die Geschichte erzählt von Gottes klarem Blick und Anerkennung für Hagar, seinem Zuspruch. Gott sieht Hagar mit allem, was zu ihr gehört. Gott sieht mit liebenden Augen ohne kritische Fehlersuche – besonders in Wüstenzeiten.

Diese Anerkennung Gottes heißt für mich, dass Gott mich eben nicht auf den ersten Blick aburteilt, wie es die Menschen manchmal tun. Gott sieht mehr als meine Bauchfalten und Augenringe hinter den strubbeligen Haaren, Gott schaut mir ins Herz. Mit seinem liebenden Blick nimmt er mich in die Arme und flüstert mir zu: „Ich sehe dich und du bist genau richtig, so wie du bist!“

Und auch wenn es mir immer wieder schwer fällt, ermutigt mich der liebende Blick Gottes, meine Perspektive zu ändern. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich auch meine funkelnden Augen und ihre verschmitzte Lebenslust, meine bunte Neugier und mein offenes Herz für die Welt. Dann verzieht sich die Kritik vom Spiegel. Und es flüstert leise in mir: „Gute Nacht und auf nimmer Wiedersehen, Selbstzweifel!“

© 2026 Ronjabanu

Theme von Anders NorénHoch ↑